10/2000

INHALT

Lesejahr B

In der Wolke

Thomas Staubli zu Ex 24,1-18

 

Kirche: Verklärung (Mk 9,2­10)

Das Bild der Verklärung oder Verwandlung (gr. metamorphosis) verdichtet wie kaum eine andere Episode der Evangelien ersttestamentliche Motive zu einer Zusammenschau. «Sie enthält eine Menge von Assoziationsmöglichkeiten und Erinnerungen an biblische Stoffe. Aber es gibt keinen Schlüssel in der Tradition, der sie ganz erschliesst» (Ulrich Luz). Da ist zunächst jene von der Leseordnung zum Vortrag vorgeschlagene Überlieferung von der Bindung Isaaks (Gen 22) zu erwähnen, in der ebenfalls Gottes Stimme vom Himmel erschallt. Nur in der mündlichen jüdischen Überlieferung wird darüber hinaus erwähnt, der Berg Moria sei während dieser Ereignisse in eine Wolke gehüllt gewesen. Ähnlichkeiten ergeben sich ­ wie auch bei der eng verwandten Erzählung der Taufe Jesu ­ zu Ps 2,7 (vgl. Röm 1,3f.) und zu altorientalischen Inthronisationsritualen (vgl. SKZ 1/1998). Jesus wird von Gott als Sohn anerkannt und damit gleichsam in einen himmlischen Zustand versetzt, den die Evangelisten textbildlich zu erfassen versuchen. Anklänge an das Laubhüttenfest, die einige Exegeten wegen der Erwähnung von Zelten/Hütten herstellen wollten, werden heute eher abgelehnt. Hingegen kommt eine reiche biblische Tradition zum Tragen, die um die Verwandlung der Menschen durch den göttlichen Glanz (vgl. Kasten) weiss. Sie war im Judentum der hellenistisch-römischen Zeit sehr beliebt. Auch Paulus kannte und schätzte sie (vgl. 1 Kor 15,40ff.; 2 Kor 3,7­18). Für ihn ist die Quelle des Glanzes in den Gesichtern der Heiligen der Geist. Ein solches Verständnis bahnt sich schon bei Daniel an, wenn es heisst, dass die Weisen strahlen werden, wie der Himmel strahlt und die Männer, die viele zum rechten Tun geführt haben, immer und ewig wie Sterne leuchten werden (Dan 12,3). Jesus nimmt demnach in der Verklärung auf dem Berg die Rolle der personifizierten Weisheit ein. Dies wird mit seiner Einrahmung durch Mose, das personifizierte Gesetz, und Elija, die Personifikation der Prophetie betont, denn Gesetz, Prophetie und Weisheit bilden spätestens seit Jesus Sirach eine im hellenistischen Judentum bekannte Dreiheit. Aussserdem tritt Jesus damit in den Bund jener Gestalten, die das Privileg hatten, Gott auf seinem heiligen Berg (vgl. SKZ 47/1998) zu begegnen. Damit werden wir auf die Sinai-Horeb-Überlieferungen zurückverwiesen, in denen sich denn auch jener Text findet, der der Verklärungsgeschichte am nächsten kommt.

Bibel: Der Bundesschluss am Sinai (Ex 24)

Um die im Bundesbuch (Ex 21,1­23,33), dem ältesten biblischen Rechtsbuch, festgelegten Satzungen rechtskräftig werden zu lassen, liest Mose dem Volk den Gesetzesinhalt vor, der durch laute Zustimmung approbiert wird. Durch einen Ritus mit Blut von Opfertieren werden beide Seiten vertraglich auf den Gesetzeskodex verpflichtet, wobei Gott durch den Altar vergegenwärtigt wird. Anschliessend steigt Mose mit Aaron, dessen Söhnen Nadab und Abihu und siebzig Ältesten auf den Berg JHWHs. Sie dürfen Gott sehen und zu seinen Füssen, nämlich unter der Himmelsplatte, die wie Saphir glänzt, essen und trinken, wie es sich für die feierliche Besiegelung eines Vertrages gehört. Nur mit dem plötzlich erwähnten Josua steigt Mose noch weiter hinauf, um schliesslich allein (?) in die Wolke einzutreten, in der Gottes Herrlichkeit (vgl. Kasten) erscheint. Der Berg, die drei erstgenannten Begleiter, Priester und Lehrer des Rechts, die glänzende Fläche zu Füssen Gottes, die Wolke und Gottes Herrlichkeit sind Motive, die so oder ähnlich in der Verklärungsgeschichte wiederkehren. Was sich in der Offenbarung des Messias Jesus ereignet, wird damit auf die Ebene der Sinaioffenbarung gehoben, gleichzeitig mit Mose und Elija eng mit diesem verbunden und mit einer weisheitlichen Note versehen.

Welt: Im Durcheinandertal

Ver-klärung: intensive Klärung; Ver-wandlung: grundsätzliche Wandlung. Mose in der Wüste, Elija in der Depression, Jesus im kolonialisierten Palästina steigen dazu auf einen Berg, der Übersicht und Gottesnähe verschafft. Eine durchaus moderne Abstandsübung für uns in der so genannten neuen Unübersichtlichkeit, im Durcheinandertal (F. Dürrenmatt) Lebenden. Eine Bedingung der Möglichkeit einer Wandlung hin zu mehr Transparenz.


Glanz und Herrlichkeit (kabod und Verwandtes)

In der mehrheitlich ärmlichen und die meiste Zeit des Jahres trocken-staubigen Welt des Alten Orients bezieht sich Glanz und Herrlichkeit fast immer auf die Götter und ihre Sphären, die Städte mit ihren Tempeln und den Götterstatuen. Zwar sind dies augenscheinlich von Menschen geschaffene Welten, doch verweisen sie über sich hinaus auf eine ersehnte, übersinnliche Welt, die in besonderen kosmischen Manifestationen wie dem Regenbogen (vgl. SKZ 9/2000) oder dem Blitz und elementaren Erscheinungsformen wie dem Feuer in der sinnlichen Welt aufscheinen kann. In Bezug auf die menschliche Erscheinungsform der Gottheit ist die Krone Brennpunkt der Herrlichkeit. Insofern der Mensch am Göttlichen Anteil hat, wird er mit Herrlichkeit gekrönt (Ps 8,5), allerdings kann er jederzeit dieser Krone beraubt werden (Ijob 19,9). Besonderen Anteil am Glanz Gottes hat Mose, dessen Antlitz nach der Begegnung mit Gott von Angesicht zu Angesicht (Ex 33,11; Num 12,8; Dtn 34,10) derart strahlt, dass er seine Mitmenschen durch das Tragen einer Maske vor Verstrahlung schützen muss (Ex 34,29f.). Auch Kleid (Ps 104,1f.), Schmuck (Ex 28,2.40) und Gürtel (Ps 93,1) können die Herrlichkeit von Göttern in Analogie zu königlichen Auftritten vergegenwärtigen. Dem orientalischen Verständnis von Herrlichkeit kommt daher der Ausdruck «Majestät» wohl am nächsten, eine Mischung von Furcht und Faszination, wie es der assyrische Ausdruck pulchu melammu, «Schreckensglanz», für die Tiara, die ja bis heute zu den Requisiten des Papstes gehört, auf den Punkt bringt. Überhaupt lebt in der christlichen Liturgie, besonders jener der Ostkirchen, altorientalisches Verständnis von Glanz und Herrlichkeit bis heute ­ teilweise fast ungebrochen ­ fort. Besonders intensiv konnte das Majestätserlebnis bei Göttinnen sein, wie etwa Texte und Bilder des Kultes der assyrischen Himmelskönigin bezeugen. Die glanzvolle Gottheit erfüllt den Tempel (1 Kön 8,11; Ez, 10,4) bzw. das Zelt (Ex 40,34f.) bzw. Gottesgärten wie den Libanon, den Karmel oder die Scharonebene (Jes 35, 2; 60) oder Eden (Ez 31,18). Eine Wolke schützt die Menschen vor der tödlichen Gewalt des göttlichen Glanzes, der für Menschen unerträglich ist. Dies trifft nicht nur auf den Gott Israels zu (Ez 1,4; 8,2), sondern wird auch von Zeus erzählt (Ilias 15,153). Zugänglich wird den Menschen der göttliche Glanz, zumindest teilweise, über die Weisheit, weshalb die Gesichter der Weisen leuchten wie der Glanz der Himmelsfeste (Dan 12,3). Allerdings ist auch hier eine Perversion möglich, dass nämlich der Mensch um des Glanzes willen seine Weisheit aufs Spiel setzt (Ez 28,17).


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000