9/2000

INHALT

Lesejahr B

Gottes Kampf gegen das Chaos

Thomas Staubli zu Gen 9,8-17

 

Welt: Artenschwund

Täglich werden durch den Menschen auf unserem Planeten je nach Schätzung zwischen 10 und 70 Tierarten ausgerottet. Das ist ein Zehntausendfaches des «natürlichen» Artenschwundes. Die meisten dieser Tiere lebten im Regenwald und waren Insekten. Seit 1600 n. Chr. sind aber auch bereits 83 Säugetierarten und 113 Vogelarten ausgestorben. Für all diese Tiere ist traurige Realität geworden, was die Bibel mit dem Mythos von der Sintflut zu erfassen versuchte. Der Mensch ist dabei zu vollbringen, wovon Gott hochoffiziell Abstand genommen hat.

Bibel: Noachbund

Die jüdische Tradition hat aus dem biblischen Text von der Schöpfung bis nach der Flut sieben Gebote abgeleitet: Das Verbot des Götzendienstes, der Gotteslästerung, der Tötung, des Ehebruchs, des Raubs und das Gebot, Gerichtshöfe einzurichten. Diese Gebote umfassen Vorschriften, die ­ nach israelitischer Anschauung ­ sowohl für Israeliten als auch für Nichtisraeliten Geltung haben (vgl. noch Apg 15,20.29). Die Absicht der biblischen Autoren/Autorinnen war zunächst wohl, zu zeigen, dass die Freigabe des Fleisches zum Genuss nur unter gewissen streng zu befolgenden Einschränkungen gestattet werden kann. In der Tat stellt der Übergang von der reinen Pflanzennahrung (vgl. Gen 1,29f.) zur Fleischnahrung einen entscheidenden Einschnitt in der Darstellung der biblischen Menschheitsgeschichte dar.
Der dergestalt durch Gebote abgesicherte Neuanfang wird mit einem feierlichen Bundesschluss (börit; vgl. SKZ 47/1998) besiegelt. Er beinhaltet die einseitige Selbstverpflichtung Gottes, niemals wieder eine alles verderbende Flut kommen zu lassen. Eingeschlossen in den Bund sind ausdrücklich Vögel, Vieh und wilde Tiere, die Schicksalsgenossen der Menschen in der Arche, die Lebewesen, die zusammen mit den Menschen denselben Lebensraum teilen und sich von derselben Erde ('äräz) ernähren, die wie die Menschen aus Fleisch (basar) bestehen und damit demselben Gesetz der Vergänglichkeit unterworfen sind. Die zentrale Bundesformel (9,11) ist kurz und feierlich-streng symmetrisch aufgebaut. Fleisch und Erde bilden eine Klammer um die Flut:

A Nicht werde ausgerottet (karat) alles Fleisch,
B fürderhin durch die Flut,
B' und nicht sei da fürderhin eine Flut,
A' um zu verderben (schachat) die Erde.

Dann stellt Gott selber das Zeichen des Bundes vor (9,12): «Meinen Bogen (qäschät) setze ich in die Wolken.» Damit ist der Kriegsbogen des Wettergottes (JHWH) gemeint, mit dem er die Chaosmassen der Flut erfolgreich zurückgedrängt hat und der in kosmischer Grösse in Gestalt des «Regenbogens» für die Menschen am Himmel sichtbar wird (vgl. Kasten). Jedesmal, wenn der Bogen in den Wolken erscheint, will Gott sich seiner Selbstverpflichtung erinnern. Für die Menschen wird es eine beruhigende Vergewisserung sein, dass Gott sein Versprechen nicht vergessen hat. Rückblickend kann die Sintflutgeschichte als Ätiologie (Erklärungssage) des Regenbogens verstanden werden, und umgekehrt wird das Erscheinens des Regenbogens künftig der geeignete Sitz im Leben sein, um die Sintflutgeschichte zu erzählen.

Kirche: Diese Herrschaft wär' gesund

Wird im Zweiten Testament besonders an den Gerichtscharakter der Sintflut erinnert als einer Vorwegnahme des Endgerichtes (Mt 24,37­44; Lk 17,26f.; 2 Petr 3,6), so wird im Ersten Testament die Verheissung der Rückkehr an die Exilierten in Babylon mit dem «Schwur» Gottes nach der Sintflut verglichen (Jes 54,9f.; vgl. SKZ 17/1998). In der zweiten Lesung (1 Petr 3,18­22) wird die Rettung durch die Taufe mit der Rettung der acht Menschen in der Arche aus der Flut verglichen. Das Taufwasser wird zum Antitypos der chaotischen Wassermassen der Sintflut. Weitere Ausdeutungen der Flutgeschichte finden sich in der jüdischen und christlichen frommen Literatur zuhauf, leider nicht immer verbunden mit einem Sinn für die Grundaussage der Geschichte. In meiner Heimatpfarrei wohnt die naive Malerin Franziska Janssens (eine Schwester des bekannten Liedermachers Peter Janssens), die sich zeitlebens auch intensiv mit der Frage des Zusammenlebens zwischen jüdischen und christlichen Menschen beschäftigt hat. Eines ihrer Lieblingsmotive, das sie immer wieder gemalt hat, ist der Bundesschluss Gottes mit den Überlebenden der Sintflut ­ einer Handvoll Menschen und einer Fülle von Tieren unter dem Regenbogen. Das Paradies ist verloren. Wir leben jenseits von Eden. Aber auf dieses Sehnsuchtsbild hin lässt sich auch heute noch leben, dahin lässt sich umkehren: Zur Anerkennung göttlicher und nicht menschlicher Herrschaft, symbolisiert im Bogen, über Mensch und Tier.

 

Literaturhinweis: Christoph Uehlinger, Das Zeichen des Bundes, in: Bibel und Kirche 44 (1989) 195­197.


Bogen (qäschät)

Mit dem Bogen ist im Ersten Testament meistens der Kriegsbogen gemeint. Einen solchen hatte auch JHWH. Mit ihm schiesst er Pfeile gegen politische und kosmische Feinde gerechter Ordnung: gegen das zum Feind gewordene eigene Volk (Klgl 2,4), gegen Einzelne (Klgl 3,12), gegen die Wasser des Chaos bzw. das Meer (Ps 18,8­17; Hab 3,9­11). Dieser kämpferische Einsatz Gottes für eine geordnete Welt, für einen gerechten Kosmos, wird in der assyrischen Ikonographie von den Königen gerne für propagandistische Zwecke vereinnahmt. Hier ist oft zu sehen wie der Himmelsgott mit seinem Bogen an der Seite des kriegführenden Königs kämpft und ihm den Weg weist. Indem der biblische Text diesen Kriegsbogen ins Kosmische steigernd mit dem Bogen in den Wolken, unserem Regenbogen, identifiziert, setzt er einen anderen Akzent. Gebändigt wird von Gottes Herrschaft nicht irgendeine Menschengruppe, sondern die chaotischen Wasser der Flut. Nutzniesser sind alle Menschen und Tiere gemeinsam. Bei der Offenbarung JHWHs am Sinai ist erstmals vom Glanz (kabod) Gottes in der Wolke die Rede (Ex 16,10). Der Prophet Ezechiel vergleicht dann ausdrücklich den göttlichen Glanz mit dem Glanz des Regenbogens (Ez 1,28f.). Das Regenbogenbild nach der Sintflut ist somit kein romantisches Idyll und kein Symbol für das Ende des kämpferischen Gebrauchs des Bogens. Es verweist vielmehr eindringlich auf Gottes beständigen Einsatz für seine gerechte Herrschaft in einer durch Chaosmächte bedrohten Welt.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000