8/2000 | |
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Lesejahr B |
Am Sonntag blüht die Freizeitindustrie. Die Ladenöffnungszeiten werden immer flexibler, heilige Zeiten ohne «Normalbetrieb» werden mehr und mehr zur Seltenheit. Grundsätzlich ist nichts gegen eine Veränderung der Sabbat- bzw. Sonntagsgestalt einzuwenden, solange das Grundanliegen gewahrt bleibt, dass alle Unternehmer und Angestellte bis hin zum Vieh in den Genuss von Ruhezeiten kommen. Arbeitszeitbeschränkungen, Nacht- und Kinderarbeitsverbote sind Themen, die das Sabbatgebot im industriellen Zeitalter fortführten, die im Rahmen einer immer mehr Flexibilität verlangenden Wirtschaftsweise innerhalb einer Dienstleistungsgesellschaft aber neu diskutiert werden müssen.
Die Bedeutung des Sabbatgebotes in der deuteronomistischen Fassung des Dekalogs (vgl. Kasten) tritt allein schon durch seine ausserordentliche Länge innerhalb der Gebotsreihe zutage. Die Vorschrift umfasst nicht nur das eigentliche Gebot (1), sondern auch eine inhaltliche Näherbestimmung (2) und eine spezielle Begründung (3). Zu (1): Die Reihe der Verbote wird mit dem Sabbatgebot unterbrochen. Statt mit «Nicht sollst du» (l'o) beginnt es mit der Aufforderung «Beachte/bewache!» (schamor). Was? Den Sabbat-Tag (ät-jom haschabbat), den siebten Wochentag als Ruhetag. Das ist von «ruhen» (schavat) abgeleitet, aber auch «sieben» (schäv'a) konnte mitgehört werden. Zu (2): Den Tag heiligen, also aus dem Einerlei des Alltages herausheben, bedeutete konkret: keine Arbeit verrichten, Heiligtümer und Propheten besuchen (2 Kön 4,23; Jes 1,13; 66,23), Opfer darbringen (Num 28,910; Lev 24,8), Psalmen rezitieren (vgl. Ps 92), fröhlich sein (Hos 2,13; Jes 58,13; Klgl 2,6) bzw. die «Arbeitslosigkeit» geniessen. Das sollte kein Privileg der freien Bürgerinnen und Bürger sein, sondern bezog sich ausdrücklich auf alle Menschen der Gesellschaft, ja sogar auf das Vieh. Zu (3): Eng verwandt mit dieser utopisch anmutenden Vorschrift ist deren Begründung: Israel war selbst einmal Sklave in Ägypten, wurde aber von JHWH mit Macht befreit und soll das nie vergessen. In der jüngeren Dekalogfassung des Buches Exodus wird der Ruhetag nicht geschichtlich, sondern in Entsprechung zum nachexilisch-priesterschriftlichen Schöpfungsbericht (Gen 2,2f.) schöpfungstheologisch bzw. weisheitlich begründet. Auf diese wirkungsgeschichtlich mächtigere Begründung bezieht sich auch eine rabbinische Unterstreichung des vierten Gebotes: «Auf der einen Tafel war geschrieben [4. Gebot]: Gedenke des Sabbats und halte ihn heilig. Gegenüber stand auf der anderen Tafel [9. Gebot]: Du sollst kein falsches Zeugnis ablegen. Das heisst für uns: Wenn einer den Sabbat entweiht, ist das, als ob er in Seiner Gegenwart, durch dessen Worte die Welt in sechs Tagen erschaffen wurde, bezeugte, dass Er die Welt nicht in sechs Tagen erschaffen und nicht am siebten Tag ausgeruht habe» (Mechilta des Rabbi Jischmael).
Das Dilemma des traditionellen kirchlichen Sonntagangebotes innerhalb der Konsumgesellschaft besteht insbesondere für junge Menschen und Familien - darin, dass es vielfach nicht als Freiraum zum freudigen Aufatmen empfunden wird, sondern als zusätzliche Veranstaltung an einem freien Tag in der terminreichen Agenda. In der armen Welt kann der Sonntag noch immer eine ganz andere Wirkung entfalten. In El Salvador zum Beispiel haben die in der Kathedrale der Hauptstadt unter der Leitung von Erzbischof Romero gefeierten Sonntagsgottesdienste der Bevölkerung entscheidende emanzipatorische Impulse für ein gerechteres und freieres Leben vermittelt.
Literaturhinweis: Susanne Naturp (Hrsg.), Zehn Worte der Freiheit. Aktuelle Bibelarbeiten zu den Zehn Geboten, Gütersoh 1996. Georg Braulik, Die deuteronomischen Gesetze und der Dekalog. Studien zum Aufbau von Deuteronomium 1226 (SBS 145), Stuttgart 1991.
«Fluch und Betrug, Mord, Diebstahl und Ehebruch machen sich breit,
Bluttat reiht sich an Bluttat.» Diese Reihung aus dem Buch des Hosea
(Hos 4,2) und eine ähnliche Passage bei Jeremia (Jer 7,9) zeigen, dass
die Aufzählung verschiedener Arten des Unrechts typisch war für
die Propheten Israels. Kurze Reihen dieser Art dürften schon damals
zum Volksgut gehört haben (vgl. auch Pss 15; 24; 81,911), so wie
in hellenistischer Zeit Lasterkataloge und Haustafeln zum weit verbreiteten
Allgemeinwissen gehörten. Die Verfasser/Verfasserinnen des deuteronomistischen
Gesetzeswerkes haben ihrem Werk eine literarisch ausgefeilte Zehnerreihe
vorangestellt (Dtn 5). Jedes Gebot ist gleichsam die Zusammenfassung eines
Teils der folgenden Gesetze, die folglich in zehn Kapitel eingeteilt werden
können. Die Zehnerreihe lässt sich in zwei Fünferreihen untergliedern.
In der ersten geht es um das Verhältnis zwischen Mensch und Gott, in
der zweiten um das Zwischenmenschliche. Unschwer sind hinter diesem Konzept
die beiden menschlichen Hände mit ihren je fünf Fingern auszumachen:
Die Ethik der Menschen wurzelt im Körper der Menschen. Auch den am
Sinai ergehenden Gesetzen, die in den Büchern Ex, Lev und Num überliefert
werden, wird dieses Zehnwort (Dekalog) vorangestellt, in einer leicht überarbeiteten
und erweiterten Fassung (Ex 20).
Mose führt im Deuteronomium die Gebotsreihe als «die zehn Worte»
('asereth ha-devarim; Dtn 4,13) ein. Er verwendet denselben Begriff, der
in Ex 34,28 gebraucht wird, um die Worte der neuen Tafeln zu bezeichnen.
Für die ersten, zerbrochenen Tafeln fehlt der Begriff. In der ältesten
griechischen Übersetzung wird der Ausdruck mit deka logoi wiedergegeben,
wovon das deutsche Kunstwort für die Zehn Gebote abgeleitet ist. Die
rabbinische Tradition verwendet die Bezeichnung dibberoth («das Gesprochene»)
statt devarim («Worte») und betont damit die menschliche Vermittlung
des göttlichen Wortes. Aus der biblischen Überlieferung wurden
diesbezüglich drei verschiedene Meinungen abgeleitet: 1. Gott sprach
zu Mose und das Volk hörte nichts. 2. Gott sprach zu Mose und Mose
übermittelte die Worte dem Volk. 3. Gott sprach direkt zum Volk. Hinter
den drei Meinungen stehen verschiedene Modelle der Wahrheitsfindung.
Innerhalb der Sinaierzählung stellt man sich vor, dass JHWH selbst
diese Worte auf zwei steinerne Tafeln schrieb eine Ungeheuerlichkeit,
wenn man bedenkt, mit welcher Anstrengung die ersttestamentlichen Schriften
darauf bedacht sind, Gott nicht menschlich zu vereinnahmen, eine Ungeheuerlichkeit,
die daher doppelt relativiert wird: die ersten, von Gott beschriebenen und
von Mose zerbrochenen Tafeln (Ex 20) werden durch von Mose gehauene und
beschriebene Tafeln ersetzt (Ex 34), die derselbe Mose später aus dem
Gedächtnis zitiert (Dtn 5). Dieses erzählerische Kunststück
meistert die ungezwungene Präsentation der frühesten Diskussion
des Zehnwortes unter den Lehrautoritäten und öffnet gleichzeitig
das Tor zu weiteren Diskussionen, die bis heute andauern. Neben der Theorie
gibt es die Praxis: Schon sehr früh kursierte im Judentum eine harmonisierte
Fassung für den liturgischen Gebrauch, denn wer wollte und konnte sich
schon dreissig statt zehn Worte merken. In dieser Form gehören sie
zum Schmuck jeder Synagoge. Auf der abgebildeten Bibelillustration von Moses
Lilien ist die personifizierte Königin Schabbat zu sehen. Ihr Szepter
ist eine Torarolle, auf deren Umhang die Tafeln mit dem Dekalog zu erkennen
sind.