7/2000 | |
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Lesejahr B |
«CFIMITYM Cashflow is more important than your mother» dozieren die massgebenden Ökonomen heute, mit Krawatte und weissem Hemd an der Internet-Börse ihres Computers sitzend. Haider und Konsorten sind doch keine Faschisten, nur Populisten sagen Politiker und Korrespondenten, auch sie fein angezogen und mit leichter Empörung in der Stimme. Ja, Ökologie und die Dritte Welt müssen ein Thema werden, sagen tausend gut angezogene VIPs zu einem Dutzend NGO-Delegierten am Davoser Gipfel was sie unter sich besprachen, bekam die Welt nicht zu Gehör. Wenn die fein Gekleideten dem Profit zuliebe auf allen Hochzeiten tanzen, ist die Zeit gekommen, kein Blatt mehr vor den Mund zu nehmen. Das sagte sich in Zeiten geteilter Loyalität und der Verkennung der wahren Segensquellen schon Hosea («Gotthelf») und griff zu äussersten Mitteln.
Die ersten drei Kapitel des Hoseabuches bilden in der vorliegenden Gestalt
eine Einheit. In zwei rahmenden Abschnitten (1,29; 3,15) ist von
der Beziehung Hoseas zur Hure Gomer die Rede, mit der er die Kinder Jisreel
(«Gott sät»), Lo-Ruchama («Unbarmherzig») und
Lo-Ammi («Nicht-mein-Volk») zeugt. Durch das zwischen diese
prophetische Zeichenhandlung gesetzte Lied von der Hochzeit der Hure (2,425)
entstehen vielschichte Verbindungslinien. Die hurerische Mutter steht für
die Erde bzw. das Land (vgl. Kasten). Das Lied deutet die Zeichenhandlung
und umgekehrt: In Hoseas Ehe werden komplexe religionspolitische Vorgänge
durchprozessiert.
Im ersten Teil des Liedes (2,47b) wird die Mutter (das Land Israel)
als Dirne blossgestellt. Besonders zwischen ihren Brüsten, dort wo
die Amulette hingen, wird die Ehebrecherei sichtbar, also im Zeichen der
verehrten Gottheit (vgl. Bild im Kasten). Zur Strafe wird die Frau (das
Land) schutzloser Nacktheit preisgegeben und der Dürre ausgesetzt.
Der befruchtende Same des Mannes (Regen des Wettergottes) bleibt aus. Im
zweiten Teil (2,7c17) wird Gottes Ringen mit der Frau geschildert.
Er versperrt ihr den Weg zu jenen, die sie für ihre Liebhaber hält.
Das soll sie bewegen, zu ihrem ersten Mann (JHWH) zurückzukehren. Anklänge
an Liebeslieder wie im Hohenlied in dieser Passage sind unüberhörbar.
Dann aber folgt eine fast pornographische Phantasie: Vor den Augen ihrer
Liebhaber soll die Dirne ihrer Kleider beraubt und blossgestellt werden.
Das Segensbild der Erdfrau, deren Vegetation Tiere und Menschen nährt
(vgl. Bild im Kasten) wird in ein Fluchbild umgedeutet: «Ich werde
sie zu Gestrüpp machen, und fressen werden sie die Tiere des Feldes»
(2,14). Dann erfolgt eine unerwartete Wende. Die zum Dirnendienst Geschmückte
wird von JHWH in die Wüste entführt, bekehrt und wie beim Auszug
aus Ägypten heimgeführt. Im drittten und letzten Teil (2,1825)
findet die Heilige Hochzeit im Paradies statt. Dazu werden zunächst
die Baale eliminiert bzw. deren Namen. Da der Gottesname Baal («Besitzer»)
eigentlich ein Titel ist, liess er sich leicht mit anderen qualifizierenden
Namen verbinden: Baal-Berit (Baal des Bundes; Ri 8,33; 9,4), Baal-Gad (Baal
ist Glück; Jos 11,17,12,7; 13,5), Baal-Schamim (Baal des Himmels),
Baal-Zafon (Baal des [Berges] Zafon) usw. Dann erfolgt ein Bundesschluss
mit den (wilden) Tieren des Landes und die Beendung der Kriege. Damit sind
Bedingungen für einen Frieden geschaffen, der die Heirat erlaubt. Recht
und Gerechtigkeit (vgl. SKZ 47/1997), Freundlichkeit (chäsäd)
und Erbarmen (rachamim) sind die Brautgaben JHWHs. Die Vereinigung wird
mythologisch umschrieben: Himmel (schamajim) und Erde ('äräz),
Korn (dagan), Most (tirosch) und Öl (jizhar) rufen einander zu
lauter Grössen, die auch als Gottheiten verehrt worden sind (vgl. SKZ
2223/1998). Höhe- und Schlusspunkt der Szene ist die Anerkennung
JHWHs als «mein Gott» ('elohi) durch Jisreel und die Adoption
der illegalen Kinder Hoseas und Gomers bzw. Israels durch JHWH.
Bei Hosea erfährt das dynamische Verständnis der Gott-Mensch-Beziehung eine dramatische Zuspitzung. Gott wird zwar als barmherzig vorgestellt, und die zuhörenden Männer Israels werden in die Rolle der gedemütigten Frau gezwungen, aber um den Preis einer Metaphorik, die in ihren Gewaltphantasien problematische Stereotype reproduziert. Es darf nicht sein, dass Frauen die Rolle der schuldigen und erlösungsbedürftigen Kreatur, den Männern jene der überlegenen, gnädigen Gottheit zugewiesen wird. Um Hosea verkündigungstauglich zu machen, muss sein Lied zumindest mit solchen des Hohenliedes (z.B. 3,15) kontrastiert werden, wo das Verhältnis zwischen den Liebenden ein gleichwertiges ist (vgl. SKZ 13 bis 18/1999). Um den sachlich zutreffenden Vergleich mit der Prostitution bei Hosea aufrechtzuerhalten, muss in der Verkündigung deutlich werden, dass die hurerischen Vertreter von Wirtschaft und Politik heute wie damals mehrheitlich männlich sind.
Literaturhinweise: Marie-Theres Wacker, Figurationen des Weiblichen im Hosea-Buch, (Herders Biblische Studien 8), Freiburg i.Br. 1996; Othmar Keel, Goddesses and Trees, New Moon and Yahweh. Ancient Near Eastern Art and the Hebrew Bible, (Journal for the Study of the Old Testament Suppl. Ser. 261), Sheffield 1998.
Das im Vorderen Orient wohl häufigste Erscheinungsbild der Gottheit war die Frau als menschengestaltige Repräsentantin der Erde, des pflanzlichen Lebens, der Sexualität und des Gedeihens. Dieses Segensbild konnte als Amulett, Terrkottafigur, Vasen- oder Wandmalerei usw. angetroffen werden. Das abgebildete Beispiel zeigt eine in Palästina gefundene Terrakottafigur aus dem 13. Jh. v. Chr. Die mütterliche Gestalt öffnet ihre Vulva, das Tor des Lebens. An ihren Brüsten trinken Menschenkinder, aus ihren Beinen wachsen Bäume, an welchen sich Ziegen gütlich tun und auf ihrer Brust ist das Amulett der Muttergottheit, eine abstrahierte Gebärmutter (vgl. SKZ 17/1998) zu erkennen. Auch ein markanter, alter Baum als eminentes Produkt der Erde konnte die Segenskraft der Göttin vergegenwärtigen. Solche Bäume waren bevorzugte Orte der Gottesoffenbarung. So erscheint JHWH Abraham und Sara unter mächtigen Eichen (Gen 18,1), die noch zu Beginn dieses Jahrhunderts den Pilgern/Pilgerinnen gezeigt worden sind. Dem Mose offenbart sich Gott in einem Dornbusch (Ex 3,15). Auch Gideon begegnet Gott unter eine Eiche (Ri 6,11). Elija kommt unter einem Ginsterbusch wieder zu Kräften und erhält neue göttliche Aufträge (1 Kön 19,5). Tote werden mit Vorliebe unter mächtigen Bäumen begraben. So etwa Rebekkas Amme Debora (Gen 35,8), Saul und Jonatan (1 Sam 31,13). Die Erde galt als Mutterschoss die Toten kehren dorthin zurück, wo sie auch herkamen (Ijob 1,21; Sir 40,1; Ps 90,3.5; vgl. Gen 1,11f.; Ps 139,15). Hoseas Metaphern setzen dieses in Palästina omnipräsente Vorverständnis voraus. Die Erde ('äräz) ist Mutter ('em), «Mutter alles Lebendigen» wie es Gen 3,20 in Bezug auf Eva ausdrückt. Sie wartet sehnsüchtig auf den Regen oder in menschlicher Analogie ausgedrückt auf den Samen des Wettergottes (vgl. Ps 65,1012). Da 'äräz auch Land bedeuten kann, bekommt die ganze Bildlogik noch eine politische Dimension. 'Äräz kann dann mit männlichen Repräsentanten wie Israel (Jakob) gleichgesetzt werden. Das Männliche findet sich so plötzlich im Bilde der Frau. Wenn Hosea seinem ersten mit der Israel repräsentierenden Hure Gomer gezeugten Sohn den Namen Jisreel («Gott sät») gibt, verstärkt er diese Zusammenhänge bis ins Wortspielerische hinein noch.