6/2000 | |
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Lesejahr B |
Es dauerte lange, bis die Schwarzen in der Neuen Welt Gott in einer eigenen Kirche die Ehre erweisen konnten. Die älteste schwarze Kirche der USA, die African Baptist Church in Boston, wurde erst 1806 eingeweiht. Bis es soweit war, diente und kämpfte Gott an der Seite seiner Sklavenkinder um deren Freiheit. Selbiges weiss die Bibel von JHWH im babylonischen Exil zu berichten.
Die Stärke einer Gottheit zeigte sich so die altorientalische
Auffassung in ihrer Schutzmacht und Segenskraft für die Gruppe,
durch die sie verehrt, das heisst in einem aufwändigen Opferkult bedient
wurde. Nichts wäre für die Bürgerinnen und Bürger Jerusalems
nach der Zerstörung ihrer Stadt durch die Babylonier näher gelegen,
als ihren Gott JHWH mitsamt den Ruinen seiner Wohnstätte zurückzu-lassen
und in den Dienst des Gottes Marduk, des mächtigen Stadtgottes Babels,
zu treten, der sich doch vor aller Augen als stärker erwiesen hatte.
Stattdessen ereignet sich das Wunderbare: Das Volk kann Zion nicht vergessen
und JHWH nicht sein Volk. Nach fünfzig Jahren Exil kommt es durch den
Untergang des babylonischen Reiches zur Freilassung des judäischen
Volkes und zu einer historischen Rückkehr. Die Propheten künden
etwas völlig Neues an, einen neuen Exodus (Jes 43,1621; SKZ 12/1998).
Den Skeptikern und Zweiflerinnen muss das spanisch vorgekommen sein. Kann
dieses Projekt gelingen? Wollen dieser JHWH und seine Propheten nicht wieder
zu hoch hinaus? Hatten sie nicht genug zu leiden im babylonischen Exil?
Sollten sie sich jetzt schon wieder auf ein halsbrecherisches Experiment
einlassen? Ihnen wird nun eine unerwartete Rechnung der Exilszeit präsentiert:
In all diesen Jahren hatte sich Israel nicht um den Unterhalt JHWHs gemüht,
ihm nicht im Kult mit Opfern (vgl. Kasten) die Ehre erwiesen und gedient.
Es war ganz im Gegenteil JHWH, der unten durch musste, weil sein Name zum
Spott geworden war. Er diente um sein Volk als Gefangener eines fremden
Gottes. Er erwies sich als eigentlicher Herr der Geschichte, der sich um
die Freilassung seines Volkes mühte, indem er die Geschicke wendete
und den Perser Kyros als seinen Gesalbten berief (Jes 45,18; SKZ 39/1999).
Israel wird durch Gottes Wort im Prophetenmund zur Erinnerung und zum Rechtsstreit
herausgefordert (43,26). Doch es kommt gar nicht zum Disput, sondern es
folgt nur eine äusserst knappe Zusammenfassung der prophetisch-deuteronomistischen
Geschichtsschau: Israels Vorväter haben sich versündigt und den
Bund mit JHWH gebrochen. JHWH selbst war es, der das Heiligtum mitsamt seinen
Fürsten entweihte, das Volk in die Verbannung führte und dem internationalen
Spott preisgab (43,27f.). Auffällig ist, dass sowohl am Schluss wie
am Anfang des Abschnittes Israel mit dem altehrwürdigen Namen Jakob
angesprochen wird. Mit diesem Stichwort wurden bei den Hörern/Hörerinnen
die Jakobsüberlieferungen wachgerufen und in der Tat: Liest man
den Abschnitt auf dem Hintergrund dieser Geschichten, wimmelt es plötzlich
von hintersinnigen Gedankenspielen und ironischen Vergleichen, die den Kennern
nicht entgehen konnten. Die Schlüsselwörter «dienen»
('avad) und «sich mühen» (jag'a) finden sich nur noch in
der Geschichte Jakobs, der um Lea und Rahel dient, in dieser Kombination.
Jakob hat sich mit Kleinvieh Ehre verschafft, Israel aber hat JHWH nicht
mit Kleinvieh geehrt (43,23). Jakob hat mit dem Zauber der Storaxstauden
(libnäh) Viehbesitz erworben (kinjano), Israel aber Gott weder Weihrauch
(löbonah) noch Gewürzrohr (kanäh) dargebracht (43,24). Mit
solchen und ähnlichen Wortspielen soll illustriert werden: Während
Jakob/Israel sich für sich selbst mühte, mühte sich JHWH
für Jakob/Israel. So wie Jakob reich belohnt aus dem Exil in Haran
nach Israel zurückkehrte, wird Israel mit JHWHs Hilfe zurückkehren.
Vordergründig gesehen scheint das Buch Jesaja in sich widersprüchlich zu sein: bald wird der Opferkult von JHWH energisch zurückgewiesen (Jes 1,1115), bald beklagt er sich über den undankbar vernachlässigten Kult. Erst die Berücksichtigung des Zusammenhangs gibt beiden Positionen Sinn. Gott gebührt die Ehre im Kult, aber ein Kult ohne ein gottgefälliges Verhalten unter den Menschen ist blasphemisch. Gebet, Gesang, Darbringung von Brot und Wein, den Früchten der Erde und der menschlichen Arbeit das sind Formen christlichen Gottesdienstes für einen Gott, der uns immer schon seinen Dienst erwiesen hat.
Das Opfer ist eine wichtige Form der Kommunikation zwischen Mensch und
Gott. Im Opferkult wird ein unsichtbares Innen zu einem sichtbaren Aussen,
Glaube wird sichtbar. Aber auch umgekehrt: Der vergegenständlichte
Ausdruck des Glaubens im Opferkult aktiviert die religiöse Phantasie,
die Spiritualität der Gläubigen. Im Opfer wird etwas Profanes
heilig gemacht (lat. sacrificere). Dies geschieht mit unterschiedlichsten
Wesen und Dingen in einem asketischen Akt der Hingabe und des Verzichts,
aber auch in der geniesserischen Feier im Heiligtum. Es gibt blutige Opfer,
bei denen ein Lebewesen getötet und entweder ganz verbrannt ('olah;
Brandopfer) oder in Gemeinschaft verzehrt (söbach schölamim; Heilsopfer)
wird oder den Priestern anheim fällt (chattat und 'ascham; Reinigungs-
und Schuldopfer). Blut spielt deshalb eine so wichtige Rolle, weil es das
Leben verkörpert (vgl. Lev 3,17; 7,2227; 17,1014). Daneben
gibt es das Speiseopfer, eine unblutige Opfergabe (minchah; vgl. SKZ 3334/1998),
Erstlingsfrüchte (bikkurim), Rauchopfer (qöthorah) und Trankopfer
(nasik). Auch das der Gottheit dargebrachte Lied (schir) kann als Opfergabe
verstanden werden (1 Chr 13,8).
Opfer werden verschieden gedeutet: 1. Als Nahrung für die Gottheit
(Ri 6,1921; vgl. Lev 21,22; Num 28,2). 2. Im Opfer nehmen die Kultteilnehmer/Kultteilnehmerinnen
die Eigenschaft des Geopferten angleichend oder vertilgend (Lev 6,19) auf.
3. Im Opfer vereinigen sich die Kultteilnehmer/Kultteilnehmerinnen mit der
Gottheit. 4. Das Opfer ist ein Geschenk für die hilfreiche Gottheit
(z.B. Ps 50,14f.). 5. Das Tieropfer ist Ersatz für das Menschenopfer
(Gen 22; vgl. Lev 18,21). 6. Im Opferkult kompensieren die Menschen ihre
Schuldgefühle gegenüber dem getöteten Tier (vgl. Lev 22,2628).
Opfer erfüllen verschiedene Funktionen: 1. In psycho-religiöser
Hinsicht suchen Menschen im Opfer Versöhnung, Ordnung, Gemeinschaft,
Schutz, Freude, Friede. Das Unerwünschte wird im Opfer abreagiert,
das Erwünschte darin zur Darstellung gebracht. 2. In gesellschaftlich-politischer
Hinsicht drücken die Menschen im Opferkult ihre freiwillige, opportunistische
oder erzwungene Zugehörigkeit zu einer nach bestimmter Weise geordneten
Gesellschaft aus. Diese heilige Ordnung (Hierarchie) wird im Opferkult gespiegelt.
3. In ökonomisch-kultureller Hinsicht finden die Menschen im Opfer
eine Formel für den Tausch und die menschliche Gemeinschaft im Teilen.