6/2000

INHALT

Lesejahr B

Gottes Dienst

Thomas Staubli zu Jes 43,22-28

 

Welt: An der Seite der Sklaven

Es dauerte lange, bis die Schwarzen in der Neuen Welt Gott in einer eigenen Kirche die Ehre erweisen konnten. Die älteste schwarze Kirche der USA, die African Baptist Church in Boston, wurde erst 1806 eingeweiht. Bis es soweit war, diente und kämpfte Gott an der Seite seiner Sklavenkinder um deren Freiheit. Selbiges weiss die Bibel von JHWH im babylonischen Exil zu berichten.

Bibel: Jakobs Dienst ­ Dienst an Jakob

Die Stärke einer Gottheit zeigte sich ­ so die altorientalische Auffassung ­ in ihrer Schutzmacht und Segenskraft für die Gruppe, durch die sie verehrt, das heisst in einem aufwändigen Opferkult bedient wurde. Nichts wäre für die Bürgerinnen und Bürger Jerusalems nach der Zerstörung ihrer Stadt durch die Babylonier näher gelegen, als ihren Gott JHWH mitsamt den Ruinen seiner Wohnstätte zurückzu-lassen und in den Dienst des Gottes Marduk, des mächtigen Stadtgottes Babels, zu treten, der sich doch vor aller Augen als stärker erwiesen hatte. Stattdessen ereignet sich das Wunderbare: Das Volk kann Zion nicht vergessen und JHWH nicht sein Volk. Nach fünfzig Jahren Exil kommt es durch den Untergang des babylonischen Reiches zur Freilassung des judäischen Volkes und zu einer historischen Rückkehr. Die Propheten künden etwas völlig Neues an, einen neuen Exodus (Jes 43,16­21; SKZ 12/1998). Den Skeptikern und Zweiflerinnen muss das spanisch vorgekommen sein. Kann dieses Projekt gelingen? Wollen dieser JHWH und seine Propheten nicht wieder zu hoch hinaus? Hatten sie nicht genug zu leiden im babylonischen Exil? Sollten sie sich jetzt schon wieder auf ein halsbrecherisches Experiment einlassen? Ihnen wird nun eine unerwartete Rechnung der Exilszeit präsentiert: In all diesen Jahren hatte sich Israel nicht um den Unterhalt JHWHs gemüht, ihm nicht im Kult mit Opfern (vgl. Kasten) die Ehre erwiesen und gedient. Es war ganz im Gegenteil JHWH, der unten durch musste, weil sein Name zum Spott geworden war. Er diente um sein Volk als Gefangener eines fremden Gottes. Er erwies sich als eigentlicher Herr der Geschichte, der sich um die Freilassung seines Volkes mühte, indem er die Geschicke wendete und den Perser Kyros als seinen Gesalbten berief (Jes 45,1­8; SKZ 39/1999).
Israel wird durch Gottes Wort im Prophetenmund zur Erinnerung und zum Rechtsstreit herausgefordert (43,26). Doch es kommt gar nicht zum Disput, sondern es folgt nur eine äusserst knappe Zusammenfassung der prophetisch-deuteronomistischen Geschichtsschau: Israels Vorväter haben sich versündigt und den Bund mit JHWH gebrochen. JHWH selbst war es, der das Heiligtum mitsamt seinen Fürsten entweihte, das Volk in die Verbannung führte und dem internationalen Spott preisgab (43,27f.). Auffällig ist, dass sowohl am Schluss wie am Anfang des Abschnittes Israel mit dem altehrwürdigen Namen Jakob angesprochen wird. Mit diesem Stichwort wurden bei den Hörern/Hörerinnen die Jakobsüberlieferungen wachgerufen ­ und in der Tat: Liest man den Abschnitt auf dem Hintergrund dieser Geschichten, wimmelt es plötzlich von hintersinnigen Gedankenspielen und ironischen Vergleichen, die den Kennern nicht entgehen konnten. Die Schlüsselwörter «dienen» ('avad) und «sich mühen» (jag'a) finden sich nur noch in der Geschichte Jakobs, der um Lea und Rahel dient, in dieser Kombination. Jakob hat sich mit Kleinvieh Ehre verschafft, Israel aber hat JHWH nicht mit Kleinvieh geehrt (43,23). Jakob hat mit dem Zauber der Storaxstauden (libnäh) Viehbesitz erworben (kinjano), Israel aber Gott weder Weihrauch (löbonah) noch Gewürzrohr (kanäh) dargebracht (43,24). Mit solchen und ähnlichen Wortspielen soll illustriert werden: Während Jakob/Israel sich für sich selbst mühte, mühte sich JHWH für Jakob/Israel. So wie Jakob reich belohnt aus dem Exil in Haran nach Israel zurückkehrte, wird Israel mit JHWHs Hilfe zurückkehren.

Kirche: Gottesdienst

Vordergründig gesehen scheint das Buch Jesaja in sich widersprüchlich zu sein: bald wird der Opferkult von JHWH energisch zurückgewiesen (Jes 1,11­15), bald beklagt er sich über den undankbar vernachlässigten Kult. Erst die Berücksichtigung des Zusammenhangs gibt beiden Positionen Sinn. Gott gebührt die Ehre im Kult, aber ein Kult ohne ein gottgefälliges Verhalten unter den Menschen ist blasphemisch. Gebet, Gesang, Darbringung von Brot und Wein, den Früchten der Erde und der menschlichen Arbeit ­ das sind Formen christlichen Gottesdienstes für einen Gott, der uns immer schon seinen Dienst erwiesen hat.


Opfer

Das Opfer ist eine wichtige Form der Kommunikation zwischen Mensch und Gott. Im Opferkult wird ein unsichtbares Innen zu einem sichtbaren Aussen, Glaube wird sichtbar. Aber auch umgekehrt: Der vergegenständlichte Ausdruck des Glaubens im Opferkult aktiviert die religiöse Phantasie, die Spiritualität der Gläubigen. Im Opfer wird etwas Profanes heilig gemacht (lat. sacrificere). Dies geschieht mit unterschiedlichsten Wesen und Dingen in einem asketischen Akt der Hingabe und des Verzichts, aber auch in der geniesserischen Feier im Heiligtum. Es gibt blutige Opfer, bei denen ein Lebewesen getötet und entweder ganz verbrannt ('olah; Brandopfer) oder in Gemeinschaft verzehrt (söbach schölamim; Heilsopfer) wird oder den Priestern anheim fällt (chattat und 'ascham; Reinigungs- und Schuldopfer). Blut spielt deshalb eine so wichtige Rolle, weil es das Leben verkörpert (vgl. Lev 3,17; 7,22­27; 17,10­14). Daneben gibt es das Speiseopfer, eine unblutige Opfergabe (minchah; vgl. SKZ 33­34/1998), Erstlingsfrüchte (bikkurim), Rauchopfer (qöthorah) und Trankopfer (nasik). Auch das der Gottheit dargebrachte Lied (schir) kann als Opfergabe verstanden werden (1 Chr 13,8).
Opfer werden verschieden gedeutet: 1. Als Nahrung für die Gottheit (Ri 6,19­21; vgl. Lev 21,22; Num 28,2). 2. Im Opfer nehmen die Kultteilnehmer/Kultteilnehmerinnen die Eigenschaft des Geopferten angleichend oder vertilgend (Lev 6,19) auf. 3. Im Opfer vereinigen sich die Kultteilnehmer/Kultteilnehmerinnen mit der Gottheit. 4. Das Opfer ist ein Geschenk für die hilfreiche Gottheit (z.B. Ps 50,14f.). 5. Das Tieropfer ist Ersatz für das Menschenopfer (Gen 22; vgl. Lev 18,21). 6. Im Opferkult kompensieren die Menschen ihre Schuldgefühle gegenüber dem getöteten Tier (vgl. Lev 22,26­28).
Opfer erfüllen verschiedene Funktionen: 1. In psycho-religiöser Hinsicht suchen Menschen im Opfer Versöhnung, Ordnung, Gemeinschaft, Schutz, Freude, Friede. Das Unerwünschte wird im Opfer abreagiert, das Erwünschte darin zur Darstellung gebracht. 2. In gesellschaftlich-politischer Hinsicht drücken die Menschen im Opferkult ihre freiwillige, opportunistische oder erzwungene Zugehörigkeit zu einer nach bestimmter Weise geordneten Gesellschaft aus. Diese heilige Ordnung (Hierarchie) wird im Opferkult gespiegelt. 3. In ökonomisch-kultureller Hinsicht finden die Menschen im Opfer eine Formel für den Tausch und die menschliche Gemeinschaft im Teilen.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000