5/2000

INHALT

Lesejahr B

Ausschluss und Integration

Thomas Staubli zu Lev 13,1-2.43ac.44ab.45-46

 

Welt: Toleranzgrenzen und Eigenart

Italiener legen besonderen Wert auf eine gepflegte Kleidung. Franzosen pochen auf ein reines Französisch und schätzen eine elaborierte Küche. Die Deutschen achten auf Ordnung und die Österreicher auf eine vollständige Titulatur. Wir Schweizer sind bekannt für peinliche Sauberkeit. Jedes Volk, jede Nation hat Eigenheiten entwickelt, die als typisch gelten. Es sind Verhaltensweisen oder Anschauungen, die als besondere Qualität, manchmal aber auch als lästige Macke oder gar als ein der Gemeinschaft feindliches Prinzip in Erscheinung treten können. Ähnliches gilt für Angehörige einer Kirche, eines Clans, einer Familie und auch für Einzelpersonen. Wir haben unsere Vorstellungen davon, was erlaubt, was unerlaubt ist, unsere Toleranz und unsere Grenzen. In der entwickelten Welt werden Toleranz und individuelle Freiheit gross geschrieben. Bei genauerem Hinsehen zeigt es sich aber oft, dass auch das ein durch Reichtum erkaufter Luxus ist. Hinter der Fassade des Reichtums lauern oft recht strenge Vorstellungen dessen, was gilt und was nicht, und die anderen ­ die Armen ­ werden gerne als Fundamentalisten abgestempelt. An Ordnungsmuster und Kategorisierungen dieser Art ist zu erinnern, damit biblische Reinheitsvorstellungen nicht vorschnell unter der Rubrik Exotisches und Skurriles abgehandelt werden.

Bibel: Sozialer Tod durch Hautausschläge

Der Lesungstext gehört zu einer Reihe von Weisungen zum Thema «rein und unrein» (vgl. Kasten), die im Anschluss an die Opfervorschriften (Lev 1­7), die Priesterweihe (Lev 8) und die Kultinitiation (Lev 9f.) im Buch Levitikus dargelegt werden. Die Reihe umfasst Speisetabus (Lev 11), Vorschriften zur Reinigung der Wöchnerin (Lev 12), zur Reinigung von Aussatz (Lev 13f.), zur Reinigung bei sexuellen Ausflüssen und nach dem Beischlaf (Lev 15) und des Tempels beim jährlichen Sühneritual (Lev 16; vgl. SKZ 36/1999). Im Buch Numeri (Kap. 19) wird noch die Reinigung nach Kontakt mit Leichen nachgetragen. Die vorliegende Textgestalt stammt aus nachexilischer Zeit (5. Jh. v. Chr.), die Stoffe sind jedoch teilweise erheblich älter. Die Vorschriften über den Aussatz lassen in sich ein textliches Wachstum erkennen. Ursprünglich war wohl nur vom Aussatz an Menschen (13,1­46) und dem dafür notwendigen Reinigungsritual (14,1­32) die Rede. Später wurden analoge Texte für Aussatz an Kleidern (13,47­59) und dessen Behandlung (14,21­32) eingefügt. Zuletzt wurde ein Anhang zum Thema Aussatz an Häusern (14,33­53) und eine Zusammenfassung (14,54­57) angefügt.
Unter Aussatz ist nicht Lepra zu verstehen ­ eine Krankheit, die damals im Orient noch unbekannt war ­, sondern Hautkrankheiten oder Hautveränderungen aller Art (vgl. SKZ 40/1998). Es werden 19 Fälle aufgelistet, wobei es nicht um Fragen der Hygiene oder Medizin geht, sondern um die Einheitlichkeit der Haut. Anders wäre es unverständlich, dass ein von Kopf bis Fuss von weissem Aussatz befallener Mensch als rein gilt (vgl. 13,12f.16f.). Auch Glatzen gelten als rein bzw. als normal (13,40). Für aussätzig Befundene mussten in permanenter Trauer ausserhalb der Ortschaften leben und Reine auf ihren Zustand aufmerksam machen (13,45f.). Das Ritual zur Wiedereingliederung der Genesenen ist ein symbolträchtiger Übergangsritus («rite de passage»), der Elemente der Priesterweihe mit solchen der Reinigung nach Leichenkontamination vereinigt (14,1­32). In der Tat wurden Aussätzige für (gesellschaftlich) tot gehalten (Num 12,12). Aussatz galt als Strafe für ein Sakrileg, das von Gott, dem Geschädigten, mit dem Tod geahndet wurde. So wird im Chronistischen Geschichtswerk auch der Aussatz des Königs Usija begründet (2 Chr 26,16­19).

Kirche: Jesus als Vorbild

Die verhängnisvolle Verbindung von moralischer Schuld und göttlicher Strafe durch Aussetzung (sozialen Tod) bewirkende Hautveränderungen ist schon im Ersten Testament nicht unwidersprochen geblieben, wenn etwa der Prolog zu Ijob den Aussatz als von Gott zugelassene, von Satan gewirkte Prüfung des Gerechten darstellt (Ijob 2,7), aber nicht mehr als Strafe, und wenn Jes 53,4 die Frage nach göttlicher Strafe (für den Gottesknecht) als grundverkehrt darstellt und den Ball an die Menschen zurückgibt. Im Zweiten Testament wird die Heilung des Aussätzigen zum paradigmatischen Fall von Heilung überhaupt, unlösbar mit der Frage verbunden, was rein ist und was unrein (vgl. Mk 1,40­45 || Mt 8,1­4; Lk 5,12­16). Die Haltung Jesu in prophetischer Tradition (vgl. 2 Kön 5) gegenüber Aussätzigen hatte weitreichende Folgen für die Leprosendiakonie der Kirche. Die Kranken galten ihr nicht mehr «mortuus mundo», tot für die Welt, und die Krankheit auch nicht mehr als Scheidungsgrund. In der AIDS-Diakonie lebt dieser befreiende Impuls fort.


Rein und unrein

Wenn heute von «rein» und «unrein» die Rede ist, wird damit in der westlichen Welt zunächst Sauberkeit und Schmutz assoziiert. Reinheit im Sinne von Sauberkeit ist in ein hohes Ideal, so sehr, dass wir bereit sind, mit Waschmitteln unsere Gewässer zu verschmutzen. Das Mittelalter hat mit «rein» und «unrein» in erster Linie erlaubt und unerlaubt, Tugend- und Lasterhaftigkeit assoziiert: reine Gedanken, reines Herz, reines Gewissen, reine Jungfrau. Tugend- und Lasterkatalogen, Heiligenviten, Visions- und Bekehrungsberichte, vor allem aber die Vorstellung vom Jüngsten Gericht stehen im Dienste der moralischen Reinheit. Das deutsche Wort «rein» bedeutet aber auch «unvermischt» (reiner Wein, reine Seide, reines Gold, reines Wasser), «unverfälscht, echt» (reiner Adel, reine Rasse, reine Lehre, reines Deutsch, reine Stimme) oder «richtig, bloss» (reines Wunder, reines Glück, reiner Hohn, reine Gutmütigkeit). Damit kommen wir altorientalischem Denken in den Kategorien am nächsten, wie eine mündliche Überlieferung (Hadith) aus dem Islam verdeutlichen mag: «Abu Huraira berichtet, der Gesandte Gottes habe gesagt: Ihr sollt nicht laufen, wenn ihr nur einen Schuh anhabt. Zieht entweder beide Schuhe an oder lauft barfuss» (Sahih al-Buchari)! Es geht darum, Eindeutigkeiten nicht zu zerstören, Sphären nicht zu vermischen, Ordnungen nicht durcheinander zu bringen. In diesem konkreten Fall geht es einerseits um klare Trennung von Nacktheit und Bekleidung, andererseits um die Wahrung der Symmetrie. Die Kategorien rein und unrein bilden in allen Kulturen ein mehr oder weniger dargelegtes System, einen unsichtbaren Kosmos, ein über die Wirklichkeit gelegtes Koordinatennetz, das die Vielfalt der Möglichkeiten, in der Welt zu leben, beschränkt und den Menschen dadurch überhaupt Lebensmöglichkeit und Orientierung verschafft. Dieses Koordinatennetz ist ein wichtiger Teil dessen, was wir Kultur nennen. Die ureigenste Aufgabe der Priester ist es, den Laien diese Kategorien und ihr Verhältnis zur Lebenswelt zu erläutern, denn Reinheit ist die Voraussetzung für Heiligung und den Zugang zum Heiligen (Lev 10,10).


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000