3/2000

INHALT

Lesejahr B

Der heisse Draht zu Gott

Thomas Staubli zu Dtn 18,9-22

 

Kirche: Zwei Bewegungen und ein Papst

Zwei grosse prophetische Bewegungen hat die Kirche im vergangenen Jahrhundert erlebt. Die eine, europäische, hat ihre Wurzeln in der Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts und erlebte ihre Blüte zwischen den beiden Weltkriegen. Mit ihr verbunden sind Namen wie Leonhard Ragaz, Helene von Mülinen oder Karl Barth (vgl. Lit. I). Die andere hat ihren Ursprung in der Emanzipation vom Kolonialismus. Ihr Kerngebiet liegt in Lateinamerika. Sie hat besonders seit den Siebzigerjahren in der so genannten Befreiungstheologie eine Stimme gefunden (vgl. Lit. II). Dazwischen liegt das Pontifikat des Papstes Johannes XXIII., dessen Vermächtnis es war, auf die zentrale Bedeutung der Prophetie für unser Zeitalter hingewiesen zu haben: «Wer ein recht langes Leben gehabt hat, wer sich am Anfang dieses Jahrhunderts den neuen Aufgaben einer sozialen Tätigkeit gegenübersah, die den ganzen Menschen beansprucht, wer wie ich zwanzig Jahre im Orient und acht in Frankreich verbracht hat und auf diese Weise verschiedene Kulturen miteinander vergleichen konnte, der weiss, dass der Augenblick gekommen ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen, die von ihnen gebotenen Möglichkeiten zu ergreifen und in die Zukunft zu blicken» (vgl. Lit. III). An diese Stimmen wird anknüpfen, wer immer das Wort im neuen Jahrhundert ergreift, um den Willen Gottes kundzutun, denn Prophetie ist zwar eine Bewegung des Geistes, die niemandem als Gott Rechenschaft schuldig ist, aber auch eine Institution, die an die Worte und Methoden der Vorgängerinnen und Vorgänger anknüpft und deren Feuer weiterträgt.

Bibel: Falsche und echte Prophetie

Die Verfassung des Deuteronomiums aus der späten Königszeit (7. Jh. v. Chr.) nennt die Prophetie als letzte und wichtigste von vier staatlichen Institutionen, nach dem Obergericht Jerusalems (17,8­13), dem Königtum (17,14­20) und dem Priestertum (18,1­8). Wer aber ist eine Prophetin oder ein Prophet? Worin zeichnet sich echte Prophetie aus? Die Antwort auf diese Fragen besteht zunächst in der längsten Aufzählung unerlaubter prophetisch-kultischer Praktiken (vgl. Kasten) in der Bibel (18,10f.14; vgl. Lev 19,31; 20,27; 2 Kön 23,24; 1 Chr 10,13; Jes 8,19), angefangen dabei, Kinder durchs Feuer gehen zu lassen (vgl. SKZ 15­16/1998), bis hin zur Totenbeschwörung. Die Deutung der im Text verwendeten Fachbegriffe für unterschiedlichste Orakelspezialistinnen/Orakelspezialisten ist oft fraglich, die Übersetzungen unsicher. Dann wird das Amt positiv bestimmt: Der Prophet/die Prophetin ist ein Mensch, der JHWH gegenüber absolut loyal (tamim) und mit seinen ganzen Sinnen zugewandt ist (18,13). Daher trägt jeder Mensch, der seinen Gott JHWH mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzer Kraft liebt (Dtn 6,5), prophetisches Potential in sich. Er/sie gleicht in seinem/ihrem Amt dem Mose, der sich einerseits als treuer Vermittler des Gotteswortes, aber auch als eifriger und erfolgreicher Fürbitter Israels profilierte und der die Gegenwart Gottes ertrug (18,15­18). Propheten oder Prophetinnen, die nicht im Namen JHWHs auftreten oder eigenmächtig sprechen, werden mit dem Tod bestraft (18,20). Den Propheten Micha ben Jimla und Jeremia drohte dieses Schicksal, dem sie aber durch Protektion JHWH-frommer Kreise entkamen. Als Neunerprobe für Prophetenechtheit wird schliesslich das Eintreten des vorausgesagten Ereignisses genannt (18,21f.). Gerade dieses scheinbar simpelste und klarste aller Kriterien ist das problematischste, denn die Unheilsprophetie beabsichtigte ja nicht in erster Linie die Beschwörung der Katastrophe, sondern sollte die Menschen zur Umkehr bewegen (vgl. SKZ), und die Heilsprophetie bezog sich meist auf eine ferne Zukunft für spätere Generationen.

Welt: Okkultismus oder Aufklärung?

Die Wirtschaft gibt sich zuversichtlich und trotzdem leben wir in Erwartung des nächsten Börsencrashs. Niemand wagt Untergangsprognosen und trotzdem leben wir mit der Möglichkeit eines atomaren Supergaus. Die Menschen der reichen Länder werden immer älter und trotzdem wird der Tod für sie immer problematischer. Die Weltverwicklungen lassen heute vielen ihr Leben als Spielball unübersichtlicher chaotischer Mächte erscheinen. Das mag die heutige Aktualität okkulter Praktiken mindestens teilweise erklären. Gefragt ist eine prophetische Kultur, die aufklärerisch genug ist, um die Realität zu erfassen, aber auch sinnenhaft genug, um vom Volk verstanden zu werden.

 

Literaturhinweis: (I) E. Buess/M. Mattmüller, Prophetischer Sozialismus. Blumhardt-Ragaz-Barth, Freiburg/Schweiz 1986. (II) E. Dussel, Prophetie und Kritik. Entwurf einer Geschichte der Theologie in Lateinamerika, Fribourg/Brig 1989. (III) L. Kaufmann/Nikolaus Klein, Johannes XXIII. Prophetie im Vermächtnis, Fribourg/Brig 1990.


Zauberei, Hexerei, Magie, Wahrsagekunst

Im Alten Orient gab es eine Fülle von Methoden, um die Realität zu deuten und Auskünfte über die Zukunft einzuholen. Zu den beliebtesten gehörte die Leberschau (Ez 21,26) von Opfertieren. Menschliche Ticks und Eigenarten oder Fehlgeburten wurden ebenso gedeutet wie der Vogelflug, Wolkenbilder, Missernten und besonders die Sternenkonstellationen. Eine Orakelsituation konnte mit einfachen Hilfsmitteln auch künstlich herbeigeführt werden, etwa durch das Herausschütteln von Stäben aus einem Becher (Ez 21,26), durch das Vermischen von Öl und Wasser usw. Weit verbreitet und für viele Menschen wichtig war die Nekromantie, die Totenbeschwörung, denn die Ahnen wurden von den meisten Menschen den Göttern gleich verehrt. Ein wichtiges Requisit waren dabei die Terafim (Gen 31,19­35; Ri 18,14­20; 2 Kön 23,24; Ez 21,26; Hos 3,4; Sach 10,2), Orakelpuppen, die rituell befragt wurden (vgl. Bild; oberes Register Mitte). Ein positives Verhältnis zu den Toten war für die psychische Befindlichkeit zentral. Besonders Frauen, die als Hebammen und Klagefrauen mit den Grenzen des Lebens vertraut waren, scheinen als Medien für den Kontakt mit Toten prädestiniert gewesen zu sein (1 Sam 28). Nicht zu vergessen ist die Traumdeutung, derer sich die Propheten Israels besonders rühmten (Gen 41,12; Ijob 33,15; Dan 1,17). Die Grenzen zwischen Prophetie und Magie sind fliessend. Zwar scheinen sich die Propheten in Israel vor allem auf die intuitive Mantik konzentriert zu haben, aber wir wissen, dass die Propheten ihren Worten oft durch Zeichenhandlungen Nachdruck verliehen haben, die durchaus beschwörenden Charakter hatten, wie etwa das Krügezerbrechen durch Jeremia (Jer 18,1ff.), der damit eine alte «Wodoo-Praxis» aufgreift. Ezechiel bediente sich der Methode des magischen Händeklatschens (Ez 21,19). Die Lose Urim und Tummim (Lev 8,8; 1 Sam 14,41 u.o.) und das Ephod (Ex 28; 35; 1 Sam 2,18.28; 14,3.18; 23,6.9), ein weiteres Orakelinstrument, waren in Israel geradezu geheiligte Ritualien. Die Tefillin (vgl. Dtn 6,8) schliesslich, die die Juden bis heute beim Gebet auf der Stirne tragen, können ihre Herkunft aus dem Bereich der volkstümlichen Amulettglaubens nicht verleugnen. Beim Magievorwurf geht es nicht um einen Methodenstreit, sondern um Einfluss und Macht von Göttern bzw. ihren Tempeln, Priestern und Propheten. Die Abgrenzung von anderen Kulten war ein wichtiges Mittel zur Förderung des JHWH-Eingottglaubens. Eng damit verbunden ist die Geschlechterfrage. Der Vorwurf der Hexerei war ein weit verbreitetes patriarchales Instrument, um die prophetische Tätigkeit von Frauen, aber auch von nicht institutionell eingebundenen Männern, zu diskreditieren. Diese frauenfeindliche Haltung nimmt im 7./6. Jh. v. Chr. auch ausserhalb Israels stark zu. In neubabylonischen Gesetzen wird das Durchführen von Entsühnungsritualen durch Frauen unter Strafe gestellt.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000