2/2000 | |
INHALT | |
Lesejahr B |
Grosse Bevölkerungsbewegungen im Verein mit der neoliberalen Wirtschaftsweise schaffen neue Klassengesellschaften. In den grossen Städten der Welt entstehen moderne Ghettos von ethnisch und/oder sozial Ausgegrenzten. Die Oligarchie schützt sich mit modernen Alarm- und Überwachungsanlagen, polizeilichem Aufgebot und einem zunehmend abschreckend autoritären Justizvollzug. Während in der Zeit des Kalten Krieges die kapitalistische Welt zu beweisen versuchte, dass in der «Freien Welt» die sozialen Gegensätze zwischen oben und unten allmählich verschwinden, wächst heute der Abstand zwischen Basis und Elite, arm und reich, Volk und Herrschenden rasant. Die Wohlhabenden schotten sich gegenüber dem Elend der anderen immer perfekter ab. 40 Orkanopfer in Europa sind den Zeitungen beispielsweise hundertmal wichtiger als 400 Tote bei Ausschreitungen auf den Molukken. Ausblendungsstrategien dieser Art verhindern eine Umkehr. Die Folgen des Unrechts werden unsichtbar gemacht. Sie verschwinden allmählich aus unserem Gesichtskreis und damit auch aus unserem Bewusstsein. Eine Gegengeschichte zu dieser Situation ist der Lesungstext.
Nach gescheiterter Flucht erteilt JHWH Jona (vgl. Kasten) zum zweiten Mal den Befehl, in Ninive als Prophet aufzutreten. Beim ersten Mal erging der Auftrag mit einer Begründung: «Rufe über ihr (der grossen Stadt Ninive) aus, dass ihre Bosheit vor mir aufgestiegen ist» (1,2). Diesmal ist der Ton knapper, ungeduldiger, autoritärer: «Rufe ihr den Ruf zu, den ich dir sage» (3,2). Wie seinerzeit der lebensmüde Elija (1 Kön 19,39) kann sich auch Jona dem insistierenden Gott nicht entziehen und er handelt «gemäss der Rede JHWHs». Ninive war eine Riesenstadt, biblisch gesprochen «eine grosse Stadt vor Gott». In ähnlicher Weise kann von «Gottesbergen» (Ps 36,7), «Gotteszedern» (Ps 80,11), einem «JHWH-Blitz» (Hld 8,6) oder einer «JHWH-Finsternis» (Jer 2,31) die Rede sein. In der Tat ist das zwölf Kilometer lange und fünf Kilometer breite Ruinenfeld (heute Kujundschik bei Mossul) noch immer beeindruckend gross. Trotzdem scheint es übertrieben, wenn es heisst, man habe drei Tage gebraucht, um die Stadt zu durchqueren. Der Sinn dieser Angabe ist theologischer Art. Jona ergab sich Gott erst nach drei Tagen im Bauch des Fisches. Die Einwohner(innen) Ninives reagieren schon, nachdem Jona einem Drittel der Stadt gepredigt hat. Der Inhalt der Predigt ist denkbar kurz: «Noch vierzig Tage und Ninive ist umgestürzt (nähpachät)» (3,4). Dasselbe Schicksal einer vollständigen Bestrafung hatte Gott den Städten Sodom und Gomorra angedroht (Gen 19,21.29; vgl. Dtn 29,22; Jes 13,19; Jer 49,18; Am 4,11; Klgl 4,6), mit welchen Ninive offensichtlich wegen der Schwere ihrer Sünden gleichgesetzt wird. Kein Zeichen und kein Wunder begleitet Jonas Drohbotschaft. Trotzdem erweisen sich die Bewohner/-innen Ninives als gläubig: sie fürchten Gott. Auch hier erweist die Formulierung in Anlehnung an Ex 14,31 den Erzähler als einen Schriftgelehrten, der mit Versatzstücken und Zitaten aus der Schrift umzugehen verstand. Das Volk reagiert spontan mit einem öffentlichen Bussfasten, das durch Trauerriten begleitet wurde (vgl. SKZ 24/1998). Der folgende Abschnitt von der Reaktion des Königs wird im Perikopentext der Leseordnung ausgelassen. Er enthält aber eine weitere, entscheidende Pointe. Ohne die Predigt des Propheten selbst gehört zu haben, greift der König reumütig die Bussgeste des Volkes auf und erklärt sie für alles Volk, ja selbst für das Vieh (vgl. Gen 8,1; Hos 4,3) für verbindlich. Offenbar waren die Kanäle zwischen Volk und Herrscher nicht verstopft. Sein Verhalten steht in völligem Gegensatz zu jenem Jojakims, der Jeremias Ankündigung des Unterganges Jerusalems nicht ernst nimmt (Jer 36,24). Ninives König befiehlt aber nicht nur Busse, sondern Umkehr vom Unrecht, das in Nah 3,1 in Bezug auf Ninive mit Raub, Unterdrückung und Rechtsbruch umschrieben wird. Umkehr ist Vorbedingung für Vergebung (Jes 50,12) und daher entscheidend für die Rettung der Stadt. Sinngemäss erfolgt daher Gottes Vergebung nicht als Reaktion auf das Fasten, sondern auf die Taten (ma'asei; EÜ: das Verhalten) der Niniviten. Seine Reue ist die direkte Folge ihrer Reue.
Die Geschichte macht deutlich, wie eng die religiöse Geste mit der ökonomisch-politischen verknüpft ist. Für die Kirche bedeutet das: Es reicht nicht, das Volk in seiner (Buss-) Frömmigkeit zu bestärken. Die Mächtigen müssen vielmehr dazu gebracht werden, einen Prozess der Umkehr in die Wege zu leiten. Denn entscheidend für Vergebung bei Gott ist der Tatbeweis im Verhalten einer ganzen Gesellschaft.
Literaturhinweis: Uriel Simon, Jona. Ein jüdischer Kommentar (SBS 157), Stuttgart 1994.
Waren in Ägypten die grossen Leitfiguren die Pharaonen, in Mesopotamien die Könige und in Griechenland die Philosophen, so in Israel die Propheten. Sie galten dem Volk als Garanten von Recht und Gerechtigkeit. Sie waren Entscheidungsträger in historisch schwierigen Situationen oder doch zumindest jene Katalysatoren und Kommunikatoren, die eine Entscheidung herbeiführten. Nur vordergründig ist die Geschichte Israels in den Büchern Samuel und Könige entlang der Chronik der Herrscher Israels und Judas geordnet. Die treibenden Figuren und Heldengestalten sind fast immer Prophetinnen und Propheten: Samuel, Natan, Elija, Elischa, Achja von Schilo, Micha ben Jimla, Jesaja, Hulda und viele andere, teils namenlose Gestalten. Der jüdische Kanon rechnet denn diese Überlieferungen auch zu den prophetischen. Umso erstaunlicher ist es, dass wir mitten in der Sammlung der zwölf kleinen Propheten eine weisheitliche Prophetengeschichte finden, die als prophetische Satire bezeichnet werden muss, denn Jona, ihr Held, ist die Karikatur eines Propheten. Das zu merken, bleibt allerdings der geneigten Leser(innen)schaft überlassen, denn einen Jona ben Amittai hatte es in der Kette der israelitischen Propheten tatsächlich gegeben. Er lebte unter Jerobeam II. von Israel und sagte dessen erfolgreiche Erweiterung der Grenzen voraus (vgl. 2 Kön 14,25). Jafo war die bedeutendste Hafenstadt für Juda und Ninive, die Hauptstadt der mächtigen Assyrer im Osten, war zumindest in der Antike ebenso ein Begriff wie Tarschisch, das berühmte Erzland an der Mündung des Guadalquivir in Südspanien, dem äussersten Westen der damals bekannten Welt. Die beeindruckende historisierende Kulisse kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Erzähler der Geschichte lebten, als Ninive längst in Schutt und Asche lag. Sie verplappern sich zum Beispiel mit dem Ausdruck «Befehl des Königs und seiner Grossen» (3,7), der eine Erlassformulierung des persischen Hofes widergibt, wo es Sitte war, dass der König seine Entscheide inmitten und mit Unterstützung einer Schar von Fürsten und Prinzen traf.