1/2000

INHALT

Lesejahr B

Priester und Prophet

Thomas Staubli zu 1Sam 3,1-21

 

Welt: Mit und ohne Institution

Darüber, wieviele Priesterinnen und Priester es in einer Kirche, einer Religion oder gar auf der ganzen Welt gibt, liessen sich Statistiken aufstellen. Als Beamte ihrer Institution sind sie ausgebildet, geweiht und registriert. Was aber ist mit den Prophetinnen und Propheten? Keine Lobby und keine Gewerkschaft kümmert sich um sie. Sie werden missachtet oder erkannt, erhört oder verbannt. Das Prophetische wird zwar als eine menschliche Qualität noch den einen oder anderen zugestanden, aber niemand käme heute auf die Idee, darin einen Beruf zu sehen. Das war nicht immer so. In altorientalischen Gesellschaften waren Propheten nicht weniger wichtig und institutionalisiert als Priester und wichtige Kommunikatoren in politischen Prozessen. In seltenen Fällen konnten Priester und Prophet in Personalunion realisiert werden.

Bibel: Die Berufung Samuels

Die Samuelüberlieferungen beginnen mit der Wallfahrt der kinderlosen Hanna nach Schilo, ihrer Erhörung, dem Danklied Hannas und der versprochenen Übergabe ihres Sohnes Samuel als Diener am Heiligtum in Schilo. Damit wendet sich die Geschichte dem Priestergeschlecht der Eliden in Schilo (vgl. Kasten) zu. Hofni und Pinhas, die Söhne Elis werden als korrupte Beamte des Heiligtums dargestellt, die das Volk nach Strich und Faden ausbeuten. Damit begehen sie ein Sakrileg, denn die Opfergaben, die das Volk nach Schilo bringt, gehören Gott und nicht Menschen. Sakrilegfälle sind besonders schlimm, da sie nicht geschlichtet, sondern nur durch Gott selbst geahndet werden können, wie Eli seinen Söhnen zu bedenken gibt: «Wenn ein Mensch gegen einen Menschen sündigt, kann Gott Schiedsrichter sein. Wenn aber ein Mensch gegen JHWH sündigt, wer kann dann für ihn eintreten» (1 Sam 2,25)? Trotz seiner Frömmigkeit ­ er hörte auf die Stimme des ausgebeuteten Volkes ­ muss Eli die Schuld seiner Söhne mittragen. Individuelle Verantwortung, wie sie Jeremia und Ezechiel (vgl. SKZ 37/1999) verkünden werden, ist dem Erzähler fremd. Das ganze Haus (vgl. SKZ 44/1999) haftet für das begangene Unrecht. Ein Gottesmann verkündet ihm den Untergang (1 Sam 2,27­36). Der Inhalt seiner Gerichtsverkündigung wird im Traum Samuels nochmals ausführlich aufgegriffen. Mit der doppelten Überlieferung will die Erzählung deutlich machen, dass die Sache, trotz ihren schrecklichen Konsequenzen selbst für den Wohnort der göttlichen Gegenwart, bei Gott feststeht.
Die Erzählung der Berufung Samuels lässt sowohl die Linie des prophetischen Gottesmannes als auch des priesterlichen Ziehvaters Eli in den Helden der Geschichte, Samuel, münden. Er ist für die schwierige Zeit des Überganges Israels vom Stämmebund zum Königtum Priester und Prophet zugleich, Garant des göttlichen Rechts und der Bestellung des Kultes. Offenbart wird diese gewichtige Weichenstellung ­ wie andere (Gen 15,12; 28,11) ­ durch einen Traum im Inkubationsschlaf, das heisst einem Schlaf an heiligem Ort, wo JHWH anwesend ist. Die eigentliche Berufung Samuels wird märchenhaft-volkstümlich geschildert mit dem dreimaligen Ruf, der Verwechslung Gottes mit Eli und der Naivität Samuels. Leitwort ist «hören» (scham'a), das im Namen Samuel (schmu'el; «Gott hat erhört») als Echo nachklingt. Besonders ergreifend ist der Umstand, dass derselbe Eli, der seinen Zögling mit Geduld erzieht, von diesem die Gerichtsbotschaft in Empfang nehmen muss, was er auch fromm-ergeben tut.

Kirche: Oscar A. Romero

Die drei Institutionen des Alten Israel, Priestertum, Prophetentum und Schriftgelehrsamkeit wurden im Christentum miteinander verbunden. Besonders das Prophetische ist aber kaum institutionell eingebunden. Manchmal aber ergreift es in unerwarteter Weise Besitz von den Beamten der kirchlichen Institution. So geschah es besonders eindrücklich mit Erzbischof Monseñor Romero von San Salvador. Er war ein äusserst pflichtbewusster Priester, fromm, fleissig, seinen Vorgesetzten und dem Kanon streng verpflichtet. Aber nicht anders als Eli hat er bei aller Frömmigkeit dem Unrecht Vorschub geleistet, da er sich von der Oligarchie des Landes instrumentalisieren liess. Erst der Gewalttod eines Mitbruders durch die Nationalgarde hat ihm die Augen geöffnet. Er begann auf die Stimme des Volkes zu hören, aus dem er, wie Samuel, kam, und sein Mut zum Widerstand wuchs von Tag zu Tag, bis er als Prophet und Priester am Altare den Märtyrertod starb.

 

Literaturhinweis: María López Vigil, Oscar Romero. Ein Porträt aus tausend Bildern, Luzern 1999.


Schilo und die Eliden

Schilo liegt ungefähr auf halbem Weg zwischen Jerusalem und Sichem (heute Nablus), mitten im hügeligen Efraim. Der Ort war für Jeremia der Inbegriff des von JHWH verworfenen, verlassenen und zerstörten Ortes seiner Gegenwart (Jer 7,12.16; 26,6.9). In der Tat deutet auch archäologisch einiges darauf hin, dass sich in Schilo ca. 1400­1100 v. Chr. eine allein stehende Kultstätte befand, zu der die umliegende, mehrheitlich nomadisierende Bevölkerung hinzog, um persönliche Gelübde zu leisten, wie im Falle Hannas, der Mutter Samuels, zu beten und zu opfern (1 Sam 1­2). Über den genaueren Charakter und die Ausstattung dieses Heiligtums lassen sich allerdings nur Vermutungen anstellen. Die Bundeslade, eine Kiste aus Akazienholz mit heiligen Steinen scheint dazu gehört zu haben, mit der die Vorstellung JHWHs, der auf Cheruben thront, verbunden war (1 Sam 4,4). Typisch für die Einrichtung von Tempeln jener Zeit waren Bänke und Kultständer zur Präsentation von Weihegaben vor der Gottheit. Dieser innere Bereich des Heiligtums wurde vom Ortspriester bewacht (1 Sam 1,9). Dort wurde gebetet, während die Opfertiere in einem Hof vor dem Heiligtum geschlachtet wurden. In Schilo wurden auch rechtliche Angelegenheiten geregelt. Josua teilte hier sieben Stämmen das Land zu (Jos 18) und den Leviten ihre Städte (Jos 20). Alljährlich fand in Schilo ein grosses JHWH-Fest statt, bei dem unter anderem junge Frauen in den Weinbergen einen Reigen tanzten (Ri 21,19.21). In den ersten Kapiteln der Samuelbücher (1 Sam 1­4) wird dann ausführlich von den letzten Tagen Schilos erzählt. Das Priestergeschlecht der Eliden wird als durch und durch korrupt dargestellt und die Zerstörung des Kultortes durch die Philister als ein von JHWH vollzogenes Gericht. Während die von den Philistern erbeutete Bundeslade über Umwegen nach Jerusalem, zum neuen Ort der Gegenwart Gottes gelangt, bleibt Schilo für immer ohne JHWH-Verehrung, auch wenn später noch einige Male von einem Prophet Achia aus Schilo die Rede ist (1 Kön 11­15). Die Absetzung des für die Herrschaft Davids äusserst verdienstvollen Priesters Abjatar, eines Eliden, wird ausdrücklich mit einem Hinweis auf JHWHs Gerichtsverheissung über das Haus Eli gerechtfertigt (1Kön 2,26f.). Damit ist aber auch klar, welche Kreise für die negative Darstellung der Eliden verantwortlich sind: natürlich die zadokidische Priesterschaft von Jerusalem, die ihre Alleinherrschaftsansprüche gegenüber den im Volk verwurzelten Landpriestern (vgl. SKZ 42/1999) mit unzimperlichen Methoden, wenn nötig eben mit volkstümlichen Schwarzweisslegenden, durchzusetzen bereit war.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000