51-52/2000 | |
INHALT | |
Leitartikel |
keiner am Bahnsteig
tausend bunte Aufkleber rufen
von meinem Koffer:
seht, wo ich war! ein Mann von Welt!
in der Halle Neon und Heimatlose
abgereiste Gesichter
kennt ihr mich nicht?
ein Mercedesstern auf dem Vorplatz
gottseidank frei
sinken in nachtweiche Polster
die Zunge stolpert: Frieden Friedensweg
nicht meine Route, flüstert der Astronaut
Abbruchgelände
hausbesetzt
Räumungsbefehl zu dieser Stunde
Sanierungsgebiet
mein Geheimtip:
Eröffnungsparty im Fünfsternehotel Herodesverwaiste Strassen
seltsam, wie mich die goldenen Fenster verachten
und das Pflaster, Einsamkeit schwitzend
meine Sohlen durchtränkt
eine mit brennenden Lippen im blassen Gesicht
tippt mir auf die Schulter: komm mit
mein Kopf wehrt ab
komm mit, wir sind beide alleinAppartmenthaus, zehn Stockwerke
je zwanzig ummauerte Einsamkeiten
in gleicher Farbe getüncht
von aussen
die Lampe über dem Tisch verrät
Manuela ist jung
Manuela hat Heimweh
Manuela lebt schon das Sterbensie hat eine Kerze
sie hat frisches Brot
sie hat roten Wein
sie hat ein Lächeln
sie teiltsie hat ein Bild:
das Kind ist jung und schläft
meine Tochter, bei guten Eltern
sie ist sechs
sie kennt mich nicht
jetzt lacht sie, jetzt tanzt sie vor Freude,
jetzt wirft sie sich in die Arme von Mama
und Papa
riecht den Wald, riecht die Kerzen
und sieht den Stern
Manuela hat Tränen
sie teilt
Da ist einer, gewohnt an Empfänge, einer, für den das Reisen
zu internationalen Stationen, das Übernachten in Luxushotels, Konferenzen,
ausgezeichnete Arbeitsessen, das Zusammentreffen mit Wirtschafts- und Politikgrössen
selbstverständlich waren. Vielleicht auch erlesene Kunsterlebnisse.
Spürte er unter der Oberfläche manchmal ein leises Ungenügen,
Sehnsucht nach Vergessenem, Unbekanntem, nach einem nicht beschreibbaren
Geschenk?
Was sucht er in dieser Stadt in der «Nacht der Nächte»?
Wen hat er am Bahnhof erwartet in den Stunden zwischen Dunkelheit und Nacht,
da Getrennte versuchen, Gräben für Stunden «der fröhlichen
Weihnachtszeit» zu überbrücken in geschlossenen Familiengesellschaften?
Da in Kirchen und Wohnstuben die Kerzen vor der Krippe angezündet werden,
da «Friede den Menschen auf Erden» verkündet, Lieder gesungen
oder aus der Konserve gehört werden, Geschenke ausgepackt, Tische festlich
gedeckt werden? Erinnerungen tauchen auf, Erwartungen sprengen fast das
Herz, und die Einsamkeit hält vielerorts erschreckende Ernte.
Es ist ja auch die dunkelste Zeit des Jahres. Die Menschen nördlicher
Länder verzehrt die Sehnsucht nach Wärme und Licht der Sonne,
nach dem Aufbrechen neuen Lebens. Deshalb feierten sie in vorchristlicher
Zeit die Wintersonnenwende, wobei sie Feuerräder von den Bergen rollten.
Und heute geschehen, statistisch belegt, in Schweden und Norwegen während
der lichtarmen Monate die meisten Selbsttötungen.
Das Hochfest der Geburt Christi haben die Evangelisten Mattäus und
Lukas, denen wir die Geburts- und Kindheitsgeschichten verdanken, nicht
gekannt. Im 4. Jahrhundert erscheint das Fest am 25. Dezember als Dankfest
für den Sieg der Kirche unter Kaiser Konstantin. Der altitalienische
Sonnengott Sol, gleichbedeutend mit dem griechischen Helios, musste nun
seine Feier mit «Christus, der wahren Sonne der Welt, teilen.
Im Laufe der Jahrhunderte haben sich weltweit eine Fülle unterschiedlicher
Weihnachtsbräuche entwickelt. Die Geschäftswelt bemächtigt
sich des «schönsten aller Feste» und dabei vor allem der
Kinder, dermassen, dass einem angst und bange werden muss. Aber es
gibt auch das ganz andere. Wir haben es in der Hand.
Der schlesische Dichter Angelus Silesius schreibt in seinem «Cherubinischen
Wandersmann», nachdem der Dreissigjährige Krieg (16181648)
durch Europa tobte, im Jahre 1657 im Sinnreim 61:
«Wird Christus tausendmal zu Betlehem geborn
Und nicht in dir: du bleibst noch ewiglich verlorn.»
Betlehem vor zwei Jahrtausenden und heute ein geografischer Ort,
eingegittert und durchwirkt von Gewalt, Angst, Hoffnungslosigkeit und Sehnsucht.
Kriegerische Auseinandersetzungen um dieses «Heilige Land»,
die Heimat von Israelis und Palästinensern. Abbruchgelände für
Frieden? Und doch ein Lichtsignal in Betlehem: das Caritas Baby Hospital,
in dem Nationalitäten für hilfsbedürftige Kinder und ihre
Mütter keine Rolle spielen.
Betlehem eine wenig bedeutende Ansiedlung, nicht der geografische
Geburtsort des Jeschua aus Nazaret.
Der jüdische kleine Sohn wird im bescheidenen Haus seiner Eltern Mirjam
und Josef so wie andere jüdische Kinder dankbar als Geschenk des «Gelobten»
angenommen worden sein. Immer war im jüdischen Land, das unter den
römischen Besatzern ächzte, die Hoffnung wach: «Er, der
Einzige» werde einen Retter aus der Mitte der Glaubenden hervorgehen
lassen. Wohl jede jüdische Mutter trug, wie das werdende Kind in ihrem
Leib, diese Verheissung aus prophetischem Munde im Herzen.
An der Wiege des neugeborenen Jeschua erschienen weder Hirten noch Könige,
und die armen Schafhüter auf betlehemitischen Weiden erlebten die wundersamen
himmlischen Heerscharen nicht.
Alles Lüge? Und das in der Heiligen Schrift? Weshalb diese, wenn auch
anrührenden Legenden jenseits der Wahrheit? Wie konnten Jesu Anhänger
solche Geschichten erfinden?
In der damaligen Zeit und schon früher in Ägypten, auch in den
griechischen Stadtstaaten, erhielt jede bedeutende Person ihre Geburtsgeschichte,
um göttlichen Ursprung, göttliche Sendung und das damit zusammenhängende
Ansehen zu begründen. Um die Wirklichkeit des Alltags ging es dabei
nicht. Brauchten die kleinen jesuanischen Gemeinden inmitten des angestammten,
fest verwurzelten jüdischen Glaubens, umgeben von römischen und
griechischen Götterhimmeln nicht in besonderem Masse Geschichten der
Erwählung von Geburt an für Jeschua aus Nazaret, von dem sie als
einzige glaubten, dass er der so lange erbetene Messias ist? Der nachösterliche
Glaube fand in den Geburts- und Kindheitsgeschichten von Mattäus und
Lukas eine besondere sinnstiftende Ausprägung. So wie über Jahrhunderte
hin Propheten immer aufs Neue das jüdische Volk im Glauben bestärkten,
dass es von Gott gerufen und angenommen sei, dass der Heilige sie nie vergässe,
wie gross auch die Bedrückungen und Nöte sein konnten, boten die
Evangelisten ihren Gemeinden die Heilsbotschaft des Jeschua von Nazaret,
kundgeworden vom Beginn seines Lebens an, dar. Als Glaubende bezeugten sie
mit der Anbindung an das Erste Testament den Retter, den Sohn Gottes.
Das jüdische Paar Mirjam und Josef lebte Ehe und Familie nach den Gesetzen
der Tora. Mattäus wäre es nicht in den Sinn gekommen, Mirjam als
Jungfrau in biologischem Sinn anzusehen, es handelt sich lediglich um einen
Ehrentitel. Wie für alles andere seines Werkes gilt auch für die
geschlechtliche Liebe Gottes Aussage: «es war sehr gut» (Gen
1,31).
Mirjam, Josef und ihr Sohn Jeschua wurden erst Jahrhunderte später
aus dem Schöpfungszusammenhang herausgenommen. Nichtjüdisches
Denken verfiel in die menschliche Enge, den Jungfrauentitel Mirjams mit
körperlicher Unberührbarkeit zu verbinden und Josef zum Pflegevater
herabzustufen. Welch eingeschnürter Glaube!
Die göttliche Schöpfungsmacht rûah wird in jedem Kind, wo
und wann es auch geboren wird, wirksam. Entweder ist sie immer dabei oder
nirgends. Als «Sohn Gottes» verstand und versteht sich das gesamte
Volk Israel, angenommen und bejaht. Aber Gott verteilt die Gaben unterschiedlich,
wie auch Menschen in unterschiedlicher Bereitschaft und Intensität
auf göttliche Liebe, ihre Anrufe, antworten.
Durch die christliche Festlegung der Jungfrau Maria, des Jesus Christus,
«wahrer Mensch und wahrer Gott», wurden und werden so vielen
Christen und Christinnen nahezu unüberwindliche Glaubenshindernisse
in den Weg gelegt. Auch mir ist es längere Zeit so ergangen, weil in
den christlichen Gemeinden äusserst selten erklärende Verkündigung
des Symbolgehalts der Weihnachtsgeschichte erfolgt.
Was ergibt sich nun aus den Ein-Sichten? Weihnachten nicht feiern? Oh doch,
in dem Bewusstsein, dass von Jeschuas Leben mit den Menschen das Fest zu
begreifen ist. Dann gehört mehr dazu, als sich ein paar Tage in bewegter
Stimmung dem Krippenkind zuzuwenden, umgeben von Tannenduft, Kerzenschein,
Geschenken, festlichen Mahlzeiten. In unserer Welt der Götter Globalisierung,
Gewinnsucht, Machtstreben, werden unzählige Kinder in andauerndes Elend
hineingeboren. Ihren Müttern, selbst oft krank, unterernährt,
missbraucht, verkauft, fehlen Unterstützung, Mitgefühl, Achtung.
Betlehem ein Ort, der in allen Gegenden der Erde auf uns wartet. Meist
fällt es uns schwer, gewohnte Wege zu verlassen, Suchende zu werden,
zu sein, die Not anderer Menschen an uns heranzulassen, uns den Wartenden
auszuliefern. Wenn wir uns vom Gepäck «Was kann ich schon ändern?»
befreien, werden wir die Hände öffnen können.
Wie weit es ist? Die Magier aus dem Morgenland fragten nicht danach. Sie
setzten sich Risiken wie Ungewissheit aus. Folgen wir ihnen mit unseren
Gaben ohne Furcht, arm zu werden. Dann leuchtet uns hier und dort der Stern
auf, weil wir Königen und Königinnen begegnen werden, deren Geschenk
an die Hilfe Suchenden, die am meisten bedrohten Kinder und Frauen, das
eigene Leben ist.
Wo die Hirten bleiben? Es ist unverzichtbar, nach ihnen zu fragen, Frauen
und Männer am Rande der Gesellschaft. Unser Vorbild Jeschua, das wir
sicherheitshalber als erhöhten Herrn weit fort in einen nicht bestimmbaren
Himmel versetzt haben, hat sie eingeladen und ist zu ihnen gegangen. Er
sass am Tisch und ass mit den das Volk betrügenden Zöllnern, mit
«Sündern und Sünderinnen». Er heilte Aussätzige,
die seelisch kranke Maria von Magdala und das syrisch-phönizische Mädchen,
die blutflüssige Frau, den blinden Bartimäus und viele, deren
Namen wir nicht kennen. Wir schätzen die Hirten unserer Tage selten;
richtiger, wir schätzen sie ein nach Nutzen und den Ausgaben für
sie.
Sie heissen Asyl Suchende, Flüchtlinge, Aidskranke, Prostituierte durch
Menschenhandel, Gastarbeiter, Drogensüchtige, Ausländer. Eine
unvollständige Liste. Jede/Jeder möge sie für sich ergänzen,
am eigenen Ort.
Die lukanischen Hirten, überwältigt von der überirdischen
Engelerscheinung, machten sich auf den Weg. Sie verliessen die Herden, für
die sie ihren Brotgebern Verantwortung schuldeten, trennten sich vom hellen,
wärmenden Feuer, wagten sich ins Unbekannte. Sie fanden. In ihrer Armut
brachten sie dem Kind sich selbst. Arme Menschen, das durfte ich voriges
Jahr in Minsk (Belarus) erleben, teilen ihr Weniges.
Weihnachten Fest der Liebe, Fest der Freude, Fest eines möglichen
Neuanfangs. Wieder beginnen, gleich einem schuldlosen Neugeborenen.
Suchen wir unser Betlehem? Versuchen wir zu retten, indem wir teilen? Boten
der göttlichen rûah, von denen Rudolf Otto Wiemer in einem Vers
sagt: «Es müssen nicht Engel mit Flügeln sein», werden
uns Wege ent-decken, auf denen Ankunft geschehen kann.
mein Koffer steht an der Tür
ihre Augen fragen: wen hast du gesucht?
die vielen Orte
so weit, so bunt, so fremd
hast du gefunden?ja, Manuela, jetzt
Christa Peikert-Flaspöhler, die für uns dieses Jahr ausgehend von eigenen Gedichten die Betrachtungen zu den Festtagen geschrieben hat, ist als Lyrikerin bekannt geworden, deren Gebete nicht nur den gebethaften Impetus, sondern auch den lyrischen Anspruch enthalten; über sie: Beatrice Eichmann-Leutenegger, «Auf dem Weg der Rätsel und Fragen...», in: SKZ 168 (2000) Nr. 21, S. 340343; von ihr neu aufgelegt: Du träumst in mir, mein Gott. Frauen beten, Topos plus, Band 349, Lahn-Verlag, Limburg-Kevelaer 2000, 96 Seiten.