51-52/2000

INHALT

Leitartikel

Ankunft

von Christa Peikert-Flaspöhler

 

keiner am Bahnsteig
tausend bunte Aufkleber rufen
  von meinem Koffer:
seht, wo ich war! ein Mann von Welt!
in der Halle Neon und Heimatlose
abgereiste Gesichter
kennt ihr mich nicht?
ein Mercedesstern auf dem Vorplatz
gottseidank frei
sinken in nachtweiche Polster
die Zunge stolpert: Frieden Friedensweg
nicht meine Route, flüstert der Astronaut
Abbruchgelände
hausbesetzt
Räumungsbefehl zu dieser Stunde
Sanierungsgebiet
mein Geheimtip:
Eröffnungsparty im Fünfsternehotel Herodes

verwaiste Strassen
seltsam, wie mich die goldenen Fenster verachten
und das Pflaster, Einsamkeit schwitzend
meine Sohlen durchtränkt
eine mit brennenden Lippen im blassen Gesicht
tippt mir auf die Schulter: komm mit
mein Kopf wehrt ab
komm mit, wir sind beide allein

Appartmenthaus, zehn Stockwerke
je zwanzig ummauerte Einsamkeiten
in gleicher Farbe getüncht
von aussen
die Lampe über dem Tisch verrät
Manuela ist jung
Manuela hat Heimweh
Manuela lebt schon das Sterben

sie hat eine Kerze
sie hat frisches Brot
sie hat roten Wein
sie hat ein Lächeln
sie teilt

sie hat ein Bild:
das Kind ist jung und schläft
meine Tochter, bei guten Eltern
sie ist sechs
sie kennt mich nicht
jetzt lacht sie, jetzt tanzt sie vor Freude,
jetzt wirft sie sich in die Arme von Mama
  und Papa
riecht den Wald, riecht die Kerzen
und sieht den Stern ­
Manuela hat Tränen
sie teilt

 

Da ist einer, gewohnt an Empfänge, einer, für den das Reisen zu internationalen Stationen, das Übernachten in Luxushotels, Konferenzen, ausgezeichnete Arbeitsessen, das Zusammentreffen mit Wirtschafts- und Politikgrössen selbstverständlich waren. Vielleicht auch erlesene Kunsterlebnisse. Spürte er unter der Oberfläche manchmal ein leises Ungenügen, Sehnsucht nach Vergessenem, Unbekanntem, nach einem nicht beschreibbaren Geschenk?
Was sucht er in dieser Stadt in der «Nacht der Nächte»? Wen hat er am Bahnhof erwartet in den Stunden zwischen Dunkelheit und Nacht, da Getrennte versuchen, Gräben für Stunden «der fröhlichen Weihnachtszeit» zu überbrücken in geschlossenen Familiengesellschaften? Da in Kirchen und Wohnstuben die Kerzen vor der Krippe angezündet werden, da «Friede den Menschen auf Erden» verkündet, Lieder gesungen oder aus der Konserve gehört werden, Geschenke ausgepackt, Tische festlich gedeckt werden? Erinnerungen tauchen auf, Erwartungen sprengen fast das Herz, und die Einsamkeit hält vielerorts erschreckende Ernte.
Es ist ja auch die dunkelste Zeit des Jahres. Die Menschen nördlicher Länder verzehrt die Sehnsucht nach Wärme und Licht der Sonne, nach dem Aufbrechen neuen Lebens. Deshalb feierten sie in vorchristlicher Zeit die Wintersonnenwende, wobei sie Feuerräder von den Bergen rollten. Und heute geschehen, statistisch belegt, in Schweden und Norwegen während der lichtarmen Monate die meisten Selbsttötungen.
Das Hochfest der Geburt Christi haben die Evangelisten Mattäus und Lukas, denen wir die Geburts- und Kindheitsgeschichten verdanken, nicht gekannt. Im 4. Jahrhundert erscheint das Fest am 25. Dezember als Dankfest für den Sieg der Kirche unter Kaiser Konstantin. Der altitalienische Sonnengott Sol, gleichbedeutend mit dem griechischen Helios, musste nun seine Feier mit «Christus, der wahren Sonne der Welt, teilen.
Im Laufe der Jahrhunderte haben sich weltweit eine Fülle unterschiedlicher Weihnachtsbräuche entwickelt. Die Geschäftswelt bemächtigt sich des «schönsten aller Feste» und dabei vor allem der Kinder, dermassen, dass einem angst und bange werden muss. Aber ­ es gibt auch das ganz andere. Wir haben es in der Hand.
Der schlesische Dichter Angelus Silesius schreibt in seinem «Cherubinischen Wandersmann», nachdem der Dreissigjährige Krieg (1618­1648) durch Europa tobte, im Jahre 1657 im Sinnreim 61:

«Wird Christus tausendmal zu Betlehem geborn
Und nicht in dir: du bleibst noch ewiglich verlorn.»

Betlehem ­ vor zwei Jahrtausenden und heute ein geografischer Ort, eingegittert und durchwirkt von Gewalt, Angst, Hoffnungslosigkeit und Sehnsucht. Kriegerische Auseinandersetzungen um dieses «Heilige Land», die Heimat von Israelis und Palästinensern. Abbruchgelände für Frieden? Und doch ein Lichtsignal in Betlehem: das Caritas Baby Hospital, in dem Nationalitäten für hilfsbedürftige Kinder und ihre Mütter keine Rolle spielen.
Betlehem ­ eine wenig bedeutende Ansiedlung, nicht der geografische Geburtsort des Jeschua aus Nazaret.
Der jüdische kleine Sohn wird im bescheidenen Haus seiner Eltern Mirjam und Josef so wie andere jüdische Kinder dankbar als Geschenk des «Gelobten» angenommen worden sein. Immer war im jüdischen Land, das unter den römischen Besatzern ächzte, die Hoffnung wach: «Er, der Einzige» werde einen Retter aus der Mitte der Glaubenden hervorgehen lassen. Wohl jede jüdische Mutter trug, wie das werdende Kind in ihrem Leib, diese Verheissung aus prophetischem Munde im Herzen.
An der Wiege des neugeborenen Jeschua erschienen weder Hirten noch Könige, und die armen Schafhüter auf betlehemitischen Weiden erlebten die wundersamen himmlischen Heerscharen nicht.
Alles Lüge? Und das in der Heiligen Schrift? Weshalb diese, wenn auch anrührenden Legenden jenseits der Wahrheit? Wie konnten Jesu Anhänger solche Geschichten erfinden?
In der damaligen Zeit und schon früher in Ägypten, auch in den griechischen Stadtstaaten, erhielt jede bedeutende Person ihre Geburtsgeschichte, um göttlichen Ursprung, göttliche Sendung und das damit zusammenhängende Ansehen zu begründen. Um die Wirklichkeit des Alltags ging es dabei nicht. Brauchten die kleinen jesuanischen Gemeinden inmitten des angestammten, fest verwurzelten jüdischen Glaubens, umgeben von römischen und griechischen Götterhimmeln nicht in besonderem Masse Geschichten der Erwählung von Geburt an für Jeschua aus Nazaret, von dem sie als einzige glaubten, dass er der so lange erbetene Messias ist? Der nachösterliche Glaube fand in den Geburts- und Kindheitsgeschichten von Mattäus und Lukas eine besondere sinnstiftende Ausprägung. So wie über Jahrhunderte hin Propheten immer aufs Neue das jüdische Volk im Glauben bestärkten, dass es von Gott gerufen und angenommen sei, dass der Heilige sie nie vergässe, wie gross auch die Bedrückungen und Nöte sein konnten, boten die Evangelisten ihren Gemeinden die Heilsbotschaft des Jeschua von Nazaret, kundgeworden vom Beginn seines Lebens an, dar. Als Glaubende bezeugten sie mit der Anbindung an das Erste Testament den Retter, den Sohn Gottes.
Das jüdische Paar Mirjam und Josef lebte Ehe und Familie nach den Gesetzen der Tora. Mattäus wäre es nicht in den Sinn gekommen, Mirjam als Jungfrau in biologischem Sinn anzusehen, es handelt sich lediglich um einen Ehrentitel. Wie für alles andere seines Werkes gilt auch für die geschlechtliche Liebe Gottes Aussage: «es war sehr gut» (Gen 1,31).
Mirjam, Josef und ihr Sohn Jeschua wurden erst Jahrhunderte später aus dem Schöpfungszusammenhang herausgenommen. Nichtjüdisches Denken verfiel in die menschliche Enge, den Jungfrauentitel Mirjams mit körperlicher Unberührbarkeit zu verbinden und Josef zum Pflegevater herabzustufen. Welch eingeschnürter Glaube!
Die göttliche Schöpfungsmacht rûah wird in jedem Kind, wo und wann es auch geboren wird, wirksam. Entweder ist sie immer dabei oder nirgends. Als «Sohn Gottes» verstand und versteht sich das gesamte Volk Israel, angenommen und bejaht. Aber Gott verteilt die Gaben unterschiedlich, wie auch Menschen in unterschiedlicher Bereitschaft und Intensität auf göttliche Liebe, ihre Anrufe, antworten.
Durch die christliche Festlegung der Jungfrau Maria, des Jesus Christus, «wahrer Mensch und wahrer Gott», wurden und werden so vielen Christen und Christinnen nahezu unüberwindliche Glaubenshindernisse in den Weg gelegt. Auch mir ist es längere Zeit so ergangen, weil in den christlichen Gemeinden äusserst selten erklärende Verkündigung des Symbolgehalts der Weihnachtsgeschichte erfolgt.
Was ergibt sich nun aus den Ein-Sichten? Weihnachten nicht feiern? Oh doch, in dem Bewusstsein, dass von Jeschuas Leben mit den Menschen das Fest zu begreifen ist. Dann gehört mehr dazu, als sich ein paar Tage in bewegter Stimmung dem Krippenkind zuzuwenden, umgeben von Tannenduft, Kerzenschein, Geschenken, festlichen Mahlzeiten. In unserer Welt der Götter Globalisierung, Gewinnsucht, Machtstreben, werden unzählige Kinder in andauerndes Elend hineingeboren. Ihren Müttern, selbst oft krank, unterernährt, missbraucht, verkauft, fehlen Unterstützung, Mitgefühl, Achtung.
Betlehem ­ ein Ort, der in allen Gegenden der Erde auf uns wartet. Meist fällt es uns schwer, gewohnte Wege zu verlassen, Suchende zu werden, zu sein, die Not anderer Menschen an uns heranzulassen, uns den Wartenden auszuliefern. Wenn wir uns vom Gepäck «Was kann ich schon ändern?» befreien, werden wir die Hände öffnen können.
Wie weit es ist? Die Magier aus dem Morgenland fragten nicht danach. Sie setzten sich Risiken wie Ungewissheit aus. Folgen wir ihnen mit unseren Gaben ohne Furcht, arm zu werden. Dann leuchtet uns hier und dort der Stern auf, weil wir Königen und Königinnen begegnen werden, deren Geschenk an die Hilfe Suchenden, die am meisten bedrohten Kinder und Frauen, das eigene Leben ist.
Wo die Hirten bleiben? Es ist unverzichtbar, nach ihnen zu fragen, Frauen und Männer am Rande der Gesellschaft. Unser Vorbild Jeschua, das wir sicherheitshalber als erhöhten Herrn weit fort in einen nicht bestimmbaren Himmel versetzt haben, hat sie eingeladen und ist zu ihnen gegangen. Er sass am Tisch und ass mit den das Volk betrügenden Zöllnern, mit «Sündern und Sünderinnen». Er heilte Aussätzige, die seelisch kranke Maria von Magdala und das syrisch-phönizische Mädchen, die blutflüssige Frau, den blinden Bartimäus und viele, deren Namen wir nicht kennen. Wir schätzen die Hirten unserer Tage selten; richtiger, wir schätzen sie ein nach Nutzen und den Ausgaben für sie.
Sie heissen Asyl Suchende, Flüchtlinge, Aidskranke, Prostituierte durch Menschenhandel, Gastarbeiter, Drogensüchtige, Ausländer. Eine unvollständige Liste. Jede/Jeder möge sie für sich ergänzen, am eigenen Ort.
Die lukanischen Hirten, überwältigt von der überirdischen Engelerscheinung, machten sich auf den Weg. Sie verliessen die Herden, für die sie ihren Brotgebern Verantwortung schuldeten, trennten sich vom hellen, wärmenden Feuer, wagten sich ins Unbekannte. Sie fanden. In ihrer Armut brachten sie dem Kind sich selbst. Arme Menschen, das durfte ich voriges Jahr in Minsk (Belarus) erleben, teilen ihr Weniges.
Weihnachten ­ Fest der Liebe, Fest der Freude, Fest eines möglichen Neuanfangs. Wieder beginnen, gleich einem schuldlosen Neugeborenen.
Suchen wir unser Betlehem? Versuchen wir zu retten, indem wir teilen? Boten der göttlichen rûah, von denen Rudolf Otto Wiemer in einem Vers sagt: «Es müssen nicht Engel mit Flügeln sein», werden uns Wege ent-decken, auf denen Ankunft geschehen kann.

mein Koffer steht an der Tür
ihre Augen fragen: wen hast du gesucht?
die vielen Orte
so weit, so bunt, so fremd
hast du gefunden?

ja, Manuela, jetzt

 

Christa Peikert-Flaspöhler, die für uns dieses Jahr ­ ausgehend von eigenen Gedichten ­ die Betrachtungen zu den Festtagen geschrieben hat, ist als Lyrikerin bekannt geworden, deren Gebete nicht nur den gebethaften Impetus, sondern auch den lyrischen Anspruch enthalten; über sie: Beatrice Eichmann-Leutenegger, «Auf dem Weg der Rätsel und Fragen...», in: SKZ 168 (2000) Nr. 21, S. 340­343; von ihr neu aufgelegt: Du träumst in mir, mein Gott. Frauen beten, Topos plus, Band 349, Lahn-Verlag, Limburg-Kevelaer 2000, 96 Seiten.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000