47/2000 | |
INHALT | |
Leitartikel |
Hermann-Josef Venetz hat eine seiner Radio-Predigten mit einem «riskanten
Vergleich» begonnen: «Wenn ich eine biblische Geschichte lese,
ist es, wie wenn ich einen guten Wein trinke.» In dieser Predigt kommt
er unter anderem auf die Andacht, auf die Zeit und auf den Einbezug aller
Sinne für den Genuss des Weines und das Lesen der Bibel zu sprechen
und meint: «Wie das Weintrinken ist das Bibellesen eine Kunst, die
erlernt sein muss, und wie guter Wein nie langweilig wird, so auch nicht
eine biblische Geschichte. Sollte Ihnen ein guter Wein einmal langweilig
werden, dann suchen Sie den Grund bitte nicht beim Wein; fragen Sie zuerst
nach Ihrer Andacht.»<1>
Verknüpft man diesen Vergleich mit der Leseordnung für die Sonntagsgottesdienste
und insbesondere mit der zweiten, also der neutestamentlichen Lesung, kann
man ihm zusätzliche Facetten abgewinnen. In vielen Liturgien wird diese
zweite Lesung eher eilig konsumiert als verkostet und hinterlässt
dementsprechend, wenn überhaupt, nur einen schalen Nachgeschmack. Und
jene, die diese Leseordnung zusammengestellt haben, müssen sich nicht
nur den Vorwurf gefallen lassen, bei der Auswahl der Weine manchen guten
Tropfen übersehen und bei ihrer Zusammenstellung nicht immer eine glückliche
Hand gehabt zu haben<2>, sondern sich auch
sagen lassen, dass gerade bei den 2. Lesungen mancher «Verschnitt»
es kaum mehr möglich macht, den Wein wirklich zu geniessen. Nicht verschwiegen
seien in diesem Zusammenhang schliesslich die «gesundheitsgefährdenden»
Nebenwirkungen mancher Texte, wobei wir im Zusammenhang mit der Bibel weniger
an die Suchtgefahr denken als an Kopfweh-Weine, deren Folgen sich schon
nach dem Konsum kleiner Mengen recht unangenehm bemerkbar machen können.
Der Hinweis auf Risiken und Nebenwirkungen soll aber die Freude an den biblischen Lesungstexten nicht verderben, mit denen der «Tisch des Wortes» seit dem 2. Vatikanum glücklicherweise reicher gedeckt ist. Der dreijährige Zyklus von Lesungen, die vorwiegend aus der neutestamentlichen Briefliteratur stammen, gehört vielerorts zu den nicht oder zumindest zu wenig genutzten Chancen der gültigen Leseordnung. So bietet um ein Beispiel zu nennen die Sequenz der Lesungen aus dem 1. Korintherbrief eine gute Gelegenheit, Paulus und seine Gemeinden in einer Predigtreihe näher vorzustellen. Und die Lesungen der Apostelgeschichte in der Osterzeit machen anschaulich, dass der Auferstehungsweg Jesu über die Ostertage hinaus in der Geschichte seiner Nachfolgerinnen und Nachfolger weitergeht. Zum Zug kommen auch schwierige und strittige Fragen: Die rechte Ordnung der Gemeinde, die Rolle der Frauen oder der Umgang mit innerkirchlichen Konflikten. Verständliche sowie gegenwartsbezogene Predigten und Liturgien, in denen diese Texte und Themen zum Zuge kommen, relativieren das gängige Vorurteil, die Briefliteratur sei theoretisch, weniger aktuell und auch weniger wichtig als die Evangelien. Nach unserer Einschätzung besteht hier nämlich ein ähnliches Ungleichgewicht, wie es für das Verhältnis von alt- bzw. erst- und neutestamentlichen Predigten und Gottesdienstgestaltungen in den letzten Jahren mehrfach beklagt und auch zu korrigieren versucht wurde<3>.
Unser Interesse ist es, in den wöchentlichen Beiträgen zum
Lesejahr C Zugänge zu den Lesungstexten zu erschliessen, diese ebenso
hellhörig wie kritisch zu befragen, sozialgeschichtlich einzuordnen
und sie mit Fragen und Anliegen heutiger Frauen und Männer ins Gespräch
zu bringen. Dass wir diese Aufgabe zu zweit anpacken, kann bewusst machen,
dass unterschiedliche Perspektiven sich gegenseitig bereichern, ergänzen,
gelegentlich in die Quere kommen und hoffentlich Spannung erzeugen
und Kreativität freisetzen. Nicht alle mögen die gleichen Weine
und was dem einen als «erdiger Geschmack» mundet, schmeckt
anderen bitter.
Legt Regula Grünenfelder den Akzent stärker auf feministisch-kritische
Fragestellungen, die rhetorisch-politische Analyse und die spirituell-mystische
Dimension biblischer Texte, fragt Daniel Kosch primär nach sozialgeschichtlichen
Kontexten und nach der Bedeutung für das Zusammenleben der Menschen
in den heutigen Gemeinden. Hinzu kommen Unterschiede in Sprache und Stil,
Temperament und Alltagserfahrung. Solche Multiperspektivität ist zutiefst
biblisch. Gemessen an der Vielfalt der Lebenssituationen und Glaubenserfahrungen
von Paulus, Maria von Magdala, Johannes, Jakobus, Junia, Phöbe, Titus
und Lydia wirken die Unterschiede zwischen unseren zwei Zugangsweisen geradezu
bescheiden.
Dass uns die Berücksichtigung der Perspektive heutiger Leserinnen und
Hörer des biblischen Textes wichtig ist, schlägt sich auch im
Aufbau unserer Beiträge nieder. Sie folgen dem Dreischritt:
1. Auf den Text zu, 2. Mit dem Text unterwegs, 3. Über den Text hinaus.
Wo es uns notwendig scheint, werden wir uns die Freiheit nehmen, die Textauswahl
geringfügig zu verändern, denn da und dort werden die Lesungen
allzu willkürlich aus dem Zusammenhang gerissen, oder es werden irritierende
und gerade deshalb spannende Textteile ausgelassen, um einen «runden»
Eindruck zu erzielen und Anstösse zu vermeiden.
Zum Schluss möchten wir auf ein weiteres Ziel unserer Lesungskommentare
aufmerksam machen: Sie sollen nicht nur der individuellen Predigtvorbereitung
dienen, sondern zu gemeinsamer Lektüre der Bibel inspirieren: In einer
Bibelrunde, bei einem Predigtvor- oder -nachgespräch, in einer Liturgiegruppe,
als Einstieg oder Abschluss einer Pfarreiratssitzung, in Seelsorgeteams,
Ordensgemeinschaften oder im Gottesdienst selbst. Die Bibel ist um
eine Formulierung von Kurt Marti aufzugreifen ein geselliges Buch
und erschliesst sich einer Gemeinschaft von Hörern und Leserinnen,
meditierenden oder diskutierenden Frauen und Männern besser als dem
einzelnen Menschen. In einer eigenen Rubrik werden wir jeweils drei Schritte
zur gemeinsamen Begegnung mit dem Text vorschlagen: 1. Er-lesen: eine Methode
für die gemeinsame Lektüre bzw. erste Erfassung des Textes. 2.
Er-leuchten: eine Hilfe zur Analyse des Textes. 3. Er-leben: ein Anstoss
für die lebensmässige Umsetzung, als «ganzheitliches»
Element in der gemeinsamen Lektüre, als Transfer in den Alltag. Wenn
sich bestehende oder neue Gruppen monatlich, vierzehntäglich oder gar
wöchentlich mit dem Lesungstext beschäftigen, gewinnt die Antwort
der Gemeinde auf die 2. Lesung an Kraft und Glaubwürdigkeit sie
wird lebendiges und im Alltag verankertes Wort oder eben: «Wort des
lebendigen Gottes».
Was diesen bibelpastoralen Akzent betrifft, ist der eingangs erwähnte
Vergleich mit dem Weintrinken übrigens keineswegs «riskant»
im Gegenteil: Gemeinsam genossen wirken biblische Texte wie
gute Weine wesentlich besser, inspirierender und lebensfördernder.
Nachdem in den letzten drei Kirchenjahren hier in die erst- bzw. alttestamentlichen Lesungen der Sonn- und Festtage eingeführt wurde, beginnen wir mit dem neuen Kirchenjahr in die zweit- bzw. neutestamentlichen Lesungen des Lesejahres C einzuführen. Mit dem herzlichen Dank an den Begleiter durch das Erste bzw. Alte Testament für die geleistete Arbeit verschränken wir den Dank an die Begleiterin und den Begleiter durch das Zweite bzw. Neue Testament für ihre zugesagte Arbeit: Dr. theol. Daniel Kosch und Diplomtheologin und Doktorandin Regula Grünenfelder.
1 H.-J. Venetz, Kein Gott für Besserwisser, Predigten, Luzern 1999, 3642.
2 Zur Problematik der Leseordnung s. nur G. Steins (Hrsg.), Leseordnung. Altes und Neues Testament in der Liturgie (Gottes Volk S/97), Stuttgart 1997.
3 Vgl. dazu die spannenden Beiträge unserer Kolleginnen und Kollegen S. Schroer, Glücklich, wer Lust hat an der Weisung JHWs. Illustrierte Kurzkommentare zur ersten Sonntagslesung, Freiburg Schweiz 1998; T. Staubli, Gott, unsere Gerechtigkeit. Begleiter zu den Sonntagslesungen aus dem Ersten Testament, Lesejahr C, Luzern 2000 (sowie seine Artikelserie in der SKZ 19972000), sowie die von F.-J. Ortkemper herausgegebenen «Neuen Predigten zum Alten Testament» (Stuttgart 19921995) und die 3 Bände «Vergessene Weisheiten aus dem Ersten Testament», Stuttgart 19961998.