46/2000

INHALT

Leitartikel

Religiöse Bildung und Begleitung der Jugendlichen

von Rolf Weibel

 

Im «Bericht über eine gesamtschweizerische Befragung der katholischen ReligionslehrerInnen auf der Oberstufe» wurde 1993 der Wunsch, sich mit dem bekenntnisgebundenen Religionsunterricht aus der Schule zurückziehen zu können, festgestellt und als offensichtlicher und statistisch signifikanter Trend bezeichnet. Im dieses Jahr veröffentlichten Projekt-Bericht «Oberstufen-Religionsunterricht» (in der deutschsprachigen Schweiz) ist von diesem Trend nicht mehr die Rede; gefragt wird jetzt vielmehr, wo dieser Religionsunterricht seinen Ort oder seine Orte habe und wie diese zueinander in Beziehung zu setzen seien. Zu Antworten trägt weniger der Bericht als solcher als vielmehr das Projekt insgesamt mit dem bei, was es in Gang gesetzt hat.
In den nachstehenden Beiträgen wird deshalb das ganze Projekt «Oberstufen-Religionsunterricht» vorgestellt. Im Beitrag «Vom Religionsunterricht zur Jugendpastoral» stellt Nick Sieber als Projektleiter das Projekt in seinem Zusammenhang vor; der Beitrag «Der Religionsunterricht auf der Oberstufe» fasst zusammen, wie der Projekt-Bericht die Situation dieses Religionsunterrichts einschätzt; im Beitrag «Jugendpastoral ­ wie weiter?» stellt Marie-Theres Beeler als Leiterin der Fachstelle für kirchliche Kinder- und Jugendarbeit die beiden Projekte vor, die direkt bzw. indirekt an das «Oberstufen-Projekt» anschliessen: Jugendpastoral und Spiritualität.
In den letzten Jahren ist das Verständnis dafür gewachsen, dass religiöses Lernen an verschiedenen Orten geschieht und dass nicht jeder Lernort alles abdecken kann. So lernen wir «zentrale Fähigkeiten für unser Leben in der Familie, zugleich aber kann ­ so wissen wir ­ religiöse Entwicklung von Kindern nur schwer gelingen, wenn die Familie nicht ergänzt und erweitert wird durch Schule, Jugendarbeit und Gemeinde, denn jeder Bereich hat spezifische Stärken und Grenzen im Hinblick auf religiöse Erziehung».<1> Wenn ein Bereich schwach ist oder gar ausfällt, erschwert das die Zielerreichung in den anderen Bereichen, verunmöglicht sie aber nicht. Dazu kommt, dass sich die Lernorte für Religion bzw. für Glauben verändert haben und noch mehr verändern werden. Den Veränderungen des Lernorts Schule wurde lange mit unterschiedlichen religionspädagogischen Konzepten Rechnung zu tragen versucht. Noch in der Befragung von 1992 wurde nach der Einstellung zu fünf Ansätzen ­ dem kerygmatischen, dem gesellschaftskritischen, dem problemorientierten, dem bibelorientierten und dem religionskritischen ­ gefragt.
Heute scheint mehr nach dem gefragt zu werden, was die verschiedenen Lernorte leisten können und wie diese Leistungen miteinander verbunden werden könnten. So gibt es zum einen in der Schule nicht nur den bekenntnisorientierten bzw. bekenntnisgebundenen, sondern zunehmend auch den allgemein bildungsorientierten Religionsunterricht ­ etwa in der Gestalt eines Schulfachs für interreligiöses und interkulturelles Lernen. Zugleich wird die Schule von den Kirchen zunehmend als Lebensraum verstanden, in den sie auf verschiedene Weisen «diakonisch» hineinwirken können: indem sie den Kindern und Jugendlichen sowohl religiös-ethische Bildung als auch ­ unter dem Stichwort «Schulpastoral» ­ seelsorgliche Begleitung anbieten.
Zum anderen wird ­ als Antwort auf die gesellschaftliche Entwicklung ­ die Gemeinde, die Pfarrei künftig noch vermehrt zur religiösen Sozialisation beitragen müssen ­ sei es mit einer (ausserschulischen) Gemeindekatechese, sei es mit verbandlicher oder offener Kinder- und Jugendarbeit.
Was sich so abzeichnet, muss indes weiter geklärt und dann erst noch konkretisiert werden. Dem entspricht auch das Fazit des Projekt-Berichts «Oberstufen-Religionsunterricht»: «Letztlich muss geklärt werden, was die Grundausrichtung der religiösen Bildung und Begleitung von Jugendlichen ist, ihre Ziele, Inhalte und Gefässe müssen formuliert und die Vernetzungen ins Auge gefasst werden.» So sind Aufgaben anzugehen und ist nicht Schuld zuzuweisen; nicht: «die Eltern müssten» oder «die Katechetinnen und Katecheten müssten», nicht «die Schule müsste» oder «die Pfarrei müsste» ­ sondern: alle müssen!


Anmerkung

1 Helga Kohler-Spiegel, Religiöse Bildung in der Schule. Reflexionen aus religionspädagogischer Sicht, in: Helga Kohler-Spiegel/Adrian Loretan (Hrsg.), Religionsunterricht an der öffentlichen Schule. Orientierungen und Entscheidungshilfen zum Religionsunterricht, Zürich 2000, 191f.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000