44/2000

INHALT

Leitartikel

Die "bunte" Kirche

von Urs Köppel

 

Die Kirche in unserem Land ist bunt geworden ­ im wahrsten Sinne des Wortes. Menschen aller Hautfarben aus verschiedenen Kulturen gehören zu ihr. Von den über 3 Mio. Katholikinnen und Katholiken sind mehr als 800000 fremder Herkunft ­ eine ansehnliche Zahl. Bunt ist damit auch die Religiosität geworden durch die verschiedenen Arten der Volksfrömmigkeit. Eine breite Palette von Paraliturgien bereichert die liturgischen Formen. Ostkirchliche, vorderorientalische und fernöstliche Riten der mit Rom unierten Christen werden regelmässig in Gottesdiensten gefeiert. Auch spirituelle Erfahrungen, die bisher bei uns fremd waren und dennoch mit dem christlichen Glauben in Übereinstimmung stehen, werden häufig im Alltag gelebt. Der Reichtum und die Vielfalt kirchlichen und religiösen Lebens werden heute deutlich und sichtbar, auch in unserem Land.
Dennoch macht die Präsenz von Fremden in der Schweiz Angst und verbreitet Unsicherheit. Auch in der Kirche werden die «Fremden» nicht immer mit offenen Armen aufgenommen, selbst wenn sie auf den gleichen dreifaltigen Gott getauft sind und den gleichen Glauben bekennen. Vor allem eine Menschengruppe steht im Zentrum der Kritik und der Ablehnung ­ jene aus dem Balkan. Auch Farbige und Asylbewerber werden häufig mit negativen Attributen belegt. Sie alle werden suspekt beobachtet, selbst wenn sie zur römisch-katholischen Kirche gehören und auch ihre Kirchensteuern entrichten. «Ein grosser Teil der Bevölkerung sieht zwischen Religiosität und Einstellungen zum Fremden keinen Zusammenhang... Religion wird nicht als Antwort auf die Frage nach Gott mit entsprechender (moralischer) Praxis wahrgenommen.»<1> Mit der Immigration ist eine neue Zeit in unserer Kirche angebrochen, die so wenig rückgängig gemacht werden kann wie die globale Migration allgemein. Die Zukunft der Kirche wird eine gemeinsame von Einheimischen und Immigranten sein. Nicht allein die Präsenz von Fremden macht Angst, sondern auch die Zukunft, die nicht genau einschätzbar ist, verunsichert. Das Unbekannte und Fremde macht Angst, während das Bedrohliche, das bekannt ist, als weniger gefährdend angesehen wird.
In diesem Kontext ist das Motto zum diesjährigen Tag der Völker vom 12. November zu sehen: «Fürchtet euch nicht!» wird den Frauen am leeren Grab vom Engel als Trostwort (vgl. Mt 28,5) und von Jesus als Sendungswort (vgl. Mt 20,10) zugesprochen. Dieses Wort ist in jene Situation hineingesprochen, in der das Neue und Unbekannte, das mit Leiden, Tod und Auferstehung Jesu angebrochen ist, beängstigend wirkt. Das leere Grab und der lebendige Christus sind ungeheuerlich und nicht zu fassen, damit auch bedrohlich in ihrer Fremdheit und Einmaligkeit. «Fürchtet euch nicht» ist somit Teil der Frohen Botschaft und des Auftrags an jene, welche diese Botschaft des Neuen annehmen.
Mit dem Motto zum Tag der Völker nehmen die Bischöfe die Ängste und Unsicherheiten der Menschen in unserem Land ernst. Sie wissen, dass das Zusammenleben von Menschen verschiedener Herkunft nicht einfach ist, dass es geprägt ist von Unkenntnis, Missverständnissen und Spannungen. Dabei sind Worte wenig hilfreich, sondern können nur Anstoss zum Wagnis der kirchlichen Gemeinschaft unter neuen Voraussetzungen sein. Angst ist dabei ein schlechter Ratgeber. Dies gilt auch für den Umgang mit den Menschen.
Gegenwärtig ist das Schlagwort «Integration» in aller Munde. Dies hat vor allem auch die Kampagne vor der Abstimmung über die so genannte 18%-Initiative gezeigt. Die Diskussionen und Leserbriefe haben gezeigt, wie unklar der Begriff ist; noch unklarer ist das Ziel der Integration. Die Kirche am Ort hat eine Chance, das lebendige Beispiel eines gelungenen Zusammenlebens zu geben, im Wissen darum, dass die Kirche auch in unserem Land vielfältiger, bunter geworden ist.
«Wenn für einmal das Wort, dass es in der Kirche keinen Fremden gibt, wirklich zutrifft, dann sicher in dem gemeinsamen Auftrag, die Frohe Botschaft von der Furchtlosigkeit aus Christi Gnade gemeinsam und überall zu verkünden. Diese Verkündigung ist nicht nur eine Botschaft in Worten, sondern ein Werk konkreter Taten.»<2>
Kirche ist nicht abgehoben vom Alltag. Ihre Gläubigen erfahren die Herausforderungen und Ängste, die das Neue in unserer Gesellschaft mit sich bringt. Zu diesem Neuen gehört nicht allein eine globalisierte Wirtschaft, eine vernetzte Informationstechnologie und eine virtuelle Kommunikation, sondern auch die globale Migration. Dieser kann sich weder unser Land noch unsere Kirche entziehen. Die bunte Kirche, zu der Einheimische und Fremde unter gleichen Bedingungen und Spielregeln gehören, gibt Zuversicht auf eine gemeinsame Zukunft hin.
Aus der Aufforderung «Fürchtet euch nicht» resultiert die Verheissung des Auferstandenen: «Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung der Welt» (Mt 28,20).

 

Der promovierte Theologe Urs Köppel ist Nationaldirektor für Ausländerseelsorge und Generalsekretär von migratio. Kommission der Schweizer Bischofskonferenz für Migration.


Anmerkungen

1 Hans-Ulrich Kneubühler, Religiosität und die Abwehr des Fremden, in: Die Religion und das Fremde, Luzern (2000), S. 27.

2 Wort der Schweizer Bischöfe zum Tag der Völker ­ Ausländersonntag 2000.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000