43/2000

INHALT

Leitartikel

Bibelpastoral heute: Ermutigungen und Zumutungen

von Daniel Kosch

 

Wer wie ich längere Zeit in Sachen Bibel(pastoral) unterwegs ist, mit Seelsorgerinnen diskutiert, Bibelabende in Pfarreien gestaltet, Fortbildungskurse für Multiplikatorinnen und Multiplikatoren anbietet, Arbeitshilfen und Broschüren zum Thema veröffentlicht usw., erlebt allerlei Ermutigungen, wird aber auch mit Zumutungen konfrontiert. Das einzige, was sich nicht bestätigt, sind die einfachen, plakativen Thesen wie «Die Zeit der Bibel ist vorbei» oder «Alle hungern nach Gottes Wort».
Mancherorts kommen über 100 Leute zu einem Referat über den Glauben der Urgemeinde. Anderswo bleibt die Werbung für einen Abend zu einem ähnlichen Thema fast folgenlos. Zeitschriften zum Thema «Jesus» werden eifrig bestellt<1>, eine «Gebrauchsanweisung» für die Bibel wird zu Tausenden verschickt, aber eine Tagung zum Thema «Weltuntergangsbilder in der Bibel und in modernen Actionfilmen» muss abgesagt werden ... Da und dort florieren die Bibelrunden, anderswo kommt man über den guten Vorsatz, eine zu gründen, nicht hinaus.
Eine pastoralsoziologische Analyse zum Thema wäre hilfreich, ist aber hier nicht zu leisten.
Erst recht unmöglich ist es, ein allgemein gültiges «Erfolgsrezept» zu formulieren. So bleibt es zum Bibelsonntag 2000 bei einigen Ermutigungen und Zumutungen.

1. Vom Mut, die Schwierigkeiten anzuerkennen

Kein geringerer als Kardinal Carlo Maria Martini, der für seinen Einsatz im Bereich der geistlichen Bibelauslegung (lectio divina) mit Jugendlichen und Kirchenfernen weltweites Ansehen geniesst, hat in einer Rede vor der italienischen Bischofskonferenz das persönliche Bekenntnis abgelegt: «Je mehr ich die Bibel kennen lerne, desto schöner erscheint sie mir ­ aber auch desto hässlicher. Es tut mir leid, dass ich das Wort Ðhässlichð für etwas gebrauchen muss, demgegenüber ich in der Rolle eines liebenden Sohnes bin. Aber auch eine Mutter kann mit den Jahren Züge annehmen, die weniger liebreizend sind, und dennoch bleibt sie liebenswert.» In den praktischen Schlussfolgerungen kommt er auf diese Erfahrung zurück und fordert: «Wir dürfen die Tatsache nicht verleugnen, dass die Annäherung an die Bibel als Gesamtheit schwierig ist und in gewisser Weise immer neu gewagt werden muss, sowohl für die neuen Generationen als auch im Laufe unseres eigenen Lebens. Es gibt Schwierigkeiten, Widerstand und Ablehnung, mit denen wir rechnen müssen, über die wir auch nicht zu sehr erstaunt sein sollen...»<2>
Dieses Eingeständnis der persönlichen, sachlichen und pastoralen Schwierigkeiten mit der Bibel wirkt nicht nur entlastend, sondern ermutigt zu einem redlichen Umgang mit der Bibel, der nicht nur das Schöne und leicht Zugängliche aufgreift, sondern sich auch mit den «texts of terror» und den Stolpersteinen in der Bibel auseinander setzt.

2. Vom Mut, Verbündete zu suchen

Dass die Kirche zu den Menschen gehen soll, ist ein Gemeinplatz. Aber faktisch erlebe ich die in kirchlichen Strukturen Engagierten (mich inklusive!) als stark mit der Kirche und sich selbst beschäftigt. Diese kirchenzentrierte Sicht zeigt sich etwa im Begriff der «Kirchendistanz»: Menschen werden danach eingeteilt, wie nahe bzw. fern sie der Kirche stehen. Mir scheinen andere Kriterien produktiver: Wie wäre es zum Beispiel, die vielen spannenden Frauen und Männer, die es überall gibt und die selten bis nie zur Kirche kommen, nicht als «potentielle Kirchgänger/Kirchgängerinnen», sondern als «potentielle Verbündete», zum Beispiel in Anliegen der politischen Diakonie, des sozialen Engagements oder der Bildung anzusehen und auch anzusprechen? Oder wie wäre es, die schöne Formulierung aus dem Markusevangelium aufzunehmen, wo Jesus und der Gesetzeslehrer sich über die Einheit von Gottes- und Nächstenliebe verständigen und jenem zum Schluss gesagt wird: «Du bist nicht fern vom Reich Gottes» (Mk 12,34)? Die Frage: Wie können wir jene, die nicht fern vom Reich Gottes sind, als Verbündete gewinnen?, scheint mir produktiver zu sein als jene nach der Überwindung von Kirchendistanz.
Gefragt ist in diesem Zusammenhang der Mut, sich im Geist der Bibel auch in gesellschaftliche Prozesse einzumischen und Stellung zu beziehen ­ und zwar möglichst konkret. Denn «Verbündete» sucht und findet man nicht auf Vorrat, sondern immer nur im Blick auf konkrete Projekte.

3. Vom Mut, Zeugnis abzulegen

In den letzten Jahren wird mir das bereits ältere Diktum des Religionswissenschaftlers Richard Friedli immer wichtiger: «Eine Kirche, die nicht missioniert, hat schon demissioniert.» Dass die Bibel ein spannendes Buch ist, dass Gottesdienste Orte der Kraft sind, dass kirchliche Frauenarbeit für unzählige Frauen der erste Schritt zu einem neuen Selbstbewusstsein war, dass Beten hilft, dass theologisches Wissen in vielen schwierigen Fragen weiterführt ­ all das braucht nicht schamhaft versteckt zu werden.
So sehr mir die vereinnahmende und aufdringliche Art und Weise Mühe macht, wie zum Beispiel freikirchliche Kreise «missionieren» ­ der Mut und die Freude, mit der sie da und dort auftreten, sich als Christinnen und Christen zeigen und auf Menschen zugehen, beeindruckt mich.
Das Evangelium braucht und verdient Zeuginnen und Zeugen mit einem gesunden Vertrauen in die belebende und befreiende Kraft ihrer Botschaft. Der depressive und resignative Grundzug und auch die Tendenz, notwendige Selbst- und Kirchenkritik mit Selbstzerfleischung zu verwechseln, erschweren einen lockeren und lebensfreundlichen Umgang mit der Bibel.
Ein jüngstes Beispiel im biblischen Arbeitsfeld ist das Projekt der «Migros-Bibel», das die Landeskirchen zwar formell mitgetragen haben, ohne sich aber wirklich dafür zu engagieren. Statt sich auf die Unzulänglichkeiten des Projektes zu fixieren, es als «hoffnungslos» abzutun oder es zu verschweigen, hätte man diesen Versuch, die biblische Botschaft wirklich auf den «(Super-)Markt» zu tragen, insgesamt produktiver nutzen können.<3>

4. Vom Mut, die Realität wahrzunehmen

«Mut zum Zeugnis» darf allerdings nicht mit der Verdrängung der Realität, mit Nostalgie nach der guten alten Zeit, mit Selbstverabsolutierung der Kirche oder mit Vereinnahmung verwechselt werden.
Religionssoziologische Überlegungen sprechen auch mittelfristig gegen optimistische Prognosen für das kirchlich institutionalisierte Christentum. Die Trends zur Individualisierung, zur Pluralisierung und auch zur funktionalen Differenzierung der Gesellschaft sind von «guter» oder «schlechter» Verkündigung, von «glaubwürdiger» oder «unglaubwürdiger» Kirchenleitung und von «progressiver» oder «reaktionärer» Kirchenpolitik weitgehend unabhängig. Wie gross die «Erfolgschancen» für eine biblische Verkündigung sind, liegt nicht allein in der Hand der Kirchen, sondern ist weitgehend fremdbestimmt. Dies zu erkennen und zu anerkennen, heisst Abschied nehmen von Allmachtsphantasien und wirkt entlastend.<4>
Mut zur Realität ist zugleich Mut zu einem differenzierten Verständnis von «Bibeltreue» oder «Kirchlichkeit». Mir gefällt auch für heutige Verhältnisse die Unterscheidung von «Nachfolger/Nachfolgerinnen» und «Sympathisanten/Sympathisantinnen», die im Blick auf die Jesusbewegung entwickelt wurde. Die «Randsiedler/Randsiedlerinnen» und «Grenzgänger/Grenzgängerinnen» haben eine wichtige Funktion ­ und sie werden vermutlich offener hinhören, wenn sie nicht allzu schnell mit Mitmachzwängen konfrontiert werden. Im Gebiet der Bibelarbeit sind neben Angeboten mit starker Verbindlichkeit und hohen Ansprüchen auch «niederschwellige» Zugänge zu erschliessen: punktuelle Begegnungen, eher kulturell als religiös Ausgerichtetes, Möglichkeiten der individuellen Beschäftigung mit Biblischem ohne Gruppenzwänge.

5. Vom Mut, Theologie zu treiben

Nach langer Abschottung der Kirche und der Verkündigung von gesellschaftlichen Fragen und humanwissenschaftlichen Erkenntnissen waren die Zuwendung zur Realität, die stärkere anthropologische Orientierung und auch der Einzug der Alltagssprache zweifellos ein echter Fortschritt. Mittlerweilen geschieht möglicherweise zu viel des Guten. Psychologie und Organisationsentwicklung, Persönlichkeitsbildung und alle möglichen Formen der Ganzheitlichkeit drohen der eigentlichen biblisch-theologischen «Kernkompetenz» den Rang abzulaufen: In der Fortbildung, in der Katechese und Predigt, auch im Berufsbild der kirchlichen Mitarbeiter/Mitarbeiterinnen. Und dies ausgerechnet in einer Zeit, in der funktionale Differenzierung, Besinnung auf die Kernkompetenz und Professionalisierung in der Gesellschaft an Bedeutung gewinnen.
Zweifellos ist es gefährlich, diesbezüglich falsche Gegensätze herzustellen, aber mir scheint, die Kenntnis, die Reflexion und auch die sorgfältige Vermittlung der biblischen Botschaft kommen heute tendenziell zu kurz.
Noch wichtiger allerdings scheint mir der «Mut zur Theo-logie» im ursprünglichen Sinn des Wortes als Mut zur Gottes-Rede. Es geht dabei nicht um einen inflationären oder leichtfertigen Umgang mit dem Wort Gott oder um einen frommen Zuckerguss, der alles umhüllt, sondern darum, die Welt und das Leben konsequent von Gott her und auf Gott hin zu befragen, und umgekehrt: von der Erfahrung und von der Realität her nach Gott zu fragen. Spuren Gottes zu entdecken und zu benennen, aber auch seine Abwesenheit zu beklagen, nach seinem Handeln und fragen und um seinen Willen zu ringen ­ das ist die vornehmste und zugleich schwierigste Aufgabe der (Bibel-)Pastoral. Ich habe den Verdacht, dass viele Frauen und Männern, denen wir im Alltag begegnen, viel stärker von dieser Gottesfrage umgetrieben sind, als man dies auf den ersten Blick vermuten würde.

6. Vom Mut zur Wahrhaftigkeit

Schliessen möchte ich mit einem Hinweis, den ich der Lyrikerin Hilde Domin verdanke. Sie hat 1968, als die Legitimität und der Sinn von Lyrik stark angezweifelt wurden, die Frage gestellt «Wozu Lyrik heute?» Und sie hat in ihrer Antwort vieles gesagt, was nicht nur für die Dichtung, sondern ebenso für die Arbeit mit der Bibel gültig ist. Eines ihrer Kernanliegen ist der «Mut zur Wahrhaftigkeit», den sie als Abschied «von der täglichen Fütterung mit Worthülsen, egal welche» wahrnimmt. «Wahrhaftigkeit in der Wahl des genauen Worts, ÐBenennenð statt Etikettierung der Welt, scheint mir weiter die Hauptsache. Und Mut. Die drei Arten von Mut, die der Lyriker braucht: den Mut, er selbst zu sein, den Mut, nichts umzulügen, den Mut, an die Anrufbarkeit des Menschen zu glauben, diese drei Arten von Mut sind ... nötig für jeden.»<5>
Diese drei Arten von Mut: ich selbst zu sein, nichts umzulügen, an die Anrufbarkeit des Menschen zu glauben, sind keine «Erfolgsrezepte», wohl aber wichtige Qualitätsmerkmale einer redlichen Bibelpastoral. Dass sie in der kirchlichen Arbeit auch über den biblischen Bereich hinaus gültig sind, ist kein Zufall, denn das bibelpastorale Treffen der europäischen Bischöfe hat in seiner Schlussbotschaft treffend festgehalten: «ÐBibelpastoralð soll nicht ein Spezialgebiet neben anderen sein, sondern dazu führen, dass die gesamte pastorale Planung und Praxis in der biblischen Botschaft verwurzelt ist.»<6>

 

Dr. theol. Daniel Kosch leitet die Bibelpastorale Arbeitsstelle des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks.

Zum Bibelsonntag 2000 liegen ein Arbeitsheft und eine «Gebrauchsanweisung für die Bibel» zum Verteilen an Gottesdienstbesucher/Gottesdienstbesucherinnen und andere Interessierte vor. Bezugsquelle: Bibelpastorale Arbeitsstelle SKB, Bederstrasse 76, 8002 Zürich,Telefon 01-2059960,Fax 01-2014307, E-Mail bibelpastoral@bluewin.ch


Anmerkungen

1 Z.B. Jesus. Quellen, Gerüchte, Fakten, in: Welt und Umwelt der Bibel 10 (1998); Der historische Jesus, in: Bibel heute 141 (2000).

2 Carlo Maria Martini, «Er erklärte uns den Sinn der Schrift» (Lk 24,32), in: Bulletin Dei Verbum 47 (1998) Nr. 2, S. 4­10, 4.6.

3 S. D. Kosch, Die Bibel im Supermarkt, in: SKZ 168 (2000) Nr. 13, S. 208­210.

4 Vgl. zuletzt: F.-X. Kaufmann, Wie überlebt das Christentum?, Freiburg i.Br. 2000.

5 H. Domin, Wozu Lyrik heute?, Frankfurt 1993, 17.

6 Die Bibel im Leben der Kirche Europas heute und morgen, in: Bulletin Dei Verbum 32 (1994) 7­8.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000