43/2000 | |
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Leitartikel |
Wer wie ich längere Zeit in Sachen Bibel(pastoral) unterwegs ist,
mit Seelsorgerinnen diskutiert, Bibelabende in Pfarreien gestaltet, Fortbildungskurse
für Multiplikatorinnen und Multiplikatoren anbietet, Arbeitshilfen
und Broschüren zum Thema veröffentlicht usw., erlebt allerlei
Ermutigungen, wird aber auch mit Zumutungen konfrontiert. Das einzige, was
sich nicht bestätigt, sind die einfachen, plakativen Thesen wie «Die
Zeit der Bibel ist vorbei» oder «Alle hungern nach Gottes Wort».
Mancherorts kommen über 100 Leute zu einem Referat über den Glauben
der Urgemeinde. Anderswo bleibt die Werbung für einen Abend zu einem
ähnlichen Thema fast folgenlos. Zeitschriften zum Thema «Jesus»
werden eifrig bestellt<1>, eine «Gebrauchsanweisung»
für die Bibel wird zu Tausenden verschickt, aber eine Tagung zum Thema
«Weltuntergangsbilder in der Bibel und in modernen Actionfilmen»
muss abgesagt werden ... Da und dort florieren die Bibelrunden, anderswo
kommt man über den guten Vorsatz, eine zu gründen, nicht hinaus.
Eine pastoralsoziologische Analyse zum Thema wäre hilfreich, ist aber
hier nicht zu leisten.
Erst recht unmöglich ist es, ein allgemein gültiges «Erfolgsrezept»
zu formulieren. So bleibt es zum Bibelsonntag 2000 bei einigen Ermutigungen
und Zumutungen.
Kein geringerer als Kardinal Carlo Maria Martini, der für seinen
Einsatz im Bereich der geistlichen Bibelauslegung (lectio divina) mit Jugendlichen
und Kirchenfernen weltweites Ansehen geniesst, hat in einer Rede vor der
italienischen Bischofskonferenz das persönliche Bekenntnis abgelegt:
«Je mehr ich die Bibel kennen lerne, desto schöner erscheint
sie mir aber auch desto hässlicher. Es tut mir leid, dass ich
das Wort Ðhässlichð für etwas gebrauchen muss, demgegenüber
ich in der Rolle eines liebenden Sohnes bin. Aber auch eine Mutter kann
mit den Jahren Züge annehmen, die weniger liebreizend sind, und dennoch
bleibt sie liebenswert.» In den praktischen Schlussfolgerungen kommt
er auf diese Erfahrung zurück und fordert: «Wir dürfen die
Tatsache nicht verleugnen, dass die Annäherung an die Bibel als Gesamtheit
schwierig ist und in gewisser Weise immer neu gewagt werden muss, sowohl
für die neuen Generationen als auch im Laufe unseres eigenen Lebens.
Es gibt Schwierigkeiten, Widerstand und Ablehnung, mit denen wir rechnen
müssen, über die wir auch nicht zu sehr erstaunt sein sollen...»<2>
Dieses Eingeständnis der persönlichen, sachlichen und pastoralen
Schwierigkeiten mit der Bibel wirkt nicht nur entlastend, sondern ermutigt
zu einem redlichen Umgang mit der Bibel, der nicht nur das Schöne und
leicht Zugängliche aufgreift, sondern sich auch mit den «texts
of terror» und den Stolpersteinen in der Bibel auseinander setzt.
Dass die Kirche zu den Menschen gehen soll, ist ein Gemeinplatz. Aber
faktisch erlebe ich die in kirchlichen Strukturen Engagierten (mich inklusive!)
als stark mit der Kirche und sich selbst beschäftigt. Diese kirchenzentrierte
Sicht zeigt sich etwa im Begriff der «Kirchendistanz»: Menschen
werden danach eingeteilt, wie nahe bzw. fern sie der Kirche stehen. Mir
scheinen andere Kriterien produktiver: Wie wäre es zum Beispiel, die
vielen spannenden Frauen und Männer, die es überall gibt und die
selten bis nie zur Kirche kommen, nicht als «potentielle Kirchgänger/Kirchgängerinnen»,
sondern als «potentielle Verbündete», zum Beispiel in Anliegen
der politischen Diakonie, des sozialen Engagements oder der Bildung anzusehen
und auch anzusprechen? Oder wie wäre es, die schöne Formulierung
aus dem Markusevangelium aufzunehmen, wo Jesus und der Gesetzeslehrer sich
über die Einheit von Gottes- und Nächstenliebe verständigen
und jenem zum Schluss gesagt wird: «Du bist nicht fern vom Reich Gottes»
(Mk 12,34)? Die Frage: Wie können wir jene, die nicht fern vom Reich
Gottes sind, als Verbündete gewinnen?, scheint mir produktiver zu sein
als jene nach der Überwindung von Kirchendistanz.
Gefragt ist in diesem Zusammenhang der Mut, sich im Geist der Bibel auch
in gesellschaftliche Prozesse einzumischen und Stellung zu beziehen
und zwar möglichst konkret. Denn «Verbündete» sucht
und findet man nicht auf Vorrat, sondern immer nur im Blick auf konkrete
Projekte.
In den letzten Jahren wird mir das bereits ältere Diktum des Religionswissenschaftlers
Richard Friedli immer wichtiger: «Eine Kirche, die nicht missioniert,
hat schon demissioniert.» Dass die Bibel ein spannendes Buch ist,
dass Gottesdienste Orte der Kraft sind, dass kirchliche Frauenarbeit für
unzählige Frauen der erste Schritt zu einem neuen Selbstbewusstsein
war, dass Beten hilft, dass theologisches Wissen in vielen schwierigen Fragen
weiterführt all das braucht nicht schamhaft versteckt zu werden.
So sehr mir die vereinnahmende und aufdringliche Art und Weise Mühe
macht, wie zum Beispiel freikirchliche Kreise «missionieren»
der Mut und die Freude, mit der sie da und dort auftreten, sich als
Christinnen und Christen zeigen und auf Menschen zugehen, beeindruckt mich.
Das Evangelium braucht und verdient Zeuginnen und Zeugen mit einem gesunden
Vertrauen in die belebende und befreiende Kraft ihrer Botschaft. Der depressive
und resignative Grundzug und auch die Tendenz, notwendige Selbst- und Kirchenkritik
mit Selbstzerfleischung zu verwechseln, erschweren einen lockeren und lebensfreundlichen
Umgang mit der Bibel.
Ein jüngstes Beispiel im biblischen Arbeitsfeld ist das Projekt der
«Migros-Bibel», das die Landeskirchen zwar formell mitgetragen
haben, ohne sich aber wirklich dafür zu engagieren. Statt sich auf
die Unzulänglichkeiten des Projektes zu fixieren, es als «hoffnungslos»
abzutun oder es zu verschweigen, hätte man diesen Versuch, die biblische
Botschaft wirklich auf den «(Super-)Markt» zu tragen, insgesamt
produktiver nutzen können.<3>
«Mut zum Zeugnis» darf allerdings nicht mit der Verdrängung
der Realität, mit Nostalgie nach der guten alten Zeit, mit Selbstverabsolutierung
der Kirche oder mit Vereinnahmung verwechselt werden.
Religionssoziologische Überlegungen sprechen auch mittelfristig gegen
optimistische Prognosen für das kirchlich institutionalisierte Christentum.
Die Trends zur Individualisierung, zur Pluralisierung und auch zur funktionalen
Differenzierung der Gesellschaft sind von «guter» oder «schlechter»
Verkündigung, von «glaubwürdiger» oder «unglaubwürdiger»
Kirchenleitung und von «progressiver» oder «reaktionärer»
Kirchenpolitik weitgehend unabhängig. Wie gross die «Erfolgschancen»
für eine biblische Verkündigung sind, liegt nicht allein in der
Hand der Kirchen, sondern ist weitgehend fremdbestimmt. Dies zu erkennen
und zu anerkennen, heisst Abschied nehmen von Allmachtsphantasien und wirkt
entlastend.<4>
Mut zur Realität ist zugleich Mut zu einem differenzierten Verständnis
von «Bibeltreue» oder «Kirchlichkeit». Mir gefällt
auch für heutige Verhältnisse die Unterscheidung von «Nachfolger/Nachfolgerinnen»
und «Sympathisanten/Sympathisantinnen», die im Blick auf die
Jesusbewegung entwickelt wurde. Die «Randsiedler/Randsiedlerinnen»
und «Grenzgänger/Grenzgängerinnen» haben eine wichtige
Funktion und sie werden vermutlich offener hinhören, wenn sie
nicht allzu schnell mit Mitmachzwängen konfrontiert werden. Im Gebiet
der Bibelarbeit sind neben Angeboten mit starker Verbindlichkeit und hohen
Ansprüchen auch «niederschwellige» Zugänge zu erschliessen:
punktuelle Begegnungen, eher kulturell als religiös Ausgerichtetes,
Möglichkeiten der individuellen Beschäftigung mit Biblischem ohne
Gruppenzwänge.
Nach langer Abschottung der Kirche und der Verkündigung von gesellschaftlichen
Fragen und humanwissenschaftlichen Erkenntnissen waren die Zuwendung zur
Realität, die stärkere anthropologische Orientierung und auch
der Einzug der Alltagssprache zweifellos ein echter Fortschritt. Mittlerweilen
geschieht möglicherweise zu viel des Guten. Psychologie und Organisationsentwicklung,
Persönlichkeitsbildung und alle möglichen Formen der Ganzheitlichkeit
drohen der eigentlichen biblisch-theologischen «Kernkompetenz»
den Rang abzulaufen: In der Fortbildung, in der Katechese und Predigt, auch
im Berufsbild der kirchlichen Mitarbeiter/Mitarbeiterinnen. Und dies ausgerechnet
in einer Zeit, in der funktionale Differenzierung, Besinnung auf die Kernkompetenz
und Professionalisierung in der Gesellschaft an Bedeutung gewinnen.
Zweifellos ist es gefährlich, diesbezüglich falsche Gegensätze
herzustellen, aber mir scheint, die Kenntnis, die Reflexion und auch die
sorgfältige Vermittlung der biblischen Botschaft kommen heute tendenziell
zu kurz.
Noch wichtiger allerdings scheint mir der «Mut zur Theo-logie»
im ursprünglichen Sinn des Wortes als Mut zur Gottes-Rede. Es geht
dabei nicht um einen inflationären oder leichtfertigen Umgang mit dem
Wort Gott oder um einen frommen Zuckerguss, der alles umhüllt, sondern
darum, die Welt und das Leben konsequent von Gott her und auf Gott hin zu
befragen, und umgekehrt: von der Erfahrung und von der Realität her
nach Gott zu fragen. Spuren Gottes zu entdecken und zu benennen, aber auch
seine Abwesenheit zu beklagen, nach seinem Handeln und fragen und um seinen
Willen zu ringen das ist die vornehmste und zugleich schwierigste
Aufgabe der (Bibel-)Pastoral. Ich habe den Verdacht, dass viele Frauen und
Männern, denen wir im Alltag begegnen, viel stärker von dieser
Gottesfrage umgetrieben sind, als man dies auf den ersten Blick vermuten
würde.
Schliessen möchte ich mit einem Hinweis, den ich der Lyrikerin Hilde
Domin verdanke. Sie hat 1968, als die Legitimität und der Sinn von
Lyrik stark angezweifelt wurden, die Frage gestellt «Wozu Lyrik heute?»
Und sie hat in ihrer Antwort vieles gesagt, was nicht nur für die Dichtung,
sondern ebenso für die Arbeit mit der Bibel gültig ist. Eines
ihrer Kernanliegen ist der «Mut zur Wahrhaftigkeit», den sie
als Abschied «von der täglichen Fütterung mit Worthülsen,
egal welche» wahrnimmt. «Wahrhaftigkeit in der Wahl des genauen
Worts, ÐBenennenð statt Etikettierung der Welt, scheint mir weiter
die Hauptsache. Und Mut. Die drei Arten von Mut, die der Lyriker braucht:
den Mut, er selbst zu sein, den Mut, nichts umzulügen, den Mut, an
die Anrufbarkeit des Menschen zu glauben, diese drei Arten von Mut sind
... nötig für jeden.»<5>
Diese drei Arten von Mut: ich selbst zu sein, nichts umzulügen, an
die Anrufbarkeit des Menschen zu glauben, sind keine «Erfolgsrezepte»,
wohl aber wichtige Qualitätsmerkmale einer redlichen Bibelpastoral.
Dass sie in der kirchlichen Arbeit auch über den biblischen Bereich
hinaus gültig sind, ist kein Zufall, denn das bibelpastorale Treffen
der europäischen Bischöfe hat in seiner Schlussbotschaft treffend
festgehalten: «ÐBibelpastoralð soll nicht ein Spezialgebiet
neben anderen sein, sondern dazu führen, dass die gesamte pastorale
Planung und Praxis in der biblischen Botschaft verwurzelt ist.»<6>
Dr. theol. Daniel Kosch leitet die Bibelpastorale Arbeitsstelle des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks.
Zum Bibelsonntag 2000 liegen ein Arbeitsheft und eine «Gebrauchsanweisung für die Bibel» zum Verteilen an Gottesdienstbesucher/Gottesdienstbesucherinnen und andere Interessierte vor. Bezugsquelle: Bibelpastorale Arbeitsstelle SKB, Bederstrasse 76, 8002 Zürich,Telefon 01-2059960,Fax 01-2014307, E-Mail bibelpastoral@bluewin.ch
1 Z.B. Jesus. Quellen, Gerüchte, Fakten, in: Welt und Umwelt der Bibel 10 (1998); Der historische Jesus, in: Bibel heute 141 (2000).
2 Carlo Maria Martini, «Er erklärte uns den Sinn der Schrift» (Lk 24,32), in: Bulletin Dei Verbum 47 (1998) Nr. 2, S. 410, 4.6.
3 S. D. Kosch, Die Bibel im Supermarkt, in: SKZ 168 (2000) Nr. 13, S. 208210.
4 Vgl. zuletzt: F.-X. Kaufmann, Wie überlebt das Christentum?, Freiburg i.Br. 2000.
5 H. Domin, Wozu Lyrik heute?, Frankfurt 1993, 17.
6 Die Bibel im Leben der Kirche Europas heute und morgen, in: Bulletin Dei Verbum 32 (1994) 78.