41/2000

INHALT

Leitartikel

Mission: Alle sind für alle verantwortlich

von Damian Weber

 

Der «Sonntag der Weltmission», den die ganze Kirche im Oktober feiert, möchte und könnte ein wirkliches Fest der Katholizität und der universalen Solidarität sein. In allen katholischen Kirchen und Kapellen des Erdenrunds gedenken die Betenden an diesem Tag aller andern Christinnen und Christen der katholischen Kirche. Und sie legen ihre Opfergaben zusammen in den Ausgleichsfonds der Weltkirche, aus dem jene Ortskirchen ihren Teil erhalten, denen die notwendigen finanziellen Mittel zur Erfüllung ihrer Pastoral- und Missionsaufgaben fehlen. Das ist der Sinn dieses Sonntags der Weltmission ­ gemäss den Weisungen und der Tradition unserer Kirche. In jedem Land der Welt gibt es eine Missio-Arbeitsstelle, deren Aufgabe es ist, diese Anliegen zu fördern.
Viele Pfarreien und kirchliche Gemeinschaften der Schweiz und Liechtensteins brauchen das Missio-Material sehr rege und feiern einen lebendigen Sonntag der Weltmission. Um den Reichtum und die Vielfalt unserer weltweiten Kirche tiefer und konkreter zu erfahren, stellt Missio jedes Jahr eine Ortskirche aus einer anderen Region in die Mitte der Aufmerksamkeit. In den vergangenen Jahren waren es die Pazifischen Inseln, China, Kongo-Kinshasa und Haiti. Dieses Jahr ist es der Tschad. Mit Genugtuung stellen wir fest, dass manche Pfarreien bereits während des ganzen Monats Oktober im Gebet (Missio-Gebetskette), in der Bildungsarbeit und mit einem Missionsbazar die gesamtkirchliche Verantwortung thematisieren, so dass der Sonntag der Weltmission mit der festlichen Fürbitte und dem Teilen der Kollekte zum Höhepunkt und zu einem eigentlichen Fest des Glaubens wird.
Dann gibt es aber auch Pfarreien, die zwar für das Missionsanliegen der Kirche aufgeschlossen sind, aber den Sonntag der Weltmission eher «halten» als feiern. Denn das Gewicht ihrer Bemühungen liegt bei einem eigenen Missionsprojekt. Dies kann eine lebendige und wichtige Verbindung sein zu einer Person aus der eigenen Pfarrei, die als Missionarin oder Missionar im Einsatz ist, oder ein konkretes Missionsprojekt, das man aufgrund direkter Beziehungen übernommen hat und jetzt als Partnerschaftsbeziehung weiter pflegt. Das kann dazu führen, dass der allgemeine und grundsätzlich verpflichtende Aspekt des Sonntags der Weltmission nur als «Pflicht» gesehen und auch «abgehakt» wird; die finanziellen Ressourcen der Pfarrei fliessen in das «Direkt-Projekt» ­ der Ausgleichsfonds der Weltkirche, den Missio verantwortet, erhält ein Almosen.
Missio betont immer wieder, dass solche direkten Beziehungen nicht nur für die empfangenden Menschen und Schwesterkirchen von Vorteil sind. Sie können auch das Leben unserer Pfarreien stärken. Missio plädiert nicht für ein «Entweder-Oder». Beides ist wichtig: Direkthilfe und der Ausgleichsfonds der Weltkirche. Im Oktober aber geht es um den gesamtkirchlichen Missionsauftrag. Wenn Missio, im Auftrag der Weltkirche und von unseren Ortsbischöfen unterstützt, alles unternimmt, um die Bedeutung des einen und universellen Sonntags der Weltmission zu betonen, heisst das zum Beispiel, dass es für alle Getauften wichtig ist, (mindestens) einmal im Jahr die Katholizität unserer Glaubensgemeinschaft bewusst zu erleben und zu feiern. Dazu gehört wesentlich die Erfahrung, dass wir letztlich alle eine Familie sind, miteinander unterwegs und füreinander verantwortlich, und dass wir alle Gebende und Nehmende sind.
Die direkten Beziehungen einzelner Pfarreien sind in sich sicher wertvoll. Doch wer sorgt für die vielen andern, die keine persönlichen Freunde und Beziehungen haben, die still und fast unbemerkt ihre Aufgabe erfüllen, aber Vieles nicht verwirklichen können, weil ihnen die materielle Hilfe fehlt? Deswegen ist es nicht richtig, wenn eine Pfarrei den Sonntag der Weltmission feiert, aber die Kollekte nicht an Missio weiterleitet, sondern in ihr eigenes Projekt fliessen lässt.
In anderen Bereichen haben wir dies längst eingesehen: Weil es nicht genügt, dass wir einigen alten Menschen, die wir kennen und um deren Bedürfnisse wir wissen, persönlich ein Almosen in die Hand drücken, hat die Schweiz Sozialwerke geschaffen. Und genau wie die AHV/IV für die Betagten und Behinderten ein Werk des Ausgleichs und der Gerechtigkeit darstellt, ist Missio ein zentraler Ausgleichsfonds, der es den Ortskirchen aller Welt durch finanzielle Unterstützung ermöglicht, die je eigene Missionsaufgabe in Würde wahrzunehmen. Diese Hilfe via Missio-Fonds ist notwendigerweise weniger persönlich als die Hilfe durch eine private Projekt-Partnerschaft, aber sie ist auch selbstloser und wird immer wichtiger. Denn es kann uns ja nicht daran gelegen sein, dass jeder asiatische oder afrikanische Bischof in die Schweiz kommt, um persönliche Wohltäter zu finden. In Dekanatsversammlungen hören wir immer öfter, dass die zunehmenden privaten Bittgesuche eine grosse Belastung bedeuten.
«Solidarität ist die feste und beständige Entschlossenheit, sich für das ÐGemeinwohlð einzusetzen, das heisst für das Wohl aller und eines jeden, weil wir alle für alle verantwortlich sind», sagt Papst Johannes Paul II. in «Sollicitudo rei socialis» (38). Alle für alle verantwortlich in der gemeinsamen missionarischen Aufgabe: das ist der Aufruf von Missio zum «Sonntag der Weltmission». Oder wie Missio sagt: Weltweit miteinander Kirche sein.

 

Der Mariannhiller-Missionar P. Damian Weber ist Direktor von Missio Schweiz-Liechtenstein.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000