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Leitartikel |
Begeben wir uns in Gedanken auf eine kleine Reise nach Umbrien und wandern
der gepflasterten Hauptstrasse entlang mitten durch Assisi, das auf einem
Hügel liegt. Der Weg führt an vielen mittelalterlichen Häusern
vorbei und steigt hart an. Wir entdecken die schmale Gasse, in der Francesco,
der Sohn des wohlhabenden Tuchhändlers Pietro Bernardone und seiner
Frau, Donna Pica, 1182 geboren worden ist. Stellen wir uns vor, wie dieser
einerseits als schmucker Jüngling auf dem Marktplatz die Stoffballen
seines Vaters verkauft, anderseits in Ritterkleidung, mit einem provenzalischen
Lied auf den Lippen, davonreitet: nach Perugia, nach Spoleto, Richtung Apulien,
im Traum eine Stimme vernimmt, die ihn umkehren heisst, worauf er am nächsten
Morgen nach Assisi heimkehrt. Ein anderes Mal kommt er am Kirchlein des
hl. Damian vorbei, das in baufälligem Zustand ist. Es drängt ihn,
einzutreten und vor dem Bild des Gekreuzigten zu beten, und er vernimmt
die Worte, die er als Weisung erachtet: «Franziskus, siehst du nicht,
wie mein Haus zerfällt? Geh hin und richte es wieder auf!» Zwar
fasst er diesen Befehl zunächst wörtlich auf, verkauft einen Tuchballen
aus dem väterlichen Geschäft und bringt den Erlös dem armen
Priester, der aus Furcht vor Bernardone das Geld gar nicht entgegennehmen
will, jedoch bereit ist, den jungen Mann eine Zeit lang bei sich aufzunehmen.
Franziskus fragt sich, was er tun solle, pilgert nach Rom zu den Gräbern
der Apostel, richtet den Blick voller Bewunderung auf Papst Innozenz III.,
der seit dem 8. Januar 1198 die Kirche leitet, mit Entschlossenheit in geistlichen
und weltlichen Dingen Ordnung zu schaffen versucht.
Die Armen und Besitzlosen beschäftigen Franziskus in zunehmendem Masse,
lassen ihn gewissermassen nicht mehr los. Wie er an einem Tag einen Bettler
abweist, der ihn um ein Almosen bat, macht er sich danach grosse Vorwürfe
und ruht nicht, bis er ihn aufgefunden und ihm eine Gabe gereicht hat. Ganz
allmählich begreift er die Tragweite der verschiedentlich erhaltenen
Weisungen, löst sich von seinen früheren Freunden, den prächtigen
Kleidern, dem ganzen Lebensstil, in dem er aufgewachsen ist, wie auch von
den üppigen Festen, die er zu feiern liebte. Franziskus wählt
die radikale Armut in allen Bereichen, erlebt Verständnislosigkeit,
Spott und Verhöhnung, schwört den Zorn des zutiefst enttäuschten
Vaters herauf. Erste Gefährten stellen sich ein, die wie der vermögende
Kaufmann Bernardo di Quintavalle und der angesehene Jurist Pietro Cattaneo
wie Franz selber aus dem gehobenen Bürgertum stammen. Sie veräussern
ihr Hab und Gut, verteilen es unter die Armen. Sie verstehen sich als Diener
der Mittellosen, Kranken, Hilfsbedürftigen und nennen sich «Frati
Minori» (Mindere Brüder). Sie suchen ihrerseits Menschen in Not
auf und realisieren ein ganz neues Sichtbarwerden der Kirche.
Franziskus will, dass er und seine Gefährten in äusserster
Anspruchslosigkeit, jedoch in Übereinstimmung mit den Grundforderungen
des Evangeliums leben. Sie verpflichten sich auf die Evangelischen Räte:
den Gehorsam, die Ehelosigkeit, die Armut sowie die Theologaltugenden: Glaube,
Liebe, Hoffnung. Die Verkündigung der christlichen Botschaft und die
eigene Glaubenspraxis gehören untrennbar zusammen. Einem Novizen, der
ihn fragt, ob er ein Psalmenbuch haben dürfe, antwortet Franziskus:
«Wenn du erst einmal den Psalter hast, wird es dich gelüsten,
auch ein ganzes Brevier zu haben; und hast du ein Brevier, so wirst du bald
gewichtig auf dem Katheder sitzen wollen wie ein gewichtiger geistlicher
Herr...», und er erklärt: «Denn wer ein Minderbruder sein
will, darf nichts besitzen als ein Gewand mit Gürtel und Beinkleid,
wie es die Regel vorschreibt, und wenn es unbedingt nötig ist, darf
er auch Schuhe tragen.»<1>
Allerdings ist der Anfang dieser neuen Bruderschaft sehr bescheiden: Der
Abt des Benediktinerklosters von Monte Subiaso überlässt den «Frati
Minori» das ärmliche Kirchlein «Maria di Portiuncula».
Die Ordensregel wird mehrmals umgeschrieben, weil sie von verschiedenen
Mitgliedern der neuen Gemeinschaft als zu streng empfunden wird. Erst am
29. November 1223 bestätigt sie Papst Honorius III.
In seinem Glaubenseifer begibt sich Franz von Assisi auch auf zwei Missionsreisen,
glaubt allen Ernstes, den Sultan Melek-el-Kâmil vom Islam zum Christentum
zu bekehren, wird von diesem jedoch samt den Gefährten freundlich aufgenommen.
Sein reines Gemüt überzeugt offenbar in einer Weise, dass ihm
niemand Böses antut. Seine Liebe schliesst alle Menschen, denen er
begegnet, jedoch auch die gesamte Natur mit den Tieren ein. Daher predigt
er den Vögeln, nimmt sogar den Wolf von Gubbio und dessen Versprechen
ernst, künftig weder andere Tiere noch Menschen zu gefährden,
gelobt ihm gleichzeitig, dass für seine Nahrung gesorgt werde, lässt
Tauben in die Freiheit, die auf dem Markt verkauft werden sollten, nicht
ohne sie zu ermahnen, sich nicht wieder fangen zu lassen. Sowohl einfache
Menschen als auch kirchliche Würdenträger wie Papst Innozenz III.,
Honorius III. und Kardinal Hugolino bringen dem Poverello Zuneigung entgegen.
Er bewirkt eine religiöse Erneuerung, die den ganzen Menschen, Geist,
Sinn und Gemüt erfasst. Diese «Minderen Brüder» wie
auch die Gefährtinnen der hl. Klara (Ordensgründung 1212) verbinden
den vielfachen Verzicht mit dem Gotteslob. Anderseits zieht sich Franziskus
zur inneren Sammlung oft in die Einsamkeit zurück, sucht das Bergland
von Rieti, die Einöde oberhalb Poggio-Bustone, eine Insel im Trasimenischen
See oder den Berg la Verna auf, wo er 1224 die Wundmale empfängt.
In Italien herrschen im Übrigen schwierige Zeiten: Da sind die vielen
kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Kaiser und Papst, zwischen einzelnen
Städten. Die geistlichen Orden haben an Bedeutung verloren. Unter den
Weltgeistlichen grassiert das Übel der Simonie: des Verkaufs geistlicher
Ämter, wie unter anderem Paul Sabatier, profunder Kenner der Materie,
in seinem Buch «Das Leben des Heiligen Franz von Assisi»<2> anmerkt. Zudem machen sich Ehrgeiz, Luxus,
Habsucht bei nicht wenigen geistlichen Würdenträgern breit. Die
«Frati Minori» aber ziehen durchs Land und erlangen offensichtlich
Glaubwürdigkeit, indem sie ihr Handeln mit den seit alters bekannten
Grundforderungen des Evangeliums in Einklang zu bringen suchen.
Wie Franz Bernardone als junger Mensch dem Spiel, dem Tanz und der Musik zugetan war, so liebte er zeitlebens, selbst bei grossen körperlichen Schmerzen, den Gesang. So dichtet er wahrscheinlich gegen das Jahr 1224, als er selber schwer krank und schon fast erblindet ist, seinen «Cantico di Frate Sole» oder «Cantico delle Creature», den «Sonnengesang», diktiert ihn einem seiner Mitbrüder. Darin erinnert Franziskus an die Sonne, den Mond, den Sternenhimmel, den er auf seinen Wanderungen so oft bestaunt hat, an den Wind, das Wasser aus Quellen, Bächen, an das Feuer, die Erde, die alle den Schöpfer, «mi Signore», wie er ihn nennt, lobpreisen. Er weist die Menschen an, in Harmonie mit der Natur, den Pflanzen und Tieren zu leben, die alle von Gott erschaffen worden sind und dartun, wie sehr dem Schöpfer Dank gebührt. Zudem sollen die Menschen einander verzeihen, Krankheit und Schicksalsschläge in Geduld ertragen, sagt er doch in der zweitletzten Strophe:
«Gepriesen seist Du, mein Herr, für jene,
die um Deiner Liebe willen verzeihen,
Krankheit und Bedrängnis erleiden.
Selig jene, die sie erdulden in Frieden;
denn von Dir, Erhabener, werden sie die Krone erlangen.»<3>
Die promovierte Romanistin Rosmarie Tscheer ist als Schriftstellerin und Übersetzerin tätig und erschliesst auch in Vorträgen und Kursen das spirituelle Erbe des romanischen Kulturraumes.
1 Franz von Assisi. Legenden und Laude, hrsg. u. erläutert von Otto Karrer, Manesse-Verlag/Conzett & Huber, Zürich 1949, 213. Das Werk ist 1997 in neuer, unveränderter Auflage herausgekommen.
2 Rascher Verlag,Zürich 1953, 53.
3 Eigene Übertragung aus dem Altitalienischen.