39/2000 | |
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Leitartikel |
Brücken bauen das ist für Libero Gerosa, seit dem 1.
September 2000 Rektor der Theologischen Fakultät Lugano, die grosse
Herausforderung, der er sich in seinem anspruchsvollen Amt stellen will.
Im Gespräch mit der SKZ erläuterte er nicht nur Sachverhalte und
erörterte er nicht nur Probleme, sondern liess auch spüren, dass
zu deren Lösung beizutragen ihm nicht nur Auftrag ist, sondern auch
Freude macht.
Das zeitlich nächstliegende Problem ist der Umzug der Theologischen
Fakultät auf den Campus der Universität der Universität
nicht des Tessins, sondern der italienischen Schweiz: Università
della Svizzera italiana (USI). Die Trägerschaft der USI hat vor gut
zwei Jahren für einen (neuen) Campus unter der Bedingung eine namhafte
Schenkung erhalten, dass auch die Theologische Fakultät dort ihren
Ort finden wird. Die Trägerschaft der Universität ist, anders
als bei den anderen Schweizer Universitäten, nicht der Kanton allein,
sondern eine vom Kanton Tessin, der Stadt Lugano und von Privaten errichtete
Stiftung wie die Trägerschaft der Theologischen Fakultät
eine Stiftung ist, in der die Ortskirche Lugano allerdings ein grosses Gewicht
hat. Die Stiftung hat mit der Fakultät eine Vereinbarung abgeschlossen,
wonach sie für das jährliche Budget der Fakultät von zurzeit
relativ bescheidenen rund 2 Mio. Franken aufkommt.
Das grösste Problem des Umzugs bildet die Bibliothek, weil die Theologische
als älteste Fakultät in Lugano und Nachfolgerin des früheren
Priesterseminars eine alte Bibliothek mit Beständen auch aus den Bereichen
Literatur und Kunst hat und die theologische Bibliothek auf dem Campus entsprechend
dem Dezimalsystem voll in die Universitätsbibliothek integriert wird.
Im Gegenzug wird der stellvertretende Direktor oder die stellvertretende
Direktorin ein Theologe oder eine Theologin sein; im Sinne des Brückenbauens
kann sich Rektor Gerosa dafür eine Fachperson auch aus der deutschen
Schweiz vorstellen. Der Bereich Theologie der neuen Universitätsbibliothek
wird im Sinne einer Präsenzbibliothek ausgestattet sein, und die mehr
kulturell relevante Literatur soll deshalb der Biblioteca Salita dei Frati,
der aussergewöhnlichen, der Öffentlichkeit zugänglichen Bibliothek
der Kapuziner in Lugano, übergeben werden. Hierbei wie überhaupt
beim ganzen Projekt der Zusammenführung hat Libero Gerosa bei den Zuständigen
der USI eine bemerkenswerte Dialogbereitschaft erfahren.
Im Campus, der in einem Jahr bezugsbereit sein sollte, wird die Theologische
Fakultät nicht nur logistisch im selben Raum sein wie die Universität,
sondern rechtlich und finanziell autonom mit den anderen Fakultäten
zusammenarbeiten. Dabei würde sich eine Zusammenarbeit, zum Beispiel
(neue) gemeinsame Studiengänge namentlich mit den Fakultäten für
Wirtschafts- und Kommunikationswissenschaften (Facoltà di scienze
economiche e Facoltà di scienze della comunicazione), geradezu aufdrängen,
wenn es den Fakultäten dem Ideal der Universität entsprechend
um die Integrität der menschlichen Person geht und nicht nur um eine
Berufsausbildung auf Hochschulebene. Anderseits kann sich Rektor Gerosa
eine Theologische Fakultät ausserhalb des allgemeinen Hochschul- und
Forschungssystems auch nicht vorstellen, wenn ihr am Wirklichkeitsbezug
gelegen ist. Am letzten Dies academicus der Theologischen Fakultät
Lugano hatte der inzwischen überraschend verstorbene Regierungsrat
Giuseppe Buffi als Erziehungs- und Kulturminister des Kantons Tessin dem
neuen Rektor diese Aufgabe nachdrücklich ans Herz gelegt: Ohne den
verstorbenen Bischof Eugenio Corecco gäbe es wohl die Theologische
Fakultät Lugano und ganz gewiss die USI nicht; dem neuen Rektor obliege
es nun, sich für die Einheit der akademischen Welt der italienischen
Schweiz einzusetzen, und diese Aufgabe traue er Libero Gerosa auch zu.
Rektor Gerosa ist die Zusammenarbeit aber auch innerhalb des schweizerischen
Hochschulsystems wichtig, mit den Theologischen Fakultäten der französischen
und wie der deutschen Schweiz und für ökumenische Belange auch
mit den ökumenischen Institutionen von Genf und Chambésy. Die
Theologische Fakultät Lugano ist denn auch Mitglied der Konferenz der
Theologischen Fakultäten der Schweiz, wenn auch bis zur staatlichen
Anerkennung ihrer akademischen Ausweise im Beobachterstatus. Um diese Zusammenarbeit
zu erleichtern, soll den Studierenden nicht nur italienisch-, französisch-
und deutschsprachige Literatur leicht zur Verfügung stehen und soll
nicht nur die Dreisprachigkeit der eigenen Publikationen gefördert
werden, sondern es sollen auch Lehrveranstaltungen mit Gastdozierenden in
drei Sprachen angeboten werden.
Studierende zählt die Theologische Fakultät Lugano zurzeit rund
250; von diesen absolvieren gut 120 als Immatrikulierte ein volles Theologiestudium.
Diese Studierenden kommen aus 21 Ländern; dass Lugano immer auch mehrere
Studierende aus Osteuropa hat, ist Rektor Gerosa so wichtig, dass er sich
persönlich einsetzt, um ihnen Stipendien vermitteln zu können.
Osteuropa ist Libero Gerosa nicht zuletzt wegen der Ostkirche wichtig, wegen
den ökumenischen Beziehungen zur Orthodoxie wie wegen den zwischenkirchlichen
Beziehungen zu den katholischen Ostkirchen. So hat er für die Reihe
«AMATECA»<1> nicht nur das
Lehrbuch Kirchenrecht<2> geschrieben, sondern
auch mit dem Ergänzungsband «Das Recht der Ostkirchen»<3> die erste deutsche Übersetzung des
Codex Canonum Ecclesiarum Orientalium (CCEO) veranlasst und mitverantwortet.
In den Blick kommen müssten über die Ostkirche hinaus die anderen
Weltreligionen. Dieser interreligiöse Dialog sei im Dienst des Friedens
unverzichtbar. Im Sinne des Aufrufs Papst Johannes Pauls II. anlässlich
seines Pastoralbesuches in der Schweiz, über den Zaun hinaus zu schauen,
gehe es hierbei um das gesamte Wohl der menschlichen Person und um das Wohl
aller Menschen.
Das hindere die Theologische Fakultät Lugano nicht daran, sich auch
in den Dienst vor Ort zu stellen, in den Dienst der Ortskirche wie, als
Teil der akademischen Welt, der Gesellschaft der italienischen Schweiz.
Die Tessiner und Tessinerinnen fühlten sich nämlich als Schweizer
und Schweizerinnen, betonte Libero Gerosa, und das bedeute für den
kirchlichen Bereich eine besondere Sensibilität für die Mitverantwortung
aller auf Pfarreiebene; ihm ist deshalb wichtig, zur Einführung der
Laiendienste im Bistum Lugano beitragen zu können, weshalb er auch
in der entsprechenden Arbeitsgruppe der Theologischen Kommission der Schweizer
Bischofskonferenz gerne mitarbeitet.
Zu theologischen Ausbildungsstätten Norditaliens bestehen nicht institutionelle,
sondern personelle Beziehungen. Das Priesterseminar des Erzbistums Mailand
bietet eine Seminarausbildung, die mit dem Lizentiat abgeschlossen werden
kann, während die akademische theologische Ausbildungsstätte Norditaliens
die Mailänder Facoltà di teologia dell'Italia settentrionale
ist. Inos Biffi zum Beispiel, Professor dieser Fakultät, leitet in
Lugano das Institut für Theologiegeschichte. Libero Gerosa will in
Lugano neben dem Rektorat sein Fach aber nicht nur dozierend vertreten,
sondern auch den theologischen Nachwuchs fördernd; zurzeit hat er bereits
zehn Interessenten aus verschiedenen Ländern darunter Ungarn,
Brasilien, Zaïre, Kamerun für das Promotionsstudium.
Als Kirchenrechtler hat sich Libero Gerosa auch mit Fragen beschäftigt,
die für die Schweiz von unmittelbarem Interesse sind, zum Beispiel
mit der Neueinteilung der Schweizer Bistümer.<4>
Dass mit ihm ein Tessiner, der Beziehungen zu allen Sprachregionen pflegt
und für Tessiner wie Schweizer Belange Interesse hat, an der Spitze
der Theologischen Fakultät Lugano steht, dürfte sie näher
auch an die Deutsche Schweiz rücken.
1 Die theologische Lehrbuch-Reihe AMATECA (Associazione Manuali di Teologia Cattolica) wurde von den damaligen Freiburger Professoren Christoph von Schönborn und Eugenio Corecco gegründet; Prof. Libero Gerosa gehört dem heutigen Herausgebergremium an. Die deutschsprachige Ausgabe erscheint im Bonifatius Verlag, Paderborn.
2 Band XII in der 5. Abteilung «Kirche»: Das Recht der Kirche, 1996, 354 Seiten.
3 Band II der AMATECA-Repertoria: Codex Canonum Ecclesiarum Orientalium. Gesetzbuch der katholischen Ostkirchen. Lateinisch-deutsche Ausgabe, 2000, 735 Seiten.
4 Die Errichtung des Erzbistums Vaduz und das Problem der Neueinteilung der schweizerischen Bistümer, in: Theologie und Glaube 89 (1999) 236246.