36/2000

INHALT

Leitartikel

Bettag in der Geld-Welt

von Josef Bieger-Hänggi

 

Der Unterschied könnte nicht krasser sein: Auf der einen Seite die zunehmende weltweite Spiritualitätswelle quer durch die Religionen und Schichten und auf der anderen Seite die auch bei uns immer grösser aufschiessenden Tempel des Konsums. Nun ist es aber nicht so, dass dieser abgrundtiefe Riss die Menschen ebenso abgrundtief trennen würde. Der Tempeldiener schlüpft beim Tempeleingang aus seinen Nike-Turnschuhen ebenso leicht, wie die junge Theologin den Gottesdienst «Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes» beginnt, um sogleich den Dank an die Sponsorfirma für den Blumenschmuck und das Festtagsmenü anzuschliessen; dann folgt, wahrhaft nötig, das «Herr, erbarme dich»... In der pluralen Welt gibt es kaum Berührungsängste zwischen Geistes- und Geldwelt, auch nicht in Rom. Also munter so weiter?

Globalisierte Welt

Die neuen Kommunikationstechniken verknüpfen die Welt von Tag zu Tag enger. Tante Emma erhält Konkurrenz aus der ganzen Welt. Und wo die Transport- und Informationskanäle, wie einst die Heerstrassen im Römischen Reich, einmal gelegt sind, da sind die Informations- und Geldströme weder zu kontrollieren noch aufzuhalten. Faszination und Angst liegen hier eng beieinander. Faszination, weil sich Gedanken und Waren grenzenlos über die Erde austauschen lassen. Angst, dass sich auf den gleichen Geleisen zerstörerische Mächte ebenso rasch und weit ausbreiten könnten; «I love you» lässt grüssen. Nicht die Globalisierung an sich ist böse: Jesus hat ja mit seinem Missionsbefehl genauso eine Globalisierung eingeleitet: «Darum geht nun zu allen Völkern der Welt...» (Mt 28,19). Sie kann ebenso das Gute schneller und wirksamer transportieren, etwa völkische Egoismen und Vorurteile überwinden helfen. Handel statt Krieg ist eine gute Perspektive. Nicht absehbar sind jedoch die Auswirkungen etwa auf schwächere Partner wie kleinere Länder oder Kleinbetriebe, die sich plötzlich nicht nur einem weltweiten Absatzmarkt, sondern ebenso einer weltweiten Konkurrenz gegenüber sehen. «Was ich im CD-Shop nicht erhalte, hol ich mir übers Internet aus Australien», so die Jugendlichen. Aber warum überhaupt noch in den Laden um die Ecke, wenns am Bildschirm rascher geht? Es kommt also noch mehr, und rascher als man denkt. Und damit ist die Frage nach den Akteuren gestellt, die der Menschheit solche Rasanz, Penetranz und Gigantik zumuten. Wohin dann mit den Ängsten? Gewiss nicht in die blinde Baseballschläger-Gewalt.
Das globale Wirtschaften wird sich daran messen lassen müssen, wie sehr es den Grundauftrag allen Wirtschaftens ermöglicht: den Bedarf zu einem menschenwürdigen Leben für möglichst alle Menschen zu decken, und nicht «massenhaft sinnloses Zeug», wie sich der Sozialethiker Hans Ruh ausdrückt, weltweit zu verschachern. Es wird aber in Zukunft auch daran geprüft werden müssen, wie weit es ein menschlich verkraftbares Lebensumfeld garantiert.

Marktwelt

Das Zauberwort vom Marketing ist längst nicht mehr die Lehre über das Feilbieten eines Produktes. Man hat längst dabei entdeckt, dass sich nicht nur Waren, sondern alles, was der Mensch hervorbringt, selbst seine Gefühle, nach einem materiellen Wert einschätzen und entsprechend vermarkten lässt. Eine solche Einschätzung mag manchem Berufsstand, auch in der Kirche, gar nicht schlecht anstehen und hilft, Weltfremdheit zu überwinden. Die grosse Gefahr beginnt dort, wo dieser Wert zur alleinigen Handlungsnorm wird. Die ausschliessliche Perspektive des Marktwertes wirkt sich insbesondere im Bereich des Lebendigen fatal aus: Kinder werden «teuer», bei älteren Kranken «rentiert» eine Behandlung nicht mehr. Der Satz, dass alles seinen Preis habe, wird neu und völlig anders Wirklichkeit.
Auch dagegen brauchen wir keine neue Ethik. Es genügt, von der Vergötzung des Marktes wegzukommen und auf einen Konsens über die menschenwürdigen und lebensfördernden Produkte hin zu arbeiten.

Geldwelt

Seit Jesus von Judas «versilbert» wurde, ist es uns klar, dass Geld die Welt regiert und alles nach ihm drängt. Was jedoch in jüngster Zeit passiert, scheint eine neue Dimension dieser Dominanz einzuläuten, die noch schwer fassbar ist. Wie ist es zu deuten, wenn ein paar Jugendliche mit ihrem Internetgeschäft am ersten Tag an der Börse Hunderte von Millionen reich werden? Was heisst das, wenn die Vergabe einer Telefonlizenz spannender wird und mit ihren Milliarden jedes Geschehen in einem Spielcasino in den Schatten stellt? Was bedeutet es, wenn das Verdienen von Geld immer weniger mit der geleisteten menschlichen Arbeit zu tun hat? Werden die Ungleichgewichte zwischen Arm und Reich noch stärker? Oder gelingt es ein paar gewieften Könnern aus armen Ländern, etwas vom Geldsegen zu sich zu holen? Kommt der Zeitpunkt, wo nicht nur der «Verkauf von Unternehmen und Unternehmensteilen», wie es in einem Firmenprospekt heisst, sondern auch der Verkauf von Menschen und Menschenteilen Alltag wird?
In diese Unsicherheit hinein gilt es für einen Rahmen zu kämpfen, der die Vergötzung des Geldes eindämmt, der es ermöglicht, moderne Lebensweisen mit den alten Anliegen der Menschenwürde zu verbinden. Ohne ein gelegentliches lautes Nein gegen diesen Machbarkeitswahn wird es wohl nicht abgehen.

Menschenwelt

Globalisiert und quantifiziert ist auch der seit Anfang dieses Jahrhunderts entstandene Schaden an unseren Lebensgrundlagen, an Energiequellen, an Wasser, an Luft. Nach den Aufsehen erregenden Berichten des Club of Rome und Global 2000 ist es um diese Fragen ruhiger geworden. Zwar wurden einige Massnahmen institutionalisiert, aber auch die alten Vorurteile gegen alles «Grüne» dürfen wieder unwidersprochen geäussert werden. Die modernen Technologien liessen hier einen Weg finden, wenn nur die notwendigen Mittel zu ihrer Weiterentwicklung eingesetzt würden. Dazu jedoch ist der politische Wille unabdingbar, denn Geld muss nicht nur erarbeitet, es muss auch bewilligt werden. Die Erhaltung bzw. Wiederherstellung der Lebensgrundlagen ist nun eine so evidente Aufgabe, dass dazu «alle Menschen guten Willens», wie Johannes XXIII. sich ausdrückt, dafür gewonnen werden können. Ebenso ist die Erhaltung der Lebensgrundlagen theologisch zentral, sodass es den Christen gut anstehen würde, hier eine Vorreiterrolle zu spielen. Die Vision von der Erde als einem Garten, der zu bebauen und zu bewahren ist, damit Gott und Menschen darin umhergehen können (Gen 2,8; 3,8), kann dazu Richtschnur sein. Sie bewahrt auch davor, eine finstere Verzichtswelt des «Du sollst nicht» anzustreben. Es soll eine Welt des «shalom» sein, des aktiven, lebensfrohen miteinander Zusammenlebens.
Es gibt schon Medienbischöfe, Jugendbischöfe, Militärbischöfe, warum eigentlich nicht einen Schöpfungsbischof, der sich die Erhaltung der Lebensgrundlagen zum Hauptanliegen macht?
Bis es so weit ist, bleibt uns das zu tun, wozu Besinnungstage da sind: zu danken für das Leben, zu bitten um Schutz und umzukehren, wo wir selbst uns auf die Wege der Geldwelt begeben haben, ­ und zu hoffen, dass unsere Besinnung nicht von einem Handy-Signal gestört wird...

 

Der Theologe und promovierte Sozialwissenschaftler Josef Bieger-Hänggi ist Redaktor des Basler Pfarrblattes.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000