36/2000 | |
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Leitartikel |
Der Unterschied könnte nicht krasser sein: Auf der einen Seite die zunehmende weltweite Spiritualitätswelle quer durch die Religionen und Schichten und auf der anderen Seite die auch bei uns immer grösser aufschiessenden Tempel des Konsums. Nun ist es aber nicht so, dass dieser abgrundtiefe Riss die Menschen ebenso abgrundtief trennen würde. Der Tempeldiener schlüpft beim Tempeleingang aus seinen Nike-Turnschuhen ebenso leicht, wie die junge Theologin den Gottesdienst «Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes» beginnt, um sogleich den Dank an die Sponsorfirma für den Blumenschmuck und das Festtagsmenü anzuschliessen; dann folgt, wahrhaft nötig, das «Herr, erbarme dich»... In der pluralen Welt gibt es kaum Berührungsängste zwischen Geistes- und Geldwelt, auch nicht in Rom. Also munter so weiter?
Die neuen Kommunikationstechniken verknüpfen die Welt von Tag zu
Tag enger. Tante Emma erhält Konkurrenz aus der ganzen Welt. Und wo
die Transport- und Informationskanäle, wie einst die Heerstrassen im
Römischen Reich, einmal gelegt sind, da sind die Informations- und
Geldströme weder zu kontrollieren noch aufzuhalten. Faszination und
Angst liegen hier eng beieinander. Faszination, weil sich Gedanken und Waren
grenzenlos über die Erde austauschen lassen. Angst, dass sich auf den
gleichen Geleisen zerstörerische Mächte ebenso rasch und weit
ausbreiten könnten; «I love you» lässt grüssen.
Nicht die Globalisierung an sich ist böse: Jesus hat ja mit seinem
Missionsbefehl genauso eine Globalisierung eingeleitet: «Darum geht
nun zu allen Völkern der Welt...» (Mt 28,19). Sie kann ebenso
das Gute schneller und wirksamer transportieren, etwa völkische Egoismen
und Vorurteile überwinden helfen. Handel statt Krieg ist eine gute
Perspektive. Nicht absehbar sind jedoch die Auswirkungen etwa auf schwächere
Partner wie kleinere Länder oder Kleinbetriebe, die sich plötzlich
nicht nur einem weltweiten Absatzmarkt, sondern ebenso einer weltweiten
Konkurrenz gegenüber sehen. «Was ich im CD-Shop nicht erhalte,
hol ich mir übers Internet aus Australien», so die Jugendlichen.
Aber warum überhaupt noch in den Laden um die Ecke, wenns am Bildschirm
rascher geht? Es kommt also noch mehr, und rascher als man denkt. Und damit
ist die Frage nach den Akteuren gestellt, die der Menschheit solche Rasanz,
Penetranz und Gigantik zumuten. Wohin dann mit den Ängsten? Gewiss
nicht in die blinde Baseballschläger-Gewalt.
Das globale Wirtschaften wird sich daran messen lassen müssen, wie
sehr es den Grundauftrag allen Wirtschaftens ermöglicht: den Bedarf
zu einem menschenwürdigen Leben für möglichst alle Menschen
zu decken, und nicht «massenhaft sinnloses Zeug», wie sich der
Sozialethiker Hans Ruh ausdrückt, weltweit zu verschachern. Es wird
aber in Zukunft auch daran geprüft werden müssen, wie weit es
ein menschlich verkraftbares Lebensumfeld garantiert.
Das Zauberwort vom Marketing ist längst nicht mehr die Lehre über
das Feilbieten eines Produktes. Man hat längst dabei entdeckt, dass
sich nicht nur Waren, sondern alles, was der Mensch hervorbringt, selbst
seine Gefühle, nach einem materiellen Wert einschätzen und entsprechend
vermarkten lässt. Eine solche Einschätzung mag manchem Berufsstand,
auch in der Kirche, gar nicht schlecht anstehen und hilft, Weltfremdheit
zu überwinden. Die grosse Gefahr beginnt dort, wo dieser Wert zur alleinigen
Handlungsnorm wird. Die ausschliessliche Perspektive des Marktwertes wirkt
sich insbesondere im Bereich des Lebendigen fatal aus: Kinder werden «teuer»,
bei älteren Kranken «rentiert» eine Behandlung nicht mehr.
Der Satz, dass alles seinen Preis habe, wird neu und völlig anders
Wirklichkeit.
Auch dagegen brauchen wir keine neue Ethik. Es genügt, von der Vergötzung
des Marktes wegzukommen und auf einen Konsens über die menschenwürdigen
und lebensfördernden Produkte hin zu arbeiten.
Seit Jesus von Judas «versilbert» wurde, ist es uns klar,
dass Geld die Welt regiert und alles nach ihm drängt. Was jedoch in
jüngster Zeit passiert, scheint eine neue Dimension dieser Dominanz
einzuläuten, die noch schwer fassbar ist. Wie ist es zu deuten, wenn
ein paar Jugendliche mit ihrem Internetgeschäft am ersten Tag an der
Börse Hunderte von Millionen reich werden? Was heisst das, wenn die
Vergabe einer Telefonlizenz spannender wird und mit ihren Milliarden jedes
Geschehen in einem Spielcasino in den Schatten stellt? Was bedeutet es,
wenn das Verdienen von Geld immer weniger mit der geleisteten menschlichen
Arbeit zu tun hat? Werden die Ungleichgewichte zwischen Arm und Reich noch
stärker? Oder gelingt es ein paar gewieften Könnern aus armen
Ländern, etwas vom Geldsegen zu sich zu holen? Kommt der Zeitpunkt,
wo nicht nur der «Verkauf von Unternehmen und Unternehmensteilen»,
wie es in einem Firmenprospekt heisst, sondern auch der Verkauf von Menschen
und Menschenteilen Alltag wird?
In diese Unsicherheit hinein gilt es für einen Rahmen zu kämpfen,
der die Vergötzung des Geldes eindämmt, der es ermöglicht,
moderne Lebensweisen mit den alten Anliegen der Menschenwürde zu verbinden.
Ohne ein gelegentliches lautes Nein gegen diesen Machbarkeitswahn wird es
wohl nicht abgehen.
Globalisiert und quantifiziert ist auch der seit Anfang dieses Jahrhunderts
entstandene Schaden an unseren Lebensgrundlagen, an Energiequellen, an Wasser,
an Luft. Nach den Aufsehen erregenden Berichten des Club of Rome und Global
2000 ist es um diese Fragen ruhiger geworden. Zwar wurden einige Massnahmen
institutionalisiert, aber auch die alten Vorurteile gegen alles «Grüne»
dürfen wieder unwidersprochen geäussert werden. Die modernen Technologien
liessen hier einen Weg finden, wenn nur die notwendigen Mittel zu ihrer
Weiterentwicklung eingesetzt würden. Dazu jedoch ist der politische
Wille unabdingbar, denn Geld muss nicht nur erarbeitet, es muss auch bewilligt
werden. Die Erhaltung bzw. Wiederherstellung der Lebensgrundlagen ist nun
eine so evidente Aufgabe, dass dazu «alle Menschen guten Willens»,
wie Johannes XXIII. sich ausdrückt, dafür gewonnen werden können.
Ebenso ist die Erhaltung der Lebensgrundlagen theologisch zentral, sodass
es den Christen gut anstehen würde, hier eine Vorreiterrolle zu spielen.
Die Vision von der Erde als einem Garten, der zu bebauen und zu bewahren
ist, damit Gott und Menschen darin umhergehen können (Gen 2,8; 3,8),
kann dazu Richtschnur sein. Sie bewahrt auch davor, eine finstere Verzichtswelt
des «Du sollst nicht» anzustreben. Es soll eine Welt des «shalom»
sein, des aktiven, lebensfrohen miteinander Zusammenlebens.
Es gibt schon Medienbischöfe, Jugendbischöfe, Militärbischöfe,
warum eigentlich nicht einen Schöpfungsbischof, der sich die Erhaltung
der Lebensgrundlagen zum Hauptanliegen macht?
Bis es so weit ist, bleibt uns das zu tun, wozu Besinnungstage da sind:
zu danken für das Leben, zu bitten um Schutz und umzukehren, wo wir
selbst uns auf die Wege der Geldwelt begeben haben, und zu hoffen,
dass unsere Besinnung nicht von einem Handy-Signal gestört wird...
Der Theologe und promovierte Sozialwissenschaftler Josef Bieger-Hänggi ist Redaktor des Basler Pfarrblattes.