35/2000 | |
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Leitartikel |
Am 13. Januar 2000 teilte der Bischofsrat der Diözese Chur der Öffentlichkeit mit, es müsse ernsthaft erwogen werden, die Theologische Hochschule Chur (THC) nach dem Studienjahr 2000/2001 vorläufig zu schliessen. Begründet wurde diese in Aussicht genommene Massnahme mit der bedrängten finanziellen Situation, der geringen Zahl der Studierenden und der allgemeinen Überkapazität an den theologischen Fakultäten der Schweiz. Der endgültige Entscheid wurde für den Frühsommer angekündigt. Nach eingehenden Beratungen entschied nun der Bischofsrat am 29. Juni, dass der Lehrbetrieb der THC nach dem Sommersemester 2001 doch weitergeführt werden soll. Von einer Expertenkommission werde ein neues Konzept der theologischen Ausbildung ausgearbeitet. Dessen Schwerpunkt solle die pastorale Ausrichtung bei Wahrung der akademischen Qualität sein.
Die Krise der THC hatte sich in den letzten Jahren angebahnt. Als kirchliche Hochschule konnte sie von der Churer Bistumskrise der Neunzigerjahre nicht unberührt bleiben. Nicht zuletzt weil sie das Vertrauen in weiten Teilen des Bistums verlor, sank die Zahl der Studierenden von 62 im Jahre 1990 auf 19 im Jahre 2000. Aus verschiedenen Gründen gesellten sich finanzielle Probleme dazu. Daher bestellte der neue Bischof Amédée Grab am 24. März 1999 zusammen mit dem Priesterrat eine Kommission, die alle Fragen rund um die Ausbildung der künftigen Seelsorger und Seelsorgerinnen im Bistum, besonders auch die Probleme, welche die Ausbildungsstätte in Chur selbst betreffen, studieren und Lösungen vorschlagen sollte. Als an der Sitzung vom 3. November dem Priesterrat ein erster Zwischenbericht dieser Kommission vorgelegt wurde, sprach er sich einstimmig für eine Weiterführung der THC aus. Da aber erst danach das ganze Ausmass der finanziellen Probleme deutlich wurde, erfolgte am 13. Januar 2000 überraschend die Mitteilung des Bischofsrates, für den Sommer 2001 müsse die Sistierung der THC in Aussicht genommen werden. Dass sich der Bischofsrat nach einer weiteren Sitzung des Priesterrates am 5. April, die das frühere Votum bestätigte, nun doch für die Weiterführung entschloss, ist das Resultat der breiten Unterstützung in der Seelsorgerschaft wie in der Öffentlichkeit am Standort Chur und im Bistum, aber auch gründlichen Abwägens.
Bei einer Schliessung oder Sistierung der THC wäre nicht in erster
Linie die Ausbildung der Churer Studierenden das Problem. Schliesslich stehen
in der Deutschschweiz mit Luzern und Freiburg zwei gute theologische Ausbildungsstätten
zur Verfügung, die durch ein paar zusätzliche Churer kaum überlastet
wären. Verlieren würde vielmehr neben dem Standort Chur vor allem
das Bistum. Es würde eine bistumseigene Stätte theologischer Reflexion
und ein Potenzial an spezialisierten theologischen Kräften verlieren,
die heute und morgen dringender als je gebraucht werden: für die Fort-
und Weiterbildung der Seelsorger und Seelsorgerinnen, für die Ausbildung
und Begleitung von neben- und ehrenamtlich mitarbeitenden Laien, für
das Mitdenken in diözesanen Kommissionen und Arbeitsgruppen usw. Vor
allem könnte die Churer Ausbildungsstätte wieder eine starke identitätsstiftende
Bedeutung für das Bistum bekommen, eine Funktion, die St. Luzi und
die THC in früheren Jahren eindeutig hatten.
Zu diesen bistumsbezogenen Gesichtspunkten kommen weitere, welche die Kirche
in der Schweiz überhaupt betreffen. Auf der Ebene der Hochschulbildung
zählen nicht nur Studierendenzahlen und finanzielle sowie kräftemässige
Effizienz. Eine gewisse Vielfalt ist der Uniformität in der Theologenausbildung
vorzuziehen. Auch eine kleine Hochschule hat eine Existenzberechtigung,
wenn sie Schwerpunkte setzt, die für das Leben der Kirche von Bedeutung
sind, und ein Ausbildungsangebot macht, das anderswo nicht in gleicher Weise
vorhanden ist. Eine Mindestzahl von etwa 50 Studierenden bleibt allerdings
Voraussetzung für einen erspriesslichen akademischen Betrieb.
Ausserdem: Ist es im Blick auf das sich wandelnde Verhältnis von Kirche
und Staat ratsam, die einzige theologische Hochschule der Deutschschweiz,
die in ausschliesslich kirchlicher Verantwortung steht, zu schliessen? Das
ist umso mehr zu bedenken, als in der Ausbildung für kirchliche Berufe
momentan manches in Bewegung ist. Neue Aus- und Weiterbildungsformen und
-ziele werden gesucht oder zeichnen sich für die Zukunft bereits ab,
darunter auch berufsbegleitende. Eine Schule, die in kirchlichen Händen
ist, hat mehr Bewegungsfreiheit, auf diese Entwicklungen einzugehen. Freilich
setzt das ein waches Auge für das Leben und die Bedürfnisse der
Kirche wie auch viel Mut zu innovativem Denken voraus. Gerade die theologische
Schule in Chur hat diese Fähigkeit zu neuen Schritten in den Jahren
vor und nach dem Konzil mehrfach unter Beweis gestellt. An diese Tradition
liesse sich anknüpfen.
Es gibt also viele und wichtige Gründe, die THC weiterzuführen und neu aufzubauen. Dafür müssen aber drei Voraussetzungen erfüllt werden: 1. Die Finanzierung muss längerfristig gesichert sein. 2. Die Zahl der Studierenden muss im Verlauf von ein paar Jahren auf etwa 50 Studierende erhöht werden können. 3. Die THC braucht ein Leitbild, das ihr ein eigenes Profil und damit einen eigenen Platz unter den theologischen Ausbildungsstätten in der Deutschschweiz gibt.
1. Was die Finanzierung betrifft, hat der Alarmruf des Bischofsrates vom Januar einiges in Bewegung gebracht. So wurde in Chur die Stiftung «Freunde der Theologischen Hochschule Chur» errichtet, die finanzielle und moralische Unterstützung mobilisieren will. In Gesprächen mit staatlichen und staatskirchlichen Instanzen werden Möglichkeiten eines finanziellen Mittragens überlegt. Von vielen Pfarreien, Kirchgemeinden, Seelsorgern und Gläubigen des Bistums wurden zum Teil namhafte Beiträge gesprochen. Ein Aufruf unter dem Motto «pro Katholik ein Franken im Jahr für die THC» fand ein gutes Echo. Zum jetzigen Zeitpunkt kann man zwar noch nicht sagen, dass die finanzielle Sicherstellung schon gewährleistet ist. Aber die unternommenen Anstrengungen und die angelaufenen Gespräche stimmen zuversichtlich, dass sich die finanzielle Seite des Problems lösen lässt.
2. Die Zahl der Studierenden zu erhöhen ist sicher die schwierigere Aufgabe, besonders da die Gesamtzahl der Theologen in der Schweiz (und darüber hinaus) sehr klein ist. Aber unmöglich sollte es nicht sein. Das erneuerte Vertrauen in die THC ist die Grundlage dafür, dass Seelsorger und andere das Studium in Chur wieder empfehlen. Das Niveau der theologischen Ausbildung muss dem der andern theologischen Fakultäten ebenbürtig sein, wenn auch nicht in der Vielfalt, so doch in der Qualität. Ausserdem muss das vorgesehene Leitbild der THC (vgl. 3.) zügig und kompetent umgesetzt werden. Dabei ist es wichtig, dass die Präsenz der THC in den Medien verbessert wird. Das beste Konzept wird niemanden anziehen, wenn es gar nicht bekannt wird.
3. Das eben erwähnte neue Konzept ist im Entschluss des Bischofsrates
vom 29. Juni genannt: Es ist an eine pastorale Ausrichtung der THC bei Wahrung
der akademischen Qualität gedacht. «Damit soll eine Antwort auf
die heutigen Anforderungen des kirchlichen Dienstes sowohl der Priester
wie der Laientheologen gegeben werden.» Beabsichtigt ist also eine
ganzheitliche Ausbildung für künftige Seelsorger und Seelsorgerinnen.
Das bedeutet, dass neben den theologischen Fächern, die auf keinen
Fall unterbewertet oder vernachlässigt werden dürfen, die praktische
Ausbildung wie auch die persönliche und spirituelle Formung bewusst
gepflegt werden sollen. Die enge Zusammenarbeit mit dem Seminar St. Luzi,
das wieder zum Bezugspunkt der Seelsorger und Seelsorgerinnen des Bistums
werden soll, und die kleine Zahl der Studierenden, die eine recht persönliche
Zusammenarbeit mit den Professoren ermöglicht, sind für diese
Ausrichtung der THC von grossem Vorteil. Auch dass der neue Regens des Priesterseminars,
Dr. Josef Annen, promovierter Pastoraltheologe ist, wird für dieses
Konzept eine Hilfe sein. Es entspricht mit Sicherheit einem Bedürfnis
in der Seelsorgerausbildung. Theologiestudierende wie auch Diözesen
und Orden, die eine solche ganzheitliche Seelsorgerausbildung im Rahmen
einer kleinen Hochschule suchen, sollen künftig in Chur an der richtigen
Adresse sein.
Das Gesagte macht deutlich, dass nicht nur geplant ist, die THC schlecht
und recht am Leben zu erhalten. Vielmehr soll in Chur eine Ausbildungsstätte
mit eigenem Profil entstehen, die in einer Zeit grosser Veränderungen
die Bedürfnisse der Kirche und der Seelsorge aufmerksam wahrnimmt und
versucht, darauf einzugehen. Dabei sollen neben dem akademischen Studium,
welches das «Kerngeschäft» bleibt, auch neue Formen der
Aus-, Fort- und Weiterbildung überlegt werden. Natürlich erfordert
das alles Zeit und sorgfältiges Planen. Aber die Arbeit soll zügig
an die Hand genommen werden.
Franz Annen, Professor für neutestamentliche Exegese und biblische Einleitung, ist Rektor der Theologischen Hochschule Chur.
Am 29. Juni 2000, am Fest der heiligen Apostel Petrus und Paulus, hat
der Bischofsrat des Bistums Chur beschlossen, dass der Lehrbetrieb der Theologischen
Hochschule Chur nach dem Sommersemester 2001 weitergeführt werden soll.
Er stützte sich dabei auf die Überlegungen der Ausbildungskommission,
welche der Bischof nach Anhörung des Priesterrates im Frühjahr
1999 eingesetzt hatte.
Der Kommissonsbericht sieht für Chur ein neues Konzept der theologischen
Ausbildung vor. Dessen Schwerpunkt ist die pastorale Ausrichtung bei Wahrung
der akademischen Qualität. Damit soll eine Antwort auf die heutigen
Anforderungen des kirchlichen Dienstes sowohl für Priester wie für
Laientheologen gegeben werden. Diese neue Studienordnung soll im Laufe des
Studienjahres 2000/2001 ausgearbeitet und ab Herbst 2001 schrittweise eingeführt
werden. Bischof Amédée Grab wird dafür eine eigene Expertenkommission
bilden.
Ebenso wird ab Herbst 2001 in Chur ein Einführungs- und Entscheidungsjahr
für Priesteramtskandidaten in erneuerter Form angeboten sowie Einführungswochen
für Laientheologen und Laientheologinnen, die sich in den Dienst des
Bistums stellen wollen. Zudem wird der Pastoralkurs und das Weihejahr weitergeführt.
Für den Bischofsrat ist nach wie vor klar, dass die Voraussetzung für
die Weiterführung des Lehrbetriebes der Theologischen Hochschule Chur
eine gesunde finanzielle Situation ist. Deren Sicherstellung ist noch grösstenteils
zu gewährleisten. Die Deckung des jährlichen Defizits muss bis
im Sommer 2001 sichergestellt sein. Die bereits unternommenen Anstrengungen
seitens mancher Bistumsangehöriger, Pfarreien und offizieller öffentlicher
Stellen geben dafür ein ermutigendes Zeichen. Der Bischofsrat erwartet
aber, dass in den nächsten Monaten weitere und genügende Finanzquellen
erschlossen werden.
Im kommenden Wintersemester 2000/2001 nimmt an der Theologischen Hochschule
Chur (THC) Dr. theol. habil. Eva-Maria Faber, geb. 1964 in Osnabrück,
die Lehrtätigkeit als neue Professorin für Dogmatik und Fundamentaltheologie
auf. Sie ist nach Prof. Dr. phil. Margrit Erni, die Psychologie und Pädagogik
dozierte und 1984 emeritiert wurde, erst die zweite Frau auf einem Lehrstuhl
der THC und die erste in einem eigentlichen theologischen Fach.
Frau Faber studierte ihre Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität
in Münster, am Institut Catholique in Toulouse und an der Albert-Ludwigs-Universität
in Freiburg i.Br. In Freiburg promovierte sie 1992 bei Prof. Gisbert Greshake
mit einer Dissertation über die ekklesiologischen Entwürfe von
Romano Guardini und Erich Przywara<1>.
Als wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Dogmatik und Ökumenische
Theologie in Freiburg sammelte sie dann erste Lehrerfahrungen. In dieser
Zeit entstand auch eine inzwischen bereits umfangreiche Liste von Publikationen,
die sich mit Guardini und Przywara, aber auch einem breiten Spektrum weiterer
theologischer Themen beschäftigen. Neben der akademischen Tätigkeit
engagierte sich Frau Faber auch in der kirchlichen Erwachsenenbildung. Die
Schweiz lernte sie im Sommersemester 1996 näher kennen, als sie einen
Lehrauftrag für Sakramenten-Theologie an der Theologischen Fakultät
in Luzern wahrnahm. 1998 wurde sie in Freiburg i.Br. für die Fachgebiete
Dogmatik und Ökumenische Theologie habilitiert, und zwar mit einer
Arbeit zum Thema der Vermittlung von Gott und Mensch in der Theologie Johannes
Calvins<2>. Die Theologie Calvins will
sie auch weiterhin zu einem ihrer Forschungsschwerpunkte machen und hofft,
dafür im Gespräch mit ihren Kollegen in der Schweiz, nicht zuletzt
auch mit reformierten Theologen, zu profitieren.
Die Ernennung von Frau Professor Faber ist ein erstes deutliches Zeichen,
dass der vom Bischofsrat des Bistums Chur am 29. Juni 2000 beschlossene
Neuaufbau der THC ernst gemeint ist und in Gang kommt. Mit ihr gewinnt die
THC nicht nur eine in der deutschsprachigen Theologie bereits renommierte
Wissenschaftlerin und akademische Lehrerin, sondern auch eine Theologin,
die bereits Erfahrung in der Erwachsenenbildung und in der Fortbildung von
Seelsorgern und Seelsorgerinnen mitbringt. Diese Kombination entspricht
dem neuen Konzept, das der THC einen eigenen Platz unter den theologischen
Ausbildungsstätten in der Deutschschweiz verschaffen soll. «Dessen
Schwerpunkt ist die pastorale Ausrichtung bei Wahrung der akademischen Qualität»
(Beschluss des Churer Bischofsrates vom 29. Juni 2000). Die eingehende wissenschaftliche
Beschäftigung von Frau Faber mit Calvin verstärkt ausserdem die
ökumenische Ausrichtung, die ein weiteres Ziel des Neuaufbaus der THC
ist, die noch vermehrt das Gespräch und die Zusammenarbeit mit der
evangelischen Kirche und evangelischen Theologen suchen möchte.
1 Veröffentlichung: Kirche zwischen Identität und Differenz. Die ekklesiologischen Entwürfe von Romano Guardini und Erich Przywara = StSSTh 9, Würzburg (Echter Verlag) 1993.
2 Veröffentlichung: Symphonie von Gott und Mensch. Die responsorische Struktur von Vermittlung in der Theologie Johannes Calvins, Neukirchen-Vluyn (Neukirchener Verlag) 1999.