33-34/2000 | |
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Leitartikel |
Im Ausland und im Inland war 1999 ein Jahr der grossen Katastrophen.
Kolumbien und die Türkei wurden von schweren Erdbeben heimgesucht,
im Kosovo und in Osttimor zwangen schlimme Kriege die Mehrheit der Bevölkerung
zur Flucht, im indischen Bundesstaat Orissa hinterliess ein Wirbelsturm
ein Bild der Zerstörung. Kaum je seit dem Zweiten Weltkrieg haben in
einem einzigen Jahr so viele schreckliche Ereignisse rund um den Globus
stattgefunden und unzählige Menschen in Not, Verzweiflung und Elend
gestürzt.
Auch unser eigenes Land blieb von Naturkatastrophen nicht verschont. Im
Februar und März haben verschiedene Lawinenniedergänge alles,
was nicht niet- und nagelfest war, mit ins Tal gerissen. Im Mai haben Schmelzwasser
und starke Regenfälle zu Überschwemmungen geführt. Und im
Dezember schliesslich hat der Sturm Lothar Wälder zerstört, Häuser
abgedeckt und ein Bild der Verwüstung hinterlassen. Wie im Ausland
reagiert Caritas Schweiz auch im eigenen Land vielfältig auf Katastrophenereignisse:
Einerseits leisten wir finanzielle Überbrückungshilfen, um Notsituationen
zu entschärfen. Andererseits hilft Caritas Schweiz dort, wo Schäden
nicht durch Versicherungsleistungen und Subventionen gedeckt sind.
Vor allem aber organisieren wir auch Freiwilligeneinsätze für
Aufräumarbeiten. Im letzten Jahr halfen tausend Freiwillige, das Kulturland
nach den Lawinenniedergängen von Schutt und Geröll zu befreien.
Freiwilligeneinsätze sind eine unabdingbare Ergänzung zur Arbeit
der öffentlichen Institutionen. Diese würden gar nicht über
die nötigen Kapazitäten verfügen, um alle anfallenden Aufgaben
zu übernehmen.
Nicht nur nach Katastrophen leisten Freiwillige eine unverzichtbare Arbeit
im Dienst der Gesellschaft. Seit siebzehn Jahren organisiert Caritas Schweiz
auch Freiwilligeneinsätze in den Berggebieten unseres Landes. Bergbauern
leisten eine beschwerliche Arbeit, deren Erlös oft nicht viel mehr
als das Existenzminimum einbringt. Wenn sich dazu noch eine Renovation oder
ein Neubau von Haus und Stall aufdrängt, gelangen die Familien oft
an die Grenzen ihrer Möglichkeiten. Um die finanzielle Belastung möglichst
tief zu halten, sind sie gezwungen, eine grosse Eigenleistung bei den Bauarbeiten
zu erbringen. Caritas Schweiz fördert die Selbsthilfe der Bergbauernfamilien
mit der Anwerbung und Vermittlung von Freiwilligen. Jährlich werden
bis zu 2700 Freiwillige an über 100 Bergbauernfamilien vermittelt.
Die geleistete Arbeit beläuft sich auf rund 16000 Arbeitstage. Ohne
diese Freiwilligen, die gewissermassen ihre Arbeitskraft spenden, wäre
die Realisierung mancher Bauvorhaben in der Berglandwirtschaft gar nicht
möglich.
Aber nicht nur die Bergbauernfamilien profitieren von den Freiwilligeneinsätzen.
Auch für die Freiwilligen selber ist ein solcher Einsatz eine bereichernde
Lebenserfahrung. Sie lernen den Bergbauernalltag mit seinen Freuden und
Nöten kennen, und oft entstehen lang anhaltende Freundschaften. Die
Freiwilligen stammen aus allen Berufen. Es sind Frauen und Männer zwischen
18 und 80 Jahren, Lehrlinge, Studenten und Pensionierte, Büroangestellte
und Handwerker, Schweizerinnen und Schweizer, die ihre Freizeit oder ihre
Ferien für einen guten Zweck einsetzen, aber auch Ausländer/Ausländerinnen
und Asyl Suchende.
Eine unschätzbare Arbeit leisten Freiwillige auch in einem ganz
anderen Bereich in der Begleitung von schwer kranken und sterbenden
Menschen. Caritas Schweiz setzt sich dafür ein, schwer kranken und
sterbenden Menschen trotz Krise und Abhängigkeit ein Leben in Würde
und Selbstbestimmung zu ermöglichen. Darum hat das Hilfswerk schon
vor vielen Jahren das Programm «Begleitung in der letzten Lebensphase»
gestartet, das von der Stiftung St. Meinrad in Einsiedeln namhaft unterstützt
wird. Zentrale Elemente dieses Programms, das in enger Zusammenarbeit mit
den Regionalen Caritasstellen realisiert wird, sind der Aufbau und die Begleitung
von Freiwilligengruppen, unter anderem durch ein zielgerichtetes Bildungsangebot.
Zahlreiche Gruppen im ganzen Land begleiten kranke Menschen und bereiten
sie auf den Tod vor. Das Engagement dieser Freiwilligen, das viel menschliche
Nähe und eine grosse Beziehungsfähigkeit erfordert, kann kaum
in Worte gefasst werden.
Wie die drei dargestellten Beispiele zeigen, arbeitet Caritas Schweiz schon
seit Jahren mit Freiwilligen zusammen. Seit einiger Zeit beschäftigt
uns aber auch die Frage, ob wir unser Engagement in diesem Bereich weiter
ausdehnen sollen. Aus diesem Grund haben wir vor rund zwei Jahren eine Machbarkeitsstudie
in Auftrag gegeben, die aufzeigen sollte, ob überhaupt noch ein Potenzial
an neuen Freiwilligen besteht und was mögliche innovative Einsatzfelder
wären. Die Ergebnisse der Studie deuten darauf hin, dass durchaus ein
erhebliches Potenzial von Personen besteht, die bisher noch keine Freiwilligeneinsätze
geleistet haben und interessiert sind, freiwillig tätig zu sein. Erstaunlicherweise
gehören dazu vor allem Personen unter 40 Jahren.
Als mögliches neues Einsatzfeld schlägt die Studie die Zusammenarbeit
mit Firmen vor. Konkret sollen Firmen für ein «aktives Sozialengagement»
gewonnen werden, indem sie Zeit und Know-how von Mitarbeitenden für
soziale Aufgaben einsetzen. Ziel eines solchen «aktiven Sozialengagements»
der Firmen, wie es vor allem im angelsächsischen Raum schon lange und
erfolgreich praktiziert wird, ist es auch, die verschiedensten Bevölkerungsgruppen
miteinander in Kontakt zu bringen und so das Verständnis und die Verantwortung
für das gesellschaftliche Zusammenleben zu fördern.
Die positiven Ergebnisse der Machbarkeitsstudie haben uns dazu bewegt, ein
Pilotprojekt in diesem Bereich zu starten. Die Vorbereitungen dazu laufen
auf Hochtouren. Das «Firmenprojekt» soll anfangs 2001, zu Beginn
des UNO-Jahrs der Freiwilligen, lanciert werden. Das Projekt gehört
gleichzeitig auch zu jenen zahlreichen Jubiläumsaktivitäten, die
wir im nächsten Jahr aus Anlass des 100jährigen Bestehens von
Caritas Schweiz begehen werden.
Bereits umgesetzt haben wir eine andere Empfehlung der Machbarkeitsstudie,
die Einrichtung einer Fachstelle für Freiwilligenarbeit. Aufgabe dieser
Fachstelle, die vor kurzem ihre Arbeit aufgenommen hat, ist es, die zahlreichen
Freiwilligenaktivitäten innerhalb von Caritas Schweiz und mit den Regionalen
Caritasstellen zu koordinieren und als Drehscheibe für alle Fragen
im Zusammenhang mit der Freiwilligenarbeit zu fungieren. Dazu gehört
namentlich auch der Einsatz für eine bessere gesellschaftliche Anerkennung
der Freiwilligenarbeit, wie sie Hubert Kausch an dieser Stelle vor kurzem
skizziert hat.<1> Das UNO-Jahr der Freiwilligen
wird dazu, in Zusammenarbeit mit anderen sozialen Organisationen, eine einmalige
Chance bieten.
Jürg Krummenacher ist Direktor der Caritas Schweiz; am letzten Sonntag im August wird in allen Schweizer Pfarreien das Opfer für die Caritas Schweiz aufgenommen.
Impulsveranstaltung zum UNO-Jahr der Freiwilligen am 4. Dezember 2000, 9.4517.00 Uhr, in der Propstei Wislikofen. Die Tagung richtet sich an kirchliche Behörden und Verbände, Mitarbeiter/Mitarbeiterinnen von Fachstellen, Pfarreileiter/-leiterinnen und weitere Interessierte aus der römisch-katholischen Kirche in der deutschen Schweiz. Die Veranstalter/Veranstalterinnen sind das Projekt «Vergeld's Gott», das Regionaldekanat Bistumsregion Aargau, die Katholische Frauenstelle Aargau und Caritas Aargau, bei denen auch Prospekte erhältlich sind.
l «Vergeld's Gott» die Freiwilligenarbeit aufwerten, in: SKZ 168 (2000) Nr. 2728, S. 429f. Verfasst wurde dieser Beitrag von Hubert Kausch und Regula Haag. In der Veröffentlichung wurde der Name von Regula Haag versehentlich nicht genannt, dafür Hubert Kausch, der Theologe auf der «Fachstelle Diakonie», die die Caritas Aargau führt, zum Leiter der Caritas Aargau «befördert»; inzwischen wurde Kurt Brand zum neuen Leiter der Caritas Aargau gewählt (Anmerkung der Redaktion).