31-32/2000 | |
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Leitartikel |
Jede(r) ein Sonderfall?» Der Titel einer Untersuchung<1>
aus den neunziger Jahren beschreibt noch heute treffend die Seelsorgesituation
in der Schweiz. Nicht nur in der religiösen Praxis, sondern auch gesamtgesellschaftlich
schreitet der Individualisierungsprozess voran. Erkennbar ist dies etwa
an der Auffassung, dass sich Solidarität individuell lohnen muss oder
gesellschaftliches Engagement einen persönlich weiterbringen soll.
Der individuelle Nutzen steht im Vordergrund. Dass Menschen rein altruistisch
handeln könnten, wird gar nicht (mehr) in Betracht gezogen, weil der
(ursprünglich methodische) Individualismus des ökonomistisch geprägten
Denkens solches nicht zulässt.
Auf der anderen Seite gibt es Globalisierung, Grösse und Firmenzusammenschlüsse.
Diese erleben die Menschen aber häufig als Bedrohung, und viele, besonders
weniger ausgebildete und ältere Frauen und Männer, stehen hilflos
und ohnmächtig den Folgen dieser neuen «Gemeinschaftsbildung»
gegenüber. Der Rückzug in die eigenen vier Wände, den eigenen
noch übersichtlichen Lebensbereich bietet sich oft als
letzten gangbaren Weg an, und mehr oder weniger widerwillig nimmt die «Sonderfall-Seelsorge»
diese Bewegung auf. Gleichwohl ertönt im kirchlichen Umfeld gut begründet
der Appell zu Gemeinschaft und Teilen. Doch dieser verhallt so oft nach
dem Gottesdienst, spätestens aber nach dem Pfarreiapéro oder
dem Erstkommunion-Gruppenbild in der leeren Kirche oder auf dem Kirchplatz.
Gleichzeitig nagen enttäuschte Erwartungen am Elan vieler seelsorgerischer
Einzelkämpferinnen und -kämpfer. In der Tat sind die Zeiten vorbei,
in denen kirchliche Appelle auf offene Ohren stiessen und die Massen bewegten.
Die Frage ist, ob angesichts des geschilderten Befunds der Ruf in den Kirchen
nach Gemeinschaft und Solidarität genügt oder ob noch andere Wege
möglich sind.
Christliche Existenz kann gesehen werden als Leben im Spannungsdreieck gebildet aus Bibel, Liturgie und Handeln. Die Grundbewegung erstreckt sich dabei vom Geschenk (des Wortes Gottes in der Schrift) über dessen Erhalt (in der liturgischen Feier) zur Antwort im (nun dankbar motivierten) Handeln, wobei ähnlich dem hermeneutischen Zirkel kein Element ohne Beeinflussung durch die beiden andern weder gedacht noch gelebt werden kann. Überbetonung oder Fehlen eines der drei Elemente führen zu Einseitigkeiten. Das Salz in der Suppe geht verloren. So droht Handeln ohne biblische Grundlage und dankbarem Feiern zu einem «flachen» Humanismus oder zur Ideologie zu werden, Bibelbezug ohne Handeln zum Intellektualismus und ohne Liturgiebezug zum Dogmatismus, während Liturgie ohne Wortbezug zum fundamentalistischen Schwärmertum und ohne Handlungsbezug zu einem «bodenlosen» Glauben verkommt, wohin gerade die in jüngster Zeit in der Kirche geführten Diskussionen über Zölibatsverpflichtung und «Recht» auf Eucharistiefeier in Gemeinden abzugleiten drohen.
Nun ist es aber keineswegs so, dass in Kirchgemeinden und Pfarreien,
von Christinnen und Christen nichts getan wird. Im Gegenteil lässt
sich vielfältiges und phantasievolles christliches Engagement feststellen.
Und doch glaube ich einen Mangel festzustellen, der meines Erachtens sowohl
mit der innerkirchlichen Diskussion wie mit der Gesellschaftssituation zusammenhängt.
Dieser Mangel äussert sich darin, dass trotz Appellen an das Gemeinschaftliche
sozial- und somit strukturethische Fragestellungen im Pfarreialltag ein
Mauerblümchendasein fristen.
Kirche in der Schweiz sollte vor diesem Hintergrund vermehrt auf nationaler
Ebene, vor allem aber auch in den Pfarreien, sozialethische und damit strukturelle
Gesellschaftsfragen aufgreifen, um auf diese Weise das Gemeinschaftselement
quasi von aussen in die Kirchen hineinzutragen. Gerade die katholische Soziallehre
hat seit ihrem Bestehen diese gesellschaftliche Dimension christlichen Handelns,
weil das biblisch-christliche Menschenbild den Menschen nicht nur als Individuum,
sondern wesentlich auch als aktiven und gestaltenden Teil der Gesellschaft
sieht, immer wieder in den Vordergrund gerückt und Hilfen erarbeitet,
die es erlauben, Fragen der (weltweiten) Gerechtigkeit, aber auch Strukturen
und das Handeln von Institutionen, Staaten oder Unternehmen bzw. derer Gremien
zu thematisieren. Es bedeutet, Ängste und Sorgen der Menschen angesichts
individualisierter Lebensgeschichten und gleichzeitig unübersichtlich
werdender Globalisierungsfolgen aufzugreifen, diese auf die Dimension der
Gerechtigkeit und Strukturen hin zu analysieren und im Lichte der Bibel,
der christlichen Soziallehre und der Liturgie zu thematisieren und gemeinsam
Handlungsoptionen zu erarbeiten.
Mit dem Sozialinstitut hatte die KAB (Katholische Arbeitnehmerinnen- und
Arbeitnehmer-Bewegung) der Schweiz in den 60er Jahren eine Institution geschaffen,
die unter anderem solche Themen aufnahm und im Rahmen der sich damals entwickelnden
Erwachsenenbildung in die Pfarreien trug. In der Zwischenzeit hat sich sowohl
die Erwachsenenbildungslandschaft wie auch jene katholischer Bewegungen
stark verändert. Das Sozialinstitut der KAB blieb davon nicht unberührt.
So betonen die neuen Leitlinien aus dem Jahre 1999 die Informations- und
Öffentlichkeitsarbeit zu sozialpolitischen Fragestellungen auf der
Basis der christlichen Sozialethik und katholischen Soziallehre und legen
nebst der Weiterbildung von KAB-Mitgliedern einen Schwerpunkt auf Vernetzung
und Kooperation. Auf diese Weise sollen Fragen aus dem Spannungsfeld von
Gesellschaft, Kirche und Arbeitswelt fundiert sozialethisch thematisieren
werden können. Vor diesem Hintergrund habe ich die Arbeit als Leiter
des Sozialinstituts mit viel Zuversicht aufgenommen und die ersten hundert
Tage haben mich darin bestätigt, dass der Blick auf Strukturen und
gesellschaftspolitische Fragen durch die «christliche Brille»
nicht nur nötig, sondern auch erwünscht ist. Dies bedeutet, auf
Pfarreiebene für die strukturelle Seite von Problemen zu sensibilisieren
und sich gleichzeitig in gesellschaftlich prägende Grossunternehmen,
Staat und Politik christlich motiviert einzumischen.
Der Theologe Thomas Wallimann ist seit dem 1. November 1999 Leiter des Sozialinstituts der KAB (Katholische Arbeitnehmerinnen- und Arbeitnehmer-Bewegung) Schweiz. Seine Dissertation trägt den Titel «Kontroverser Drogenkonsum Kontroverse Drogenpolitik. Versuch einer ethischen Orientierung aus christlicher Perspektive» und sollte im Herbst im Verlag der SFA, Lausanne, in Buchform erscheinen.
Am Mittwoch, den 23. August 2000, findet in den Räumen des Sozialinstituts der KAB Schweiz an der Ausstellungsstrasse 21 (beim Busparkplatz hinter dem Hauptbahnhof) in Zürich ein Tag der offenen Tür statt. Von 16.00 bis 20.00 Uhr wollen Institutsrat und Institutsleitung nicht in erster Linie Büroräumlichkeiten zeigen, sondern ausgehend von kurzen Impulsen einen Gedankenaustausch zu aktuellen sozialpolitischen Themen anregen (vgl. auch www.sozialinstitut-kab.ch).
1 Jede(r) ein Sonderfall? Religion in der Schweiz. Ergebnisse einer Repräsentativbefragung, hrsg. von Alfred Dubach und Roland J. Campiche, Zürich/Basel 1993.