27-28/2000 | |
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Leitartikel |
Das UNO-Jahr der Freiwilligen 2001 wirft seine Schatten voraus. Es will
den Beitrag, den Freiwillige an des Gelingen des Zusammenlebens leisten,
ins Bewusstsein bringen. Die Rahmenbedingungen für die ungezählten
Einsätze von Freiwilligen sollen verbessert werden. Auch innerhalb
der Kirchen wird das Engagement von Männern und Frauen seit einiger
Zeit unter dem Aspekt der «neuen» Freiwilligenarbeit bearbeitet.
Das Projekt «Vergeld's Gott» der Aargauer Landeskirchen zum
Beispiel ist seit nunmehr drei Jahren mit dem Ausweisen und Aufwerten des
Engagements von Freiwilligen befasst. Dieser Beitrag stellt die zentralen
Ergebnisse der ersten Projektphase dar, beschreibt den Stand des Projektes
in der jetzt aktuellen zweiten Phase und formuliert schliesslich einige
offene Fragen, die aus der Arbeit am Projekt heraus erwachsen sind.
Ausgehend von den Forderungen der ersten Schweizer Frauensynode 1995 in
St. Gallen nach einer Umverteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit
nimmt das Projekt «Vergeld's Gott» Impulse von Frauen und Männern
an der kirchlichen Basis auf, die sich dafür einsetzen, die gesellschaftlich
notwendige Gesamtarbeit zwischen Männern und Frauen neu zu verteilen.
Unter dieser Hinsicht ist das Projekt zuerst ein Gleichstellungsprojekt.
Das Projekt «Vergeld's Gott» wird getragen von den Frauenstellen
der Aargauischen Landeskirchen, dem Aargauischen Katholischen Frauenbund,
der Schweizerischen Evangelischen Frauenhilfe, Sektion Aargau, und von der
Caritas Aargau. Mit dem Projekt gewähren die Kirchen ihren Pfarreien
und Kirchgemeinden den Experimentierraum für die Suche nach angemessenen
Anerkennungsformen und Arbeitsmodellen. «Vergeld's Gott» versteht
sich in erster Linie als Motivations- und Unterstützungsprojekt, das
möglichst breite Wirkung, auch über die Kirchen hinaus, entfalten
soll.
Die erste Projektphase von 1997 bis 1999 erfasste die von Freiwilligen in
insgesamt 8 reformierten Kirchgemeinden und 9 römisch-katholischen
Pfarreien geleistete Arbeit. Während vier Wochen dokumentierten rund
1000 Freiwillige minutiös die von ihnen ausgeführten Aufgaben
und die dafür eingesetzte Zeit. Diese 1000 Frauen und Männer brachten
es während vier Wochen auf insgesamt rund 17000 Stunden Einsatzzeit,
was etwa vier Stunden pro Woche und Person ausmacht.
Aus den Ergebnissen<1> überrascht
am wenigsten, dass 80% der Freiwilligen in den Kirchen Frauen sind. Altersmässig
stellen die 4065-Jährigen den Hauptanteil an Freiwilligen. In
der Altersgruppe der 2639-Jährigen sind das fast ausschliesslich
Familienfrauen. Knapp jede zweite dieser Frauen ist neben Haus- und Familienarbeit
noch erwerbstätig (durchschnittlich bis 35%-Anstellungen). Zwei Drittel
der Freiwilligen sind finanziell gut gestellt. Mit 11% sind die jungen Erwachsenen
zahlenmässig zwar nur gering vertreten, dafür weisen sie einen
doppelt so hohen Männeranteil auf wie die übrigen Altersgruppen.
Auffallend in der Erhebung war das durchschnittlich höhere Bildungsniveau
der Frauen, die im Aargau kirchliche Freiwilligenarbeit leisten: im Vergleich
zu ihren Geschlechtsgenossinnen im kantonalen Durchschnitt verfügen
vier mal mehr über einen Fachhochschul- oder Universitätsabschluss.
Aus der Beschreibung der Tätigkeiten der Freiwilligen wurden insgesamt
fünf Tätigkeitsgruppen gebildet. Im Tätigkeitsbereich «Diakonie»
wie im Bereich «Gemeinschaft und Bildung» sind fast ausschliesslich
Frauen am Werk. Nur wenige Freiwillige sind in neueren Formen diakonischen
Engagements in den Pfarreien anzutreffen (etwa Arbeitslosentreff, Begleitung
von Asylsuchenden und Flüchtlingen); Besuchsdienste und Altersarbeit
überwiegen. Mit 35% der gesamthaft geleisteten Zeit ist «Gemeinschaft
und Bildung» mit Abstand der wichtigste Bereich, darin 19% Jugendarbeit,
die von 6% der Freiwilligen bestritten wird.
Im Bereich Liturgie sind alle Altersgruppen nahezu gleich stark vertreten.
Bedeutendste Motivationsquelle für jüngere Freiwillige, namentlich
Mütter und Väter von kleinen Kindern, ist hier das Gemeinschaftserlebnis.
Offensichtlich ist Gemeinschaft in den Gottesdienstformen Familiengottesdienst,
Kleinkindergottesdienst und «Chrabbelfir» besonders gut erlebbar.
Kirchliche Ämter und die Mitarbeit in Behörden und Kommissionen
werden anteilmässig überdurchschnittlich von Männern mittleren
Alters (2665 Jahre) wahrgenommen.
Bleiben wir bei den Motiven, so wird sichtbar, dass den meisten kirchlichen
Freiwilligen sowohl der Austausch mit anderen als auch die religiöse
Überzeugung Anlass zum Engagement gibt. Weniger bedeutsam sind das
Engagement für ein bestimmtes Problem, das Gemeinschaftserlebnis und
der uneigennützige Dienst an der Kirche. Fazit: kirchliche Freiwilligenarbeit
ist zu 80% Frauenarbeit.
Daraus resultierten folgende Forderungen: Die Leistungen von Freiwilligen
sollten vermehrt sichtbar gemacht werden, beispielsweise als Eigenleistung
in Jahresrechnungen von Kirchgemeinden. Weiterbildungsangebote für
Freiwillige sollten besser koordiniert und ausgebaut werden. Vor allem sollten
sie dem Bildungsniveau, den Ressourcen und Bedürfnissen der Frauen
gerecht werden. Für viele Frauen ist die kirchliche Freiwilligenarbeit
Sprungbrett für einen beruflichen Wiedereinstieg nach an einer längeren
Familienphase. In diesem Zusammenhang ist es zweckmässig, die Freiwilligentätigkeit
auszuweisen, beispielsweise in einem Ausweis für Freiwilligenarbeit
(«Sozialzeitausweis»).
Letztere Forderung war Ausgangspunkt für die Arbeit in der zweiten
Projektphase, die 1999 begann und bis 2001 dauern wird. Die Hauptarbeit
dieser Phase gilt der Entwicklung eines solchen Ausweises für kirchliche
Freiwilligenarbeit. Neu daran ist, dass den Freiwilligen nicht nur ihre
Tätigkeit und der zeitliche Umfang, sondern auch die im Rahmen der
Tätigkeit erworbenen Schlüsselqualifikationen bestätigt werden.
Damit trifft die Projektgruppe bei vielen Frauen und Jugendlichen an der
Basis auf starkes Interesse. Die inhaltlich qualifizierende Einsatzbestätigung
ist zuallererst auch eine Form der Anerkennung.
Die Arbeit im Projekt «Vergeld's Gott» über mehr als drei
Jahre hat eine Reihe ungelöster Fragen zu Tage gefördert, die
diskutiert und beantwortet werden wollen.
Neben den zahlreichen Aspekten rund um dürftige Rahmenbedingungen sind
grundsätzlichere Fragen aufgebrochen.
Mit der Erfassung der Einsatzzeiten wurde die Projektgruppe mit der Problematik
des «Messens» konfrontiert: die Quantifizierung von Engagement
steht in einer inneren Spannung zum Freiwilligkeitsaspekt des Engagements.
Der Charakter der «geschenkten Zeit» verbietet eigentlich, darauf
zu schauen, wieviel geschenkt wird. Kritiker des Projektes warnen vor einer
«Ökonomisierung» und damit vor einer «Verwertung»
des freiwilligen Engagements, auch im Hinblick auf knapper werdende Steuergelder
in den Kirchen.
Die Kritik weist im Kern auf einen zentralen Punkt in der Arbeit des Projektes
hin: Das gewandelte Verständnis von kirchlichem Helfen und von kirchlichem
Engagement, wie es vor allem in den Motiven zum Ausdruck gekommen ist, verlangt
nach einer theologischen Reflexion, die bislang noch aussteht. Eine Tagung
in der Propstei Wislikofen am Vorabend zur Eröffnung des UNO-Jahres
möchte einen Beitrag an dieses Defizit leisten.<2>
Der Theologe Hubert Kausch leitet die Caritas Aargau.
1 Projekt Vergeld's Gott. Freiwilligenarbeit in den Aargauer Kirchen. Schlussbericht 1999; dieser Bericht kann bezogen werden bei: Katholische Frauenstelle Aargau, Klosterstrasse 12, 5430 Wettingen, sowie: Caritas Aargau, Postfach, 5001 Aarau.
2 Zukunftskriterium Freiwilligenarbeit. Impulsveranstaltung zum
UNO-Jahr der Freiwilligen am 4. Dezember 2000, 9.4517.00 Uhr, in der
Propstei Wislikofen.
Die Tagung richtet sich an Funktionsträger/Funktionsträgerinnen
in kirchlichen Behörden und Verbänden, Mitarbeiter/Mitarbeiterinnen
von Fachstellen, Pfarreileiter/Pfarreileiterinnen und weitere Interessierte
aus der römisch-katholischen Kirche in der deutschen Schweiz.
Zur Sprache kommen der theologische Wandel im Verhältnis von kirchlichem
Engagement, das Verhältnis AngestellteFreiwillige, Impulse zur
Aufwertung der Freiwilligenarbeit. Die Veranstalter/Veranstalterinnen sind
das Projekt «Vergeld's Gott», das Regionaldekanat Bistumsregion
Aargau, die Katholische Frauenstelle Aargau und Caritas Aargau.
Prospekte sind bei der Propstei (5463 Wislikofen, Telefon 056-2431355) erhältlich;
sie nimmt auch die Anmeldungen entgegen.