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Leitartikel |
In der Schrift «Attente de Dieu» («Warten auf Gott»)
aus Manuskripten und Briefen von Simone Weil 1950 in den «Editions
du Vieux Colombier» und 1966 in der Librairie Arthème Fayard,
Paris, neu aufgelegt, lesen wir auf Seite 100 dieser Ausgabe: «Das
Unglück ist eine Entwurzelung ... Wirkliches Unglück liegt nur
dann vor, wenn das Ereignis, das ein Leben ergriffen und entwurzelt hat,
es mittelbar oder unmittelbar in allen seinen Teilen, in seinem sozialen,
psychologischen und physischen Wesenskern getroffen hat. Der soziale Faktor
ist ausschlaggebend. Nur dort gibt es wirklich ein Unglück, wo auch
in irgendeiner Form ein sozialer Abstieg oder die Furcht vor einem solchen
vorliegt ... Das grosse Rätsel des menschlichen Lebens ist nicht das
Leiden, sondern das Unglück.»
Daraus folgert Simone Weil, dass das Unglück Gott eine Zeit lang abwesend
sein lasse und es in dieser Abwesenheit nichts gebe, das man lieben könnte,
das Schreckliche aber darin bestehe, dass die Seele in dieser Finsternis,
wo nichts mehr liebenswert sei, Gefahr laufe, aufzuhören zu lieben,
womit die völlige Abwesenheit Gottes endgültig werde. Sie rät
daher eindringlich, dass die Seele fortfahren müsse, ins Leere hineinzulieben
oder mindestens lieben zu wollen, sei es auch nur mit dem winzigsten Teilchen
ihrer selbst («Il faut que l'âme continue à aimer à
vide, ou du moins à vouloir aimer, fût-ce avec une partie infinitésimale
d'elle-même», S. 103).
In diesem 19411942 verfassten Text erkennen wir das unglaublich entschlossene
Engagement dieser jungen Frau für Menschen, die wie Arbeiter, Vertriebene
und Flüchtlinge nicht frei über ihr Leben verfügen können,
vielmehr von anderen Menschen abhängen. Nach Simone Weil geht diesen
Bedauernswerten der Blick für die Schönheiten dieser Welt und
der Sinn ihres Lebens verloren. Sie fallen aus der Solidarität mit
den übrigen Menschen heraus; und indem ihnen durch das Unglück
die Liebesfähigkeit abhanden kommt, gehen sie auch der vertikalen Verbindung
mit Gott verlustig. Sie stürzen in etwas, was fast der Hölle gleichkommt.
Wir begegnen hier einem sehr ähnlichen Gedanken wie im «Tagebuch
eines Landpfarrers» von Georges Bernanos (18881948), für
den die Hölle ein Synonym für nicht mehr lieben ist («L'enfer
c'est ne plus aimer»).
Mit fünfzehn Jahren besteht die am 3. Februar 1909 geborene Simone
Weil den ersten Teil des Maturitätsexamens in Latein und Griechisch,
ein Jahr später in Philosophie. Im Herbst 1928 schafft sie den Eintritt
in die «Ecole Normale Supérieure» in Paris. Mit erst
2212 Jahren besteht sie die «Agrégation», das Staatsexamen,
und wird Lehrerin für das Fach Philosophie. Sie unterrichtet unter
anderem in Le Puy, wo sie mit Gewerkschaftern Kontakt aufnimmt, sich beim
Bürgermeister für Arbeitslose einsetzt und an Demonstrationen
für ihrer Meinung nach berechtigte Forderungen der Arbeiter teilnimmt.
Dabei wird sie einmal für kurze Zeit verhaftet und vor die Schulbehörde
geladen. Schon seit geraumer Zeit interessiert sie sich, ja begeistert sie
sich für sozialistische Ideen, teilt ihr Einkommen mit Arbeitslosen
und gibt Arbeiterkindern unentgeltlichen Unterricht.
Obgleich sie häufig krank ist und immer wieder unter schlimmen Kopfschmerzen
leidet, versieht sie vorübergehend die Arbeit einer Akkordarbeiterin
und sogar einer Fräserin. Eine Zeit lang bringt sie auf einem Bauernhof
zu. Nach der Machtergreifung Hitlers kümmert sie sich um politische
Flüchtlinge aus Deutschland. Im Mai 1942 entschliesst sie sich nach
grossem inneren Widerstand, mit ihren Eltern nach New York auszureisen.
Sie selber kehrt jedoch im November nach Europa zurück, fährt
nach England und ist ab Mitte Januar 1943 für die «Forces de
la France libre» tätig. Sie hegt ausserdem den Wunsch, als Partisanin
nach Frankreich zu kommen. Mit ihren Aufsätzen und Betrachtungen bleibt
es indessen beim geistigen Widerstand gegen Hitler. Am 24. August 1943 stirbt
Simone Weil in Ashford an Herzversagen, verursacht durch Auszehrung und
Lungentuberkulose. Aus dem brennenden Mitgefühl mit den Hungernden
und Verfolgten hat sie ihre eigene Ernährung vernachlässigt.
Wie sie selber bezeugt, entstammt Simone Weil einer Familie aus dem liberalen
Judentum, die zudem agnostischen Ideen nachhängt. Irgendwann aber hat
sie angefangen, sich mit christlichen Lehren zu befassen. Bereits als Lehrerin
am Lycée in Bourges 1935 besucht sie häufig die Frühmesse
in der Kathedrale. Die Karwoche und Ostern 1938 erlebt sie zusammen mit
ihrer Mutter in der Benediktiner-Abtei Saint-Pierre in Solesmes. Simone
Weil liebt das ganze liturgische Geschehen, ganz besonders die Eucharistiefeier.
Anderseits liest sie seit 1940 das indische Sanskritepos «Mahabhgrata»,
das ins 4. Jahrhundert vor Christus zurückgeht, begeistert sich für
Plato und Homer, in denen sie Sänger der Gottesliebe erkennt, schreibt
Übersetzungen und philosophische Abhandlungen, widmet sich Studien
über die Katharer, über die sie unter dem Pseudonym Emile Novis
Artikel verfasst.
Seit Mitte September 1940 befindet sie sich in Marseille, nimmt im März
1941 an einem Treffen der «Christlichen Arbeiterjugend» teil,
arbeitet für die Résistance, wird im April/Mai 1941 mehrmals
von der Polizei verhört, doch immer wieder auf freien Fuss gesetzt.
In dieser Zeit lernt sie den Dominikaner-Prior Jean-Marie Perrin kennen,
mit dem sie intensive Glaubensgespräche führt. Mit grosser Aufrichtigkeit,
mit kritischem Geist, jedoch auch mit der ihr eigenen Hartnäckigkeit
setzt sie sich mit der katholischen Glaubenslehre und der Kirche auseinander,
schreibt dem Dominikanerpater Briefe, in denen sie aus ihrer harschen Kritik
an der historischen Vergangenheit der Kirche (Verfolgung der Katharer, Inquisitionsprozesse)
keinerlei Hehl macht.
Sie lässt ihn auch wissen, dass nicht er ihr Christus nahe gebracht
hat, sondern dass Christus selber sie ergriffen habe. In ihrem letzten Brief
vor ihrer Abreise aus Frankreich berichtet sie ihm, dass sie zuvor die Frage
nach Gott nie gestellt habe, weil sie der Ansicht war, dass die einzige
sichere Methode, eine falsche Lösung zu vermeiden, darin bestehe, die
Frage nach Gott nicht zu stellen. Sie schreibt, dass sie Gott zu keinem
Zeitpunkt gesucht habe, dass Christus sie jedoch ganz plötzlich wie
ein Gebieter und gleichzeitig unverkennbar seine Liebe spüren liess,
sie sich ihm aber noch eine Zeit lang wenigstens halbwegs verweigert habe:
«Denn es schien mir gewiss, und ich glaube es auch heute noch, dass
man Gott nie genug widerstehen kann, wenn es aus reiner Sorge um die Wahrheit
gesschieht...»<1>
Obwohl Simone Weil von dieser Gottesliebe offenbar zuinnerst berührt
und erfasst worden ist wie die Mystiker und Mystikerinnen, diese Liebe von
und für Christus vollumfänglich bejaht, kommt sie zum Schluss,
dass sie allein schon wegen all den Menschen, die «ausserhalb der
Kirche sind», ebenfalls «draussen bleiben müsse».
Allein der Gedanke, dass sie nach der Taufe jemals einen einzigen, kleinen
Zweifel, dass der Schritt richtig und von Gott gewollt war, haben könnte,
ist ihr zutiefst unerträglich, erschreckt sie, obzwar sie diesen Schritt
dennoch für möglich hält.
Wir wissen nicht, was sich in den letzten Minuten ihres Lebens zwischen
ihr und Gott ereignet hat, zweifellos aber erscheint sie uns in vielen ihrer
Texte als eine wunderbare Künderin der Gottesliebe.
Die promovierte Romanistin Rosmarie Tscheer ist als Schriftstellerin und Übersetzerin tätig und erschliesst auch in Vorträgen und Kursen das spirituelle Erbe hauptsächlich des romanischen Kulturraumes.
1 «Attente de Dieu», aaO. S. 45f.