25/2000 | |
INHALT | |
Leitartikel |
Die Ökumenische Konsultation ist bald abgeschlossen. Der Vorschlag
für einen ökumenischen Kirchentag an der expo.02 ist versandet.
Da stellt sich die Frage, wie es die Kirchen mit gemeinsamen christlichen
Anliegen in Zukunft halten wollen. Die Gruppe, die während zwei Jahren
die GRAZette herausgebracht hat, will mit einer neuen Idee den ökumenischen
Austausch fördern.
Seit den 60er Jahren gilt bei den Kirchen mit zunehmender Selbstverständlichkeit
der Grundsatz, dass nicht getrennt getan werden soll, was gemeinsam möglich
ist. Im Entwurf der Charta Oecumenica vom Juli 1999 wird dieser Grundsatz
in folgende Worte gefasst: «Wir verpflichten uns, die Begegnung miteinander
zu suchen, füreinander da zu sein und so weit wie möglich zusammenzuarbeiten.»
Als gemeinsame Arbeitsgebiete gelten seit den 60er Jahren die Entwicklungsarbeit
und das Friedensengagement. Beispielhaft planen in der Schweiz Fastenopfer
und Brot für alle seit Jahrzehnten ihre Fastenaktion gemeinsam. Auf
weltweiter Ebene bestand über mehrere Jahre die beim Ökumenischen
Rat der Kirchen (ÖRK) beheimatete Organisation Sodepax (Society, Development,
Pax), deren Trägerschaft der ÖRK und die Römisch-katholische
Kirche gemeinsam bildeten.
Der Elan der ökumenischen Zusammenarbeit erlahmte auf internationaler
Ebene in der Folge relativ rasch. Der Aufruf zur Beteiligung an einem «konziliaren
Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung»
(GFS) ging 1983 allein vom ÖRK aus. Einzig auf europäischer Ebene
beteiligte sich die römisch-katholische Kirche mit dem Rat Europäischer
Bischofskonferenzen (CCEE) am konziliaren Prozess. Die Erste Europäische
Ökumenische Versammlung «Frieden in Gerechtigkeit» fand
in Basel im Jahre 1989 statt. Zum ersten Mal seit dem Basler Konzil von
1431 fanden sich damit wieder alle europäischen Kirchen an einer gemeinsamen
Konferenz zusammen.
Mit den Programmworten «Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung»
wird unterstrichen: Kein Frieden ist dauerhaft, der nicht Gerechtigkeit
zur Voraussetzung hat. Ebenso kann keine Gerechtigkeit unter den Menschen
dauerhaft sein, die nicht die Bewahrung der Schöpfung miteinbezieht.
Die Basler Versammlung weckte in breiten Kreisen der Bevölkerung die
Erwartung, dass die Kirchen sich vermehrt gemeinsam zu den brennendsten
Weltproblemen äussern würden. Bereits im Basler Schlussdokument
wurde eine weitere Versammlung auf europäischer Ebene zur gegenseitigen
Rechenschaftsablage angeregt. Dieses Treffen fand nach dem Fall der Mauer
unter völlig anderen Voraussetzungen 1997 im österreichischen
Graz statt.
In Basel hatten die im Gang befindlichen Veränderungen in Europa grosse
Hoffnungen geweckt. In Graz traten die durch das Ende des Kalten Krieges
aufgebrochenen alten und neuen Konflikte wieder vermehrt in den Vordergund:
die Kriege in Ex-Jugoslawien, die Konflikte zwischen westlichen und orthodoxen
Kirchen in Bezug auf den Proselytismus, die unterschiedliche Wahrnehmung
der Frauenfrage bei den evangelischen und den orthodoxen bzw. der römisch-katholischen
Kirche. Dementsprechend dominierten diese kontroversen Fragen auch in den
Medien. An den Rand gedrängt wurden in der Berichterstattung die Bereiche,
in denen ökumenische Übereinstimmungen möglich sind: Die
Bewahrung der Schöpfung, die Gerechtigkeitsfrage und die Zustimmung
zu einem grösseren kirchlichen Friedensengagement. In den Grazer Schlussdokumenten
sind diese Themen zentral.<1>
«Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung: Diese Programmworte werden von den christlichen Kirchen inzwischen als Leitlinien für eine umfassende christliche Sozialethik anerkannt», schreibt die Nationalkommission Justitia et Pax in ihrer neuesten Broschüre.<2> Gerade in einer Gesellschaft, die nach ethischer Orientierung sucht, ist es für die Kirchen von ausserordentlicher Wichtigkeit, an ihrem GFS-Engagement glaubwürdig festzuhalten. Die Programmworte «GFS» sind seit den 80er Jahren weit über die engere Gemeinschaft der Kirchenglieder hinaus bekannt geworden und werden mit einem glaubwürdigen gesellschaftlichen Engagement der Kirchen verbunden. Sie tauchen glücklicherweise im Entwurf für die Charta Oecumenica wieder auf,<3> und auch der Schweizerische Evangelische Kirchenbund SEK will «für die Nachhaltigkeit des ökumenischen Prozesses für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung» sorgen<4>.
Heute stellt sich allerdings die Frage, wie das gemeinsame Engagement der Kirchen in der Schweiz nach dem Abschluss der Ökumenischen Konsultation weitergehen könnte. Die Projektgruppe «Graz Follow-up», die seit der Grazer-Versammlung mit der GRAZette das GFS-Engagement in der Schweiz weiter begleitete, stellt nach zwei Jahren das Erscheinen der Kleinzeitschrift ein. Mit dem Fehlen ökumenischer Anlässe auf schweizerischer Ebene mache auch die Herausgabe eines Rundbriefes wenig Sinn, meint die Projektgruppe. Sie gelangte an Ostern mit einem Schreiben an die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in der Schweiz (AGCK) und regt stattdessen an, jährlich zu einer nationalen ökumenischen Jahreskonferenz mit wechselnden Themen einzuladen. Ziel der Konferenz solle die Pflege der ökumenischen Beziehungen und der Austausch zwischen Kirchenleitungen, kirchlichen Werken sowie weiteren Interessierten aus Pfarreien und Kirchgemeinden sein, damit nach innen und aussen gezeigt werden kann: Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung sind auch weiterhin zentrale ökumenische Anliegen. Der Vorschlag ist so offen formuliert, dass er auch unter veränderten Bedingungen Bestand haben kann. Es bleibt zu hoffen, dass die Kirchenleitungen auf ihn eingehen und die Gelegenheit auch künftig wahrnehmen, gegenüber der Öffentlichkeit ihr gemeinsames Engagement für eine lebenswerte Zukunft sichtbar zu machen.
Kurt Zaugg-Ott ist reformierter Theologe und leitet die Arbeitsstelle der Oekumenischen Arbeitsgemeinschaft Kirche und Umwelt OeKU in Bern.
1 Vgl. Versöhnung: Gabe Gottes und Quelle neuen Lebens. Dokumente der Zweiten Europäischen Ökumenischen Versammlung in Graz, Graz 1998.
2 Ethik und Energiepolitik, J+P Text 1/00, S. 11. Papst Johannes Paul II. steht voll hinter dieser Sichtweise: «Jeder ist aufgerufen, seinen Platz in diesem friedlichen Kampf einzunehmen, den es mit friedlichen Mitteln zu führen gilt, um die Entwicklung zusammen mit dem Frieden zu erreichen sowie auch die Natur selbst und unsere Umwelt zu retten. Auch die Kirche fühlt sich ganz und gar auf diesen Weg verpflichtet, auf dessen glücklichen Ausgang sie hofft.» Enzyklika «Sollicitudo rei socialis» (1987) 47.
3 Die Selbstverpflichtungen im Kapitel «Völker und Kulturen versöhnen, Schöpfung bewahren» können mit den Worten «Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung» umschrieben werden. Vgl. Charta Oecumenica, Genf/St. Gallen, 1999, S. 5.
4 Die «Legislaturleitlinien 19992002 des Rates» des SEK sind im November 1999 von der Abgeordnetenversammlung gutgeheissen worden. Vgl. S. 5.