23-24/2000 | |
INHALT | |
Leitartikel |
Welche Vorstellungen verbinden sich heute für Kinder mit dem «Heiligen
Geist», falls sie durch Liturgie und Religionsunterricht mit den entsprechenden
biblischen Texten in Verbindung gekommen sind?
Ich bin in einer religiösen, kirchlich orientierten katholischen Familie
aufgewachsen. Der «Heilige Geist» aber war für mich eine
blasse und nebensächliche Erscheinung. Ich kannte seine Symbole wie
Feuerzungen und Taube. Allerdings konnte ich eine Nähe zu den zahlreichen
Tauben auf den Bauernhöfen meines Heimatdorfes nicht erkennen. Das
weisse Vöglein begegnete mir, wie Geister, in Märchen. Geister
und Gespenster bewohnten als fantastische, unheimliche oder hilfsbedürftige
Gestalten eine andere Welt.
Fest des überquellenden Lebens in der Natur, an wieder langen Tagen
von der Sonne gespeist. Fest der kraftvollen, der prallen Farben, die den
Sommer ankündigten. Fest, das Zeit gewährte für Spaziergänge
unter dem grünen Himmel des Waldes, für Besuche bei den Grosseltern
an den Nachmittagen. Nach Jahrzehnten meines Lebens an verschiedenen Orten,
in verschiedenen Landschaften, geleitet mich die Erinnerung wieder in Alleen
mächtiger Rotdornbäume, die in leuchtenden Blütenwolken zu
schweben schienen. In meiner schlesischen Heimat hiessen diese roten Wunder
«Pfingströsel». Sie leuchteten uns auch vom Hochaltar unserer
Dorfkirche entgegen.
Die grossen, vielblättrigen Gesichter der Pfingstrosen, kraftvolle
Schönheiten kannte ich selbstverständlich auch, und heute bewundere
ich sie freudig im eigenen Garten. An den Feldrainen, zwischen den Getreidehalmen
das pfingstliche Feuer des Mohns. Rot! Farbe, die Freude in uns auslöst,
Herzklopfen, Sehnsucht. Farbe prallen Lebens und Reifens, Farbe des Blutes,
der Liebe.
Liebe von klein auf erfahren wir es im Menschsein, je älter wir
werden, umso bewusster ereignet sich nicht in der Ein-samkeit. Liebe
vollzieht sich in der Zuwendung. Liebe strömt vom Ich zum Du, vom Du
zum Ich, Liebe sucht und braucht Gemeinschaft. Die göttliche Liebesgemeinschaft,
die uns Menschen sucht, so lehren die christlichen Kirchen, ist die heilige
Dreifaltigkeit: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Obwohl wir spüren,
Gott ist unfassbar, unerklärbar für uns Menschen, bricht unsere
Sehnsucht immer wieder auf, um sich dem göttlichen Geheimnis in Bildern
zu nähern. Anders ist es uns nicht möglich. In unserer Seele steigen
die Bilder auf. Das hat sich seit Jahrtausenden nicht geändert.
Geändert, das heisst eingeschränkt, hat die fortschreitende Dogmatisierung
der römisch-katholischen Kirche göttliche Fülle auf ausschliesslich
männliche Bilder. Von der göttlichen Liebesgemeinschaft mit der
Weisheit (Sophia), der wir im Ersten Testament begegnen können, erfuhren
und erfahren wir sporadisch in liturgischen Lesungen. Hat dieses Aussparen
auch mit dem «alleinseligmachenden» Anspruch christlicher Kirchen
zu tun, der sich sensiblem Hinschauen ebenso in der Bezeichnung «Altes
Testament» für die heiligen Schriften der Juden zeigt?
Ich bin dankbar für die Forschung christlicher Theologinnen, die uns
die ursprüngliche weibliche Gotteskraft «rûah» wieder
ent-deckt haben. Jesus lebte als gläubiger Jude aus den heiligen Schriften
seines Volkes. Ihm war die heilige rûah vertraut als Lebenskraft,
Lebensatem, Wind, Energie, Vitalität. Es handelt sich dabei nicht nur
grammatisch um eine weibliche Form, sondern, darauf weist Helen Schlüngel-Straumann
hin: «Die ganze Welt, der Hintergrund dieser Vorstellung wurde als
weiblich erfahren. ... Denn Leben und alles, was das Leben fördert,
bewegt und in Schwung bringt, war weibliche Angelegenheit.»<1>
Erst durch die Übersetzung aus dem Aramäischen ins Griechische
wurde aus der weiblichen rûah der neutrale Begriff «pneuma»,
während beim Übertragen ins lateinische «spiritus»
der weibliche Ursprung bald gänzlich verloren ging. Als rein männliche
Grösse zeigt sich uns «Spiritus Sanctus», der Heilige Geist.
Sprache spiegelt immer Denkweisen und Herrschaftsverhältnisse wider.
Es ist gut, ja not-wendig, von Verengung, Verlusten zu den Wurzeln zurückzukehren.
Jesus liebt und verkündet die heilige rûah als Lebensspenderin,
indem er zu Nikodemus sagt: «Wer nicht neugeboren wird aus dem Wasser
und der rûah, kann nicht in das Reich Gottes eingehen» (Joh
3,5). Lassen wir diese jesuanischen Worte auf uns wirken. Wasser, Lebenselement
im weitesten Sinn. Alles Leben hat sich im Wasser entwickelt. Jedes Menschenkind
wächst im Fruchtwasser seiner Mutter heran, bis es von ihr geboren
wird. Gebärmutter, Mutterschoss, Barmherzigkeit haben im Hebräischen
den gleichen Namen: rechem.
Wie heilend, wenn wir uns der weiblichen Gotteskraft dankbar bewusst werden.
Wenn wir Einseitigkeit und Enge, die ich als Frau immer verletzender empfand
und mit mir viele andere, verlassen.
Die rûah ist es, die in uns Gnadenlicht entzündet, die wir immer
wieder darum bitten. In ihrem Lichte wollen wir uns selbst anblicken; wollen
freudig unsere Gaben, unsere schöpferischen Kräfte entdecken.
Im Lichte der Gotteskraft wollen wir unsere Schwächen wahrnehmen, und
dass wir bedürftig sind. In ihrem Lichte will ich annehmen, dass ich
nicht so schön, nicht so begabt, nicht so bevorzugt bin, wie ich mir
wünsche. Dass ich zurückbleibe hinter dem, was ich gern sein,
gern tun möchte, dass ich versage.
Ja, es gibt Brüche in meinem Leben. Ich spüre schmerzhaft die
Gebrechlichkeit. Die göttliche Weisheit rufe ich an, von der es im
Ersten Testament heisst: «Sie ist ein Hauch der Kraft Gottes. ...
Sie ist nur eine und vermag doch alles, ohne sich zu ändern, erneuert
sie alles» (Weish 8,1, 7,22f.). Sie möge meine Lebensbrüche
heilen, mich erneuern. Sie möge mich erneuern in der Liebe, damit ich
mit meinen Gaben, mit meinen Schwächen Mitmensch werde, damit ich wieder
und wieder anfange.
Gebrechlich, dem Zerbrechen nahe, bin ich auch, wenn ich erstarre in der
Mühsal des Alltags, in vorgefassten Meinungen, in Ängsten, in
harten Urteilen, im Leid. Weshalb vergessen oder verdrängen wir im
kirchlichen, im gesellschaftlichen und persönlichen Leben Gott als
schöpferische Bewegung, als Strömenden, als tätige Liebe,
als Quelle des Neuwerdens, als Wehen, alst Atem?
Die gesamte Schöpfung zeigt uns Gott als dynamische Kraft, und den
Dichtern, die das «Veni Creator Spiritus» (Komm, Schöpfer
Geist) oder seine Nachdichtungen verfassten, ist das bewusst. Es heisst
darin: «Komm, zünde an, giesse ein, stärke uns zu jeder
Zeit, du bist Lebensbrunnen, Salbung, Liebe». In uns will die göttliche
rûah leben, tätig sein. Sie will uns begleiten, Wege zeigen,
uns ermutigen zum Aufbruch, uns befähigen, auf der uns geschenkten
und anvertrauten Erde mitzuwirken, das Leben mitzugestalten, das Leben zu
lieben und zu retten. Es geht nicht nur um mein eigenes Heil. Heil sein
heisst ganz werden, die Wunden im Miteinander aller Geschöpfe, der
Menschen und Tiere, der gesamten Natur zu heiligen.
Heil, heilig zu werden, bedeutet nicht, abgehoben zu sein, dem harten, verletzenden
Alltag entflohen. Der Wunsch danach wen von uns überkäme
er nicht in belastenden Situationen? Wir brauchen die Gotteskraft, die heilige
Schöpferin Liebe, die uns stützt, die uns ermutigt, die uns umarmt
in unserer Gebrechlichkeit und Wege zeigt. Ihr Geheimnis erlaubt uns, ihre
Nähe zu suchen, sie anzurufen mit den Bildern, den Namen des eigenen
Herzens. Sie wartet darauf, so wie wir auf Namen der Liebe, des Vertrauens
warten, auf Gemeinschaft. Seit langer Zeit bete ich, vertrauend göttlicher
Fülle:<2>
wie wohl
tut dein Geheimnis
dass meine Augen nicht
geheftet werden auf ein Bild
dass meine Hände offen bleiben dürfen
immer
wie wohl
tut dein Geheimnis
in jedem Atemzug die Tür
dir zu begegnen
in jedem Schritt der Weg
und auch den Höchsten in der Pyramide
den Stimmgewaltigsten
legst auf die Zunge du
das Stammeln
und grenzt den Horizont
wie wohl
tut dein Geheimnis
du näherst dich im Duft der Rosen
Kreuzesblume
du tauchst mich in den Jordan
Staub, Schweiss und Tränen
nimmt dein Strömen auf
du spielst im Zelt des Baumes
dass ich Leben ahne
du hauchst mich an
und meine Adern singen
wie wohl
tut dein Geheimnis
du Frühlingswind
der tanzen lässt mein winterliches Herz
du Funkenflug
der mich begabt mit Flügeln
du Wärme
die ermutigt, was verschlossen ist
wie wohl
tut dein Geheimnis
du Schöpferin Liebe
im Zugriff des Todes die Welt erweckend
wo Lächeln es wagt
wo Augen verweilen
wo Lippen berühren
wo Kinder erwachen
du Gegenwart und Zukunft
wie wohl
tut dein Geheimnis
Christa Peikert-Flaspöhler ist als Lyrikerin bekannt geworden, deren Gebete nicht nur den gebethaften Impetus, sondern auch den lyrischen Anspruch enthalten; von ihr: Höre, Göttliche Freundin. Gebete und Meditationen, München 1999, über sie: Beatrice Eichmann-Leutenegger, «Auf dem Weg der Rätsel und Fragen...», in: SKZ 168 (2000) Nr. 21, S. 340343.
1 Die christliche Frau, Heft 3, 1988.
2 Aus: Mit deinem Echo im Herzen, Lahn-Verlag, Limburg 1995.