22/2000

INHALT

Leitartikel

Kundenbezogene Kirche?

von Pius Bischofberger

 

In neueren Publikationen und Veranstaltungen über die Kirche wird ein Spannungsfeld deutlich, das von kategorischer Ablehnung bis zu euphorischer Zustimmung reicht. Am einen Ende wird die Kirche als Weltkonzern dargestellt, der in einem Konkurrenzumfeld agiert und auf einem «Markt der Sinnstiftung» seine Produkte anbietet. Auf der Gegenseite erhebt sich Widerstand gegen eine «Vermarktung» des Evangeliums. Diese Polarität lässt sich auch in einer ekklesiozentrischen bzw. kundenbezogen-marktförmigen Konzeption der Kirche ausdrücken.<1>
In Lumen Gentium (LG) Nr. 4 heisst es, der Geist führe die Kirche in alle Wahrheit ein, er «eint sie in Gemeinschaft und Dienstleistung», in communione et ministratione. In dieser Formulierung kommt der geistlich-weltliche Doppelcharakter der Kirche zum Ausdruck. In LG Nr. 8 ist von «menschlichem und göttlichem Element» die Rede.
Die folgenden Darlegungen beziehen sich auf die Dienstleistung, auf die eine der beiden Kerndimensionen der Kirche. Sie kann gemäss Lumen gentium Nr. 8 von der geistlichen Dimension zwar unterschieden, aber nicht losgelöst werden. Die Kirche hat ihrem Auftrag gemäss eine bestimmte Dienstleistung zu erbringen. Zur Erreichung dieses Zieles ist sie ­ wie andere soziale Systeme ­ neben dem «menschlichen Element» auf eine Organisation mit entsprechender Führung angewiesen. Diese Bestandteile bilden das Erkenntnisobjekt eines Fachgebietes, das sich bisher fast ausschliesslich mit der privaten Unternehmung befasst, nämlich die Betriebswirtschaftslehre. Erst in neuerer Zeit sind Tendenzen erkennbar, wonach die Anwendung betriebswirtschaftlicher Erkenntnisse auf andere Organisationstypen geprüft und zum Teil bereits realisiert wird. Wichtigste Voraussetzung dafür ist allerdings die Frage nach den spezifischen Bedingungen bezüglich der Möglichkeiten und Grenzen einer solchen Adaptation. Weil die geistliche Gemeinschaft und die Dienstleistung gemäss Lumen gentium Nr. 8 Elemente einer «einzigen komplexen Wirklichkeit» bilden, ist vor einer einseitigen Betonung des Dienstleistungscharakters zu warnen. Sie könnte zu einer vorschnellen Schlussfolgerung führen, wonach die Kirche grundsätzlich mit einem Unternehmen gleichzusetzen sei. Diese Gefahr besteht für Nonprofit-Organisationen generell. Was etwa für die öffentliche Verwaltung gilt, trifft auch für die Kirche zu: «Es gilt, das Spezifische zu ermitteln.»<2> Unter dieser Voraussetzung lautet die Frage nicht mehr, ob, sondern in welcher Art und in welchem Ausmass sich die kirchliche Führung an betriebswirtschaftlichen Erkenntnissen und Methoden für eine effektive Erfüllung ihres Auftrages orientieren soll.

Der Kunde im kirchlichen Kontext

Der Ruf nach entsprechender Hilfestellung ist nicht zuletzt in der Theologenzunft zu orten.<3> Einen aktuellen Beleg dafür bietet auch ein Bericht über den Kongress der Pastoraltheologen und -theologinnen des deutschen Sprachraumes in Bensberg (D).<4> In seinem Einführungsreferat vertrat Leo Karrer die Ansicht, «dass Kirchen unübersehbar faktisch Unternehmenscharakter angenommen haben und folglich auch in ihren Strukturen und Abläufen nach unternehmerischen Gesichtspunkten gestaltet werden müssen».<5> Solche Äusserungen entspringen einer pastoralen Sorge, wie dem Bericht zu entnehmen ist. Bei einer Auseinandersetzung mit der Kirche aus betriebswirtschaftlicher Sicht kann es deshalb einzig darum gehen, den Mitarbeitern/Mitarbeiterinnen im kirchlichen Dienst bei der Erfüllung ihres Auftrages an die Hand zu gehen. Für Xaver Pfister, Leiter der katholischen Informationsstelle Basel, sind die Inhalte der Verkündigung nicht eo ipso verständlich. «Ich meine sogar, dass die unverfügbare Grösse des Inhalts, den die Kirche zu vertreten hat, zu einer ständigen sorgfältigen und selbstkritischen Überprüfung... verpflichtet.»<6> Heute müsse gefordert werden, dass die Kirche jede erdenkliche Marketinganstrengung zu unternehmen habe, damit die strukturellen Voraussetzungen entstehen, welche ihre Aufgabe wirkungsvoll unterstützen. Dabei lässt sich ein bestimmter Fachjargon nicht vermeiden. Mit Hilfe des eben erwähnten Marketing sollen etwa die Bedürfnisse der Mitglieder einer Pfarrei ermittelt werden.
Zu diesem Vokabular gehört auch der Begriff des Kunden. Der Kunde kauft auf dem Markt ein Produkt/eine Dienstleistung zu einem Preis, der durch Angebot und Nachfrage bestimmt wird. Zwar gibt es den religiösen Markt bereits, auf dem Dienstleistungen zu einem bestimmten Preis angeboten und nachgefragt werden. Damit kann aber der Kundenbegriff nicht unbesehen auf die Kirche übertragen werden, unter anderem weil Kirchenmitglieder zwar Steuern entrichten, aber keinen Marktpreis für bestimmte Dienstleistungen zahlen. Bei der Verwendung des Begriffs «Kunde» im kirchlichen Kontext geht es vielmehr um die Gestaltung der Beziehungen zu den Menschen. Die gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Jahrzehnte führten auch zu einer Veränderung im Verhalten der Menschen zur Kirche. Diese Entwicklung brachte es mit sich, «dass die Kirche je länger je mehr nach den Gesetzen des Marktes, nach Angebot und Nachfrage operieren muss, will sie erfolgreich sein»<7>, das heisst will sie ihren Auftrag wirkungsvoll erfüllen; denn nach dem POL gehört zum Marktprinzip, dass sich Anbieter mit ihren Ideen und Dienstleistungen um die Aufmerksamkeit der Menschen bemühen müssen. Lässt sich unter diesen Bedingungen eine kundenbezogen-marktförmige Konzeption der Kirche rechtfertigen? Für Bischof Kurt Koch jedenfalls ist Kundenfreundlichkeit kein Fremdwort mehr. «Kundenfreundlich war durchaus die Art und Weise, in der Jesus seine Botschaft an den Mann und an die Frau zu bringen versuchte, vor allem in der Sprache seiner anschaulichen Gleichnisse»<8>. Kundenfreundliche Überlegungen, Planungen und Entscheidungen seien deshalb nicht nur angebracht, sondern auch geboten.
Im heutigen Wissenschaftsbetrieb wird auch von Theologen Interdisziplinarität angemahnt.<9> Zwischen Theologen und Betriebswirtschaftern ist es bisher allerdings noch kaum zu einem Dialog gekommen, weil sich beide Seiten schwer tun, in Kategorien der andern Disziplin zu denken. Zu diesem Ergebnis führte auch ein Seminar über Kirchliches Management an der Theologischen Fakultät Luzern im Sommersemester 1999. Seminarteilnehmer/-teilnehmerinnen und Seminarleitung äusserten aber den Wunsch, die notwendige Knochenarbeit im Sinne einer wissenschaftlichen Werkstatt fortzusetzen. An konkreten, Theologie und Betriebswirtschaftslehre gleicherweise interessierenden Fragestellungen fehlt es nicht, zum Beispiel: Welches sind die Gründe für die Entwicklung eines zusehends grassierenden religiösen Marktes, und wie verhält sich dabei das Angebot der Kirche zur Nachfrage ihrer Mitglieder? Oder: Was bedeutet «Fülle des Lebens» für Menschen, die den geforderten Marktpreis nicht zu zahlen vermögen und deshalb stets mit Knappheit bzw. Mangel an irdischen Gütern konfrontiert sind?
Nicht zu übersehen ist schliesslich die Tatsache, dass die kirchliche Praxis bereits bestimmte Anleihen bei der Unternehmensführung macht, zum Teil gegen den Widerstand der Kirchenleitung, was das Beispiel der Erzdiözese München-Freising zeigt.<10> Im Auftrag des «Pastoralen Forums» dieses Bistums wurde mit auswärtiger Hilfe eine Untersuchung der Organisations- und Kommunikationsformen durchgeführt. Der Leitgedanke sollte dabei sein, alles zu fördern, was der Übersichtlichkeit der kirchlichen Strukturen und ihrer Wirksamkeit, vor allem aber der Motivation aller in den Seelsorgeberufen tätigen Frauen und Männer dienen könne. Wenige Tage nach Veröffentlichung der Studie betonte der Erzbischof, Kardinal Friedrich Wetter, in einer Predigt, kirchlicherseits brauche man «keine Leitbilder für unser Tun zu erfinden. Jesus Christus ist uns als Leitbild vorgegeben.» Der Berichterstatter in der Herder-Korrespondenz erwähnt abschliessend, nicht dieser negative Befund sollte das Bild prägen, sondern die zu begrüssende Bereitschaft, sich einer Problemlage zu stellen.

 

Pius Bischofberger promovierte an der Universität St. Gallen mit einer Studie zur Durchsetzung betriebswirtschaftlicher Erkenntnisse in der öffentlichen Verwaltung zum Dr. rer. publ., ist Berater kirchlicher Institutionen und nimmt einen Lehrauftrag an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern wahr.


Anmerkung

1 Vgl. Edmund Arens, Öffentlich(e) Kirche kommunizieren, in: SKZ 168 (2000) 27.
In die gleiche Richtung wies der Titel einer Sendung im Bayerischen Fernsehen vom 17.1.1999 über «Glaube, Liebe und McKinsey».

2 Bericht und Gesetzesentwurf der Expertenkommission für die Totalrevision des Bundesgesetzes über die Organisation der Bundesverwaltung, Bern 1971, 7.

3 Vgl. Pius Bischofberger, Kirche wie ein Unternehmen führen?, in: SKZ 167 (1999) 67.

4 Vgl. Herbert Haslinger, Kirche ­ ein Unternehmen?, in: Diakonia 31 (2000) 53­59.

5 H. Haslinger, aaO. 53.

6 Xaver Pfister, Die ökumenische Basler Kirchenstudie, in: SKZ 167 (1999) 674.

7 Pastoraler Orientierungsrahmen Luzern (POL), hrsg. vom Schweizerischen Pastoralsoziologischen Institut, St.Gallen 1998, 47.

8 Kurt Koch, Marktgerechte Kirche?, in: Pfarrblatt für die katholischen Pfarreien der Dekanate Leimental und Birseck, Nr. 12/1999. Zur «Kundenorientierung» vgl. das Sammelbändchen «Kirchliches Marketing», hrsg. von Steffen W. Hillebrecht, Bonifatius Verlag, Paderborn 1997.

9 So etwa an der Podiumsdiskussion vom 12. Januar 2000 an der Theologischen Fakultät Luzern zum Thema «Glaube und Politik».

10 Vgl. dazu «Kirchen: Hilfestellung durch Unternehmensberater», in: Herder Korrespondenz Nr. 5/1997, 231­233. Gemäss POL wäre «in der kirchlichen Arbeit auf allen Ebenen... den Grundsätzen moderner Unternehmensführung grössere Aufmerksamkeit zu schenken» (37).


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000