21/2000 | |
INHALT | |
Leitartikel |
Da ist eine Frau, die bricht auf, wählt nicht die bequeme breite Strasse, sondern den «Weg der Rätsel und Fragen». Sie nistet sich nicht im verbrauchten Dunst der Kirche ein; nein, sie öffnet Türen und Fenster. Nun weht ein frischer Wind herein, rüttelt am Haus, wirbelt vieles durcheinander, was vorher ordentlich gebündelt da lag. Was könnte man nicht alles diesem Sturm attestieren: Frechheit, Respektlosigkeit, Spott, zumindest Unbekümmertheit. Aber angezettelt hat ihn eine Frau, welche ihr Gesicht der Zukunft zuwendet und daher ein gut durchlüftetes Haus wünscht. Weg mit dem Staub, weg mit dem Plunder, ja weg mit dem Kirchenmief. Dafür soll der göttliche Hauch einziehen. «Ruach» nennt ihn Christa Peikert-Flaspöhler und folgt hierin der althochdeutschen Sprachgebung. «... vor Zeiten hast du versprochen/ wir Töchter werden Prophetinnen sein/die Herren Söhne beschlossen: nein!/ sie sperrten uns aus/und sperrten uns ein/ wir sind zu Kreuze gekrochen...» Das ist er, der spöttische Ton dieser Autorin, die kein Blatt vor den Mund nimmt, aber ihre Streitrede immer wieder in heiterer, oftmals fast kabarettistischer Weise vorträgt. Denn sie, die über Siebzigjährige, weiss sich ja ihrer Kirche in lebenslanger Anhänglichkeit verbunden. Und gerade weil sie liebt, kann sie nicht gleichgültig bleiben. Der graue Panter springt in die Arena. Er muss reden, da zu lange geschwiegen worden ist:
Heilige Kraft
Heilige Kraft
segne du mich mit Mut
meine jahrelang unterdrückte
Sehnsucht und Wut
hinauszuschreien
mich aus anerzogenem
aus verlogenem Harmoniebedürfnis
zu befreien
vielerorts gelte ich wütend
gewiss als weiblich Missglückte
der gewohnten
unermüdlich betonten
Rolle, bewahrend und hütend
bewusst ins Auge schauend
meinen bisher verschluckten Zorn
nicht mehr stauend
werde ich selbsttätig
eine Ver-Rückte
«Niemals mehr wollen wir sprachlos sein»: Der Titel einer
ihrer Publikationen erscheint programmatisch für die schriftstellerische
Arbeit von Christa Peikert-Flaspöhler, die mit Gedichten und Kurzprosa
eine andere, eine weibliche Sprache im religiösen Raum geschaffen hat:
«Brüder, wir laden euch ein/ Geschwister zu werden/ wir laden
euch ein/ die Wunde der Herrschaft zu heilen/ wir laden euch ein/ Ebenbilder
zu sein/ ganze Menschen...» Nun ist der Gestus der Gedichte einladend,
schwesterlich. Gleichwohl darf man Christa Peikert-Flaspöhlers Texte
nicht als harmlose Variante jener Anliegen deklarieren, die feministisch
orientierte Theologinnen seit längerer Zeit vertreten. Auch wenn dieses
Werk leichtfüssig daherkommt, täuscht es nicht über Kampf
und Auseinandersetzung hinweg, die seinen Weg markiert haben. Doch diese
Autorin will vermitteln, nicht brüske Gegensätze errichten.
Der Kösel-Verlag in München hat unlängst eine Sammlung ihrer
Gebete und Meditationen aus verschiedenen Schaffensepochen veröffentlicht,
die durch eine Vielzahl bis anhin unveröffentlichter Gedichte erweitert
wird.<1> Der schön gestaltete Band
erlaubt einen gültigen Einblick in das Schaffen dieser Autorin, die
1927 im schlesischen Nieder-Salzbrunn geboren worden und 1947 ins westliche
Deutschland übersiedelt ist. In Osnabrück, wo sie auch heute lebt,
hat sie Pädagogik studiert und ist bis 1977 im Schuldienst verblieben.
In den Mittelpunkt ihres Schaffens stellt sie die Mensch-Werdung, die sie
als lebenslangen Prozess begreift, eingebunden in die menschliche Gemeinschaft.
Daher sind ihre Gedichte eminent du-bezogen. Seit vielen Jahren zeichnet
sich auch ein deutliches Engagement für die Präsenz der Frauen
in Kirche und Gesellschaft ab, das die Autorin nicht nur als Schriftstellerin,
sondern auch als Referentin auf Katholiken- und Kirchentagen sowie in Frauenseminaren
vertritt. Christa Peikert-Flaspöhler will gerade die Leserinnen mit
ihren Texten ermutigen, sich selbst nicht nur zu entdecken, sondern mit
Fantasie und Gestaltungswillen in die Öffentlichkeit einzutreten: «...sieh/
ich komme/ mit der Musik meines Herzens/ die Raum greift/ in deine heilige
Weite und/ Nähe...»
Gott ist in diesen Texten heimlicher Inbegriff des Du. An ihn wendet sich
das lyrische Ich immer wieder auf seinen «Sehnsuchtswegen».
Die Nähe mit Gott wird riskiert, einmal streitbar wie eine Tochter
Hiobs, dann wieder mit hingebungsvoller Offenheit: «...du träumst
in mir/ mein Gott/ dass ich dich wachsen lasse/ ohne Furcht/ dass ich mit
dir/ die starren Formeln sprenge/ in denen wir gelähmt/ dich lähmen...»
Jener mit den tausend Namen erhält auch bei Christa Peikert-Flaspöhler
nicht nur einen einzigen, sondern immer wieder andere, schöpferisch
inspirierte. Dabei bevorzugt sie weiblich geprägte Adressen: Göttliche
Freundin, Mutter Weisheit, Schöpferin Liebe, Schöpferin Geist.
Auf Psalm 23 schreibt sie ihre dichterische Paraphrase «Du bist meine
Hirtin, Schöpferin Liebe» und weiss dabei: «...du lässt
meine Umwege zu/ und bleibst meinen Irrwegen nah;/ du lockst mich mit zärtlicher
Stimme/ auf heilende Erde,/dass meine betäubten Füsse ertasten/
Wohltat und Wunden, Heimweh und Rast...» Psalmen sind jene literarische
Gattung aus dem religiösen Wortraum, die diese Autorin immer wieder
faszinieren und zu modernen Adaptationen herausfordern. Selbst ein Psalm
am Kochtopf fehlt nicht in ihrer Kollektion. Ihre Texte, immer wieder von
Witz gewürzt, wählen den Ausgangspunkt konkreter, alltäglicher
Erfahrung, um unaufdringlich in andere Räume auszugreifen und das Unsagbare
zu besprechen.
Das Ich dieser Gedichte ist der schwache, hilfsbedürftige Mensch, der
sich weitab jeder Erfolgsideologie angesiedelt hat. In seine Befindlichkeit
mischen sich Trauer ebenso wie Vertrauen, Schmerzbewusstsein ebenso wie
ein deutliches Glücksverlangen. Mütterlich steht dieses Ich da
und sucht solche Mütterlichkeit auch in der Welt, in der Schöpfung,
bei jenem vor allem, der Gott genannt wird. Nähe, nicht Fremdheit ist
es, welche diese Texte durchpulst. Und der Charakter des Liedhaften trägt
sie (Lieder hat die kleine Christa seit der Kindheit von ihrer schlesischen
Mutter vernommen, die vom reichen Liedgut ihres Volkes zehrte). Melodiös,
ja zärtlich fliessen die Worte dahin, selbst wenn sie von Finsternissen
und Nebelzeiten sprechen, wenn sie die zerplatzten Hoffnungen beim Namen
nennen, da ja alles anders ist, «als wir erträumten»:
erschöpft vom Auf und Ab
des Hoffens, der Enttäuschung
des Fragens müde
leergebrannt im Sehnen
nach diesem neuen Leben
aus uns
weckt uns behutsam der Sinn
angenommen von dir
uns anzunehmen
Liebe anders zu leben
als wir erträumten
heilige Weisheituns gesegnet zu wissen
entgegen dem Augenschein
zu spüren: so ist es gut
es gibt verschiedene Wege
ein ganzer Mensch
zu werden
Immer ist es das Heilende, das Christa Peikert-Flaspöhlers Texte
im Auge behalten. Wunden sollen sich wieder schliessen dürfen. Ist
das nicht in eminentem Sinn Erlösung, wohnt in diesen Texten nicht
Trost? Kein billiger zwar, sondern ein durchschmerzter, welcher um die Wirklichkeit
der Obdachlosen, Vergewaltigten, Behinderten, Geschiedenen, Heimatlosen
und Einsamen weiss. Auch und gerade ihnen soll Neubeginn geschenkt werden
mit «Segensworten». Diese sind ein wesentlicher Bestandteil
in Christa Peikert-Flaspöhlers Glaubenshaus, jener religiösen
Handlungen, die in der Moderne weitgehend abhanden gekommen sind. Das jahrtausendalte
Erbe des Segnens scheint nicht mehr in unsere Welt zu passen, aber die Autorin
glaubt an seine Notwendigkeit. Mit ihrer künstlerisch-religiösen
Fantasie schafft sie die Segensworte neu, schreibt sie für persönliche
Lebenssituationen um, besonders auch für jene, welche der traditionelle
Segen nicht vorgesehen hat: Segen für allein lebende Menschen, Segen
im Alter, Segen für Ärztinnen und Ärzte, Segen für wütende
Frauen, Segen für geschiedene Frauen und Männer, Segen nach dem
Tod einer Liebe, Segen für chronisch erkrankte junge Menschen
auch einen kritisch-liebevollen Segen für Männer.
Es wäre jedoch falsch, diese Verse einzig als Gebete einzuordnen und
sie damit ihrer literarischen Dimension zu berauben. Die Gedichte von Christa
Peikert-Flaspöhler enthalten beides: den lyrischen Anspruch und den
gebethaften Impetus. Dennoch ist nicht zu übersehen, dass diese Autorin
im Bereich moderner, weiblich orientierter Gebetstexte Beispielhaftes geleistet
hat. Ihre Sprache für den religiösen Raum bleibt exemplarisch
und setzt Massstäbe für Theologen und Theologinnen. Diese Leistung
indessen fügt sich nahtlos in ihr grosses Anliegen: dass nämlich
Frauen in der Kirche niemals mehr sprachlos sein sollen. Zwar ist das Beten
im häuslich-privaten Raum seit jeher vorwiegend Sache der Frauen gewesen.
Sie waren es, welche die Kinder in die Schule des Gebets nahmen, während
sie lange genug im öffentlichen Raum der Kirche diese Aufgabe den Männern
überlassen mussten. Das war in den christlichen Kirchen nicht anders
als zum Beispiel der jüdischen und islamischen Gebetstradition.
Erneuern, aufbrechen, befreien, aber auch keimen, wachsen, blühen und
wandeln: all diese lebensvollen Handlungsmuster finden sich in Christa Peikert-Flaspöhlers
Texten. Auch ihre Glaubens- und Kirchenkritik ist konstruktiv; sie lässt
Neues zu, statt einzig das Hergebrachte zu demolieren und larmoyant den
Schmerz zu zelebrieren. Daher sind auch Prägungen mit dem Grundwort
«neu» zentrale Begriffe dieser Texte. Indessen ist das Traditions-
und Kulturbewusstsein im Werk dieser Autorin fest verankert. Der reiche
Fundus religiöser Szenen und Gestalten, Riten, Gebete, Gesänge
wird dankbar aufgegriffen, geprüft und neu gestaltet. Die Bibel enthält
den Schatz, den es zu heben gilt. Müsste nicht ein Text wie das Hohelied
oder das Magnifikat anders verstanden werden, nicht in jener einengenden
Deutung, die den einen Text seiner erotischen, den anderen seiner befreienden
Sprengkraft beraubt? Was aber immer ersehnt wird Liebe, Heimat, Erlösung
, liegt jenseits des menschlichen Horizonts. Diese Gedichte wissen,
dass der Mensch stets «unterwegs nach Emmaus» ist: «...
gelähmt/verstummt/erblindet/ und taub geworden/ für deine/befreiende
Nähe...». Aber da ist einer, der auch unterwegs zum Menschen
ist und den Widerstreit zwischen Fernweh und Heimweh stillen wird. Denn
«das Heilige ist Herz der Fantasie,/ das Göttliche ist Schoss
der Zärtlichkeit».
Beatrice Eichmann-Leutenegger ist Literaturkritikerin und Autorin.
1 Christa Peikert-Flaspöhler, Höre, Göttliche Freundin.
Gebete und Meditationen, Kösel-Verlag, München 1999, 185 Seiten.
Die meisten Texte von Christa Peikert-Flaspöhler 12 Bücher
und eine ganze Reihe von Bildtextheften sind im Lahn-Verlag in Limburg
erschienen; namentlich genannt seien das erfolgreichste Buch «Du träumst
in mir, mein Gott», das Psalmen- und Segensbuch sowie der im vorliegenden
Text erwähnte Titel «Niemals mehr wollen wir sprachlos sein».