19/2000

INHALT

Leitartikel

Gerechtigkeit für die ganze Schöpfung

von Rolf Weibel

 

Vor bald zwanzig Jahren wurden in der ökumenischen Bewegung die unterschiedlichen Beiträge der Kirchen zur Gestaltung des gesellschaftlichen Zusammenlebens in politischer, sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht auf die Formel gebracht: Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung ­ GFS. Aus dieser Bewegung heraus entstand in der Schweiz die ökumenische Arbeitsgemeinschaft Kirche und Umwelt (OeKU), die auch dieses Jahr wieder ein Magazin zu der von ihr vorgeschlagenen SchöpfungsZeit herausgibt, das mit der vorliegenden Ausgabe der SKZ auf katholischer Seite verteilt wird.
Von «Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung» ist heute nicht mehr häufig zu lesen, das Anliegen indes kommt in unterschiedlichen Zusammenhängen immer wieder zur Sprache. Im theologischen Beitrag zum Projekt «Geistige Orientierung» der Bertelsmann Stiftung, in dem Lösungen für Krisen der modernen Gesellschaft erarbeitet und Konzepte für den Zusammenhalt der Gesellschaft entwickelt werden, wird es angesprochen, wo es um die weltliche Bewährung des christlichen Gemeinschaftshandelns geht, und wird es weiter entfaltet, wo die öffentliche Verantwortung der Kirche thematisiert wird. In diesem Beitrag geht Wolfgang Huber, Bischof der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg, unter dem Titel «Kirche in der Zeitenwende» als Systematischer Theologe umfassend der Frage nach, wie sich die Kirchen als intermediäre Institutionen ­ mit ihren Vermittlungsleistungen in der Zivilgesellschaft ­ an der Suche nach geistiger Orientierung unter den Bedingungen der Gegenwart beteiligen können.<1>
Wolfgang Huber beginnt seine Studie mit einer Standortbestimmung der Kirche im Rahmen des derzeitigen gesellschaftlichen Wandels, den er mit drei Leitbegriffen charakterisiert: Säkularisierung, Wertewandel und Individualisierung. Daran schliesst sich die Vergewisserung über das Leitbild an, das er für die Zukunft der Kirche entwerfen will: eine offene und öffentliche Kirche ­ eine Kirche, welche die ihr anvertrauten Überzeugungen öffentlich zur Geltung bringt, in den charakteristischen kirchlichen Handlungsvollzügen wie im bewirkenden und kooperativen Handeln, mit dem die Kirche auf die verschiedenen kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Öffentlichkeiten einwirkt. Das charakteristische kirchliche Handeln ist gottesdienstliches Handeln mit den Dimensionen Verkündigung und Bekenntnis, Feier der Sakramente, Gebet und Segen. Diese gottesdienstlichen Handlungsvollzüge sind für Wolfgang Huber so zentral, dass er sie primäre Kennzeichen der Kirche nennt. Ihnen treten als sekundäre Kennzeichen jene Handlungsvollzüge zur Seite, in denen sich die Kirche auf die Gesellschaft bezieht, in der sie ihren Ort hat: das Bemühen um Bildung, das Eintreten für Gerechtigkeit und die Kultur des Helfens.
Am Begriff der Freiheit erörtert Wolfgang Huber anschliessend, welchen inhaltlichen Beitrag die Kirche zur geistigen Orientierung zu leisten vermag.
Im nächsten Kapitel geht es um die Zukunft der «Kirche in der Krise», um die Krise und um Wege aus der Krise. Weil Wolfgang Huber die strukturelle Krise als Orientierungskrise wahrnimmt, wählt er als Ansatzpunkt: Die eigene Botschaft ernst nehmen, sich erneut «orientieren», nach Osten ausrichten, nach Jerusalem, zum Ort von Kreuzigung und Auferweckung Jesu hin, auf den Ursprung und Kern des Glaubens. Den daraus entwickelten Überlegungen zur Erneuerung der Kirche folgt abschliessend eine Neubestimmung des Ortes der Kirche in der Öffentlichkeit. «Kirche in der Öffentlichkeit» hat sich für Wolfgang Huber heute als «Kirche in der Zivilgesellschaft», als sozialer Raum in der Gesellschaft zu bewähren. Dabei macht er drei Dimensionen aus, in denen sich kirchliches Handeln bzw. christliches Gemeinschaftshandeln zu bewähren hat: dem Leben in der Wahrheit, der wechselseitigen Anerkennung und der Zuwendung zu den Schwächeren. «Diesen drei Dimensionen entsprechen die drei massgeblichen Kennzeichen für das gesellschaftsbezogene Handeln der Kirche: Bildung, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Im Bemühen um Bildung, im Eintreten für Gerechtigkeit und in der Kultur des Helfens sind die wichtigsten Aufgaben der Kirche gegenüber der Gesellschaft zu sehen.»<2>
Die damit begründete politische Verantwortung der Kirche hat sich nicht allein auf den Staat, sondern auch auf die Zivilgesellschaft zu beziehen. Denn «in ihr formt sich das politische Wollen einer Gesellschaft. In ihr bilden sich Bündnisse zur Förderung von Frieden und Gerechtigkeit; in ihr artikuliert sich die Bereitschaft zur Verteidigung der Menschenrechte und zur Bewahrung der Natur.»<3> Bewahrung der (aussermenschlichen) Schöpfung erscheint so schliesslich als Gerechtigkeit für die ganze Schöpfung und damit in der Vernetzung der sozialen, ökonomischen und ökologischen Belange gut aufgehoben.
Was Wolfgang Huber an strukturellen Reformen konkret vorschlägt, bezieht sich verständlicherweise stark auf die Evangelische Kirche im wiedervereinigten Deutschland; er übersieht, vor allem in den analytischen Teilen seiner Studie, die Katholische Kirche aber nicht und bedenkt die deutsche Situation auch vor dem europäischen Horizont. Deshalb und vor allem weil sie radikal ansetzt, ist diese Studie auch für schweizerische und katholische Kirchenleute anregend. Strukturelle Reformen müssen sich aus einer erneuerten Auftragsgewissheit ergeben, davon ist Wolfgang Huber überzeugt. Mit seiner Studie leitet er letztlich zu einer solchen Auftragsvergewisserung an.


Anmerkung

1 Wolfgang Huber, Kirche in der Zeitenwende. Gesellschaftlicher Wandel und Erneuerung der Kirche, (Gütersloher Taschenbücher, 924), Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1999, 332 Seiten.

2 AaO. 158.

3 AaO. 305f.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000