18/2000 | |
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Leitartikel |
Der Weltgebetstag für geistliche Berufe am 14. Mai geht mancherorts
vergessen. Das kann Ausdruck eines Unbehagens sein. Wie kann man für
kirchliche Berufe werben, wie kann man darum beten, wenn man unzufrieden
ist mit den Amtsstrukturen in der katholischen Kirche?
Andererseits werden in vielen Pfarreien neue Pfarrer, Laientheologen/Laientheologinnen,
Jugendarbeiter/Jugendarbeiterinnen, Katecheten/Katechetinnen und andere
mehr gesucht. Enttäuschung breitet sich aus, wenn niemand gefunden
wird. Doch was unternehmen die Pfarreien, dass in ihren Reihen kirchliche
Berufe frühzeitig entdeckt und gefördert werden?
Jedes Jahr gibt die IKB (Information Kirchliche Berufe) eine anregende Mappe
heraus, nicht nur für den Gut-Hirt-Sonntag, sondern fürs ganze
Jahr. Diesmal heisst das Motto: «Eine Tür verändert die
Welt». Das ist eine Anspielung aufs Jubiläumsjahr 2000 und die
heilige Pforte. Auf dem Titelbild wird allerdings die niedrige Tür
zur Geburtskirche von Bethlehem gezeigt. Die IKB-Mappe nimmt das wichtige
Thema des Heiligen Jahres auf: Christus ist die Tür zum Leben. Ohne
Christus können wir nicht Christen sein. Jesus ist die wichtige Türe
für unseren Lebensweg. Die kirchlichen Dienste verweisen uns auf Christus
und verbinden uns mit ihm.
So enthält die IKB-Mappe viele Anregungen für das Jubiläumsjahr
2000, für Besinnungen, Gottesdienste und für die Alltagsseelsorge,
in der ja unsere Antwort auf den Ruf Gottes und der Mitmenschen besonders
wichtig ist.
Bei der Jugendseelsorge geht es besonders darum, den Jugendlichen bei der
Entdeckung der eigenen Berufung und der eigenen Identität beizustehen.
Seine eigene Berufung zu finden ist nicht nur für die Jugendlichen
wichtig, sondern für jeden Menschen zu jeder Zeit seines Lebens. Deshalb
betont die IKB, dass die Berufungspastoral nicht etwa eine schwierige Zugabe
zur Alltagspastoral ist, sondern der eigentliche Kern jeder Seelsorge. Immer
geht es darum, dem Menschen zu helfen, seinen eigenen Weg, seine eigene
Berufung möglichst klar zu erkennen und freudig zu gestalten.
Wir dürfen den Leitern der Arbeitsstelle Kirchliche Berufe, Pfarrer
Oswald Krienbühl und der Seelsorgehelferin Amanda Ehrler, dankbar sein,
dass sie die IKB in den Jahren 19902000 so gut geleitet und inspiriert
haben. Sie haben uns viele Anregungen, gute Schriften, IKB-Mappen und -Treffen
geschenkt. Auf Ende 2000 wollen sie zurücktreten. Nun stehen wir vor
der wichtigen Aufgabe, gute Nachfolger für sie zu finden.
Auch gute IKB-Impulse und -Unterlagen können das Grundproblem nicht
lösen, nämlich die bei uns stark verbreitete Unzufriedenheit wegen
vielen Fragen um die Ämter in der katholischen Kirche. Wir haben in
der Schweiz sehr viele voll ausgebildete Theologinnen und Theologen, die
in der Seelsorge oft ausgezeichnet arbeiten, aber nicht geweiht werden können,
weil sie Frauen oder verheiratet sind. Als Frauen können sie beste
Seelsorgedienste leisten. Doch stossen sie auch ohne feministische Forderungen
auf störende und hindernde Grenzen (vgl. Pia E. Gadenz-Mathys: «Was
meinen Sie, Frau Pfarrer?» in der Festschrift zum 50. Geburtstag des
Bischofs Dr. Kurt Koch, Freiburg 2000). Auch können viele verheiratete
Gemeindeleiter die für ihr Amt wichtigen Weihehandlungen nicht selber
vollziehen, weil sie als Verheiratete nicht zu Priestern geweiht wurden.
Viele Katholiken werden ungeduldig oder haben bereits resigniert, weil Weihen
für Verheiratete und Frauen schon in der Synode 72 ausdrücklich
gewünscht wurden. Dieses Unbehagen ist sehr ernst zu nehmen. Dabei
muss aber auch gesehen werden, dass es nicht einfach an unserem Papst Johannes
Paul II. liegt, wenn die Erfüllung dieses Postulates noch nicht vorliegt.
Bei den Gesprächen der Schweizer Bischöfe mit dem Papst verweist
er immer auf die Weltkirche und auf den Heiligen Geist, auf die er gut hören
möchte. Da haben viele Umfragen und Abstimmungen schon deutlich gezeigt,
dass weltweit die Katholiken mehrheitlich für die Beibehaltung des
Priester-Zölibats sind und sich auch nicht für die Priesterweihe
der Frauen einsetzen. Unser Papst entscheidet auch in dieser Frage nicht
in einem diktatorischen Alleingang. Er hört aufmerksam auf die Weltkirche
und auf synodale Abstimmungen. Aus vielen Gesprächen mit Bischöfen
und Katholiken aus der ganzen Welt habe auch ich den Eindruck gewonnen,
dass bei einer weltweiten demokratischen Abstimmung heute die Katholiken
mehrheitlich für zölibatäre Priester stimmen würden
und sich nicht dafür einsetzen, dass die Frauen geweiht werden. Sie
würden also die gleiche Auffassung kundtun, wie sie heute in der katholischen
Kirche und von unserem Papst vertreten wird. Auch der Papst kann und will
nicht «über Nacht mit einem Federstrich» den Zölibat
abschaffen. So autoritär und selbstherrlich ist der Papst eben nicht,
auch wenn das merkwürdigerweise gerade progressive Theologen von ihm
verlangen.
Natürlich wird bei uns weiter gefragt, ob denn die Schweizer auf die
«Langsamkeit» der ganzen Weltkirche Rücksicht nehmen müssen
oder ob nicht besser auf die regionalen Verschiedenheiten zu achten sei,
wie das früher in der Kirche mit den verschiedenen Patriarchaten möglich
war. Eine solche kontinentale Neuaufteilung der Kirche kann durchaus wieder
kommen. Aber auch dann werden wir Schweizer von den Katholiken aus der weiten
Welt gefragt, ob wir auch in dieser Frage wieder einen «Sonderfall»
verlangen.
Für heute ist wichtig, dass wir uns für eine Verbesserung der
Weihebedingungen für Frauen und Verheiratete einsetzen. Kurzfristig
müssen wir jetzt die kirchlichen Berufe besonders fördern, bei
denen der Mangel am grössten ist, nämlich zölibatäre
Priester und Ordensberufe. Das bedeutet ein neues Ernstnehmen des ehelosen
Lebens, das auch Jesus aus Liebe zu Gott und zu den Mitmenschen gelebt und
seinen Jüngern empfohlen hat. Diese zölibatäre Lebensweise
liegt zwar nicht im heutigen Trend. Daher muss gezeigt werden, dass eheloses
Leben auch heute lebbar ist, glücklich machen und die Mitmenschen beglücken
kann. Wir müssen heute die Menschen finden, die zum Ordensleben und
Priesterdienst berufen sind. Sie müssen wir sorgfältig begleiten
mit der Ermunterung und Liebe, die alle benötigen. Wir sind aufgerufen
zum Gebet für alle kirchlichen Berufe und für ihre liebevolle,
aufmunternde Begleitung.
Martin Gächter, Weihbischof im Bistum Basel, nimmt in der Bischofskonferenz eine besondere Verantwortung für die Bereiche Geistliche Gemeinschaften, Jugend, Laienapostolat und Geistliche Bewegungen wahr.