16-17/2000 | |
INHALT | |
Leitartikel |
Endlich sollte sich ein lang gehegter Wunsch erfüllen; endlich eine
Sehnsucht gestillt werden; endlich den Sinnen, Herz und Geist erfahrbar
werden, was zwischen Buchdeckeln eingeengt, Hoffnung und Fantasie angeregt
hatte: Israel. Unter der verheissungsvollen Ankündigung: «Eine
besinnliche Reise auf den Spuren Jesu», ermöglicht durch «Biblische
Reisen», Stuttgart.
Worauf ich mich am meisten freute? Auf den See Gennezaret und die ihn umgebende
Landschaft. Auf Jerusalem. Hier war Jesus gewandert, den Menschen nahe gewesen.
Hier hatte er zu ihnen gesprochen von Gottes Reich, in dem andere Massstäbe
gültig seien als in den Herrschaftsgebieten der Menschen. Hier vermehrte
sich Brot im Teilen. Hier heilte Jesus Kranke, weil Menschen bereit waren,
sich heilender Kraft zu öffnen. Leben offenbarte sich. Liebe.
Als wir an einem sonnigen Vormittag hinabwanderten nach Tabgha am tief gelegenen
Galiläischen Meer, auf dem Weg zwischen goldgelb reifenden Feldern,
hohen Gräsern und Blumen gab mir die Erde eine Ahnung der jesuanischen
Wanderungen in Füsse und Herz? Unbeschreibbare Empfindungen: Brot und
Fische.
Jerusalem klopfenden Herzens der Blick auf die im Abendlicht weiss
schwebende Stadt.
Jerusalem Lebens- und Todesort Jesu.
Bewusst hatte ich nicht die Kar- oder Osterwoche gewählt für die
Reise.
Jerusalem Ort der Auferstehung Jesu, wie uns die vier Evangelisten
gläubig mitteilen.
Jerusalem heilige Stadt der Juden, Muslime, Christen.
Jerusalem Mitte, Herzmitte des Staates Israel, der Zuflucht und Heimat
jüdischer Menschen aus aller Welt.
Jerusalem Heimatort der Palästinenser.
Vier Tage für die Geschichte von Jahrtausenden. Die alten Mauern, die
heiligen Stätten sprechen lassen. Was wissen die vielen christlichen
Kirchen vom Leben und Sterben des jüdischen Rabbi Jeschua, den seine
Jünger und Jüngerinnen als Gottgesandten erlebten, dem der Messiastitel
verliehen wurde? Wissen sie etwas vom Leben und Sterben seines Volkes?
Ostern, Auferstehung ist in den Evangelien eng verbunden mit Jesu Grab,
dem leeren Grab. Die grosse Grabeskirche soll erbaut worden sein über
dem Felsengrab, in dem nur die Leichenbinden, die Grabtücher zurückgeblieben
waren und geheimnisvolle Boten zuerst den Frauen, danach den Männern,
Jesu Auferstehung kündeten.
Ehrfürchtiges Schweigen in der grossen Halle, durch die man an den
niedrigen Eingang zur Grabstätte gelangt? Zeichen christlicher Eintracht,
all die verschiedenen streng gehüteten Altäre der einzelnen Konfessionen,
Ordensgemeinschaften?
Touristenströme! Stimmengewirr, Warten, Drängeln, Anweisungen
der Reisegruppenleiter und -leiterinnen, schrittchenweises, eingeengtes
Vorwärts. Schliesslich der die Personen abzählende Pope, hineingeschoben
in die enge Kammer.
Rötlich erleuchtete Düsternis, Dunst der brennenden Kerzen, einander
streifende, umhersuchende Menschen, Murmeln, Betasten von Mauerwerk, Küssen
des Steines. Ich habe nur den Wunsch, zu entkommen. Atemnot. Mein Herz ist
stumm. Nein, diese Grabstätte hat nichts mit meiner Osterhoffnung zu
tun. Ich weiss, dass ich sie nicht wieder betreten möchte. Wie anders
empfinde ich Trost und eine geheimnisvolle Ahnung von Neubeginn, wenn ich
zu Hause, auf dem Stadtrandfriedhof, das Grab meiner Mutter besuche, umgeben
von der spriessenden oder ruhenden Natur, in Stille.
Leeres Grab was kann es bedeuten? Der jüdische Rabbi Jeschua,
als Aufrührer verurteilt und hingerichtet durch die römischen
Besatzer, wie vor und nach ihm Tausende seiner jüdischen Brüder,
erhält nach diesem Foltertod ein Grab. Joseph von Arimathäa, Ratsherr,
wohlhabend, ein Jünger Jesu, konnte es wagen, sich von Pilatus den
Leib Jesu zu erbitten.
Leeres Grab Tausende entführter, ermorderter Menschen unter Diktaturen
in Vergangenheit und Gegenwart wurden, werden irgendwo eingescharrt. Liebende
Angehörige konnten, können ihre Töchter und Söhne, Freunde
und Ehemänner, Väter und Grossväter nicht bestatten. Keine
Ruhestätte bietet ihnen Raum zu trauern, zu beten, zu gedenken.
Leere Gräber keine Gräber. Unwägbarer Schmerz.
Jerusalem Yad Vashem.
Leere Gräber keine Gräber für Millionen unter deutscher
Naziherrschaft ermorderter jüdischer Männer, Frauen und Kinder.
An einem Sonntagnachmittag, geleitet von unserer israelischen Reiseführerin
Ilana, betreten wir das weiträumige Gelände. Es ist zu wenig Zeit
vorgesehen, in Ruhe sich diesem vielfältig gestalteten Ort der Erinnerung
auf dem Herzlberg auszusetzen. Wir sind eine Gruppe aus Deutschland. Als
ich vierzehn Jahre alt war, begann die systematische Ermordung der jüdischen
Menschen.
Yad Vashem «die Hand der Erinnerung».
In der «Halle der Erinnerungen» sind Tafeln in den Boden eingelassen
mit den Namen der Vernichtungsorte, die für unvorstellbares Grauen,
für zum Himmel schreiende Verbrechen stehen. In einer gebrochenen Schale
brennt die ewige Flamme des Gedenkens. Diese Halle ist oft im Fernsehen
abgebildet, anlässlich von Staatsbesuchen, von Gedenktagen. Anders
verhält es sich mit der Gedenkstätte für die eineinhalb Millionen
ermorderter jüdischer Kinder. Sie ist nicht der Ort, an dem Staatsoberhäupter
Kränze niederlegen. Sie lässt sich nicht abbilden. Sie muss erlebt
werden. Touristenscharen fänden hier keinen Raum. Sie sind wohl auch
an anderen Besuchstagen als dem unseren nicht anzutreffen. Die Hauptzeit
christlicher Pilgerscharen nehmen die vielen Kirchen und Passionsorte Jesu
sowie Ausgrabungen vorchristlicher Zeit in Anspruch.
Die Eltern Abraham und Edita Spiegel aus Beverly Hills haben durch einen
jüdischen Künstler der Erinnerung an ihren kleinen Sohn Zuel,
der in Auschwitz ermordert wurde, und alle im Holocaust umgekommenen jüdischen
Kinder, Gestalt geben lassen.
Das Herz wird schwer beim Hineingehen in das Dunkel. Es gibt keinen sicheren
Boden unter den Füssen. Schmale Stege, das einseitige Geländer,
bestehend aus starken Seilen, führen in, unter eine riesig erscheinende
Kuppel. Unzählige kleine und grössere Lichtpunkte blitzen auf.
Der Künstler hat durch die Auskleidung des Raumes mit Spiegeln und
sparsam eingesetzte, genau platzierte Beleuchtung, die nicht ins Auge fällt,
diesen gewölbten Sternenhimmel geschaffen.
Jedes der eineinhalb Millionen jüdischen Kinder, beraubt der Liebe
und Geborgenheit, beraubt des Namens, des Lebens, wird hier, leise und eindringlich,
in einem, ins Leben gesprochen. «Fürchte dich nicht. Ich habe
dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein» (Jesaja 43,1). Keines
der Kinder ist vergessen. Keines ausgelöscht. Für jedes hat liebende
Erinnerung einen Stern angezündet. Ein Himmelslicht.
Hier, jüdischer Jeschua, gelebt und gestorben für die Frohe
Botschaft, auferweckt in neues Leben, finde ich
dein leeres Grab
tastend das Dunkel betreten
am Geländer stürzen ins Sternenlicht
tränenblind
die in Liebe gesprochenen
die in blindem Hass getöteten
Kindernamen
wiedererweckt in Yad Vashem
hören
Christa Peikert-Flaspöhler ist als Lyrikerin bekannt geworden, deren Gebete nicht nur den gebethaften Impetus, sondern auch den lyrischen Anspruch enthalten; von ihr: Höre, Göttliche Freundin. Gebete und Meditationen, München 1999, über sie: Beatrice Eichmann-Leutenegger, «Auf dem Weg der Rätsel und Fragen...», demnächst in der SKZ.