13/2000

INHALT

Leitartikel

"Mehr Reis auf die Bank"

von Anne-Marie Holenstein

 

Ein paar Tage lang steht zu Beginn der Fastenzeit eine nachgebildete Reisbank auf Stelzen vor dem Zürcher Globus. Reisbanken sind für viele tausend Familien in Kambodscha, Indien und Madagaskar ein Weg aus der Schuldenfalle. Erfreulich viele Passantinnen und Passanten stehen still, wenn wir sie ansprechen. Fastenopfer, Brot für alle und die Fastenkampagne sind für die meisten ein Begriff. Die Reisbank hingegen und die Forderung: «Mehr Reis auf die Banken» machen zuerst einmal stutzig. Die meisten zeigen dann aber wohlwollendes Interesse. Erfreulich, dass auch die Jungen positiv reagieren; sie finden es prima, dass Reisbanken armen Familien Power geben, damit sie sich selber wehren können und unabhängiger werden. Jungen Menschen ist auch die Information wichtig, dass die Reisbankprojekte den Menschen unabhängig von ihrer Glaubenszugehörigkeit zugute kommen.
Die Gespräche zeigen auch, wie wichtig einfache Handlungsangebote sind: Reis aus fairem Handel steht zum Verkauf, ein Prospekt mit Einzahlungsscheinen beider Werke wird gern mitgenommen, und in vertieften Gesprächen ist es möglich, auf das Insolvenzverfahren als wichtige entwicklungspolitische Aktion hinzuweisen.<1>
Monatelang «kneten» wir jeweils in der theologischen Kommission und vielen Arbeitsgruppen den Teig, aus dem schliesslich eine überzeugende Fastenkampagne entstehen soll. Für das Jahr 2000 hatten wir uns vorgenommen, die Idee des Jubeljahres, in der Gott sein Volk aus Armut und Unterdrückung befreit, so umzusetzen, dass sich möglichst viele Menschen persönlich angesprochen fühlen. Der Brief eines Pfarreiteams hat uns sehr beschäftigt: «Viele sind auch im Glauben verunsichert oder heimatlos oder fühlen sich mit ihren persönlichen und familiären Problemen allein gelassen. Die Fastenzeit, so wie sie in den letzten Jahrzehnten Ðdurchgeführtð wurde, ist für viele beinahe eine Überforderung. Sie ertragen die Informationen über Ursachen, Schuld und Mitverantwortung an der zunehmenden Armut in der Welt und dem Raubbau an der Natur kaum mehr. Sie fühlen sich selber bedürftig, ausgelaugt und hungrig, wenn auch in einem anderen Sinn.»
Wir haben darum Vorschläge gemacht, wie Menschen in der Fastenzeit ein persönliches Time out gestalten können, und sie eingeladen, nach ihren Quellen zu suchen, um das Leben als Geschenk und als Gnade des «Anders-Weiter» zu erfahren. Zeitungsausschnitte und direkte Rückmeldungen belegen: Erfreulich viel ist in den Pfarreien in Gang gekommen, gerade auch durch Aufmerksamkeit gegenüber lebensfördernden Gruppenprozessen.

Visionen wagen...

Die Forderung nach einem Insolvenzverfahren, einer Art Konkursrecht für die ärmsten Länder, mit der Brot für alle und Fastenopfer die Kampagne eröffnet haben, ist eine kühne Vision. Sie gründet auf der biblischen Idee des Hall- oder Gnadenjahres, die uns über Jahrtausende hinweg zu faszinieren vermag. Möglicherweise hat sie so, wie sie im Buch Leviticus beschrieben ist, nie funktioniert. Das hat Jesus nicht daran gehindert, sich darauf zu beziehen, als er zu Beginn seines öffentliches Wirkens in der Synagoge von Nazareth das endgültige Gnadenjahr verkündete.
Die Reaktionen haben bewiesen, dass auch im Jahr 2000 die Bereitschaft da ist, bereits 1990 mit der Petition «Entwicklung braucht Entschuldung» in Gang gebracht haben, und es ist wichtig zu zeigen, dass inzwischen eine weltweite Bewegung diesen Slogan aufgenommen hat. Die Erlassjahr-Kampagne «Jubilee 2000» hat in über 50 Ländern weltweit 17 Millionen Unterschriften gesammelt hat. Diese Bewegung ist tief im Evangelium verankert, wie unser Gast aus Brasilien, Bischof Demetrio Valentini im Eröffnungsgottesdienst am Fernsehen gezeigt hat.<2>

... und mit vereinter Hartnäckigkeit durchsetzen

Visionen verlieren sehr bald ihre Leuchtkraft, wenn wir nicht beweisen, dass wir hartnäckig an ihrer Verwirklichung arbeiten und mit Handlungsangeboten Beteiligung ermöglichen. Die lange Reihe von Menschen, die in der Kolumbanskirche in R. nach dem Gottesdienst nach vorn kamen, um die Briefe an die Schweizer Exekutivdirektoren bei Weltbank und Währungsfonds zu unterschreiben, die auf Time-Out-Bänklein bereitlagen, wird zu meinen starken Erinnerungen an das Erlassjahr 2000 gehören.
Die gesammelten Unterschriften verpflichten uns, zusammen mit der Arbeitsgemeinschaft der Hilfswerke, in der neben Brot für alle und Fastenopfer auch Swissaid, Helvetas und Caritas mitarbeiten, die Lobbyarbeit für das Insolvenzverfahren mit Vorstössen im Parlament hartnäckig weiterzuführen.

Visionen und Hartnäckigkeit ­ beides braucht Geld

Mit seinem Aktionsmagazin, mit der Agenda, den Werkheften und mit Bewusstseinsbildung bereitet das Fastenopfer den Nährboden, damit Visionen Gestalt annehmen. Dafür setzt das Fastenopfer jährlich rund zweieinhalb Millionen Franken ein. Dazu kommen Aufwendungen für die entwicklungspolitische Anwaltschaft und Lobbyarbeit für die Interessen der Ärmsten, die keine Stimme haben. Erfreulicherweise ist ihre Notwendigkeit von vielen Pfarreien, von Spenderinnen und Spendern wie den leitenden Gremien des Fastenopfers breit akzeptiert.
Es gibt jedoch Tendenzen, die uns Sorge bereiten. Sie kommen in Zeitungsberichten folgenden Inhalts zum Ausdruck: «Die Pfarrei Y hat beschlossen, dieses Jahr je zu gleichen Teilen ein Projekt des Fastenopfers in Peru und ein Strassenkinderprojekt von Pater G. in Brasilien zu unterstützen.» Oder: «Die Pfarrei X teilt mit, ihr Fastenopfer betrage jedes Jahr rund 60000 Franken. Dieses Jahr wird sie mit 40000 Franken ein Fastenopfer-Projekt unterstützen; was darüber hinaus gespendet wird, bekommt eine Missionsgesellschaft, die das Geld in Indien einsetzen wird.»<3>
Die Rechnung ist einfach: Angenommen, diese Beispiele würden zur Regel und alle Pfarreien zweigen ein Drittel bis zur Hälfte ihres «Fastenopfers» für Spenden an andere Organisationen ab, dann bedeutet das für das Hilfswerk Fastenopfer einen Rückschlag von drei bis viereinhalb Millionen Franken.
Das Argument «Hauptsache, wir tun etwas Gutes! Und Pater G. verdient doch unser volles Vertrauen», verdeckt die tiefere Problematik. Pfarreien, die nicht das ganze «Fastenopfer» überweisen, entziehen dem Werk Mittel für wichtige Pastoral- und Entwicklungsprojekte, die keinen direkten Draht zu einer Schweizer Pfarrei haben. Gerade solche Projekte sind aber auf die langjährige Zusammenarbeit mit dem Fastenopfer angewiesen. Betroffen von der Abzweigung von Mitteln aus der Pfarreisammlung ist auch die Bildungsarbeit. Wie sähe die Fastenzeit in den Pfarreien aus, wenn es die Werkhefte für Liturgie und Katechese nicht gäbe oder wenn das Fastenopfer infolge rückläufiger Mittel das Team und damit die Qualität dieser Unterlagen reduzieren müsste? Wie sähe die schweizerische Innen- und Aussenpolitik aus, wenn es die Stimme der Hilfswerke nicht gäbe, die gegen die aktuellen Trends hartnäckig und mit professionellem Einsatz eine solidarische Politik fordern?
Genau besehen profitieren die kleineren Werke für Entwicklungszusammenarbeit vom Bildungs- und entwicklungspolitischen Einsatz des Fastenopfers genau so wie die Missionswerke. Für einzelne Spenderinnen und Spender mögen diese Überlegungen zu kompliziert sein. Wir hoffen aber, dass sie den Pfarreiteams und den Führungsverantwortlichen einleuchten, die das Fastenopfer stark gemacht haben und es hoffentlich auch weiterhin als ihr gemeinsames Werk betrachten.

 

Dr. Anne-Marie Holenstein ist Direktorin von Fastenopfer. Katholisches Hilfswerk Schweiz


Anmerkungen

1 Die Reisbank reiste weiter ins Welschland, nach St. Gallen und Luzern.

2 Die Schuldenfrage ist so wichtig, dass Jesus sie in sein Gebet aufgenommen hat: «Erlass uns unsere Schulden, wie auch wir unseren Schuldnern Erlass gewähren.»
Es ist wichtig festzustellen, dass im «Vater unser» dreimal das Wort «unser» auftaucht: Unser Vater, unser Brot und unsere Schulden, und zwar immer im Plural! In diesem Gebet liegt der Sinn des Jubeljahres. Es gibt uns Richtlinien, wie wir die Welt nach den Vorstellungen Gottes neu gestalten können.
Im «Unser Vater» wird unsere gemeinsame Würde als Brüder und Schwestern angesprochen. Die Achtung vor den Menschenrechten wird immer die Grundlage jedes menschlichen Zusammenlebens sein. «Unser tägliches Brot» meint: Die Gewinne der Wirtschaft haben immer dem Leben zu dienen, sie dürfen nicht in den Händen von wenigen gehortet werden und sie dürfen nicht der Ausbeutung dienen.
«Vergib uns unsere Schulden» schliesslich besagt, dass die Schuldenfrage nicht einseitig angegangen werden kann, sie nimmt beide, Gläubiger und Schuldner in die Pflicht, sich auf den Weg der Zusammenarbeit zu machen, um gemeinsam die Ursachen der Verschuldung zu überwinden. Im Schuldenerlass zeigt sich die Solidarität.

3 Angaben von der Verfasserin geändert, respektive anonymisiert.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000