12/2000 | |
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Leitartikel |
Der erste Petrusbrief fordert uns Christen und Christinnen zur Bereitschaft
auf, «jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt,
die euch erfüllt» (3,15). Diese Rechenschaft geben wir gewiss
zunächst durch unser Leben und durch unsere Verkündigung. Weil
wir aber überzeugt sind, dass es im Glauben um Wahrheit geht
um die Wahrheit über Gott und deshalb auch über uns Menschen und
die Welt , sind wir auch zur intellektuellen Rechenschaft über
den Glauben eingeladen und verpflichtet. Diese vernünftige Rechenschaft
vollzieht sich vor allem in der Theologie. Sie ist das wissenschaftliche
Denken des Glaubens. Deshalb setzt auf der einen Seite die Theologie den
Glauben voraus. Denn die Theologie kann den Glauben der Kirche nicht er-zeugen;
sie kann ihn vielmehr nur be-zeugen. Sie kann ihn nicht herstellen; sie
kann ihn vielmehr nur dar-stellen, und zwar in einer intellektuell redlichen
Art und Weise. Deshalb braucht der kirchliche Glaube, der seine eigene Vernünftigkeit
sucht («fides quaerens intellectum»), auf der anderen Seite
auch die Theologie. Denn ihre Aufgabe besteht darin, vor allem der Autorität
der Wahrheit des Glaubens die Ehre zu geben.
Glaube und Wissenschaft sind im Christentum somit keine unversöhnbaren
Gegensätze. Sie fordern und fördern sich vielmehr wechselseitig.
In dieser Verbindung kommt die spezifische Art des christlichen Anspruchs
auf Wahrheit und damit das eigentliche Wesen des Christentums im Konzert
der Kulturgeschichte im Allgemeinen und der Religionsgeschichte im Speziellen
zum Ausdruck. Man kann geradezu urteilen, dass das Phänomen Theologie
im strengen Sinn des Wortes «ein ausschliesslich christliches Phänomen»
ist, «das es anderwärts so nicht gibt»<1>.
Diese Spezialität des Christentums lässt sich bereits an der geschichtlichen
Tatsache ablesen, dass die ersten Universitätsgründungen in Europa
auf die massgebliche Initiative der Kirche zustande gekommen sind, dass
dabei die Mutterfakultät jeweils in der theologischen bestanden hat
und dass die Kirche bis auf den heutigen Tag an der Universität am
wirksamsten durch ihre Theologischen Fakultäten vertreten ist.<2>
Was im Makrokosmos der europäischen Geschichte stattgefunden hat, ist
gleichsam auch im Mikrokosmos von Luzern zu beobachten. Die heutige Theologische
Fakultät ist die älteste katholische Ausbildungsstätte in
der Schweiz. Ihre Ursprünge reichen bis ins 16. Jahrhundert zurück.
Nach dem Übertritt der Stadt Basel mit ihrer angesehenen Universität
zur Reformation wurde in den katholisch gebliebenen Orten das Bedürfnis
nach einer katholisch geprägten Lehranstalt verspürt. Mit diesem
Anliegen ergriffen einflussreiche Persönlichkeiten Luzerns die Initiative,
ihre Stadt für das finanzielle Wagnis einer katholischen Schulgründung
zu gewinnen und mit ihr die Berufung der Jesuiten nach Luzern zu verbinden.
An deren Wirken erinnert noch immer die Jesuitenkirche, in der bis auf den
heutigen Tag die Professoren der Theologischen Fakultät ihren Predigtdienst
versehen.
Auch in Luzern bildet somit die Theologie das Fundament jener Universität,
über die im 400. Jubiläumsjahr theologischer Präsenz der
Souverän des Kantons Luzern abstimmen wird. Da die Theologische Fakultät
in das Universitätsprojekt eingebaut ist, geht es bei dieser Abstimmung
auch um eine gute Zukunft der Theologischen Fakultät. Ich hoffe darauf,
dass die Volksabstimmung positiv ausfallen wird, da das Bistum Basel und
überhaupt die Kirche in der deutschsprachigen Schweiz auf das Wirken
der Theologischen Fakultät angewiesen sind. Gerade in der heutigen
gesellschaftlichen Situation einer weithin verwissenschaftlichten Lebenswelt
der Menschen, in der das allgemeine Bildungsniveau erheblich gestiegen ist,
kann sich der Glaube nicht allein auf die Bereiche des Privaten, des Emotionalen
und Erfahrbaren zurückziehen, sondern ist eine öffentliche und
damit auch intellektuelle Auseinandersetzung mit der Wahrheit des Glaubens
in vermehrtem Masse wichtig. Dies gilt in besonderer Weise im Blick auf
jene Menschen, die sich im Theologiestudium auf eine kirchliche Sendung
vorbereiten.
Dass die Theologische Fakultät, wenn das «Gesetz über die
universitäre Hochschulbildung» angenommen wird, in eine Universität
integriert sein wird, kann ihr nur gut tun. Denn sowohl Kirche als auch
Theologie befinden sich an einer Universität nicht an einem fremden
Ort, sie brauchen vielmehr diesen Ort und damit das Gespräch mit den
universitären Wissenschaften, um ihre Sendung erfüllen zu können,
öffentliche Rechenschaft zu geben von der «Hoffnung, die euch
erfüllt». Aber auch die Universität kann umgekehrt von der
Präsenz der Theologie profitieren, weil die Theologie als Wissenschaft
von Gott von Haus aus auf jene Universalität verpflichtet ist, von
der die Universität nicht nur ihren Namen, sondern auch ihren Auftrag
erhalten hat. Die Universität Luzern bietet einen guten Rahmen für
das notwendige Gespräch zwischen Theologie und anderen Wissenschaften
wie zwischen Kirche und Universität. In dieser Überzeugung hoffe
ich mit Zuversicht auf eine weitsichtige Entscheidung des Luzerner Volkes
am 21. Mai 2000. Zugleich blicke ich erfreut auf 400 Jahre theologische
Bildung in Luzern zurück und bin dem Staat Luzern für seine stets
tatkräftige Unterstützung dankbar.
Prof. Dr. Kurt Koch ist als Bischof von Basel Magnus Cancellarius der Theologischen Fakultät der Universitären Hochschule Luzern.
1 J. Kardinal Ratzinger, Vom geistlichen Grund und vom kirchlichen Ort der Theologie, in: Ders., Wesen und Auftrag der Theologie. Versuche zu ihrer Ortsbestimmung im Disput der Gegenwart (Einsiedeln 1993) 3962, zit. 48.
2 Vgl. K. Koch, Universität und Kirche. Zu einer notwendigen Beziehung mit Spannungen (Basel 1998); Ders., Argumentative Rechenschaft über den Glauben. Vom kirchlichen Interesse an wissenschaftlicher Theologie, in: E. Arens und H. Hoping (Hrsg.), Wieviel Theologie verträgt die Öffentlichkeit? (Freiburg i.Br. 2000) 127147.