10/2000

INHALT

Leitartikel

Eine weise Frau bietet Pfirsiche an

von Thomas Jenelten

 

Montag

Time out
Halt ein!

Hokus Globus
simsalabim

Du sollst Heimat sein
für alle Menschen
Schwestern Brüder

Du sollst Wohnung sein
für alle Geschöpfe
Pflanzen Tiere

Halt ein
Globus

Wir müssen
Lichtfenster aufreissen
gegen das Verschuldungselend

Wir müssen
Posaunen spielen
überall und über-All

Hokus Globus
simsalabim

Dienstag

In meinem Büro hängt ein Foto, das in der alten Cardinal-Brauerei in Fribourg gemacht wurde. Es ist eine Sicht von Innen nach Aussen. Der Blick geht durch ein rundes Fenster ins Freie ­ ein rundes Fenster mit sechs Speichen. Im Innern, auf dem Boden, bildet der Lichtfall dieses Radbild nochmals ab.
Es ist ein Time-out-Bild: Innehalten, bevor der Bau abgebrochen wird. In den Mauern haben sich die Stimmen der Arbeiter abgelagert. Sie vermischen sich mit den Rufen der Demonstrantinnen und Demonstranten ein paar Jahre später ­ als es um viele Cardinal-Arbeitsplätze ging.
Von allem ist dieses Bild bewohnt: von der Arbeit, vom Stress, vom Aufbau, von der Zerstörung, vom Arbeitskampf... und von der Ruhe des Radbildes.
Dazu gesellt sich heute mein Phantasiebild:

Im Schein des Radbildes
bricht eine Arbeiterin
das Brot der Solidarität
mit den Armen und Entrechteten.

Mittwoch

Feierabend. 25 Frauen und Männer treffen sich in einem grossen Raum. Das zweite Mal in dieser Woche.
Verena führt uns durch die Bilder von Shibashi, der Bewegungsmeditation aus Asien. Ein time out im Alltag.
Die Bewegungen sind ruhig und harmonisch. Aus den Titeln der Bilder lacht leichtfüssige Poesie. «Händewinken am Seeufer» oder «Seide schwebt in der Luft» oder «Die Taube breitet die Flügel aus».
Wir bewegen uns, lassen für eine Stunde Not und Sorgen des Alltags zurück.
Und nehmen sie mit ­ die Bewegungen und Bilder ­ wenn wir dann weitergehen auf unserem Weg. Offen vielleicht für die Weisheit, die uns begegnet, vielleicht schon an der nächsten Ecke!
«Eine weise Frau bietet Pfirsiche an» heisst ein Shibashi-Bild.

Donnerstag

Lange betrachte ich das Hungertuch von Suryo Indratno. Ich will am Wochenende darüber predigen. Je länger ich schaue, desto mehr Details springen mir in die Augen: Gott, der kopfüber hängt; der Baum des Lebens, der Himmel und Erde verbindet; die Mutter der Erde und ihr Schwangerschaftstuch, das einlädt in die Bewegung der Spirale; die Gesichter der Angst und der Gewalt... und im Zentrum: der Reisberg.
Ich betrachte, aber das Bild verliert nichts von seiner Fremdheit. Es ist nicht meine Welt, die hier dargestellt wird. Ich muss nicht um den täglichen Reis kämpfen. Aber es ist eine Welt, die mich betrifft. Das Hungertuch macht betroffen.
Betroffenheit, die nicht lähmt, sondern Energie gibt. Ich lasse mich hineinziehen in die Spirale. Aber ich hebe nicht ab. Ich bleibe am Boden. Ich will tun, was ich tun kann, zum Beispiel das Projekt Reisbank unterstützen (Projektnummer E/99-317-049.106871). Ich will tun, was ich tun kann, denn ich liebe den Satz des Bauern aus Pradesh: «Die Reisbank ist für uns wie ein Altar, um den wir uns versammeln und der uns Kraft zu einem gemeinsamen Aufbruch gibt.»

Freitag

Seltsamer Traum heute Nacht.
Ein weites nächtliches Feld. Im Vordergrund: ein Feuer. Zwei Menschen sitzen da und lassen sich wärmen. Eine Frau und ein Mann. Beim näheren hinsehen erkenne ich sie wieder. Es ist die weise Frau, die Pfirsiche anbietet. Und es ist der Lehrer vom Hungertuch. Der dort auf die Tafel weist und mit seinem Rücken die Rücken der Bauern stärkt.
Sie sitzen da und hören den Gesang des Feuers:

«Ein TIME OUT den verschuldeten Ländern
ihnen eine Zukunft
sie sollen ANDERS WEITERhoffen
Ein TIME OUT den atemlosen Menschen
ihnen eine Atemzeit
sie sollen ANDERS WEITERlieben
Ein TIME OUT den politisch und kirchlich Verfolgten
ihnen eine Würde
sie sollen ANDERS WEITERglauben»

Samstag

Heute ein Telefongespräch mit meinem esoterischen Freund. Er kommt ins Schwärmen über die diesjährige Fastenopfer-Kampagne. «Endlich wieder einmal etwas Spirituelles! Time out! Wunderbar! Endlich ein Plädoyer fürs Gebet und nicht dieses ewig Politische!»
Ich kann ihn fast nicht stoppen, meinen Freund. Ärgerlich gebe ich ihm zurück: «Hast Du das Plakat denn nicht genau angeschaut. Der Mensch, der weggeschleudert wird vom Globus. Beschäftigt Dich das denn nicht, die unendliche Armut und Verschuldung so vieler Menschen. Millionen Hoffnungslose!
Gut, dass es das Fastenopfer gibt und sein handfester Einsatz für ein Time out, das den verschuldeten Ländern Perspektiven ermöglicht. Mystik und Politik, mein Lieber, gehören doch zusammen!»
Spät am Abend schicke ich Dir ein mail: «Lies Leviticus 25!» Ich unterlege es mit Posaunenschall.

Sonntag

Time out ­ Atemzeit

In der Nacht
breitet der Mond
sein Lichttuch aus

flinke Hände
decken den Tisch
mit Brot und Wein

zwischen den Körpern
blühen
Rosen

aus den Steinen
dringt
lichter Gesang

Brot und Wein
und Rosen
für alle

 

Der Theologe Thomas Jenelten ist Gemeindeleiter der katholischen Stadtpfarrei St. Peter und Paul Aarau und schreibt Lieder und Gedichte; im Buchhandel noch erhältlich ist die zweite Auflage seines Gedichtbandes «Den Schatten umarmen» (Dendron Verlag). Der ökumenische Eröffnungsgottesdienst der diesjährigen Aktion von Fastenopfer und Brot für Alle zu «Time out ­ anders weiter» findet am 12. März um 10 Uhr in der reformierten Stadtkirche Aarau statt und wird vom Fernsehen direkt übertragen.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000