10/2000 | |
INHALT | |
Leitartikel |
Time out
Halt ein!
Hokus Globus
simsalabim
Du sollst Heimat sein
für alle Menschen
Schwestern Brüder
Du sollst Wohnung sein
für alle Geschöpfe
Pflanzen Tiere
Halt ein
Globus
Wir müssen
Lichtfenster aufreissen
gegen das Verschuldungselend
Wir müssen
Posaunen spielen
überall und über-All
Hokus Globus
simsalabim
In meinem Büro hängt ein Foto, das in der alten Cardinal-Brauerei
in Fribourg gemacht wurde. Es ist eine Sicht von Innen nach Aussen. Der
Blick geht durch ein rundes Fenster ins Freie ein rundes Fenster mit
sechs Speichen. Im Innern, auf dem Boden, bildet der Lichtfall dieses Radbild
nochmals ab.
Es ist ein Time-out-Bild: Innehalten, bevor der Bau abgebrochen wird. In
den Mauern haben sich die Stimmen der Arbeiter abgelagert. Sie vermischen
sich mit den Rufen der Demonstrantinnen und Demonstranten ein paar Jahre
später als es um viele Cardinal-Arbeitsplätze ging.
Von allem ist dieses Bild bewohnt: von der Arbeit, vom Stress, vom Aufbau,
von der Zerstörung, vom Arbeitskampf... und von der Ruhe des Radbildes.
Dazu gesellt sich heute mein Phantasiebild:
Im Schein des Radbildes
bricht eine Arbeiterin
das Brot der Solidarität
mit den Armen und Entrechteten.
Feierabend. 25 Frauen und Männer treffen sich in einem grossen Raum.
Das zweite Mal in dieser Woche.
Verena führt uns durch die Bilder von Shibashi, der Bewegungsmeditation
aus Asien. Ein time out im Alltag.
Die Bewegungen sind ruhig und harmonisch. Aus den Titeln der Bilder lacht
leichtfüssige Poesie. «Händewinken am Seeufer» oder
«Seide schwebt in der Luft» oder «Die Taube breitet die
Flügel aus».
Wir bewegen uns, lassen für eine Stunde Not und Sorgen des Alltags
zurück.
Und nehmen sie mit die Bewegungen und Bilder wenn wir dann weitergehen
auf unserem Weg. Offen vielleicht für die Weisheit, die uns begegnet,
vielleicht schon an der nächsten Ecke!
«Eine weise Frau bietet Pfirsiche an» heisst ein Shibashi-Bild.
Lange betrachte ich das Hungertuch von Suryo Indratno. Ich will am Wochenende
darüber predigen. Je länger ich schaue, desto mehr Details springen
mir in die Augen: Gott, der kopfüber hängt; der Baum des Lebens,
der Himmel und Erde verbindet; die Mutter der Erde und ihr Schwangerschaftstuch,
das einlädt in die Bewegung der Spirale; die Gesichter der Angst und
der Gewalt... und im Zentrum: der Reisberg.
Ich betrachte, aber das Bild verliert nichts von seiner Fremdheit. Es ist
nicht meine Welt, die hier dargestellt wird. Ich muss nicht um den täglichen
Reis kämpfen. Aber es ist eine Welt, die mich betrifft. Das Hungertuch
macht betroffen.
Betroffenheit, die nicht lähmt, sondern Energie gibt. Ich lasse mich
hineinziehen in die Spirale. Aber ich hebe nicht ab. Ich bleibe am Boden.
Ich will tun, was ich tun kann, zum Beispiel das Projekt Reisbank unterstützen
(Projektnummer E/99-317-049.106871). Ich will tun, was ich tun kann, denn
ich liebe den Satz des Bauern aus Pradesh: «Die Reisbank ist für
uns wie ein Altar, um den wir uns versammeln und der uns Kraft zu einem
gemeinsamen Aufbruch gibt.»
Seltsamer Traum heute Nacht.
Ein weites nächtliches Feld. Im Vordergrund: ein Feuer. Zwei Menschen
sitzen da und lassen sich wärmen. Eine Frau und ein Mann. Beim näheren
hinsehen erkenne ich sie wieder. Es ist die weise Frau, die Pfirsiche anbietet.
Und es ist der Lehrer vom Hungertuch. Der dort auf die Tafel weist und mit
seinem Rücken die Rücken der Bauern stärkt.
Sie sitzen da und hören den Gesang des Feuers:
«Ein TIME OUT den verschuldeten Ländern
ihnen eine Zukunft
sie sollen ANDERS WEITERhoffen
Ein TIME OUT den atemlosen Menschen
ihnen eine Atemzeit
sie sollen ANDERS WEITERlieben
Ein TIME OUT den politisch und kirchlich Verfolgten
ihnen eine Würde
sie sollen ANDERS WEITERglauben»
Heute ein Telefongespräch mit meinem esoterischen Freund. Er kommt
ins Schwärmen über die diesjährige Fastenopfer-Kampagne.
«Endlich wieder einmal etwas Spirituelles! Time out! Wunderbar! Endlich
ein Plädoyer fürs Gebet und nicht dieses ewig Politische!»
Ich kann ihn fast nicht stoppen, meinen Freund. Ärgerlich gebe ich
ihm zurück: «Hast Du das Plakat denn nicht genau angeschaut.
Der Mensch, der weggeschleudert wird vom Globus. Beschäftigt Dich das
denn nicht, die unendliche Armut und Verschuldung so vieler Menschen. Millionen
Hoffnungslose!
Gut, dass es das Fastenopfer gibt und sein handfester Einsatz für ein
Time out, das den verschuldeten Ländern Perspektiven ermöglicht.
Mystik und Politik, mein Lieber, gehören doch zusammen!»
Spät am Abend schicke ich Dir ein mail: «Lies Leviticus 25!»
Ich unterlege es mit Posaunenschall.
Time out Atemzeit
In der Nacht
breitet der Mond
sein Lichttuch aus
flinke Hände
decken den Tisch
mit Brot und Wein
zwischen den Körpern
blühen
Rosen
aus den Steinen
dringt
lichter Gesang
Brot und Wein
und Rosen
für alle
Der Theologe Thomas Jenelten ist Gemeindeleiter der katholischen Stadtpfarrei St. Peter und Paul Aarau und schreibt Lieder und Gedichte; im Buchhandel noch erhältlich ist die zweite Auflage seines Gedichtbandes «Den Schatten umarmen» (Dendron Verlag). Der ökumenische Eröffnungsgottesdienst der diesjährigen Aktion von Fastenopfer und Brot für Alle zu «Time out anders weiter» findet am 12. März um 10 Uhr in der reformierten Stadtkirche Aarau statt und wird vom Fernsehen direkt übertragen.