9/2000 | |
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Leitartikel |
In den Gleichnissen spricht Jesus oft von den Geschöpfen: von Vögeln,
Blumen, blühenden oder vertrockneten Bäumen, von reifen Ähren
auf den Feldern, von Samenkörnern, die in die Erde fallen, um Frucht
zu bringen und neues Leben. Dadurch zieht er unsere Aufmerksamkeit auf die
uns umgebende Natur, von der wir so viel lernen können, Zeugin der
Weisheit und Schönheit Gottes.
Sie ist zuallererst unsere Schwester und Mutter, wie sie der heilige Franziskus
in seinem Sonnengesang so schön besingt. Auch sie ist den Händen
unseres Schöpfers entsprungen. Wenn wir all die Schönheiten der
Natur bewundern, lobpreisen wir ihren Schöpfer. Wenn wir zum Beispiel
über das Gras schreiten, sind wir uns bewusst: Unter unseren Füssen
ist von Gott geschaffenes Leben? Jeder Grashalm, jeder Baum, jeder Vogel,
der fliegt, kündet von Gottes Schöpfung. In diesem Sinne ist es
angebracht, von der Natur als Ikone Gottes zu sprechen, denn die Schöpfung
spiegelt Gott und seine Grösse wieder. Ikone heisst ja: Abbild des
Urbildes. (Der Begriff «Ikone» wird leider von den Medien zunehmend
missbraucht und pervertiert!)
Unter allem Geschaffenen ist die Natur das Schönste. Wer kann etwas
Grösseres vollbringen als den Sonnenaufgang? Die Blumen drehen sich
zum Sonnenlicht, Bild des Lebens, das nach Gott strebt. Wie die Sonnenblume
sich der Sonne zuwendet und ihrem Lauf folgt, so wendet sich der gläubige
Christ dem Herrn zu, der «Sonne der Gerechtigkeit».
Seht die Vögel des Himmels, sagt er. Das sind wundervolle Geschöpfe.
Sie verkünden uns Gottes liebende Sorge für die Geringsten und
Kleinsten. Wenn schon das unscheinbarste Blümchen zu unseren Füssen
ein Wunder ist, was ist dann unsere Seele als Abbild Gottes! Wenn wir einen
Bach oder Fluss sehen, werden wir uns bewusst, wie wichtig für das
Leben das von Gott geschaffene Wasser ist. Für Wüstenbewohner
das Notwendigste und Schönste: Jede Quelle und jeder Brunnen ist wie
ein Heiligtum.
Wohl wissen wir das alles, doch sind wir der Natur gegenüber gleichgültig
geworden, um nicht zu sagen kriminell; unser Herz ist verhärtet. Die
Bewahrung der Schöpfung ist Gottes Auftrag an alle Menschen (Gen 1,28),
Ökologie ist nicht nur Aufgabe einiger «grüner» Spezialisten!
Sind wir müde, geistig und seelisch ermattet, peitschen die Stürme
des Lebens unsere Seele, dann bringt das Verweilen im Garten oder im Wald,
das Spazieren in der Natur Entspannung und Ruhe. Wie durch Tau wird die
menschliche Seele belebt und vom Staub des Alltags befreit. Ist es nicht
verständlich, wenn Städter in ihren Wohnsilos auf Terrassen und
Balkonen Sträucher, Blumen und Kräuter pflanzen, oder wenigstens
auf einem Fensterbrett sich einiger Blumen erfreuen? Das sind Zeichen des
Lebens und der Schönheit in einer Welt des Todes und der Öde,
Schöpfung als Abbild, als Ikone Gottes um uns.
Alles, was uns umgibt, zeugt von Gott. Nicht ohne Grund schreibt der Psalmist
entzückt: «Die Himmel rühmen die Herrlichkeit Gottes, vom
Werk seiner Hände kündet das Firmament» (Ps 19,2). Auch
die Erde und alles, was sie umgibt, spricht vom Schöpfer, lobpreist
und verkündet ihn. Das Vogelgezwitscher in der Morgenfrühe bei
Tagesanbruch ist ein Chorgesang zur Ehre Gottes, wohl unbewusst, deswegen
aber nicht weniger ehrlich und wahrhaftig, denn in Gottes Schöpfung
gibt es keine Lügen.
Früher beteten die Menschen die Natur an; das war ein Irrtum. Eine
alte Legende erzählt, dass Abraham im Alten Testament einen grossen
von den Heiden verehrten Baum fragte: «Bist du nicht Gott?»
«Nein, der bin ich nicht!», antwortete die mächtige Eiche.
Später am Ufer des Meeres fragte der Patriarch das Meer: «Bist
du nicht Gott?» Das Meer antwortete: «Nein, der bin ich nicht!»
Abends nach dem Aufgang des Mondes über dem Meer rief der heilige Mann
den Sternen zu: «Ihr seid Gott!» «Nein, wir sind keine
Götter!», antworteten sie. Da wurde Abraham nachdenklich und
fragte schliesslich: «Wer ist denn Gott?» Im Chor antworteten
alle Geschöpfe: «Gott ist derjenige, der uns erschaffen hat.»
Die Schöpfung in ihrer unwandelbaren Schönheit aus Gottes Händen
ist für uns eine tägliche Mahnung und Aufforderung: Mahnung, zur
Schöpfung Sorge zu tragen und sie so zu erhalten, wie sie entstanden
ist, und Aufforderung, dieses wunderbare Geschenk des Schöpfers mit
Lobpreis dankbar zu würdigen. In dieser Gesinnung mit einem speziellen
Gedenk- und Danktag an und für die Schöpfung beginnt übrigens
die Orthodoxie jeweils das neue Kirchenjahr.
Grossarchimandrit Felix Dillier ist Vorstandsmitglied der Catholica Unio Schweiz, des Schweizerischen katholischen Ostkirchenwerks.