8/2000

INHALT

Leitartikel

Ein frischer Windstoss für Indonesien

von Franz Dähler

 

Was fällt dir ein, wenn Indonesien im Zentrum des Weltgebetstages steht?», fragt mich der Redaktor dieser Zeitung. Da steigt in mir ebenfalls eine Frage auf: Was kann schon das Beten bewirken bei so schweren Problemen, wie sie gerade Indonesien durchlebt? Nun lese ich aber in den Vorbereitungstexten zum Weltgebetstag von einem «informierten Beten und betenden Handeln». Der Weltgebetstag entstamme einer Initiative von Frauen und strahle auf 180 Länder aus. Läge darin eine Antwort?
Fassen wir zusammen, welches Drama Indonesien seit 1997 bedrückt. Noch im Sommer 1997 bezeichnet die Weltbank die Nation mit ihren 17000 Inseln und der viertgrössten Bevölkerung der Welt (220 Millionen) als asiatisches Wunder. Das Wirtschaftswachstum 1996 beträgt 7,5%. Und Präsident Suharto, der seit 30 Jahren das Land autoritär beherrscht, erhält im Oktober einen Preis der UNDP (Entwicklungsorganisation der UNO), weil die absolute Armut von 60% im Jahre 1970 auf nur 15% im Jahre 1997 zurückgegangen sei (später erwies sich, dass die Prozente auf Druck der Regierung nach unten korrigiert worden waren!).
Doch dann bricht die Wirtschaftskrise wie ein Orkan über das Inselreich herein. Schon Ende 1997 zerfällt die Währung um 76%, viele Banken und Unternehmen schliessen, die Preise steigen um das zwei- bis dreifache, das jährliche Einkommen pro Kopf sinkt von $1100 auf nur 300. Das Heer der total Arbeitslosen steigt auf 28 Millionen. Suharto wird zwar im März 1998 zum 7. Mal «einstimmig» als Präsident gewählt, um dann unter dem Druck der geeinten Studentenschaft und Opposition am 21. Mai zurückzutreten. Sein Nachfolger Habibie verspricht freie Wahlen, die im Juni 1999 stattfinden und der Demokratiebewegung (unter anderem den von der Sukarnotochter Megawati und vom Muslim Abdurrahman Wahid geführten Parteien) zum Sieg verhelfen. Nach den schrecklichen Vergehen der indonesischen Milizen in Osttimor anerkennt das erneuerte Parlament die Souveränität dieser Halbinsel und wählt Abdurrahman Wahid am 20. Oktober zum Präsidenten, Megawati zur Vizepräsidentin.
Doch die lange von Suharto unterdrückten Spannungen entladen sich heftig. In der wirtschaftlich wichtigen Region Aceh (Nordsumatra), Westpapua, der Insel Riau erstarken die Unabhängigkeitsbewegungen, auf den Molukken lassen Zusammenstösse zwischen Christen und Muslimen Tausende von Toten und Zehntausende von Flüchtlingen zurück. Der Konflikt auf den Molukken (wie auch auf der Insel Kalimantan/Borneo) ist nicht nur religiös bedingt. Muslimische Immigranten aus Java und Südsulawesi hatten sich des Handels bemächtigt und das ökonomisch-ethnisch-religiöse Gleichgewicht (je rund 50% Christen und Muslime) durcheinander gebracht. Doch diese differenzierte Sicht ist vielen nicht bewusst. Im Januar forderte eine Menge von 100000 Muslimen in Jakarta den «Heiligen Krieg» gegen die Christen.
Wird die Nation auseinander fallen, oder werden wieder jene Kräfte die Oberhand gewinnen, die den religiösen und sozialen Frieden anstreben? Kürzlich bezeichnete der muslimische Professor Farhad Afshar bei einem Treffen im Romero-Haus Luzern den Frieden als den eigentlichen Kern des Islam. Das tönt für uns ungewohnt, widerspricht unseren Vorstellungen. Aber in der Tat: Während 18 Jahren erlebte ich in Indonesien Muslime als echt fromm und friedvoll. Dazu zählt auch der jetzige Präsident, mit dem ich früher viele Gespräche führen durfte. Als er vor drei Jahren erkrankte, beteten Muslime, Konfuzianer, Protestanten, Katholiken und Hindus gemeinsam für ihn. Ich lernte viele javanische Familien kennen, in denen Söhne und Töchter als Muslime oder Christen friedlich zusammenleben. Nicht deswegen friedlich, weil ihnen die Religion gleichgültig wäre, sondern weil sie ihre Religion in erster Linie als Weg zum Frieden, zur Harmonie verstehen, gerade auch dann, wenn sie ihren Ritualen folgen. Ich sah Muslime, die zum Marienwallfahrtsort Sendang Sono pilgerten! Und es gibt viele Christen, die ihre Kinder beschneiden lassen. Diese Offenheit entspricht der javanischen Kultur, die hinduistisch-buddhistischem Denken zugeneigt ist. Der grösste Teil Indonesiens war bis 1500 hinduistisch, zeitweise auch buddhistisch. Die Mehrheit der Javaner (120 Millionen) sind, auch wenn sie sich als Muslime bezeichnen, tief in dieser Spiritualität verankert. Ich kenne in Indonesien keine Ghettos, in denen sich die Religionen absonderten.<1>
Das zeigt sich auch in indonesischen Frauenorganisationen, von denen mir Melanie Budianta, eine Dozentin der Universitas Indonesia, berichtete. Darin finden sich sowohl Muslimfrauen mit dem Kopftuch (jilbab) als auch Klosterfrauen und evangelische Mitarbeiterinnen. Während den Studentendemostrationen im Mai 1998 organisierten sie die Verpflegung, führten im April 1999 einen internationalen Workshop durch, um die sozialen und wirtschaftlichen Probleme zu analysieren und entsprechende Folgerungen zu ziehen. Sie suchten Kontakte mit Frauen aus der Rebellenprovinz Aceh, die zu 100% muslimisch ist. Sie vermittelten zwischen verfeindeten Ethnien in Pontianak, Kalimantan. Sie bildeten eine E-Mail-Gruppe, um die Gesellschaft mit Informationen zu versehen, die in der Presse fehlen. Sie beteiligen sich an Freiwilligen-Gruppen, die Vergewaltigungen an chinesischen Frauen aufklären. Sie erstellen eine Dokumentation von staatlichen Menschenrechtsverletzungen. Das wirkt.
Und «wirken tun» auch unsere Schweizer Frauen. Bei den Vorbereitungen zum Weltgebetstag in Windisch, Wohlen und Chur fand ich bei ihnen waches Interesse für das faszinierende Inselreich, seine Menschen, seine Kultur. Es kam auch im gemeinsamen indonesischen Mahl zum Ausdruck. Diese Sympathie, Lebendigkeit, dieses Beten strahlt aus, schafft neue Verbindungen. Wir wissen aus der Welt der Quanten, des Klimas und der Atmosphäre, dass ein winziges Elemenetarteilchen, eine Welle, ein Windstoss das Wetter verändern, zum Guten wenden kann. Ich meine, dass für Indonesiens sehr labile und gefährliche Lage ein solcher Windstoss der Sympathie, des handelnden Betens entscheidend sein könnte.


Anmerkung

1 Zur Religionsstatistik in Indonesien
Die meisten, auch christliche Quellen, sprechen von 90% Muslimen in Indonesien. Ich zweifelte immer daran und bin vor Jahren in Jakarta der Statistik nachgegangen. Ich kam zu folgendem Resultat: etwa 80% Muslime, sicher 10% Christen, weitere 10% sind Buddhisten, Hinduisten, Konfuzianer, Animisten. Die Animisten (Stammesreligionen) gelten nicht als Religion und werden zum Islam geschlagen. Dazu kommt, dass die javanischen Muslime, vor allem im sehr dicht bevölkerten Zentraljava, stark von der javanischen Kultur geprägt sind. Diese nicht strengen Muslime machen weitere 30% aus.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000