5/2000 | |
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Leitartikel |
Letzte Woche verlieh die Stiftung Weltethos Schweiz die Preise für
den von ihr für Schule und Erwachsenenbildung ausgeschriebenen Wettbewerb.
Im Rahmen einer von jüdischen, christlichen und vor allem muslimischen
Beiträgen geprägten Feier in der Moschee der Türkisch-islamischen
Stiftung in Zürich wurden die Preisträger geehrt und zwei der
ausgezeichneten Projekte vorgestellt. Vorbereitet worden war die Feier von
der Stiftung Bildung und Entwicklung, die auch den Wettbewerb durchgeführt
hatte; ein Schwerpunkt dieser von privaten Organisationen und staatlichen
Behörden aus den Bereichen Menschenrechte, Entwicklungszusammenarbeit
und Erziehung getragenen Stiftung ist denn auch die Friedenserziehung.
Das «Projekt Weltethos» geht auf die gleichnamige programmatische
Veröffentlichung des Theologen Hans Küng von 1990 zurück;
getragen wird es vom prägnant formulierten Grundgedanken: «Kein
Frieden unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen. Kein Frieden
unter den Religionen ohne Dialog zwischen den Religionen. Kein Dialog unter
den Religionen ohne Grundlagenforschung in den Religionen.» 1993 verabschiedete
«das Parlament der Religionen» eine «Erklärung zum
Weltethos», die als Prinzipien eines Weltethos vier Verpflichtungen
herausstellt: «Verpflichtung auf eine Kultur der Gewaltlosigkeit und
der Ehrfurcht vor dem Leben. Verpflichtung auf eine Kultur der Solidarität
und eine gerechte Wirtschaftsordnung. Verpflichtung auf eine Kultur der
Toleranz und ein Leben in Wahrhaftigkeit. Verpflichtung auf eine Kultur
der Gleichberechtigung und der Partnerschaft von Mann und Frau.»
Um auf dieser programmatischen Grundlage interkulturelle und interreligiöse
Forschungs- und Bildungsarbeit sowie die dabei notwendige interkulturelle
und interreligiöse Begegnung zu fördern, gründete Karl Konrad
Graf von der Groeben 1995 die Stiftung Weltethos mit Sitz in Tübingen;
1996 konnte eine Stiftung Weltethos Schweiz und 1999 eine Stiftung Weltethos
Tschechische Republik gegründet werden, und weitere Gründungen
sind in Vorbereitung. Vor der Presse unterstrich Hans Küng die Notwendigkeit,
die Ergebnisse der Forschungs- und Bildungsarbeit und das von ihr vertretene
Anliegen eines Menschheitsethos in die Schulen zu bringen, denn neue Sensibilitäten
müssten von unten her wachsen. Deshalb hat die Stiftung Weltethos zuerst
in Deutschland und letztes Jahr nun auch in der deutschsprachigen Schweiz
einen Wettbewerb durchgeführt, um zu Unterrichtsprojekten zu kommen,
die einen Inhalt der «Erklärung zum Weltethos» thematisieren.
Geprüft wird von der Stiftung die Möglichkeit, auch noch in der
französischsprachigen Schweiz einen Wettbewerb auszuschreiben.
Es seien allerdings nicht die Religionen gewesen, die den Anstoss zur heute
möglichen interreligiösen Begegnung gegeben haben, sondern die
gesellschaftlichen Verhältnisse, führte der Religionspädagoge
Klaus Wegenast als Präsident der Jury die Preisverleihung einleitend
aus; die heute 8 Millionen Muslime in Westeuropa seien nicht mehr zu übersehen.
Allerdings habe die interkulturelle und interreligiöse Didaktik in
den 1960er Jahren mit der Zunahme der Fremdarbeiter damit begonnen, sich
monologisch mit deren Religion zu beschäftigen. Erst in den 1980er
Jahren sei sie dialogisch geworden. Klaus Wegenast lobte namentlich die
pädagogischen Qualitäten der ausgezeichneten Projekte; sie hätten
auf der kognitiven wie der affektiven Ebene, auf der Wissens- wie der Verhaltensebene
Veränderungen angestrebt und zudem Handlungsimpulse vermittelt; auch
seien sie sowohl schüler- als auch sachorientiert.
Interreligiöses und interkulturelles Lernen durch Begegnung war denn
auch der Leitgedanke von Benno Bühlmann, an den der erste Preis ging.
Er hat an der Kantonsschule Luzern im Fach «Religionskunde und Ethik»
mit fünf Klassen ein Video-/Audioprojekt durchgeführt. Die 18-
bis 20-jährigen Schüler und Schülerinnen setzten sich mit
buddhistischen, jüdischen und muslimischen Kollegen und Kolleginnen
auseinander; in Arbeitsgruppen sprachen sie miteinander ausführlich
über religiöse Praktiken und ethische Prinzipien, befragten aber
auch Sachverständige. Die Ergebnisse dieser Gespräche wurden in
je einem Videofilm oder einer Diaschau verarbeitet und schriftlich festgehalten.
Entsprechend dem Lehrplan ging es in den 5. Klassen darum, die Grundzüge
von Hinduismus, Buddhismus, Judentum und Islam kennen zu lernen und darzustellen,
während sich die zwei 6. Klassen für einen Themenkreis aus der
«Erklärung zum Weltethos» zu entscheiden hatten. In einem
Vergleich zwischen zwei oder drei Religionen hielten sie Unterschiede und
Gemeinsamkeiten fest.
Das konfessionell neutrale Fach «Religionskunde und Ethik» ist
an den Luzerner Gymnasien obligatorisch; aufgrund seiner Erfahrung betonte
Benno Bühlmann gegen aussen die Bedeutung eines solchen
Faches an Gymnasien, um Fundamentalismus und Rassismus entgegenwirken zu
können.
Der zweite Preis ging an die Lehrerin Martina Ammer, die mit ihrer multikulturell
und multireligiös zusammengesetzten 3. Realschulklasse in Littau schüler-
und schülerinnenbezogen ein «Spiel für den Frieden»
entwickelt hatte; den dritten Preis erhielt Werner Mosimann für sein
im Rahmen des allgemeinbildenden Unterrichts an der Berufsschule Aarau durchgeführtes
Projekt, und der vierte Preis ging an die «Stufe» Erwachsenenbildung,
an das vom St.-Katharina-Werk veranstaltete und von Andreas Fischer geleitete
International Peace Camp «Eine Welt für alle». Mit dem
Anerkennungspreis für die Klasse von Ursina Gloor in Arlesheim, die
ein Bilderbuch hergestellt hat, war auch noch die Primarschule vertreten.
In der Feier, die die Preisverleihung umrahmte, wurden aus christlicher,
jüdischer und muslimischer Sicht auch Gedanken zum Miteinander der
Angehörigen der drei Religionen vorgetragen. Hans Küng erinnerte
an seinen Zugang zum «Projekt Weltethos»: Christentum, Judentum
und Islam sind prophetische Religionen mit theologischen wie mit ethischen
Gemeinsamkeiten. Mit dem jüdisch-christlichen Dekalog und dem islamischen
Pflichtenkodex haben die drei Religionen ein gemeinsames Grundethos, «das
ein hoch bedeutsamer Beitrag zu einem auszuformenden Weltethos sein könnte».
Auch die muslimische Theologin Halide Hatipoglu sprach, ausgehend von zwei
Prophetengeschichten aus der islamischen Überlieferung und Bezug nehmend
auf den Dekalog, von vielen Gemeinsamkeiten. Wer in religiöser Hinsicht
verwandt ist, sollte aber auch gute verwandtschaftliche Beziehungen pflegen,
folgerte sie: Andersdenkende und Andersgläubige im Alltag respektieren
und akzeptieren, wie sie sind.
Der jüdische Jurist Sigi Feigel hatte vor der Presse erklärt,
er beteilige sich aus einem moralischen und aus einem politischen Grund
an der Veranstaltung der Stiftung Weltethos. Zum einen halte er die Erziehung
zur Toleranz, er ist Gründer der gleichnamigen Stiftung, für unbedingt
nötig, und zum andern müsse zu den Friedensmöglichkeiten
im Nahen Osten Sorge getragen werden. Der Festgemeinde erzählte er
die Geschichte von Gott, der nacheinander Moses, Jesus und Mohammed mit
seiner Botschaft zu den Menschen schickt, damit sie endlich lernen, das
Tier in sich selbst zu besiegen, nachdem sie die Tiere um sich herum mit
ihrem Verstand unterworfen hatten. Weil darauf Scheiterhaufen, Blut und
Tränen die Wege aller Religionen säumten, wählte Gott einen
anderen Weg. «Vor der Rückkehr seiner Propheten auf Erden, um
am Ende aller Tage Gericht zu halten, sollten die Menschen selbst erkennen
können ein jeder für und vor sich selbst , dass es
viele Wege zu ihm, zu Gott, dem Schöpfer allen Lebens, gebe und dass
ein jeder diese anderen Wege anerkennen und respektieren müsse, zum
Wohl aller Menschen.»