2/2000

INHALT

Leitartikel

Kirche in der Öffentlichkeit

von Adrian Loretan

 

Aus Anlass des 25-Jahr-Jubliläums von Dr. Rolf Weibel als Hauptredaktor der Schweizerischen Kirchenzeitung (SKZ) und aufgrund der 100-jährigen Zusammenarbeit zwischen SKZ und Theologischer Fakultät der Universitären Hochschule Luzern hat letztere die Tagung «Kirche in der Öffentlichkeit» veranstaltet. Die Beiträge dieser Tagung werden in dieser Nummer als «Festschrift» für den Journalisten und Theologen Rolf Weibel veröffentlicht. Es geht dabei nicht um eine Verklärung der Vergangenheit, sondern um Fragen einer künftigen kirchlichen Medienarbeit:

Etwas ausführlicher gefragt:

Die Kirchen sind von ihrem Auftrag und Selbstverständnis her auf Kommunikation angelegt.
Angesichts eines deregulierten Marktes auch im Medienwesen wächst die Bereitschaft, sich zurückzuziehen in ein innerkirchliches Ghetto. Der Versuch des Zweiten Vatikanischen Konzils, die Kirche mit der demokratischen Öffentlichkeit zu versöhnen, ist deshalb noch auf wackeligen Beinen, weil die Kirche hier Neuland betreten hat. Zudem erweist sich dieses Neuland schwieriger als ursprünglich gedacht und verändert sich immer schneller.
Ein professionelles Angebot an Informationen aus der Kirche ist nötig. Die Online-Kommunikation, die an der Tagung nicht zur Sprache kam, entwickelt sich zur Schlüsseltechnologie der Kommunikationsgesellschaft und stellt neuartige konzeptionelle und organisatorische Fragen. Die Medienkommission der SBK führt das Projekt «Katholische Kirche Schweiz Online» (KKSO) des Katholischen Mediendienstes<1> in ihrem Pastoralplan Medien als prioritäre Aufgabe. Bisher getrennte Technologien wie Informatik (Computer), Telekommunikation (Fernmeldenetze) und Massenmedien (Presse, Radio, Fernsehen) wachsen zusammen. Insgesamt bietet das Internet ein Lernfeld, auf dem die Kirchen sich und ihre Anliegen in die Kommunikationskultur der Informationsgesellschaft kritisch einbringen können.
Zu dieser Kommunikationskultur will die SKZ einen Beitrag leisten. Die Mitglieder der Theologischen Fakultät sind jedenfalls glücklich darüber, dass vor 25 Jahren für die Hauptredaktion SKZ eine eigene Stelle geschaffen worden ist. Sonst müsste diese Aufgabe weiterhin von einem Theologieprofessor nebenamtlich wahrgenommen werden. Die Grenzen des Milizsystems wurden vor 25 Jahren mit der Anstellung eines eigenen Redaktors anerkannt. Diese Tatsache gilt es zu würdigen.
Ein entsprechender Auftritt der Kirche in der Öffentlichkeit kann sich positiv auswirken, wie Iwan Rickenbacher ausführte. Beispielsweise war im Kanton Zürich gemäss unabhängiger Meinungsumfrage eine Zweidrittelsmehrheit für die Trennung von Kirche und Staat. Am Schluss der Kampagne stimmte am 24. September 1995 eine Zweidrittelsmehrheit gegen die Trennungsinitiative. Grund dafür war unter anderem, dass die Kirchen auf eindrückliche Weise einen Leistungsausweis auf sozialer und gemeinschaftsbildender Ebene darlegen konnten. Wo glaubwürdige Personen fundierte Aussagen zu wichtigen Bedürfnissen der Menschen formulieren, räumen die Medien den Kirchen Platz ein. Dieses positive Beispiel gilt es für zukünftige Kampagnen vor Augen zu halten.
Wir haben das Thema «Kirche in der Öffentlichkeit» zu einem Zeitpunkt gewählt, als wir noch nichts ahnten von der Aktualität, die es mit der Abstimmung über das Universitätsgesetz im Kanton Luzern erhalten sollte. Verschiedenen kirchlichen Institutionen, nicht nur den Theologischen Fakultäten an staatlichen Universitäten, wird gesellschaftlich gesehen in Zukunft ein rauher Wind entgegenblasen. Kirche ist dringend darauf angewiesen, vor der Öffentlichkeit nicht nur ihre Konflikte auszubreiten, sondern konstruktiv einen Dialog mit der medialen Öffentlichkeit zu suchen. Dafür braucht es theologisch und journalistisch ausgewiesene Persönlichkeiten.
Wegen der Arbeit, die es in Zukunft noch zu leisten gilt, kann leicht übersehen werden, welches jounalistische uvre in den letzten 25 Jahren im Rahmen der SKZ von Dr. Rolf Weibel geschaffen wurde. Um dieses Werk zu würdigen, blicke man einmal auf die letzten 25 Bände der SKZ. Die unzähligen Leitartikel, Berichte, Rezensionen usw. können hier nicht im Einzelnen aufgelistet werden. Diese Festnummer der SKZ will aber Anlass sein, um die grossen Verdienste von Dr. Rolf Weibel vor allem für die innerkirchliche Öffentlichkeit anzuerkennen. Rolf Weibel ist ein Glücksfall für die SKZ. Die «Feder seines Computers» möge noch lange nicht stillstehen.

 

Adrian Loretan ist Dekan der Theologischen Fakultät der Universitären Hochschule Luzern und ordentlicher Professor für Kirchenrecht und Staatskirchenrecht.


Anmerkung

1 Vgl. die verschiedenen Angebote auf http://www.kath.ch, unter anderem auch die SKZ.


Ein Wort der Würdigung

von Roland-B. Trauffer

 

Es ist mir eine Ehre und vor allem eine grosse Freude, hier den Präsidenten der Schweizer Bischofskonferenz, Bischof Amédée Grab OSB, und den Präsidenten der DOK, Weihbischof Dr. Peter Henrici SJ, vertreten und im Namen der Bischofskonferenz ein spontanes herzliches Wort der Anerkennung und des Dankes an die SKZ, aber vor allem natürlich an deren Chefredaktor Dr. Rolf Weibel richten zu dürfen.
Es ist ein spontanes, herzliches Wort in der Form wie es Dr. Weibel entspricht, ohne Prätention, aber umso sachgerechter.
Wenn der Beweis erbracht worden ist, dass man aus seiner Geschichte gelernt hat, dann kann man zu dieser Geschichte, auch wenn sie Fragen aufwirft, auch wenn sie einseitig war, auch wenn sie vielleicht sogar eine Hypothek darstellt, stehen. Die SKZ kann zu ihrer Geschichte stehen, wie es im Votum des Historikers klar belegt wird. Sie stand einst in einem geschlossenen Kommunikationsraum, dem Ultramontanismus verpflichtet. Heute dürfen wir dankbar sein für ihre Offenheit. Seit Jahren ist sie aufgebrochen und seit Jahren sensibilisiert sie, stellt sie eine wichtige Plattform für verschiedenste Erfahrungen in der Kirche dar. Immer wieder begründend, motivierend und manchmal auch visionär stellt sie theologische Überlegungen vor, bringt sie herausfordernde Stellungnahmen zu Kirche und Gesellschaft von heute, bietet sie Erfahrungen und Erwägungen für einen pastoralen Einsatz, der in die Zukunft weist, an.
Die SKZ wird gelesen. Sogar an höchster Stelle in unserer Kirche wird sie beachtet und natürlich auch beobachtet. Das spricht eigentlich schon für sich selbst. Wenn sie an höchster Stelle aufmerksam zur Kennntnis genommen wird, heisst das, sie ist von Bedeutung.
Dass dem so ist, ist unbestrittenermassen vor allem das Verdienst ihres Hauptredaktors, Dr. Rolf Weibel, der nun schon seit 25 Jahren massgeblich dieses auch für die Bischöfe unverzichtbare originelle kirchliche Sprachrohr gestaltet. Besondere Aufmerksamkeit erhält immer auch der so genannte «Amtliche Teil» der SKZ.
Was wir an Dr. Rolf Weibel besonders schätzen, sind seine feinen, man könnte sagen, seismographischen Wahrnehmungen von Vorgängen in der Kirche und in der Gesellschaft und die Art und Weise, wie er ihnen in der SKZ Raum gibt. Was wir an Dr. Rolf Weibel vor allem schätzen, sind seine zuverlässigen Berichte über Ereignisse und ­ in eigener Sache ­ unsere Pressekonferenzen. Wie oft schon durften wir feststellen, hier findet sich die zuverlässigste Berichterstattung. Damit leistet die SKZ und ihr Redaktionsteam einen unverzichtbaren Beitrag zur objektiven Dokumentation und vielfach zur Klärung von Kontroversen.
Es ist das Verdienst von Dr. Weibel, dass die SKZ zu einem entscheidenden Zeitdokument und einem umfangreichen Archiv unserer Kirche, vor allem in den vergangenen 25 Jahren, geworden ist.
Die SKZ verdient heute tiefen Dank und uneingeschränkte Anerkennung. Dabei soll der Dank auf alle Mitredaktoren, die während 100 Jahren die SKZ gestaltet haben, ausgeweitet werden. Gleichzeitig darf damit die Aufmunterung an alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verbunden werden, sich weiterhin dafür einzusetzen, dass die SKZ für viele ein Ort der Glaubensvertiefung, der Rechenschaft über die uns bestimmende Hoffnung und die Ermutigung zur immer überzeugenden Umsetzung des Gebotes unseres Herrn Jesus Christus bleibt.

 

P. Dr. Roland-B. Trauffer OP Sekretär der Schweizer Bischofskonferenz, spontan gesprochen am 13. November 1999 an der Tagung «Kirche in der Öffentlichkeit» zur 100-jährigen Zusammenarbeit von SKZ und Theologischer Fakultät und zum 25-Jahr-Jubiläum von Dr. Weibel, Chefredaktor der SKZ.


Kirchen und bürgerliche Öffentlichkeit

von Markus Ries

 

In einem Gemeinwesen macht Öffentlichkeit in einer umfassenden Weise Kommunikation möglich und wird zum Ort gemeinsamer Identitätsfindung und -veränderung. Je nach Epoche und Selbstverständnis der Gesellschaft wurde in der Vergangenheit dieser Raum unterschiedlich ausgestaltet ­ einst zur Durchsetzung von Gefolgschaft, dann zur herrschaftlichen Selbstdarstellung und Loyalitätssicherung, seit gut zwei Jahrhunderten schliesslich als Ort des staatsbürgerlichen Diskurses.<1>
Wo Gruppen sich über längere Zeit der gesellschaftlichen Integration entzogen und eigene Sozialmilieus konstituierten, schufen sie sich auch gesonderte Kommunikationsräume. Dies war in der Vergangenheit unter anderem im sozialen Umfeld kirchlich orientierter Weltanschauungsgemeinschaften der Fall: Je weniger sie in die Gesellschaft eingebunden waren, desto stärker zeigten sie das Bestreben zur Etablierung eigener Informationsnetze und Sonderöffentlichkeiten. Deren Ausprägung und Veränderung spiegelt die Entwicklung des Verhältnisses von Kirchen und Gesellschaft.

1. Verweigerte Modernisierung

Für das Verständnis der heute bestehenden Beziehungen zwischen Kirche und ziviler Öffentlichkeit ist das 18. Jahrhundert die entscheidende Übergangszeit. Die Aufklärung suchte die Individuen von ihrer ererbten ständischen Gruppenzugehörigkeit zu befreien und sprach ihnen das Recht und die Pflicht zu, die Existenz selbst zu gestalten und nötigenfalls die entsprechenden Sozialgebilde selbst zu schaffen. Dies setzte funktionierende, freie Kommunikationsmöglichkeiten voraus, weshalb die Einzelnen als Erstes gegenüber dem Gemeinwesen das Recht auf freien Meinungsaustausch und ungehinderte Gruppenbildung zu erkämpfen hatten. Jede Person musste in die Lage versetzt werden, einerseits gezielt zuhanden anderer, andererseits auch unspezifisch zuhanden nicht definierter Kreise Informationen weiterzugeben oder von ihnen solche zu empfangen. Der erfolgreiche Kampf liess im 19. Jahrhundert die bürgerliche Öffentlichkeit entstehen, welche ungehinderten Diskurs und demokratische Willensbildung ermöglichen sollte. Indem die Verbindungen ohne Rücksicht auf frühere ständische Grenzen funktionierten, bildeten sie die Grundlage für den Informations- und Meinungsaustausch im neu geschaffenen freiheitlichen Staat. Der Theorie nach hatten alle Zugang zu diesem Diskurs. Die bürgerliche Öffentlichkeit avancierte zum kennzeichnenden Element des neuen Gemeinwesens, das durch die nunmehr argumentativ wichtige «öffentliche Meinung» und den «öffentlichen Willen» gelenkt wurde. Die neue Gesellschaft, die nicht mehr auf der Grundlage gegebener Konventionen existierte, war für ihr Funktionieren auf diesen Meinungsaustausch angewiesen. Die freie Partizipation aller blieb indes zunächst weithin unerreichtes Ideal; denn auch die neue Öffentlichkeit blieb in ihrer Reichweite beschränkt und produzierte damit das Bildungsbürgertum als neue gesellschaftliche Elite.<2>
Die Kirchen als tragende Institutionen vormodern-ständischer Gesellschaften erfuhren durch das Ideal freier Sozialisation und freier Kommunikation eine Schwächung in ihren angestammten Herrschaftspositionen. Die Gemeinschaften der reformatorischen Tradition überstanden den gesellschaftlichen Wandel weitgehend unbeschadet, weil sie ihrer traditionellen Struktur nach stark auf die jeweilige Landesherrschaft ausgerichtet waren und deren Übergang von feudal zu bürgerlich ohne wesentliche Verluste verkraften konnten. Anders die katholische Kirche in den deutschsprachigen Ländern: Dem alten Herrschaftsgefüge nicht untergeordnet, sondern im Rahmen der Reichskirchenverfassung auf gleicher Stufe damit verbunden, war sie vom Zusammenbruch des alten Systems in der Französischen Revolution ungleich stärker in Mitleidenschaft gezogen. Die neue bürgerliche Gesellschaft hatte der katholischen Kirche keine vergleichbare Position anzubieten, ja sie unternahm Anstrengungen, diese als öffentliche Anstalt in ihre umfassend zuständigen Staatsgebilde einzugliedern und sie dem (profanen) Gemeinwohl nutzbar zu machen. Die Kirchen hatten auf öffentliche Vorrechte, auf landesherrliche Funktionen und auf Teile ihres Besitzes zu verzichten. Weil sie dazu nicht freiwillig bereit waren, wurde ihnen das seit Jahrhunderten Gehaltene in der Herrschafts- und Vermögenssäkularisation mit Gewalt entrissen. Die degradierten, enteigneten und entprivilegierten kirchlichen Eliten wollten ihr Schicksal nicht kampflos hinnehmen. Sie lehnten sich gegen die neuen Ordnungen auf und verwarfen auch deren ideelle Grundlagen: Wo anstelle gegebener Wahrheit der freie Diskurs treten sollte, war in ihren Augen kein Heil zu erwarten. Diese Haltung führte die Betroffenen schon zu Beginn der bürgerlichen Epoche zu einer dezidiert gesellschaftskritischen Haltung. Durch politische Wirren verstärkt, wurde daraus eine fundamentale Verweigerung gegenüber allen sozialen Erneuerungsprozessen. Sie schlug sich nieder in einer pauschalen Verwerfung frühbürgerlicher Ideale: Pius VI. wies 1791 revolutionär propagierte Errungenschaften wie Religionsfreiheit und Menschenrechte entsetzt zurück<3> und Gregor XVI. verwarf 1832 Ansätze zur liberalen Kirchenreformen oder Forderungen nach Presse- und Gewissensfreiheit<4>. Auf lange Sicht wirkten solche Verurteilungen verhängnisvoll, dies umso mehr, als sie im Rückblick nicht als isolierte Stellungnahmen erscheinen, sondern als Ausdruck einer latent neuerungsfeindlichen Haltung in katholischen Gesellschaften insgesamt. Beispiele religiös motivierter oder angestachtelter Verweigerung sind auch aus der Innerschweiz bekannt; sie begannen mit den gewaltsamen Konterrevolutionen, welche 1798 in Nidwalden und in Schwyz von Geistlichen angeführt wurden, und reichten bis hin zu den verhängnisvollen Koalitionen im Vorfeld des Sonderbundskrieges.<5>
Die antimoderne Haltung der katholischen Kirche zu Beginn des 19. Jahrhunderts erscheint in historischer Sicht keineswegs als zwingendes Attribut kirchlichen Weltverständnisses. Zur Feststellung eines solchen Zusammenhanges tendierten erst im Nachhinein verschiedene Richtungen der Geschichtsschreibung, sei es, weil sie in ultramontaner Entschlossenheit die aufgeklärten Traditionen bekämpften, oder sei es, weil sie in früher sozialgeschichtlicher Perspektive die Bedetung des Religiösen unterschätzten.<6> Wie wenig indes Rückwärtsgewandtheit als prinzipielles Kennzeichen des damaligen katholischen Denkens gelten kann, zeigt schon die Tatsache, dass die geistige Neuorientierung des 18. Jahrhunderts in hohem Masse auch kirchlich mitgetragen war und sogar nach innen propagiert wurde. Die Zusammenhänge waren so vielfältig und zahlreich, dass von einer eigenen «katholischen Aufklärung» die Rede sein kann.<7> In der Zeitwende selbst behielten allerdings retardierende Kräfte die Oberhand. Ursache dafür war unter anderem die genannte enge strukturelle Verwobenheit von katholischer Kirche und frühneuzeitlicher Gesellschaft; denn die gewaltsame Umgestaltung der öffentlichen Ordnung beeinträchtigte die Kirche in einem solchen Ausmass, dass die Abwehr nahezu zwangsläufig in einer tiefgreifenden Verweigerung bestand. Sie wirkte auch im Bereich öffentlicher Kommunikation, welche im konfessionellen Zeitalter ­ wie alle Gebiete kirchlichen Handelns ­ von der belastenden Erinnerung an die Glaubensspaltung geprägt war. Reformation wie Gegenreformation galten damals auch als unheilvolle Folgen subversiver Publizistik. Als sich die verschiedenen Bekenntnisgebiete ausbildeten, sorgten deshalb die Obrigkeiten sowohl auf katholischer wie auf reformatorischer Seite für eine sorgfältige Überwachung der öffentlichen Kommunikation ­ Sozialdisziplinierung war eines der Wesenselemente von Konfessionalisierung. Die Zensur des gedruckten Wortes spielte dabei eine herausragende Rolle; denn das gewaltige Wachstum der Flugschriftenproduktion im ersten Reformationsjahrzehnt war als einschneidende Mahnung in Erinnerung geblieben.<8>

2. Konstruktion einer Sonder-Öffentlichkeit

In Deutschland, in der Schweiz und in anderen Ländern widersetzten sich nach 1800 die politisch antirevolutionären und dann konservativ-katholischen Bevölkerungsteile der Integration in die entstehenden bürgerlichen Gesellschaften. Diese weltanschauliche Option, die mit einer zunehmend engeren Bindung an die kirchliche Obrigkeit einherging<9> und zugleich vom Bedeutungsverlust des Religiösen überschattet war, führte zu einer Unterrepräsentation der konservativen Katholiken in den bürgerlichen, vorzugsweise aus Juristen, Ärzten und Beamten zusammengesetzten Elitezirkeln. Als in der Epoche von Sonderbund und Kulturkämpfen die Konservativen erfolglos versuchten, in Kraftakten die liberale Ausrichtung der Gesellschaft rückgängig zu machen, gerieten sie politisch in die Verliererposition. Rückstände in der ökonomischen und kulturellen Entwicklung, die sich schon früher angebahnt hatten, liessen sich nicht mehr ausgleichen und vertieften sich bis hin zur später vielbeklagten «katholischen Inferiorität». Ihren Ausdruck fand diese unter anderem im publizistischen Feld. Die Katholisch-Konservativen und besonders auch die Kirchlichen fanden kaum Zugang zu den Instrumenten der neu entwickelten literarisch-publizistischen Öffentlichkeit. Ihr aber kam in den bürgerlichen Willensbildungsprozessen eine eminente Bedeutung zu, was sich rein quantitativ seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts in einer deutlich gesteigerten Menge an produzierten Büchern, Zeitungen und Zeitschriften spiegelte.<10>
Auf die Herausforderung reagierten die Protagonisten des konservativen Milieus durch Einrichtung eigener, unabhängiger Kommunikationsräume. Dafür nahmen sie im Bereich von Meinungsäusserung und Pressewesen jene Freiheitsrechte in Anspruch, welche die bürgerlichen Kräfte eben errungen hatten, und sie betrieben damit ­ einem inzwischen geflügelten Wort des Freiburger Historikers Urs Altermatt zufolge ­ einen «Antimodernismus mit modernen Mitteln»<11>. Die Abschottung gegen die neue Gesellschaft war grundgelegt in einer gegen-modern profilierten Weltanschauung und wurde äusserlich gesichert durch den Aufbau eines dichten Geflechtes von Institutionen. Im Zusammenspiel von weltanschaulicher Subkultur und institutioneller Vernetzung formierte sich bis zum Ende des Jahrhunderts eine eigene, nach aussen hin abgeschlossene Teilgesellschaft. Zu ihrem organisatorischen Netzwerk gehörten auch eigene Kommunikationsräume, die eine gesonderte katholische Öffentlichkeit schufen. Ihr Grundpfeiler bestand aus intensiver publizistischer Aktivität, die in den dreissiger Jahren einsetzte und zunächst gezielt antiliberal ausgerichtet war. Als Alternative zu neu entstandenen Zeitschriften wurden jetzt eigene, konservativ-kirchliche Periodika ins Leben gerufen und verbreitet. In Luzern zum Beispiel setzten Konservative seit 1834 dem traditionellen «Thüringischen Kalender» mit dem «Grossen christlichen Hauskalender» ein neues Jahrbuch entgegen, das als Zeichen seiner religiösen Ausrichtung Bruder Klaus und Niklaus Wolf von Rippertschwand auf der Titelseite zeigte. Ähnliche Publikationen wurden in Einsiedeln, Solothurn und St. Gallen gegründet. Der «Einsiedler Kalender» erreichte 1880 eine Auflage von 300000 Exemplaren und war damit angesichts einer Gesamtzahl von 1,16 Millionen Katholiken in der gesamten Schweiz ein sehr bedeutendes Massenmedium. Die Jahrbücher stellten, wie eine volkskundliche Untersuchung gezeigt hat, «in den Unterschichten die dominante säkulare Lektüre» dar<12>. Bezüglich geschichtlichem Entstehungskontext und weltanschaulicher Ausrichtung gehörte die «Schweizerische Katholische Kirchenzeitung» in die gleiche Kategorie. Sie erschien seit 1832 in Luzern, hatte die gleichen Initianten und den gleichen Verlag hinter sich wie der «Christliche Hauskalender» und errang im Verlauf der Zeit die Position des führenden ultramontanen Kampfblattes<13>.
Die Herausbildung einer weltanschaulich geprägten literarischen Sonderöffentlichkeit ging über das Bereitstellen und massenhafte Verbreiten von Druckschriften hinaus und setzte bei der Produktion selbst an. Es galt, das literarische Schaffen direkt in Dienst zu nehmen und in die gewünschten Bahnen zu lenken. Vorbild waren die Katholiken im Rheinland, welche unter Inferiorität und politischer Benachteiligung besonders stark litten; denn für sie hatte der Gegner in Gestalt des preussischen Herrschers auch einen Namen und ein Gesicht. Um gegen die «Gifte des Unglaubens und der Unsittlichkeit», gegen «den verderblichen Einfluss, den die schlechte Literatur auf alle Klassen der bürgerlichen Gesellschaft ausübt», anzukämpfen, wurde hier im Jahr 1844 ­ mit bewusst antiprotestantisch gewählter Namensgebung ­ der «Borromäusverein zur Verbreitung guter Bücher» gegründet.<14> Zunächst publizierte er Listen mit empfehlenswerten Titeln, später wurde ein eigener Verlag aufgebaut und mit 1300 Volksbüchereien ein effizientes, ganz katholisch Deutschland abdeckendes Verteilnetz geschaffen. Die Auswahl der propagierten Literatur orientierte sich nicht allein an ästhetischen, sondern in hohem Masse auch an weltanschaulichen Kriterien. Auf diese Weise stand bald ein äusserst wirksames Instrument zur Produktion und Verbreitung von Tendenzliteratur bereit. Wo sich die Rezeption deutscher Klassiker nicht umgehen liess, wurden ihre Texte in Auswahl geboten und die als anstössig empfundenen Textstellen beiseite gelassen. Nicht zuletzt wegen dieser gezielten Beeinflussung behielten linientreue Katholiken lange Zeit ein distanziertes Verhältnis zur deutschen Klassik und damit zu jener Literatur, welche den bildungsbürgerlichen Horizont im 19. Jahrhundert stark prägte.
In der Schweiz stellte sich eine ähnliche Entwicklung ein: 1859 rief der charismatische Kapuzinerpater Theodosius Florentini (1808­1865), in Erinnerung geblieben als Sozialpionier, als zielstrebiger Churer Generalvikar und als Mit-Gründer der grossen Schwesternkongregationen von Menzingen und Ingenbohl sowie zahlreicher sozialer Einrichtungen, den «Bücherverein für die katholische Schweiz» ins Leben. Wer beitrat, erhielt jährlich gegen einen Mitgliederbeitrag von drei Franken eine umfangreiche literarische Gabe. Um Qualität und Ausrichtung zu sichern, veranstaltete der Verein eigene Wettbewerbe. Gefordert waren Schriften, «welche die antireligiösen und antisozialen Vorurteile und Irrtümer unserer Zeit in einer auch für Halbgebildete verständlichen Sprache widerlegen» oder «welche ein modernes Laster geisseln und eine soziale Tugend anempfehlen».<15> Ziel war die Formung einer gesonderten, nach innen gerichteten und streng weltanschaulich definierten literarischen Öffentlichkeit. Organisatorisch fand sie ihre Vollendung nach den Kulturkämpfen, als sich in den verschiedenen Landesteilen konservative Tageszeitungen etablierten.<16>

3. Kontrollverlust und Integration

Die Sonder-Öffentlichkeit, welche im 19. Jahrhundert das ultramontane Milieu prägte, leistete einen bedeutenden Beitrag zur erfolgreichen Abschottung der Katholisch-Konservativen gegenüber der bürgerlichen Gesellschaft. Die Beschränkung auf eigene Informationskanäle stabilisierte und verdichtete die Grenzen. Nach der Jahrhundertwende wurde das Netz mit einer Fülle neuer Verbandszeitschriften, Pfarrblättern und anderen Periodika noch dichter geflochten. Mit der «Schweizerischen Rundschau» stand sogar ein eigenes, dem deutschen «Hochland» nachempfundenes katholisches Kulturforum zur Verfügung, das ausdrücklich auch ästhetischen Ansprüchen genügen sollte. Ihre erfolgreiche Zeit erlebten all diese Medien in der «Blütezeit des katholischen Milieus» zwischen 1920 und 1950. Katholische-konservative Lebensräume und kirchliche Öffentlichkeit wirkten in dieser Zeit nach innen und nach aussen als festgefügt und abgeschlossen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg begann sich abzuzeichnen, dass die Abschottung nicht von Dauer sein konnte. Verschiedene Momente brachten erste Anzeichen der Auflösung: Einerseits hatten konservative Katholiken so weit an Stärke und politischem Einfluss gewonnen, dass ihre Integration in die bürgerliche Gesellschaft notwendig und möglich wurde. Zweitens erfassten Industrialisierung und individuelle Mobilität nun alle Teile des Landes und provozierten Bevölkerungsbewegungen. Soziale Zusammenhänge wurden dadurch kurzlebiger, die ökonomisch gelenkten Wanderungsbewegungen schritten achtlos über die alte Konfessions- und Sozialgeografie hinweg. Drittens rang die katholische Kirche sich nach jahrzehntelanger Verzögerung dazu durch, ihr altes Misstrauen gegen Demokratie und individuelle Freiheit zu überwinden, und im Zweiten Vatikanischen Konzil bekannte sie sich zu Menschenrechten und Religionsfreiheit. Viertens wirkte der technische Fortschritt auch direkt in den Bereich der Kommunikation hinein: Radio und Fernsehen rissen die Schranken der alten milieuspezifischen Öffentlichkeiten ein und schufen neue, nunmehr lediglich nach Sprachregionen begrenzte nationale Identitäten. Diese und andere Faktoren liessen die Grenzen erst weich und dann durchlässig werden und führten schliesslich zur Erosion der Blöcke.
Unter den verschiedenen Aspekten der Milieuauflösung kam dem Verlust der Kontrolle über den öffentlichen Informations- und Meinungsaustausch eine hohe Bedeutung zu. Dass hier äussere Faktoren eine Rolle spielen, zeigt, dass die Erosion des katholischen Milieus nicht allein mit veränderter Religiosität zu erklären ist. Technische Entwicklungen hatten die angestammten Sonder-Kommunikationsräume ihrer Grenzen beraubt, so dass es schon in den vierziger Jahren kaum mehr möglich war, Informationen wirksam zu kanalisieren. Wer jetzt noch am Konzept der Binnenorientierung festhielt, sah sich bald von den Realitäten eingeholt. Ein Beispiel, das mit Verlust an Glaubwürdigkeit verbunden war, gab in dieser Beziehung ausgerechnet die katholische Kirche. Sie verfügte mit dem «Index der verbotenen Bücher» noch über jenes Kontrollinstrument, das einst als Element katholischer Konfessionalisierung im 16. Jahrhundert geschaffen worden war. Es erfuhr in der ultramontanen, antibürgerlichen Kirchenzeit des 19. Jahrhhunderts eine kräftige Neubelebung und in der Modernismuskrise den Ausbau zum Kampfmittel. Selbst in den fünfziger Jahren bestand es noch, inzwischen allerdings in seiner Wirksamkeit deutlich geschwächt. Wie tief dennoch die Existenz dieser Einrichtung im kirchlichen Bewusstsein verankert war, zeigt das Zögern noch im Jahrzehnt der Aufhebung: Im Jahr 1960 verlangten die Schweizer Bischöfe in ihren Konzilsvoten zwar Adaptierungen und Modifikationen der Indexpraxis, doch eine ersatzlose Streichung setzten sie nicht auf ihre Traktandenlisten. Selbst Theologen äusserten sich mit gemessener Vorsicht. Im bedeutendsten programmatischen Beitrag, den ein Schweizer vor dem Konzil verfasste, findet sich dazu die Wendung: «Eine grundsätzliche Reform (oder sogar Abschaffung) des Index liesse sich in Erwägung ziehen»<17>.
Die Integration der ehemals aussenstehenden konservativen Katholiken in die bürgerliche Gesellschaft entzog der kirchlichen Öffentlichkeit den Sondercharakter und ihren Mitteln den ursprünglichen, auf Abgrenzung angelegten Zweck. Die Zeitschriften und Zeitungen, welche den Veränderungsprozess überstanden, mussten sich neue Aufgaben suchen und wirkten fortan als Informationsträger für bestimmte spezialisierte Personenkreise. Diese Zielgruppen konstituieren seither in ihrer Gesamtheit kein gesondertes Milieu mehr, sondern sie sind unauffällige Teile der Gesellschaft geworden. Für die kirchliche Arbeit gewann im gleichen Zug die Beziehung zur Öffentlichkeit eine neue Dimension. Sie hing zusammen mit der Pluralisierung, die seit den sechziger Jahren innerhalb der Kirchen selbst eingesetzt hatte. Die einst weltanschaulich homogene Konfessionsgemeinschaft begann sich nach verschiedenen Richtungen zu öffnen, und es kam zu einer sozialen Ausdifferenzierung im Innern. Verschiedene Segmente bildeten sich, und je nach Verhaltensweise und Selbstverständnis lassen sich die Angehörigen der Kirche heute in mehrere Kategorien einteilen und soziologisch als «Mitglieder», «Anhänger», «Kunden» oder «Sympathisanten» beschreiben.<18> Die milieuspezifische Kommunikation wurde abgelöst durch eine gruppenspezifische. Kundeninnen und Sympathisantinnen der Kirchen finden sich in der zivilen Gesellschaft inmitten von Kundinnen und Sympathisantinnen anderer weltanschaulich geprägter Einrichtungen; zu diesen sind die Kirchen bezüglich Informationsvermittlung in ein Konkurrenzverhältnis getreten. Menschen innerhalb und ausserhalb der Kirchen sind heute über die gleichen Kommunikationskanäle zu erreichen, die verschiedenen weltanschaulichen Angebote existieren in der gleichen Öffentlichkeit. Das unspezifische Nebeneinander hat in kirchlichen Führungsetagen neue Sensibilitäten geweckt, und die Verbesserung von Management- und Kommunikationsfähigkeiten des kirchlichen Seelsorgepersonals hat hohe Priorität erhalten. In einem Medienhandbuch, welches die Zürcher Landeskirche jüngst zuhanden der Pfarreiverantwortlichen publizierte, kam der Präsident der Römisch-Katholischen Zentralkommission zur ebenso lapidaren wie bemerkenswerten Feststellung: «Kirche ist Kommunikation»<19>. Diese Aussage kennzeichnet den fundamentalen Wandel, den die Beziehung von katholischer Kirche und bürgerlicher Öffentlichkeit in den zurückliegenden Jahrzehnten erfahren hat: An die Stelle von Verweigerung und geistiger Emigration ist der entschlossene Wille zur Integration getreten. Der alte Weg führte einst zur bekannten Sonderexistenz mit Inferiorität und Isolation, der neue Weg wird seine Chancen und Gefahren zu zeigen haben.

 

Markus Ries ist ordentlicher Professor für Kirchengeschichte der Theologischen Fakultät der Universitären Hochschule Luzern.


Anmerkungen

1 Lucian Hölscher, Öffentlichkeit, in: Geschichtliche Grundbegriffe IV, Stuttgart 1978, 413­467; Alfred Rinken, Öffentlichkeit, in: Staatslexikon IV, Freiburg-Basel-Wien 71995, 138­142; Hermann-Josef Grosse Kracht, Kirche in ziviler Gesellschaft. Studien zur Konfliktgeschichte von katholischer Kirche und demokratischer Öffentlichkeit, Paderborn u.a. 1997.

2 Ebd. 60­74.

3 Mit dem Breve «Caritas» vom 13. April 1791 verwarf Pius VI. die französische Erklärung der Menschenrechte vom 26. August 1789 und verbot den Geistlichen, den Eid auf die Zivilkonstitution des Klerus zu leisten. Augustin Theiner, Documents inédits relatifs aux affaires religieuses de la France 1790­1800, Paris 1857, 75­88.

4 Enzyklika «Mirari vos» vom 15. August 1832, in: Antonio Maria Bernasconi (Hrsg.), Acta Gregorii Papae XVI, Bd. 1, Rom 1901 (Nachdruck Graz 1971), 169­174.

5 Paul Bernet, Der Kanton Luzern zur Zeit der Helvetik. Aspekte der Beamtenschaft und der Kirchenpolitik, Luzern 1993, 381­872; Heidi Bossard-Borner, Im Bann der Revolution. Der Kanton Luzern 1798­1831/50 (= Luzerner Historische Veröffentlichungen 34), Luzern-Stuttgart 1998, 136­143, 233­284; Marco Jorio, «Wider den Pakt mit dem Teufel». Die Gegenwehr der Konservativen, in: Thomas Hildbrand und Albert Tanner (Hrsg.), Im Zeichen der Revolution. Der Weg zum schweizerischen Bundesstaat 1798­1848, Zürich 1997, 139­160; Hilmar Gernet, Luzerns heiliger Krieg. Eine historische Reportage zum Sonderbundskrieg 1847 und den Gefechten auf Luzerner Boden (= Anno dazumal 2), Hitzkirch 1997; Christian Schweizer, Treu zu Gott und Vaterland. Die Kapuziner und der 9. September 1798, in: Marita Haller-Dirr und Hansjakob Achermann (Red.), Nidwalden 1798. Geschichte und Überlieferung, Stans 1998, 194­221.

6 Vgl. Guy P. Marchal, Zwischen «Geschichtsbaumeistern» und «Römlingen». Katholische Historiker und die Nationalgeschichtsschreibung in Deutschland und in der Schweiz, in: Michael Graetz und Aram Mattioli (Hrsg.), Krisenwahrnehmungen im Fin de siècle. Jüdische und katholische Bildungseliten in Deutschland und der Schweiz (= Clio Lucernensis 4), Zürich 1997, 177­210; Olaf Blaschke und Frank-Michael Kuhlemann, Religion in Geschichte und Gesellschaft. Sozialhistorische Perspektiven für die vergleichende Erforschung religiöser Mentalitäten und Milieus, in: Dies. (Hrsg.), Religion im Kaiserreich. Milieus ­ Mentalitäten ­ Krisen (= Religiöse Kulturen der Moderne 2), Gütersloh 1996, 7­56.

7 Siehe dazu: Bernhard Schneider, «Katholische Aufklärung»: Zum Werden und Wert eines Forschungsbegriffs, in: Revue d'Histoire Ecclésiastique 93 (1998) 354­397; Markus Ries, Politische Utopie und Religiosität am Ende des Ancien Régime, in: Urban Fink und Hilmar Gernet (Hrsg.), 1998. Das Ende von Religion, Politik und Gesellschaft (= Forum Solothurn 1), Solothurn 1997, 45­62; Ders., Vom freien Denken herausgefordert. Katholische Theologie zwischen Aufklärung und Romantik, in: Manfred Weitlauff (Hrsg.), Kirche im 19. Jahrhundert, Regensburg 1998, 54­75.

8 Vgl. Heinrich Richard Schmidt, Konfessionalisierung im 16. Jahrhundert (= Enzyklopädie deutscher Geschichte 12), München 1992, 94­106; Peter Blickle, Die Reformation im Reich, Stuttgart 21992, 69­73; Hans-Joachim Köhler, Erste Schritte zu einem Meinungsprofil der frühen Reformationszeit, in: Volker Press und Dieter Stievermann (Hrsg.), Martin Luther. Probleme seiner Zeit (= Spätmittelalter und Frühe Neuzeit 16), Stuttgart 1986, 244­281.

9 Siehe: Victor Conzemius, Rom und nicht nur Rom. Papsttum, Volksfrömmigkeit und Moderne im 19. Jahrhundert, in: Renovatio 52 (1996) 201­207.

10 Grosse Kracht, Kirche (wie Anm. 1) 60­65; Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte I München 1987, 303­316; Thomas Nipperday, Deutsche Geschichte 1800­1866. Bürgerwelt und starker Staat, München 1983, 587­594; Rudolf Schenda, Volk ohne Buch. Studien zur Sozialgeschichte der populären Lesestoffe 1770­1910, Frankfurt am Main 31988, 287­299.

11 Urs Altermatt, Katholizismus und Moderne. Zur Sozial- und Mentalitätsgeschichte der Schweizer Katholiken im 19. und 20. Jahrhundert, Zürich 21991, 49­62; Ders., Katholizismus: Antimodernismus mit modernen Mitteln?, in: Ders. u.a. (Hrsg.), Moderne als Problem des Katholizismus (= Eichstätter Beiträge 28), Regensburg 1995, 33­50.

12 Ursula Brunold-Bigler, Die religiösen Volkskalender der Schweiz im 19. Jahrhundert (= Beiträge zur Volkskunde 2), Basel 1981; Dies., Populäre Lesestoffe und populäres Leseverhalten in der Schweiz des 19. Jahrhunderts, in: Paul Hugger (Hrsg.), Handbuch der Schweizerischen Volkskultur III, Zürich 1992, 1307­1320; Bernard L. Raeber, Pfaffenherrschaft und Juristenregiment. Aloys Räber-Leu (1796­1879). Lebenserinnerungen eines Luzerner Geschäftsmannes und Politikers zwischen Helvetik und Bundesstaat, Luzern 1998, 88f.

13 Ursula Brunold-Bigler, Das Lektüreangebot für Katholiken des 19. Jahrhunderts dargestellt am Beispiel der Schweizerischen Kirchenzeitung, in: Jahrbuch für Volkskunde 5 (1982) 169­212; Johann Baptist Villiger, Wie es zur Gründung der Schweizerischen Kirchenzeitung kam, in: SKZ 150 (1982) 410­417; Ulrich Köchli, Antisemitismus in der Schweizerischen Kirchenzeitung im 19. Jahrhundert, in: Zeitschrift für Schweizerische Kirchengeschichte 93 (1999) 19­39.

14 Wilhelm Spael, Das Buch im Geisteskampf. 100 Jahre Borromäus-Verein, Bonn 1950, bes. 351­354; Marie-Claire Berkemeier-Favre, Die Geschichte des Borromäus-Vereins in Deutschland, in: Bernhard Anderes u.a. (Hrsg.), Kunst um Karl Borromäus, Luzern [o.J.], 203­208; Jutta Osinski, Katholizismus und deutsche Literatur im 19. Jahrhundert, Paderborn u.a. 1993, 272­286; Susanna Schmidt, «Handlanger der Vergänglichkeit». Zur Literatur des katholischen Milieus 1800­1950, Paderborn u.a. 1994.

15 Brunold-Bigler, Das Lektüreangebot (wie Anm. 13) 187­189; Regula Gerspacher, Die Verbreitung katholischer Volksschriften, der Ingenbohler Bücherverein für die katholische Schweiz 1859­1902 und eine franziskanische Verlagsanstalt im Engagement für das populäre katholische Schrifttum, in: Helvetia Franciscana 26 (1997) 136­215.

16 Rolf Weibel, Katholische Medienarbeit in der Schweiz. Strukturen und Konzepte im Wandel der Zeit, in: Urban Fink und René Zihlmann (Hrsg.), Kirche Kultur Kommuniktion. Peter Henrici zum 70. Geburtstag, Zürich 1998, 359­377, bes. 359­363.

17 Hans Küng, Konzil und Wiedervereinigung. Erneuerung als Ruf in die Einheit, Wien-Freiburg-Basel 1960, 225. ­ Zu den Schweizer Voten siehe: Philippe Chenaux, Les vota des évêques suisses, in: M. Lamberigts ­ Cl. Soetens (Hrsg.), A la veille du Concile Vatican II. Vota et réactions en Europe et dans le catholicisme orientale, Leuven 1992, 111­118, 200­213.

18 Michael N. Ebertz, Erosion der Gnadenanstalt? Zum Wandel der Sozialgestalt von Kirche, Frankfurt am Main 1998, 260­295; Alfred Dubach, Bindungsfähigkeit der Kirchen, in: Ders. ­ Roland J. Campiche (Hrsg.), Jede(r) ein Sonderfall? Religion in der Schweiz. Ergebnisse einer Repräsentativbefragung, Zürich-Basel 1993, 133­172.

19 Ernst Aschi Rutz (Red.), Kirchliche Informations- und Öffentlichkeitsarbeit. Praxisorientiertes Handbuch für Kommunikationsverantwortliche der katholischen Kirche im Kanton Zürich, Zürich 1999, 6.


Öffentlich(e) Kirche kommunizieren

von Edmund Arens

 

Fundamentale Theologie und seriöser Journalismus haben manches gemeinsam. Beide sind mit Öffentlichkeit befasst; beiden geht es um Kommunikation; für beide spielen Fragen der Wahrheit und Wahrhaftigkeit eine zentrale Rolle; beide sind zudem an Verständlichkeit und Verständigung interessiert. Die Koinzidenz ist nicht zufällig. Wenn Journalismus «letztlich das Öffentlichmachen von Sachverhalten, Meinungen und Ideen» meint und dabei entscheidend ist, «was selegiert und damit publik wird, und so Gegenstand des Gesprächs der Gesellschaft über sich selbst werden kann»<1>, so lässt sich Ähnliches mit Bezug auf Kirche und Gesellschaft zugleich von der Theologie behaupten. Das Gespräch der Kirche über sich selbst in der und mit der Gesellschaft zu begleiten, zu kommentieren und zu stimulieren, das ist Aufgabe und Anliegen kirchlicher Publizistik. Es ist dies ein Journalismus, der, darin wiederum der Fundamentaltheologie<2> vergleichbar, eine Schnittstelle zwischen Kirche und Gesamtgesellschaft markiert, eine Scharnierfunktion in der kirchlich-gesellschaftlichen Kommunikation einnimmt.
Aus Anlass der hundertjährigen Zusammenarbeit von Schweizerischer Kirchenzeitung und Theologischer Fakultät Luzern<3> sowie zum fünfundzwanzigjährigen Jubiläum von Rolf Weibel als Hauptredaktor der SKZ möchte ich darüber nachdenken, unter welchen Bedingungen die kirchliche Publizistik antritt, was es bedeutet, beinhaltet und wie es geht, öffentlich(e) Kirche zu kommunizieren. Zunächst werde ich erstens mit ein paar Strichen den heutigen Kontext öffentlicher Kommunikation skizzieren. Sodann kommt zweitens die Frage nach dem Zusammenhang von Kirchenkonzeption und Kommunikation zur Sprache. Drittens werden einige Überlegungen zur öffentlichen Kirche angestellt. Schliesslich versuche ich viertens thesenartig zu formulieren, worum es aus meiner Sicht (kirchen)publizistisch geht.

1. Öffentliche Kommunikation

Kommunikation vollzieht sich unter gesellschaftlichen, technologischen, ökonomischen und politischen Rahmenbedingungen, welche auf deren Gestalt und Gehalt sei es direkten, sei es indirekten Einfluss nehmen. Zu den Makrobedingungen gegenwärtiger Kommunikation zählt zum einen die gesellschaftliche Differenzierung, also die Tatsache, dass sich im Verlauf des Prozesses der Modernisierung diverse gesellschaftliche Teilsysteme wie Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Recht usw. ausgebildet haben und sich teils gleichläufig, teils miteinander konkurrierend entfalten.<4> Mit der gesellschaftlichen Differenzierung geht zum anderen eine kulturelle Pluralisierung einher, welche im Zuge der Freisetzung aus traditional bestimmten, relativ einheitlichen und stabilen Lebenszusammenhängen erfolgt. Diese werden durch eine Vielzahl unterschiedlicher kultureller Handlungsmuster und Lebensdeutungen ersetzt. Auf der Ebene der Persönlichkeit bzw. der sozialen Beziehungen findet die kulturelle Pluralisierung ihr Pendant in der Individualisierung, welche die Einzelnen aus vorgegebenen Lebensformen und -deutungen herauslöst und sie im doppelten Sinne freisetzt.<5>
Differenzierung, Pluralisierung und Individualisierung werden begleitet von einer Mediatisierung<6>, welche durch die rasanten technologischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte ermöglicht und beschleunigt wurde. Die mit dem Terminus «elektronische Revolution» bezeichneten Veränderungen innerhalb der Kommunikationstechnologien haben der gesellschaftlichen Differenzierung, der kulturellen Pluralisierung sowie der Individualisierung zusätzlichen Drive gegeben. Sie haben dazu geführt, dass die Beziehungen der Menschen zu den gesellschaftlichen Teilsystemen und zueinander zunehmend mediatisiert, nämlich durch Verbreitungsmedien wie Schrift und Bild sowie durch generalisierte Kommunikationsmedien wie Macht und Geld vermittelt sind. Expandierende Mediennutzung und massiv gestiegener Medienkonsum gehen dabei Hand in Hand mit stetig steigender Medienmacht, zumal die Kontrolle über die relevanten Medien sich auf immer weniger Medienunternehmen und Medienkartelle konzentriert. Diese teilen einen hoch kommerzialisierten Markt unter sich auf. Sie konkurrieren im Kampf um Marktanteile und Publikumsgunst, um Einschaltquoten und Auflagenzahlen. Kommunikation ist zu einem gigantischen Geschäft geworden, in der Tat zur Branche mit den weltweit höchsten Wachstumszahlen.
Angesichts der extensiven Mediatisierung einerseits, der expandierenden Vermarktung der Kommunikation andererseits stellt sich die Frage, ob mit diesen Entwicklungen die öffentliche Kommunikation nunmehr nur noch ökonomischen Imperativen unterstellt wird bzw. ob es im Gegenüber zur Vermarktung und Vermachtung Kommunikationskräfte gibt, die sich diesen Tendenzen entgegenstellen und Gegenkräfte mobilisieren, welche einer totalen Vermarktung und Vermachtung wehren. Es dürfte naheliegen, dass es, um solches zu denken, eines Verständnisses von Kommunikation bedarf, welches sich nicht auf die Beobachtung und Beschreibung kommunizierender Systeme beschränkt, sondern von einem normativ gehaltvollen Begriff von Kommunikation und Öffentlichkeit geleitet ist.<7> Ein solcher impliziert, dass Kommunikation auf Verständigung ausgerichtet ist, welche durch den öffentlichen Austausch von Argumenten im Rahmen eines diskursiven Kommunikationsprozesses erreicht wird. Dabei wird die grösstmögliche Beteiligung aller sowie die Berücksichtigung der Intentionen und Interessen möglichst aller anvisiert. Weiter wird davon ausgegangen, dass es im Rahmen eines demokratischen Meinungsbildungsverfahrens in relevanten Fragen zu einem begründeten und tragfähigen Konsens kommen kann.<8>

2. Welche Kirche? Welche Kommunikation?

Ob die Kirche sich auf ein derartiges Verständnis von Kommunikation und Öffentlichkeit einlässt, hängt elementar von ihrem Selbstverständnis ab, davon, ob sie sich im gesellschaftlichen Kontext oder als Gegenpol zur Gesellschaft begreift, ob sie in erster Linie mit sich selber beschäftigt ist oder ob sie für andere und mit anderen engagiert ist. Eine kirchenzentrierte Sicht sieht in ihr die «Stadt auf dem Berge», das Licht, welches die von Bosheit und Gewalt verfinsterte Welt mit göttlichem Glanz erleuchtet. In dieser Perspektive erscheint die Kirche als die vom göttlichen Geist getragene und durchformte einzigartige Gemeinschaft, die communio jenseits aller profanen communitates.
Eine solche Position wird gegenwärtig etwa von Vertretern des kirchlichen Kommunitarismus portiert. Bei Theologen wie John Milbank, Stanley Hauerwas, Arne Rasmusson und Reinhard Hütter wird die Kirche selbst zur entscheidenden alternativen Polis<9>. Diese Auffassung führt meines Erachtens in eine problematische Isolation. Dies geschieht, indem sie die Kirche aus der gesellschaftlichen Öffentlichkeit extrahiert und zugleich zur communio hochstilisiert. Damit wird die kirchliche Gemeinschaft von allen anderen communities abgeschnitten und ihnen gegenüber abgeschottet. Zugleich tritt darin eine in der nachvatikanischen katholischen Communio-Theologie noch viel deutlichere Tendenz zutage, die man als Intimisierung kirchlicher Strukturen und Vollzüge bezeichnen könnte. Sie läuft letztendlich auf jene «Tyrannei der Intimität» hinaus, die Richard Sennett in seiner Studie zur Auflösung der Repräsentationsöffentlichkeit des «Ancien Régime» als Ergebnis des «Verfalls des öffentlichen Lebens» diagnostiziert hat.<10>
Für die katholische Theologie und Kirche könnte sich in dieser Tendenz gerade der im Zuge der nachholenden Modernisierung von Seiten des Zweiten Vatikanums erfolgte Verfall der vorvatikanischen katholischen Repräsentationsöffentlichkeit niederschlagen. Das gilt umso mehr, als diese bislang erst in zaghaften Ansätzen durch eine innerkirchliche Kommunikationsöffentlichkeit abgelöst worden ist. Die heutzutage massiv betriebene (Wieder)Umstellung von der «solidarischen Zeitgenossenschaft» des Volkes Gottes auf die erneute «Dissoziation»<11> der ekklesialen Communio dürfte nicht zuletzt eine (amts)kirchliche Reaktion auf die Krisen und Konflikte der kirchlichen Modernisierung sein. Mit der Betonung von kommunialer Innigkeit und Beziehungseinheit geht nicht von ungefähr eine Eindämmung bzw. Zurückdrängung der konziliaren Errungenschaften bzw. Optionen einher. In der intimisierten Communio hat das Eintreten für demokratische Partizipation und für die geteilten Rechte des gesamten Volkes Gottes wenig Platz. Es gerät denn auch wie das Einstehen für demokratische Konfliktaustragung und theologische Kritik unter den Verdacht der ungebührlichen Loyalitätsverletzung.<12>
Kirchlicher Kommunitarismus und Communioekklesiologie beschreiten beide Wege nach innen, hin zu einer inneren Emigration aus der Gesellschaft, zum Rückzug auf sich selbst sowie zur defensiven Betonung des Eigenen und Einzigartigen. Eine zu dieser binnenkirchlichen Konzentration alternative Konzeption von Kirche sucht diese im Rahmen der Gegebenheiten der gesellschaftlichen Differenzierung, der kulturellen Pluralisierung und Individualisierung zu verorten. Von den Befürwortern dieser Position wird für ein neues aggiornamento optiert. Es läuft unter pluralistischen Vorzeichen auf eine Anpassung des Christentums an die heute gegebenen Marktbedingungen hinaus. Es beinhaltet ein Mitspielen auf dem globalisierten Markt der Religionen, Weltanschauungen und Lebensorientierungen. Eine solche Option geht in Richtung eines marktförmig operierenden, sich flexibel auf jeweils aktuelle Nachfragen einstellenden Anbieters spiritueller und sonstiger Dienstleistungen für eine differenzierte Kundschaft. Diese Option scheint auf ein den pluralisierten Bedürfnissen wie den individualisierten Erwartungen und Erfordernissen kompatibles, postmodernitätskonformes Christentum zu zielen. Dabei wird für das Christentum eine «Aussicht auf Zukunft»<13> formuliert, die dieses zwar von ihrer traditionellen Rolle als autoritäre Ordnungsmacht verabschiedet, dafür aber der Logik, den Zwängen bzw. der «Tyrannei des Marktes»<14> ausliefert. In dieser marktkonformen Option wird die Kirche auf eine vom Kosten-/Nutzen-Kalkül geprägte, systemisch-ökonomische Schiene gesetzt.
Ein solches Vorgehen sehe ich paradigmatisch in der «Ökumenischen Basler Kirchenstudie»<15> gegeben. Diese unter den Gesichtspunkten des Marketing und der Unternehmensführung vorgenommene Untersuchung macht von ihrem methodischem Ansatz aus die Kirche zu einem Unternehmen, das Dienstleistungen anbietet, welche im Blick auf die Erwartungen der Abnehmerinnen und Abnehmer, die Erfüllung solcher Erwartungen und die Akzeptanz entsprechender Leistungen untersucht werden. Ein solches Vorgehen geht in Richtung Kommerzialisierung einer um die Vermarktung ihrer Produkte besorgten Kirche. Die Marketingperspektive gelangt zwar zu bemerkenswerten Ergebnissen hinsichtlich der Gewichtung von liturgisch-katechetischem, diakonisch-sozialem und kulturellem Handeln der Kirche, der Privatisierung von Religion oder der unterschiedlichem Wahrnehmung des Öffentlichkeitsbezugs des Glaubens bei kirchlichen Mitarbeitenden und der Bevölkerung. Aber dieser Zugang blendet die kommunikativen Dimensionen des kirchlichen Lebens aus bzw. stutzt sie auf ein «internes», «interaktives» bzw. «externes Marketing» zurecht.<16>
Die Kirche ist nach meiner Überzeugung in der Tat Teil der gesellschaftlichen und ökonomischen Wirklichkeit und insofern in bestimmter Hinsicht auch Markteilnehmerin. In ihr gibt es selbstverständlich ökonomische Komponenten und unternehmerische Elemente. Aber die Kirche ist kein Supermarkt für möglichst kundinnenfreundliche religiöse Angebote. Wo aus Christen Kunden werden, ist die frohe Botschaft dabei, zu einem Konsumartikel zu verkommen. Kirche ist in erster Linie Ort von Glaubenskommunikation, eine partikulare Kommunikationsgemeinschaft mit universaler Ausrichtung, in der miteinander und mit anderen kommuniziert wird. Die Kirche ist eine kommunikative Wirklichkeit, welche in aller Öffentlichkeit die ihr vom Evangelium vorgegebene und aufgegebene Botschaft von der kommunikativen, befreienden und solidarischen Wirklichkeit und Herrschaft Gottes vorbringt und vertritt.<17> Von ihrer Botschaft her, die «nicht Ðmarktförmigð» ist, weil sie «nicht den Charakter eines Angebots, sondern einer Zusage»<18> hat, wird sie selbst zugleich qualifiziert und relativiert.

3. Öffentliche Kirche

Von einer selbstbezogen-ekklesiozentrischen wie einer kundenbezogen-marktförmigen Konzeption hebt sich eine Auffassung ab, welche sich unter dem Stichwort «öffentliche Kirche in ziviler Gesellschaft» zusammenfassen lässt. Dieser Zugang verortet die Kirche inmitten der gesellschaftlichen Konflikte, begreift sie als Teilnehmerin an gesellschaftlichen Auseinandersetzungen und Diskursen. Diese öffentlichkeitsbezogene Konzeption erkennt in ihr eine prophetische Katalysatorin ethischer, politischer und sozialer Entscheidungsprozesse. Sie lokalisiert die Kirche in erster Linie auf der Seite der Benachteiligten und Verlierer. Sie sieht in ihr eine an der Seite der Opfer gesellschaftlicher Entwicklungen engagierte, deren Stimme zu Gehör bringende, für sie advokatorisch einstehende Kraft.
Die öffentlichkeitsbezogene Positionsbestimmung kommt beispielhaft in Hermann-Josef Grosse Krachts Untersuchung «Kirche in ziviler Gesellschaft»<19> zum Tragen. Diese sucht die (katholische) Kirche im Kontext einer zivilen Demokratie zu verorten. Dabei geht sie mit Jürgen Habermas von einem komplementären Verhältnis zwischen den Prozeduren der fairen Rechtsfindung und den diesen vorgelagerten öffentlichen Selbstverständigungsdebatten aus. Ein solcher Weg eröffnet der Kirche die Möglichkeit, sowohl die christlichen Inhalte und Optionen unverkürzt in die öffentlichen Debatten einzubringen als auch darin die Perspektive und Parteilichkeit des Evangeliums zur Geltung zu bringen. Eine solche auf die Zivilgesellschaft hin ausgerichtete Position und Praxis erlaubt der Kirche, von einem staatsfrommen Paternalismus Abschied zu nehmen; gleichzeitig wehrt sie einer zivilreligiösen Aufladung des Staates.
Die Kirchen könnten laut Grosse Kracht zum einen «zu einflussreichen Schutzmächten einer zivilgesellschaftlichen Verständigungspraxis werden»<20>. Sie könnten ihre Kompetenzen zur Stärkung und Erweiterung öffentlicher Kommunikationsflüsse einsetzen. Sie könnten zu wichtigen Sozialisationsagenturen einer zivilen Gesellschaft werden. Und zudem könnten sie «als partikulare Interpretationsgemeinschaften relevante Themen aus ihrer eigenen Überlieferungstradition in den öffentlichen Diskurs einbringen und damit wesentliche Beiträge zur Vitalisierung der politisch-moralischen Grundlagen einer zivilen Demokratie leisten»<21>.
Der evangelisch-lutherische Bischof von Berlin-Brandenburg, Wolfgang Huber, macht sich in der gegenwärtigen Zeitenwende, in welcher der Kirche «der Wind der öffentlichen Infragestellung»<22> entgegenschlägt, gleichfalls für eine öffentliche und offene Kirche stark. Diese zieht sich nicht auf sich selbst zurück, sondern macht öffentlich ihren Grund wie ihre Optionen geltend, indem sie nämlich die «Wirklichkeit im Licht der Gottesbeziehung, der wechselseitigen Anerkennung, der gelebten Solidarität»<23> deutet, indem sie für innerkirchliche wie zwischenkirchliche Pluralität eintritt und indem sie als intermediäre Institution innerhalb der Zivilgesellschaft ihre öffentliche Verantwortung wahrnimmt. Dazu zählt Huber einerseits den Bildungsauftrag der Kirche als gerade heute unverzichtbaren Beitrag zur kulturellen Diakonie. Dazu gehört zum anderen die politische Verantwortung der Kirche. Sie umfasst die Förderung von Frieden, von kommunikativer Freiheit in gegenseitiger Anerkennung und von wirtschaftlicher und sozialer Gerechtigkeit. Huber betont als Drittes die «Verantwortung der Kirche für eine Kultur des Helfens»<24>, eine im umfassenden Sinne verstandene ökumenische Diakonie sowohl über die Grenzen von Kontinenten hinweg wie in der Nähe.
Eine bemerkenswerte schweizerische Kontextualisierung des Konzepts «öffentliche Kirche in ziviler Gesellschaft» sehe ich in einer Initiative, welche gegenwärtig manche Gemüter erregt und im Sinne der Initianten durchaus auch diskursiv durchschütteln soll. Ich meine die «Ökumenische Konsultation zur sozialen und wirtschaftlichen Zukunft der Schweiz». In der 1998 von Seiten der Schweizer Bischofskonferenz und dem Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund vorgelegten Diskussionsgrundlage «Welche Zukunft wollen wir?»<25> wird mit Entschiedenheit die Position vertreten, ein gesellschaftlicher Konsens sei sinnvoll, möglich und unverzichtbar. Was aus der Sicht postmoderner Differenz-, Pluralisierungs- und Mediatisierungstheoretiker als altbacken und unterkomplex erscheinen mag, ist meiner Auffassung nach höchst beachtlich, nämlich dass die Konsultation mit Berufung auf das Evangelium des Reiches Gottes einerseits sowie die Theorie und Praxis des Gesellschaftsvertrags andererseits für einen neuen gesellschaftlichen Grundkonsens votiert. Angesichts der gegenwärtigen gesellschaftlichen Umbrüche stehen die Schweizerinnen und Schweizer der Konsultation zufolge vor der Herausforderung, sich auf neue Grundlagen ihres Zusammenlebens zu verständigen. Sie sind gefordert, den Dialog über die Zukunft der Schweiz aufzunehmen, wenn sie nicht von den vermeintlichen Sachzwängen der Globalisierung, Liberalisierung und Individualisierung überrollt werden wollen. Darum gilt es, einen neuen Gesellschaftsvertrag zu schliessen. Darunter versteht die Konsultation «eine gesellschaftliche Verständigung und eine Übereinkunft über die grundlegenden Bedingungen dafür, dass eine Gesellschaft zusammenhält und ein gutes Leben aller ermöglicht»<26>. Die Kirchen beteiligen sich mit der ökumenischen Konsultation katalysatorisch an dem aus ihrer Sicht anstehenden Dialog bzw. Diskurs über eine solche Übereinkunft. Dies geschieht aus einer Einsicht heraus, die meines Erachtens uneingeschränkt auch für die Kirche selbst gilt. Sie lautet: «Jede Gesellschaft muss sich von Zeit zu Zeit auf ihre Grundwerte und Ziele verständigen, die ihren Sinn, ihren Zusammenhalt, die Ausrichtung ihrer Entwicklung bestimmen sollen».<27>

4. Worum es publizistisch geht

Kirchliche Publizistik, welche Kirche in der medialen Öffentlichkeit kommuniziert, welche sie in der kirchlichen und gesellschaftlichen Öffentlichkeit darstellt, ist von bestimmten Grundoptionen geleitet.<28> Worum es (kirchen)publizistisch geht, lässt sich aus meiner Sicht in vier Postulaten zusammenfassen, die analog auch für eine öffentliche Theologie gelten.<29> Es handelt sich dabei um Präsenz, Partizipation, Prophetie und Perspektiven.

 

Edmund Arens ist ordentlicher Professor für Fundamentaltheologie an der Theologischen Fakultät der Universitären Hochschule Luzern.


Anmerkungen

1 L. Bosshart, Journalismus I., in: LThK 5 (31996) 1018.

2 Vgl. E. Arens, Fundamentaltheologie, in: SKZ 167 (1999) 350­354.

3 Vgl. A. Loretan/R. Weibel, Theologie in Luzern, in: SKZ 167 (1999) 157­158.

4 Vgl. vor allem N. Luhmann, Die Gesellschaft der Gesellschaft. 2 Bde., Frankfurt a.M. 1997.

5 Vgl. M. Krüggeler, Individualisierung und Freiheit. Eine praktisch-theologische Studie zur Religion in der Schweiz, Freiburg 1999.

6 Vgl. U. Sander, Die Bindung der Unverbindlichkeit. Mediatisierte Kommunikation in modernen Gesellschaften, Frankfurt a.M. 1998.

7 Vgl. vor allem J. Habermas, Theorie des kommunikativen Handelns. 2 Bde., Frankfurt a.M. 1981; ders., Die Einbeziehung des Anderen. Studien zur politischen Theorie, Frankfurt a.M. 1996.

8 Vgl. E. Kos, Verständigung oder Vermittlung? Die kommunikative Ambivalenz als Zugangsweg einer theologischen Medienethik, Frankfurt a.M. u.a. 1997; C. Christians/M. Traber (Hrsg.), Communication Ethics and Universal Values, Thousand Oaks/London/ New Delhi 1997; E. Arens, Die Bedeutung der Diskursethik für die Kommunikations- und Medienethik, in: R. Funiok (Hrsg.), Grundfragen der Kommunikationsethik, Konstanz 1996, 73­96.

9 Vgl. J. Milbank, Theology and Social Theory. Beyond Secular Reason, Oxford/Cambridge (MA) 1990; A. Rasmusson, The Church as Polis. From Political Theology to Theological Politics as Exemplified by Jürgen Moltmann and Stanley Hauerwas, Lund 1994; S. Hauerwas, In Good Company. The Church as Polis, Notre Dame (IN) 1995; R. Hütter, Theologie als kirchliche Praktik. Zum Verhältnis von Kirche, Lehre und Theologie, Gütersloh 1997; dazu: E. Arens, Kirchlicher Kommunitarismus, in: Theologische Revue 94 (1998) 487­500.

10 Vgl. R. Sennett, Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität, Frankfurt a.M. 1986.

11 K. Gabriel, Christentum zwischen Tradition und Postmoderne (QD 141), Freiburg/Basel/Wien 1992,175.

12 Vgl. B. Bühlmann, Kirche und Medien im Konflikt. Der «Fall Drewermann» als Beispiel mangelnder Kommunikationskultur in der Kirche, Luzern 1997; dazu: R. Weibel, Für eine kirchliche Kommunikationskultur, in: SKZ 166 (1998) 309­310.

13 Vgl. A. Dubach/W. Lienemann (Hrsg.), Aussicht auf Zukunft. Auf der Suche nach der sozialen Gestalt der Kirchen von morgen, Zürich/Basel 1997; M. N. Ebertz, Kirche im Gegenwind. Zum Umbruch der religiösen Landschaft, Freiburg/Basel/ Wien 1997; ders., Erosion der Gnadenanstalt. Zum Wandel der Sozialgestalt von Kirche, Frankfurt a.M. 1998.

14 Vgl. R. Bellah et al., Gegen die Tyrannei des Marktes, in: C. Zahlmann (Hrsg.), Kommunitarismus in der Diskussion, Berlin 1992, 57­73.

15 Vgl. M. Bruhn (Hrsg.), Ökumenische Basler Kirchenstudie. Ergebnisse der Bevölkerungs- und Mitarbeiterbefragung, Basel 1999; dazu: G. Gerster, Fascinosum Religion ­ Tremendum Kirche. Ergebnisse der ökumenischen Basler Kirchenstudie, in: Offene Kirche 30 (1999) Nr. 2/3, 19­27; C. Rauh, Marketing ­ Heilmittel für die Kirche? Kommentar zur ökumenischen Basler Kirchenstudie, aaO. 29­31; E. Arens, «Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht». Ein theologischer Kommentar, aaO. 32­35.

16 M. Bruhn (Hrsg.), aaO. 13.

17 Vgl. A. Steuer, Medien in die Vermittlung der Basileia «einbeziehen». Kriteriologische Anmerkungen zum Verhältnis Kirche und Kommunikation, in: Communicatio Socialis 27 (1994) 261­275.

18 W. Huber, Kirche in der Zeitenwende. Gesellschaftlicher Wandel und Erneuerung der Kirche, Gütersloh 1998, 112.

19 H. J. Grosse Kracht, Kirche in ziviler Gesellschaft. Studien zur Konfliktgeschichte von katholischer Kirche und demokratischer Öffentlichkeit, Paderborn/München/Wien/Zürich 1997; vgl. dazu: E. Arens, Öffentliche Kirche, in: SKZ 166 (1998) 565­567.

20 AaO. 445.

21 AaO. 447.

22 W. Huber, Kirche in der Zeitenwende 100.

23 AaO. 117.

24 AaO. 320.

25 Schweizer Bischofskonferenz/Schweizerischer Evangelischer Kirchenbund, Ökumenische Konsultation zur sozialen und wirtschaftlichen Zukunft der Schweiz: «Welche Zukunft wollen wir?» Diskussionsgrundlage, Bern 1998; vgl. R. Weibel, Welche Zukunft wollen wir?, in: SKZ 32 (1998) 49­50; zur kontroversen Diskussion: H. J. Münk, Welche Zukunft wollen wir?, in: SKZ 167 (1999) 110­118; M.D. Zürcher, Ein neuer Gesellschaftsvertrag? Anmerkungen zur Ökumenischen Konsultation zur sozialen und wirtschaftlichen Zukunft der Schweiz, in: Orientierung 63 (1999) 148­151.

26 Schweizer Bischofskonferenz/Schweizerischer Evangelischer Kirchenbund, Ökumenische Konsultation 21.

27 Ebd.

28 Vgl. den «Pastoralplan für Kommunikation und Medien der katholischen Kirche in der Schweiz», Freiburg 1999; vgl. W. Ludin, Dialog mit der Gesellschaft, in: SKZ 167 (1999) 262­263; R. Weibel, Medienarbeit für Morgen, in: SKZ 167 (1999) 573­574.

29 Vgl. E. Arens, Ist Theologie Luxus?, in: Orientierung 63 (1999) 81­84; ders./ H. Hoping (Hrsg.), Wieviel Theologie verträgt die Öffentlichkeit? (QD 183), Freiburg/Basel/Wien 2000.


In der Öffentlichkeit präsent sein

von Iwan Rickenbacher

 

In der antiken Gesellschaft war «öffentlich», was vor den Augen der jeweils direkt einbezogenen Menschen sichtbar geschah. Mittelalterliche Marktplätze sind Räume, die von der menschlichen Stimme erschallt werden, auf denen das Geschehen von den Anwesenden unmittelbar miterlebt werden kann, der Gerichtstag, das Pferderennen, der öffentliche Disput.
Die meisten Menschen dieser Gesellschaft hatten keine Möglichkeiten sich einigermassen gesichert über Geschehnisse zu informieren, die sich ausserhalb ihres engeren Lebensraumes ereigneten. Die wenigen Repräsentanten dieser Gesellschaft, die aufgrund ihrer gesellschaftlichen Stellung auf weiträumigere Beziehungen angewiesen waren, mussten die «Fernmeldungen» durch die Akkreditierung der Botschafter beglaubigen. Es war das Schicksal der Überbringer schlechter Botschaften gelegentlich verdächtigt zu werden, falsche Botschafter zu sein. Sie kennen deren Schicksal.
Seit 1609 und der ersten Zeitung am Oberrhein ist der Marktplatz öffentlicher Informationen beinahe unbegrenzt geworden und seit 1809 und der Erfindung des Telegrafen ist die Nachricht schneller als der Mensch. Sie wird heute in Sekundenschnelle in Ton und Bild weltweit verfügbar, bearbeitbar, veränderbar.
Massenmediale Öffentlichkeit ist allgegenwärtig und die meisten Menschen partizipieren täglich daran, drei Stunden über Radio, zwei Stunden über Television, eine Stunde über andere Informationsträger. Wenn die Kirche im Alltag der Menschen präsent sein will, dann muss sie es auch und nicht zuletzt über die Medien sein.

1. Mediale Präsenz

Wirksame Präsenz auf dem mittelalterlichen Marktplatz erforderte ein gewisses Mass an Inszenierung, so etwa den Ausrufer, der auf ein Ereignis aufmerksam machte, eine leicht erhöhte Position, um die Menge überblicken zu können, Gewänder und ritualisierte Bewegungen, um die Aufmerksamkeit zu lenken, eine feststehende Jahresagenda, um die Menschen auf bestimmte, wiederkehrende Ereignisse warten und fiebern zu lassen.
Mediale Wahrnehmung folgt ebenfalls spezifischen Regeln. Menschen schalten sich aus bestimmten und nicht zufälligen Gründen in Sendungen ein oder nicht ein. Menschen sind geneigt, mediale Informationen nach definierbaren Gründen als glaubwürdig oder als eher unwahrscheinlich zu beurteilen. Menschen bringen ihre persönlichen Lebensgeschichten und Erfahrungen ein, wenn sie sich medialen Informationen aussetzen. Menschen verarbeiten mediale Erfahrungen oft mit andern Personen, deren Urteil ihnen wichtig erscheint.
Die Medien ihrerseits haben Selektionsmechanismen entwickelt, nach denen sie Ereignissen und Botschaften Präsenz gewähren. In der Regel antizipieren sie die Erwartungen ihrer Zielgruppen, um in der Konkurrenz zu Mitbewerbern, deren Zahl und Frequenz zunimmt, bestehen zu können. Sie müssen rasch Interesse wecken und durch fesselnde Darstellungen ihre Leserinnen und Leser, ihre Zuhörerinnen und Zuschauer «bei der Stange halten». Interesse und Neugier wird durch Inhalte geweckt, die überraschend sind und/oder starke Bedürfnisse und Erwartungen befriedigen.
Der Bischof, der Vater wird, der Kirchenfürst, der sich an Chorknaben vergreift, der Seelsorger, der den leibhaftigen Teufel ortet und austreibt weckt rasches und weitläufiges Interesse. Die Aufführung einer Schütz-Passion, eines Weihnachtsoratoriums von Bach oder eines Verdi-Requiems füllt den Dom, die feierliche Firmung die Pfarrkirche, der tägliche Gottesdienst wenige Kirchenbänke. Wo ist der Raum für die Botschaft Christi, der von Menschen regelmässig frequentiert wird?

2. Die Chance der Kirche im öffentlichen Raum

Wir leben in einer paradoxen Situation, in einer Welt der krassen Gegensätze. Mit dem Fall der Berliner Mauer vor 10 Jahren ist vielen Millionen Menschen in Europa erstmals die Möglichkeit eröffnet worden, sich mittels demokratischen Mitteln Gehör zu verschaffen. Mit dem Fall der Grenzpfähle ist aber gleichzeitig ein globaler Markt entstanden, der sich jeder nationalen und demokratischen Einflussnahme entzieht und Millionen von Arbeitnehmern letztlich auf die Funktion von Produktionsfaktoren reduziert, jederzeit durch andere Menschen oder durch Maschinen und Verfahren substituierbar. In einer Welt, in der Statuts, Ansehen, persönliche Freiheit und Identität mit der Partizipation an entlöhnter Arbeit gekoppelt ist, haben in den letzten Jahren auch bei uns Tausende von Menschen als Arbeitslose und im Arbeitsprozess nicht Vermittelbare erhebliche Einbussen in ihrem Selbstwertgefühl erfahren. Einige beginnen zu ahnen, dass sich der Mensch nicht auf seine Arbeitsproduktivität reduzieren lässt. Sie suchen Sinngebung, auch und nicht zuletzt in Bestimmungen des Menschen, die seine aktuelle Situation übersteigen. Die Kirche müsste gerade in der heutigen Zeit keine besondere Mühe bekunden, zu vielen Fragen, welche die Menschen wirklich berühren, Antworten zu geben, die Aufmerksamkeit finden.
Der Bedarf nach Ethik, nach moralisch begründeten Verhaltensregeln, nach Erklärungen für Tatsachen, die sich menschlicher Vernunft entziehen, ist keine Modeerscheinung. Die Menschen spüren, dass in der Gesetzmässigkeit einer weltweiten Wirtschaft, dass unter den Bedingungen des wissenschaftlichen und technologischen Wandels ihre persönliche und unverwechselbare Würde zur Disposition stehen kann. Sie suchen alternative Antworten, die möglicherweise auch die Kirche zu geben vermag.

3. Die Kirche im medialen öffentlichen Raum

Ich weiss, dass es innerhalb der Kirche Menschen gibt, welche die öffentliche Reichweite kirchlicher Botschaften auf Orte und Begegnungen eingrenzen, die bekennenden Christen in der Tradition der Kirche zugänglich sind, im Gottesdienst, in Binnenveranstaltungen der kirchlichen Gemeinschaft im engeren Sinn. Ich interpretiere die Mission, die Christen aufgetragen ist, nicht so. Ich meine, dass Menschen, die sich durch die Taufe und die Firmung beauftragt fühlen, die Botschaft Christi in ihrer Welt umzusetzen, in dieser Welt eine Bringschuld zu erfüllen haben, das heisst die Verpflichtung haben, aktiv und kreativ Beziehungen zwischen Menschen, der Kirche und ihrer aufgetragenen Botschaft herzustellen.
Dass dies möglich ist, hat vor einigen Jahren die Auseinandersetzung um die Initiative «Trennung Kirche und Staat» im Kanton Zürich gezeigt. Bürgerliche Kreise im Kanton Zürich erzwangen eine Volksabstimmung mit dem Ziel, eine radikale Trennung von Kirche und Staat durchzusetzen, auch um die ihrer Ansicht nach zunehmenden gesellschaftskritischen Tendenzen in der Kirche zu neutralisieren.
Eine unabhängige Meinungsumfrage zu Beginn der Kampagne wies eine Zweidrittelsmehrheit der Zürcher Bevölkerung für die Initiative aus. Das Endergebnis der Abstimmung erbrachte eine Zweidrittelsmehrheit gegen die Initiative. Dazwischen lag eine Informationsoffensive der Landeskirchen, die eindrücklich nachwies, welche Leistungen die Kirchen auch in ihren sozialen und gemeinschaftsbildenden Tätigkeiten erbringen.
Die Hauptlehren der Landeskirchen im Kanton Zürich aus ihrer erfolgreichen Kampagne sind die folgenden:

 

4. Schlussbemerkung

Die bewusste und professionelle Nutzung der modernen Massenkommunikationsmittel durch die Kirche setzt voraus, dass innerhalb der Kirche gelebte Gemeinschaft besteht. Die Botschaften, die über den eigentlichen kirchlichen Raum hinaus in die Gesellschaft getragen werden, müssen aus der kirchlichen Gemeinschaft und ihrem Ringen um die Wahrheit und um die Gerechtigkeit entstehen und erwachsen. In der virtuellen Welt der Medien kann auf Dauer nur bestehen, was in der realen Welt engagierter Menschen zu deren Wohlbefinden beiträgt. Dabei ist es von seiten der Kirche legitim, ihre mediale Botschaft mit der Hoffnung zu verknüpfen, dass mediale Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner über diesen Kanal den Weg zur aktiven Beteiligung am Leben der kirchlichen Gemeinschaft zurückfinden.

 

Dr. Iwan Rickenbacher ist Kommunikationsberater.


Öffentlichkeit herstellen

von Anne-Marie Holenstein

 

Die Veranstalter haben mich eingeladen, im Rahmen dieser Tagung zu zeigen, wie das Fastenopfer Öffentlichkeit herstellt.
Ich möchte mit Ihnen in das Thema einsteigen, indem ich an die Geschichte des bald vierzigjährigen Fastenopfers anknüpfe. Während der 50er Jahre entwickelte sich in katholischen Kreisen eine neue missionarische Bewegung. Sie war einerseits vom Kalten Krieg und vom Antikommunismus beeinflusst, entwickelte aber auch ein neues Verständnis vom ganzheitlichen Dienst der Kirche an den Menschen und an der Welt, das nun mehr und mehr anstelle der Bekehrungsmission trat. Die Laien und die junge Generation waren massgeblich an diesem Aufbruch beteiligt. Einen Höhepunkt erreichte die Bewegung mit dem Missionsjahr 1960/61, dem nicht zuletzt neue Methoden der Öffentlichkeitsarbeit zu einer ganz erstaunlichen Breitenwirkung und zum grossen finanziellen Erfolg verhalfen. Für das zentrale Medium, «Die Missionsillustrierte», kamen die modernsten journalistischen Grundsätze und Produktionsmittel zum Einsatz.
Das Missionsjahr führte 1961 zur Gründung des Fastenopfers. Das neue kirchliche Werk verdankte seine Existenz und seine rasche Entfaltung nicht zuletzt den Charismen seiner Gründerväter für das Herstellen von Öffentlichkeit. Sie kreierten schon früh zwei mediale Produkte ­ nämlich «40 Tage Gotteswort» (die heutige Agenda) und das Fastensäckli ­, um die uns heute manche Organisation und mancher Werber beneidet.

Der Auftrag, für den das Fastenopfer Öffentlichkeit herstellt

Bevor ich auf die Frage eingehe, wie denn das Fastenopfer heute, in einem ganz anderen Umfeld Öffentlichkeit herstellt, gilt es, seinen Auftrag darzustellen. Der Stiftungszweck weist dem Fastenopfer folgende Tätigkeitsbereiche zu:

Wie Sie sehen, könnten die Aufgaben, für die das Fastenopfer Öffentlichkeit herstellen muss, kaum komplexer sein. Die Anforderungen an die Professionalität aller Mitarbeitenden wächst deshalb von Jahr zu Jahr. Das gilt nicht zuletzt auch für das Herstellen von Öffentlichkeit in einem von schweren Problemen belasteten kirchlichen Umfeld, in einer kommerzialisierten Medienlandschaft mit immer höherem Lärmpegel und in einem Spendenmarkt, wo mit harten Bandagen gekämpft wird.

Beteiligt an den Auseinandersetzungen um das Verständnis kirchlicher Öffentlichkeitsarbeit

Das Leitbild des Fastenopfers stellt Partizipation und Dialog in den Mittelpunkt und betont die Einbindung seiner Arbeit in das jeweilige soziokulturelle Umfeld. Als kirchliches Hilfswerk, das von Laien und Klerus gemeinsam geleitet und getragen wird, kann das Fastenopfer darum in seiner Praxis den kontroversen Fragen nach dem Grundverständnis kirchlicher Öffentlichkeitsarbeit nicht ausweichen. Horizontal-dialogische und vertikal-hierarchologische Konzepte stossen in den Fach- und Leitungsgremien zum Beispiel in Fragen der Missionstheologie und deren Umsetzung in Entwicklungs- und Pastoralzusammenarbeit aufeinander. Oder sie kommen in gegensätzlichen Auffassungen von Führungsverantwortung und Führungskompetenz zum Vorschein. Ähnliche Diskussionen haben auch die Planung und Durchführung der jährlichen Fastenaktion bis in die Gegenwart immer wieder begleitet, wobei im Mittelpunkt meistens das Leitmedium «Agenda» steht. Wie «fromm» muss sie daherkommen, um noch die Bedingungen der Kirchlichkeit zu erfüllen ­ und wie weltlich muss ihre Sprache sein, damit sie den Anspruch eines «Tout- ménage-Produkts» mit einer Auflage von 1,7 Millionen Exemplaren erfüllt, das ein möglichst breites und zunehmend entkirchlichtes Publikum ansprechen soll?

Öffentlichkeit schaffen gegen innen

Es muss somit dem Fastenopfer immer wieder gelingen, für solche und ähnliche Fragen eine interne Öffentlichkeit zu schaffen, die Austausch, Meinungsbildung und Entscheidungen ermöglicht. Gemäss seinem Organigramm muss es eine sehr komplexe Struktur von Führungs- und Fachgremien in dieses Schaffen von Öffentlichkeit einbeziehen, welche die operationelle Umsetzung durch die Zentralstelle begleiten und steuern. Die Beteiligten können ihre Aufgaben somit nur erfüllen, wenn es gelingt, interne Öffentlichkeit herzustellen, die Austausch ermöglicht.
Typisch für das Fastenopfer wie für alle so genannten Non-Profit-Organisationen, die sich auf eine breite Mitträgerschaft abstützen, ist dabei die Arbeitsteilung zwischen den Freiwilligen und von Amtes wegen Beteiligten in den Gremien einerseits und anderseits den Profis, also dem Personal und der Geschäftsleitung in der Zentralstelle. Peter Schwarz weist in seinem «Management-Brevier für Non-Profit-Organisationen» darauf hin, dass die Ungleichgewichte dieser Arbeitsteilung immer wieder zu Spannungen führen, weil die Milizarbeit durch ehrenamtlich Tätige geleistet wird, deren Informations- und Sachverstand aus Zeit- und Kapazitätsmangel tendenziell hinter dem der angestellten Mitarbeitenden nachhinkt. Diese haben durch ihr berufliches Spezialwissen und die permanente Bearbeitung der Sachfragen einen Wissens- und Informationsvorsprung. Daraus können sich Spannungen, Konflikte und Macht-Ungleichgewichte in Management-Prozessen ergeben. Herstellen von interner Öffentlichkeit in Non-Profit-Organisationen bedingt somit einen sensiblen Umgang mit Machtgefällen und der Schnittstellen ­ Probleme zwischen dem Bereich der Milizarbeit und der Geschäftsführung durch die Profis.
Im Falle des Fastenopfers erhält diese Problematik eine spezifische Ausprägung durch den Führungsanspruch und das Führungsverständnis der obersten Kirchenführung, die mit fünf Diözesanbischöfen und zwei Territorialäbten im obersten Leitungsgremium vertreten ist.

Öffentlichkeit schaffen im kirchennahen Umfeld

Im Zentrum unserer Arbeit steht die jährliche Fastenkampagne. Die ganze Planung und Produktion geschieht in ökumenischer Zusammenarbeit mit «Brot für alle» und «Partner Sein». Ein weiteres wichtiges Element ist die kulturelle Verschiedenheit der Sprachregionen. Diese Zusammenarbeit über Konfessions- und Sprachgrenzen hinweg ist eine einmalige Chance, weil sie inhaltliche Bereicherung und grössere Breitenwirkung ermöglicht. Sie macht aber gleichzeitig das Management und die Gesamtsteuerung der Kampagne zu einer sehr komplexen Aufgabe.
Um meine Darstellung übersichtlich zu halten, rede ich im Folgenden vom Fastenopfer und seiner Mitträgerschaft in den katholischen Pfarreien und gehe dabei von den Verhältnissen in der deutschen Schweiz aus. Mitzudenken ist dabei aber immer auch das ökumenische Umfeld.
In einer immer stärker segmentierten Gesellschaft müssen wir uns sehr genau überlegen, welche Zielgruppen oder Teilöffentlichkeiten wir mit unsern Angeboten ansprechen wollen und wie wir die Angebote auf deren Bedürfnisse abstimmen können.
Ein hilfreicher Orientierungsrahmen für die Praxis des Fastenopfers ist die Typisierung kirchlicher Sektoren, wie Medard Kehl sie in seiner Zeitdiagnose «Wohin geht die Kirche?» vorgenommen hat.
Ein weiterer hilfreicher Orientierungs-Raster sind die gesellschaftlichen Grossmilieus, welche Soziologen zurzeit unterscheiden.
Solche Typisierungen sind Hilfsmittel, um die Fragen zu klären, wo das Fastenopfer am stärksten verankert ist, auf welche Gruppierungen es sich abstützen kann und wie die einzelnen Zielgruppen anzusprechen sind. Problematisch sind auf jeden Fall die rasch ändernden Interessen und Trends und die abnehmende Bereitschaft zu längerfristigen Bindungen in der mittleren und jungen Generation.
Als Grundregel gilt, dass wir unsere Angebote immer wieder kritisch aus der Sicht der Menschen betrachten, für die sie bestimmt sind. Dabei dürfen wir mit gesundem Selbstvertrauen auftreten, denn als Anbieter von ethischer Orientierung und Sinnstiftung entsprechen wir einem ausgewiesenen Bedürfnis. Das belegen die folgenden Leitfragen, die gemäss einer rein marktwirtschaftlich orientierten Publikation an alle Produkte zu stellen sind.

Ein Privileg des Fastenopfers

Wer die Öffentlichkeitsarbeit des Fastenopfers beschreibt, muss von einem Privileg reden: vom Privileg, jedes Jahr während etwa sechs Wochen auf die Mitarbeit der Pfarreien zählen zu können, erstens zur Gestaltung der Fastenzeit und zweitens für die Sammlung.
Ich möchte das Wort Privileg unterstreichen, denn diese Chance und diese Verwurzelung im Jahresablauf hat in diesem Ausmass keine andere Organisation im kirchlichen Umfeld.
Damit können wir uns auf viele hundert Mitträgerinnen und Mitträger stützen, die mithelfen, Öffentlichkeit herzustellen. Allerdings sind diese Mitträgerinnen und Mitträger auch die Gate-Keeper, die Pförtner/-innen, die über Erfolg oder Misserfolg unserer Fastenaktion in ihrer Pfarrei entscheiden. Wenn die Agenda einem Pfarreiteam nicht passt, sinkt der Einsatz beim Verteilen in die Haushaltungen. Der Slogan und das Thema müssen bei ihnen «zünden».
Die Unterlagen für Liturgie und Katechese müssen bei ihnen das Gefühl wecken: «Genau das kann ich brauchen!» und sie überzeugen, dass die Arbeit damit bei ihrem Publikum gut ankommt und ihm gut tun wird.
Diese Mitträgerschaft ist ein sorgsam zu pflegendes Potential ­ aber auch ein gefährdetes Potential. Wir wissen, wie rasant sich die Pfarreistrukturen verändern und wie rasch das kirchliche Kernmilieu schrumpft. Wir müssen auch den steigenden Ansprüchen, den wachsenden Leistungsdruck auf die Pfarreiteams und das wachsende Risiko von Enttäuschungen in Betracht ziehen, die sich aus dieser Situation ergeben.
Kurz, es muss uns jedes Jahr erneut gelingen, unsere Angebote so zu gestalten, dass wir wirklich den Bedürfnissen der Seelsorgeteams, der Katechetinnen, Liturgiegruppen, Frauengruppen, Jugendarbeiterinnen, Suppenköchinnen usw. entsprechen ­ wenn das gelingt, besteht durchaus Grund für Optimismus.
Herstellen von Öffentlichkeit heisst für das Fastenopfer darum vor allem Dienstleistungen für dieses Multiplikaktorennetz erbringen. Für seine Überlebensfähigkeit wird es entscheidend sein, ob es gelingt, diese Dienstleistungen so zu gestalten, dass ihre Wirkung über das schrumpfende kirchliche Kernmilieu hinausgreift und zum Beispiel auch Menschen im «Selbstverwirklichungsmilieu» anspricht.
Wir tun das mit Tonnen von gedrucktem Material, in dem wir unsere guten Ideen verpacken. Vorschaumagazin, Aktionsmagazin, Werkhefte für Liturgie und Katechese sind typische Produkte für Multiplikatorinnen und Multiplikatoren. Entscheidend ist, dass der Einsatz dieses Materials jeweils im Januar und Februar durch zahlreiche Impulsveranstaltungen gestützt wird, an denen insgesamt etwa 1000 Leute teilnehmen. Während des Jahres halten wir den Kontakt mit ihnen durch ein bewusst einfach und übersichtlich gestaltetes Bulletin, via Homepage und mit Besuchsnachmittagen beim Fastenopfer.
Mit dem Bulletin informieren wir auch die Spenderinnen und Spender. Sie erhalten neben dem Spendenmailing zur Fastenzeit zusätzlich noch zweimal pro Jahr von uns Post.
Der Anteil der Spenden, den das Fastenopfer durch die Sammlung in den Pfarreien und via Agenda erhält, ist nach wie vor grösser als die Summe der übrigen Zahlungen. Somit sind die Pfarreien neben der Bildungsarbeit auch ganz wichtig für die Mittelbeschaffung mit Agenda und Fastensäckli, denn sie leisten eine enorme, erfolgreiche und kostengünstige Arbeit mit deren Verteilung in die Haushaltungen. Die Motivation, es weiterhin zu tun, ist lebenswichtig für die Substanz des Fastenopfers, weil Agenda und Fastensäckli emotionale Bindung bewirken und aufrechterhalten.

Über die Innenräume der Kirchen hinaus

Öffentlichkeit herstellen muss heissen, mit geeigneten Medien und Handlungsangeboten über die milieuspezifischen Kreise hinaus präsent zu sein, welche heutige Pfarreien charakterisieren. Es muss den Pfarreien einleuchten und Spass machen, in ihrem Kommunikationsverhalten über ihre eigenen Grenzen hinaus zu wirken: das Plakat also nicht nur vor der Kirchentüre platzieren, sondern im öffentlichen Raum. Über das Leitthema 2000 «Time out ­ anders weiter» nicht nur vor leider halbleeren Kirchenbänken predigen, sondern die Sitzbänke im öffentlichen Raum mit unserm Slogan belegen und für Aktionen nutzen ­ eine Idee, die wir für die nächste Kampagne in die Welt setzen.
Mit der Clean Cloth Campaign sprechen wir alle Menschen an, die «saubere Kleider» tragen wollen, das heisst Kleider, die unter menschenwürdigen Bedingungen hergestellt werden. Auf über 400000 Karten haben Konsumentinnen und Konsumenten diesen Wunsch grossen Textilunternehmen mitgeteilt und beträchtliche Wirkung erzielt.
Natürlich setzen wir auch auf die Massenmedien und versuchen ­ mit sehr beschränkten Mitteln ­ gezielt und professionell den allgemeinen Geräuschpegel zu übertönen. (Wie das zu tun ist, hat Iwan Rickenbacher in seinem Referat behandelt).

Auf Beteiligung und Kommunikation von Mensch zu Mensch setzen

Unsere Konzepte und die wichtigsten medialen Angebote und Produkte für das Herstellen von Öffentlichkeit haben ein gemeinsames Merkmal: sie sind auf Dialog und Partizipation ausgerichtet.
Es sind Methoden, die der Geschichte des Fastenopfers, seinem Leitbild und seinem Verständnis vom Auftrag der Kirche in der heutigen Situation entsprechen und die auf seinem grössten Potential aufbauen: der Beteiligung der Menschen, die das Fastenopfer mittragen.

 

Dr. Anne-Marie Holenstein ist Direktorin des Fastenopfers.


Der pfarreiorientierte Sektor (Medard Kehl, Wohin geht die Kirche?, Freiburg, Basel, Wien 1996, 43ff.)

Aktive Kirchenmitglieder, die das Pfarreileben tragen
Abnahme wegen Überalterung und Entkirchlichung

Der formale Sektor

Menschen, die mit der Kirche in vertraglichen Arbeitsverhältnissen stehen
Dienstleistungsbetrieb der Kirche
Rückgrat des Pfarreilebens

Der Bewegungssektor

Neue spirituelle und soziale Bewegungen
«religionsproduktives Element», jedoch oft in Spannungsverhältnis mit der offiziellen Kirche

Der katholikale Sektor

Tendenz zu religiösem Fundamentalismus
Ebenfalls in Spannungsverhältnis mit der offiziellen Kirche

Latente, diffuse Christlichkeit

Auf Familien mit Kindern zentrierte Religiosität, welche die Rituale der Kirche in Lebenswenden und Lebenskrisen in Anspruch nimmt
Inaktive Mitgliedschaft (Deutschland: 70­80% der Getauften)

Niveaumilieu

Gesellschaftlicher Rang, Ansehen, Erfolg, Einfluss (oft ältere Menschen mit höherer Bildung)

Harmoniemilieu

Suche nach Geborgenheit und Gemütlichkeit in einer bedrohlichen Welt (oft ältere Menschen mit niedriger Schulbildung)

Integrationsmilieu

Anpassung und gesellschaftliche Konformität
«Erlebnisparadigma der netten Runde» (ältere Personen der mittleren Bildungsschicht)

Selbstverwirklichungsmilieu

Grenzverkehr zwischen Mozart ­ Rock ­ Kunstaustellung ­ Ethno-Food ­ Fitness Center ­ Zen-Meditation ­ xy Seminar und Hildegard von Bingen (Bessergebildete unter 40 Jahren)

Unterhaltungsmilieu

Desinteresse an gesellschaftlicher Realität, Suche nach Stimulation für momentanen Erlebnisbedarf (junge Menschen mit niedriger Schuldbildung)


Was Produkte und Angebote erfüllen sollten

 


Das Spannungsfeld von Kirche und Medienöffentlichkeit

von Benno Bühlmann

 

Tue Gutes und sprich darüber!» Dieser Grundsatz ist in den vergangenen Jahren auch bei kirchlichen Institutionen zunehmend ins Bewusstsein gerückt. Lange Zeit waren Begriffe wie Öffentlichkeitsarbeit oder «public relations» gleichsam Fremdwörter im Vokabular kirchlicher Verantwortungsträger. Der wachsende Legitimationsdruck, dem die Kirche beispielsweise durch die steigende Zahl von Kirchenaustritten und knapper werdende finanzielle Mittel in jüngster Zeit immer mehr ausgesetzt ist, hat inzwischen vielerorts zu einem Umdenken beigetragen. Die Einsicht ist gewachsen, «dass sich die Kirche für ihre Anliegen nur mit einem professionellen kommunikativen Auftritt über den Kreis der Gläubigen hinaus Gehör verschaffen kann».<1>

Gibt es für die gute Nachricht keinen Markt?

Dass die Kirchen mit ihren seelsorgerlichen und ethischen Anliegen bei den Medien keineswegs auf taube Ohren stossen würden, machte unlängst Markus Rohr von der Chefredaktion der Schweizerischen Depeschenagentur (sda) anlässlich einer Tagung des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes deutlich: Es sei nicht so, dass die Medien nicht an kirchlichen Themen und an Religion interessiert seien. Im Gegenteil: Das Interesse für religiöse Themen habe in den vergangenen Jahren zugenommen, meinte Rohr und konnte diese Feststellung mit bemerkenswerten Zahlen belegen: 1986 habe die Schweizer Presse insgesamt 743 religiöse Meldungen abgedruckt. 1996 jedoch 1734. Dabei seien im Bereich der Hilfswerke beispielsweise die Anliegen von Caritas 93, jene von Brot für alle 65 und von Heks 35-mal aufgenommen worden.
Solche Zahlen müssten die Kirchen eigentlich ermutigen, ihre Anstrengungen im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit noch weiter zu intensivieren und zu verbessern. Allerdings tun sie auch gut daran, sich nicht nur mit wirksamen PR-Strategien, sondern auch mit ganz grundsätzlichen Fragen rund um das Thema Kommunikation auseinanderzusetzen. Einige Aspekte dazu sollen nachfolgend thesenartig kurz erläutert werden.<2>

Ohne Kommunikation keine Kirche

Grundsatz 1: Kommunikation darf die Kirche nicht bloss als eine ihrer Tätigkeiten sehen; vielmehr müsste sich die Kirche bewusst werden, dass Kommunikation im Wesen der Kirche überhaupt gründet: Kirche ist Kommunikation ­ ohne Kommunikation gibt es keine Kirche.
Die Kirche ist herausgefordert, dem klaren Öffentlichkeitsauftrag des Markus-Evangeliums nachzukommen und damit Fortsetzung der kommunikativen Sendung Jesu Christi zu sein: «Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen» (Mk 16,15). Theologisch gesprochen, lässt sich Kommunikation von der «Communio» mit Gott ableiten: Partner der Communio Gottes und damit Ziel seines kommunikativen Handelns (Offenbarung) ist der Mensch, den Gott nach seinem Bild geschaffen hat, um sich ihm mitzuteilen.
Die kommunikative Wesensbestimmung der Kirche hat denn auch bedeutsame Konsequenzen: Um ihre Verkündigungsaufgabe glaubwürdig wahrnehmen zu können, muss die Kirche ihre Kommunikation sowohl nach innen wie nach aussen überzeugend praktizieren. Dessen waren sich auch die Verfasser der Pastoralinstruktion «Communio et Progressio»<3> (1971) bewusst, die zusammen mit der Pastoralinstruktion »Aetatis novae»<4> (1992) in der katholischen Lehrtradition nach wie vor die Magna Charta kirchlicher Medienarbeit darstellt.

Der untrennbare Zusammenhang von Kirchenbild und Mediendeutung

«Gemeinschaft und Fortschritt der menschlichen Gesellschaft sind die obersten Ziele sozialer Kommunikation und ihrer Instrumente, wie der Presse, des Films, des Hörfunks und des Fernsehens», hält die Pastoralinstruktion von 1971 fest und fährt fort: «Die Kirche erblickt in ihnen ÐGeschenke Gottesð, weil sie nach dem Ratschluss der göttlichen Vorsehung die Menschen brüderlich verbinden, damit diese im Heilswerk Gottes mitwirken...»<5> Und an anderer Stelle des besagten Dokumentes wird weiter betont: «Als lebendiger Organismus bedarf die Kirche der öffentlichen Meinung, die aus dem Gespräch ihrer Glieder erwächst. Nur dann ist in ihrem Denken und Handeln Fortschritt möglich.» (CP 115).
In eklatantem Widerspruch zur Sichtweise der beiden Pastoralinstruktionen stehen indessen die 1992 erschienenen Medieninstruktionen der römischen Glaubenskongregation<6>; Dort wird öffentliche Meinung als gefährliche Bedrohung für die Einheit der Kirche eingestuft und innerkirchlicher Dialog sowie das Recht auf Information wird nur im Zusammenhang von Glaubens- und Gesetzesgehorsam zugestanden.
Daraus wird ersichtlich, wie eng Kirchen- und Medienbild miteinander verknüpft sind: Während in den wesentlich vom Zweiten Vatikanischen Konzil geprägten Pastoralinstruktionen ein horizontal-dialogisches Medienbild zum Ausdruck kommt, finden wir in den Verlautbarungen der Glaubenskongregation ein vertikal-hierarchologisches Medienbild, das sich auf ein überholtes Kommunikationsverständnis entsprechend dem «stimulus-response»-Modell abstützt.
Neben dieser Gleichzeitigkeit von divergierenden Kirchen- und Medienbildern wird anhand von kirchlichen Dokumenten auch deutlich, wie sehr Selbst- und Fremdwahrnehmung der Kirche bisweilen auseinander klaffen, zumal sie allzu oft weder ihre Stellung innerhalb einer pluralistischen Gesellschaft noch die Eigengesetzlichkeit der Medien und die Funktion der öffentlichen Meinung realistisch wahrzunehmen vermag.

Die Kirche muss «Gegenöffentlichkeit» schaffen

Grundsatz 2: Kirchliche Publizistik darf sich nicht auf so etwas wie Public Relations («Öffentlichkeitsarbeit») einer gesellschaftlich relevanten Gruppe verengen, sondern muss immer auch kommunikative Diakonie bleiben.
«Kommunikative Diakonie» (Peter Düsterfeld)<7> fragt im Unterschied zur kirchlichen Öffentlichkeitsarbeit nicht nach den angemessenen Instrumenten für eine Relevanz der Kirche in der Öffentlichkeit, sondern reklamiert einen kirchlichen Dienst, der für die Bildung wahrer Öffentlichkeit relevant sein kann. Es geht dabei nicht um die weltanschaulich gleichgeschaltete, konfliktfreie und harmonische Gesellschaft, sondern um einen gesellschaftlich-kommunikativen Dienst, der gerade Verabsolutierungen und Totalitarismen verhindern will.
Bei einem solchen Verständnis von Öffentlichkeitsarbeit hat die Kirche konsequenterweise nicht primär die Eigeninteressen ihrer Institution, sondern das Wohl der Menschen im Blick: Als aktuelles Beispiel für solches Bemühen wäre wohl die Ökumenische Konsultation zur sozialen und wirtschaftlichen Zukunft der Schweiz zu nennen, mit der sich die beiden Schweizer Landeskirchen in einen offenen Diskurs über die ethischen Grundwerte unserer Gesellschaft hineinbegeben haben.
In einem Öffentlichkeitssystem des medialen Marktplatzes, das heute wesentlich der Leitorientierung der «Aufmerksamkeit» folgt, kommt gerade den Kirchen eine wichtige Aufgabe zu. Insbesondere die Arbeit an «unterbrechender Gegenöffentlichkeit» sei heute gefragt, betonte unlängst der Religionssoziologe Karl Gabriel<8>, Professor für christliche Gesellschaftslehre an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster/Westfalen: «Theologie und Kirche müssen befähigt werden, gezielt die blinden Flecken des medialen Spiegels der Gesellschaft zu thematisieren und bewusst zu machen. Hier geht es darum, Aufmerksamkeit für jene Menschen und Themen zu schaffen, die aus dem medialen Öffentlichkeitssystem herausfallen.» Denn, so Gabriel weiter: «Je ausgeprägter die Gesetze des Marktes die Selektivität des Öffentlichkeitssystems bestimmen, desto stärker wird die Tendenz, die Kehrseiten des gesellschaftlichen Lebens aus dem Licht der Öffentlichkeit ins Private abzudrängen.» Es gelte deshalb die Logik des medialen Öffentlichkeitssystems an jenen Stellen zu unterbrechen, wo es «der Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art» (Pastoralkonstitution) keinen Raum gebe.

Die Kirchen auf dem Marktplatz der Meinungen

Grundsatz 3: Kommunikation und Wahrheitsfindung in einer demokratischen und pluralistischen Öffentlichkeit verläuft nicht nach dem linearen Sender-Empfänger-Modell, sondern nach den Gesetzen eines «Marktplatzes der Meinungen» im Stimmengewirr des öffentlichen Forums, wo es keine Rednerliste und keine Worterteilung gibt und wo keine Privilegien geduldet werden.
Wenn sich die Kirche auf diesen Meinungsmarkt der demokratischen Öffentlichkeit begibt, muss sie also wissen, dass sie sich hier nicht auf eine Legitimation von aussen berufen darf. Von höheren Instanzen abgeleitete Legitimationen werden auf diesem Forum nicht anerkannt. Legitimieren muss sie sich einzig und allein durch ihre Fähigkeit wirklicher Kommunikation: «Die Legitimation dessen, der etwas sagen will, wird von den Zuhörern zuerkannt und richtet sich danach, was einer zu sagen hat und wie er es sagt: wenn er es doktrinär von oben herab sagt, wird er abgelehnt, wenn er kommunikativ-gemeinschaftsstiftend spricht, wird man ihm zuhören.» (Erhard Busek).
Von der Kirchenleitung wird nach wie vor kaum zur Kenntnis genommen, dass sich Wahrheitsfindung in einer pluralistischen Gesellschaft nach den Gesetzen des Rationalen Diskurses (Jürgen Habermas) zu richten hat: Es zählt hier nur der zwanglose Zwang der besseren, weil einleuchtenderen Argumente. Gerade in den derzeit umstrittensten Fragen zeigt sie allerdings wenig Bereitschaft, ihre Positionen in der Öffentlichkeit argumentativ darzulegen. Ein berühmtes Beispiel ist in diesem Zusammenhang die (von der römischen Kirchenleitung grundsätzlich verbotene) Diskussion zur Frauenordination: Als Präfekt der Glaubenskongregation beruft sich Kardinal Joseph Ratzinger auf allerhöchste kirchenamtliche Autorität, um das kirchliche Nein zur Frauenordination als «endgültig», «unwiderruflich» und «unfehlbar» zu bekräftigen. Die autoritative und zudem mit dürftigen Argumenten versehene Verlautbarung erwies sich in der Öffentlichkeit indessen als wenig geeignet, um eine kontrovers geführte Diskussion endgültig zu unterbinden.

Medien und ihre Eigengesetzlichkeiten ernst nehmen

Grundsatz 4: Kirche, die sich im Feld gesellschaftlicher Öffentlichkeit bewegt, bedarf des Wissens darüber, nach welchen Eigengesetzlichkeiten eine öffentlich-medial vermittelte Kommunikation funktioniert. Nur so ist auch eine nüchterne Bewertung des Systems gesellschaftlicher Öffentlichkeit ­ jenseits von Verteufelung und Idealisierung ­ möglich.
Für eine realistische Wahrnehmung der medialen Gesetzmässigkeiten bedürfen die Kirchen zunächst des Verständnisses für die Mechanismen des so genannten «Agenda-Setting» und «Gatekeeping»: Zeitungen und elektronische Medien sind heute gezwungen, täglich aus einer grossen Vielfalt von Nachrichten auszuwählen, denn nur etwa fünf bis zehn Prozent des vorliegenden Nachrichtenangebotes kann letztlich berücksichtigt werden. Damit übernimmt der Redaktor bzw. die Redaktorin die Rolle des Gatekeepers (englisch: Torhüter), der darüber entscheidet, wer oder was das Tor passieren darf.
Umgekehrt übernehmen die Akteure der Öffentlichkeitsarbeit von verschiedenen Organisationen auch selber eine aktive «Thematisierungsfunktion» (Agenda-Setting), indem sie durch einen gezielten Auftritt in der Öffentlichkeit etwas zum Thema machen.
Die Frage, ob ein bestimmtes Ereignis in der Öffentlichkeit tatsächlich zu einem «Thema» wird, hängt letztlich vom Nachrichtenwert dieses Ereignisses ab: Nachrichten im journalistischen Sinne sind immer Mitteilung von etwas Neuem, etwas Besonderem, etwas Aussergewöhnlichem. In den Journalismus-Büchern wird dies immer wieder mit der prägnanten Formulierung auf den Punkt gebracht: «Hund beisst Mann» ist keine Nachricht, «Mann beisst Hund» dagegen schon.
Um ein Ereignis auf seinen «Nachrichtenwert» zu prüfen, lassen sich unter anderem die folgenden journalistischen Kriterien der Nachrichtenauswahl anwenden:

  1. Aktualität: Was ist neu? Was kommt unerwartet?
  2. Bedeutung: Was hat Konsequenzen für eine möglichst grosse Zahl der Informationsempfänger?
  3. Publikumsinteresse: Was erzeugt Spannung? Was ist konfliktträchtig, umstritten?
  4. Nähe: Wie nahe ist der Schauplatz bei den Leserinnen und Lesern, den Zuschauern bzw. Zuhörerinnen?
  5. Prominenz: Sind bekannte Personen im Spiel?
  6. «Human interest»: Was ist geeignet, die Gefühle der Informationsempfänger anzusprechen?

Da die Kirchen im medialen System einer pluralistischen Gesellschaft keine Sonderbehandlung erwarten können, kommen sie nicht umhin, darin eine aktive Rolle zu übernehmen:
Notwendig wäre ein «Paradigmenwechsel» von einer tendentiell defensiven zu einer offensiven Informationspolitik. Das heisst konkret:

 

Benno Bühlmann, Theologe und Redaktor für «Religion und Gesellschaft» bei der Neuen Luzerner Zeitung, leitete im Rahmen der Tagung «Kirche in der Öffentlichkeit» an der Universitären Hochschule Luzern (9.11.99) einen Workshop zu kirchlicher Öffentlichkeitsarbeit.


Anmerkungen

1 Ausdruck dieses Bewusstseinswandels ist auch der Umstand, dass derzeit verschiedenenorts Hilfsmittel für die kirchliche Öffentlichkeitsarbeit bereitgestellt werden. So hat beispielsweise auch die Römisch-katholische Zentralkommission des Kantons Zürich im September 1999 unter dem Titel «Kirchliche Informations- und Öffentlichkeitsarbeit» ein «Praxisorientiertes Handbuch für Kommunikationsverantwortliche der katholischen Kirche im Kanton Zürich» herausgegeben.

2 Vgl. Benno Bühlmann, Kirche und Medien im Konflikt, Luzern 1997. In diesem Buch werden verschiedene Aspekte des Themas ausführlich diskutiert.

3 Communio et Progressio ­ Pastoralinstruktion über die Instrumente der sozialen Kommunikation, hrsg. von der Päpstlichen Kommission für die Instrumente der sozialen Kommunikation, veröffentlicht im Auftrag des II. Vatikanischen Konzils, Trier 1971.

4 Aetatis novae ­ Pastoralinstruktion zur sozialen Kommunikation zwanzig Jahre nach Communio et Progressio, Reihe: Arbeitshilfen Nr. 98, hrsg. v. Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Bonn 1992; ebenfalls publiziert in: Schweizerische Kirchenzeitung SKZ 21 (1992) 310­317.

5 Communio et Progressio, aaO., S. 151

6 Kongregation für die Glaubenslehre, Instruktion über einige Aspekte des Gebrauchs der sozialen Kommunikationsmittel bei der Förderung der Glaubenslehre, Reihe: Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls; 106, hrsg. vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, 1992.

7 Vgl. Peter Düsterfeld, Kommunikative Diakonie. Überlegungen zum Verhältnis der Kirche zu den Massenmedien, in: Funk-Korrespondenz 36 (1988) 13­14, 1­6.

8 Karl Gabriel, Konzepte von Öffentlichkeit und ihre theologischen Konsequenzen (Vortrag im Rahmen eines internationalen wissenschaftlichen Symposiums zum Thema «Theologie als öffentliche Aufgabe» in Luzern (23.10.98).


Die Reduktion auf den emotionalen Kern. Wie Fernsehen funktioniert

von Walter Bucher

 

Es war eine ganz andere Fernsehwelt, als ich vor sieben Jahren als Luzerner Korrespondent für SF DRS zu arbeiten begann. Von meiner Crew hörte ich oft: Gerne möchten wir wieder einmal etwas beschaulicher arbeiten. Und immer wieder kam das Beispiel Lussmann. Ein Porträt eines Urner Malers und Dichters. Das war ein sechseinhalb minütiger Bericht für CH-aktuell. Mit vielen Bildern aus der Urner Bergwelt. Mit langen Statements von Lussmann. Das plätscherte so gemütlich dahin.
Für die Tagesschau durfte man noch Beiträge abliefern, die 2 Minuten und länger waren. Die Tagesschau war stark auslandgeprägt und floss gemächlich von Sujet zu Sujet. Häufig waren Bilder von Pressekonferenzen zu sehen. Schreibende Journalisten/Journalistinnen. Das Bundeshaus überhaupt war visuell sehr präsent: Die Kuppel, die Nationalrats- und Ständerats-Säle, der lange Zoom auf das Rednerpult, und die Bundesräte durften in einem Beitrag 60-sekündige Statements abgeben.
Und heute? Der Zeitdruck ist enorm, in allen Redaktionen. Statt platte Abbilder von geplanten Ereignissen sind kurze Geschichten gefragt. Medienkonferenzen? Gibt es natürlich immer noch. Aber sie sind kaum mehr sichtbar auf dem Bildschirm. Die Gespräche mit den Hauptpersonen sind aus der Pressekonferenz-Umgebung herausgenommen, vor einen Hintergrund gestellt, der zu den Personen einen Bezug hat. Dort werden Interviews, Gespräche produziert. Gesendet werden aber nur Quotes (Zitate). Sie sind von 60 Sekunden auf 20 Sekunden geschrumpft.
Ein weiterer Epochenunterschied: Man produzierte, ohne auf das Publikum zu schielen. Das ist heute grundlegend anders. Von der Angebotsstrategie ­ friss, Chueli, was wir füttern ­ ist SF DRS zur Nachfragestrategie übergegangen. Marktanteil war bis in die 80er Jahre ein Fremdwort. Heute ist es die wichtigste Kennziffer.
Auffallend auch: Die zunehmende Personalisierung, immer näher bei der Privatsphäre der Personen. Mit der Nähe zu Personen werden Themen emotionaler. Nahe Kameraeinstellungen sprechen die Gefühlsebene stärker an als die Totale. Informationen, die Emotionen hervorrufen, bleiben länger haften als Sachinformationen.
Letztlich gehts um Spannung. Um Information und Unterhaltung (Entertainment). Um Infotainment. Die Leute sollen dranbleiben. Und es geht um Verständlichkeit. Das Fernsehen funktioniert nur, wenn es komplexe Themen auf eine Ebene herunterbrechen kann, die den Zuschauer nicht überfordert. Das ist Boulevard. Eine einfache aber doch präzise Sprache zu sprechen. Geschichten, die möglichst linear und spannend erzählt sind. Die Leute auf der Strasse, das Gros der Leute sollen die Botschaft verstehen können. Boulevard ist eigentlich eine sehr anspruchsvolle Form.
Es ist nicht zu übersehen, dass heute auch bei öffentlich-rechtlichen Sendern (wie SF DRS) Boulevard-Themen stärker vertreten sind als noch vor 10 Jahren. Was und wie viele solcher Inhalte erwünscht sind bzw. wo die jeweilige Schmerz- oder Ekelgrenze liegen mag, das ist die eine Seite der Diskussion, welche je nach Redaktion anders verläuft.
Ergiebiger ist jedoch die Frage: Auf welchen Vorgehensstrategien basiert der grosse Markterfolg des Boulevardjournalismus, und was lässt sich davon auch auf andere Themen und Inhalte übertragen ?
Dazu gibt es eine Grundstrategie, nach der sich alles Weitere richtet: Boulevardjournalismus zielt in erster Linie auf die emotionalen Bedürfnisse des Publikums. Kognitive Bedürfnisse werden weitgehend vernachlässigt.
Zuschauer/Zuschauerinnen wollen primär etwas erleben und von Ereignissen und Geschichten emotional berührt werden.
Daraus ergeben sich Leitsätze für die tägliche journalistische Arbeit:

 

Und wie kommuniziert die Kirche in diesem Fernsehen ?

Passen kirchliche Themen in den Raster dieser Strategien?
Ausgezeichnet. Gerade weil die Kirche Themen mit starkem emotionalen Gehalt anbieten kann. All die Rituale in der Kirche (Taufe, Messe, Beerdigung, Kirchenfeste usw.) sind hoch emotional. Daran lassen sich Botschaften anknüpfen. Ein gutes Beispiel ist das Ranfttreffen der Jugendlichen in der Weihnachtszeit 1998. Die Stimmung, die Kerzen, die Nacht, die Gesänge, all das ist sehr emotional. Bischof Amédée Grab ist dabei, erstmals seit der Krise im Bistum Chur ist wieder ein Bischof präsent. Und er gibt Interviews. Aber Flühli-Ranft bleibt eine Ausnahme.
Das Problem ist, dass die Kirche die Strategien der (elektronischen) Medien überhaupt nicht nutzen kann, oder nutzen will. Und dass die Kirche sich in der Öffentlichkeitsarbeit sehr defensiv verhält.
In den 90er Jahren (Krise im Bistum Chur) entstand der Eindruck, dass

  1. kirchliche VIPs sich verstecken. (Kamera passt ab hinter der Kirchentür);
  2. Medien sich die (emotionalen) Themen selber suchen, und solche ­ zuhauf ­ auch finden (mit dem Pfarrer in die Erotik-Messe);
  3. einige wenige Exponenten der Kirche die oben erwähnten Grundstrategien perfekt verinnerlicht haben und deshalb überdurchschnittlich oft in den elektronischen Medien präsent sind, obwohl sie kirchenintern umstritten sind (Pater Roland Trauffer, Professor Herbert Haag);
  4. die Sprache der Kirchenvertreter oft schwer verständlich ist, da zu entrückt oder zu stark im Fachjargon.

Um dieses Image zu korrigieren müsste die Kirche

Die Kirche hat Botschaften. Sie sollen kommuniziert und verstanden werden.

 

Walter Bucher ist Inlandkorrespondent von Schweizer Fernsehen DRS.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000