1/2000 | |
INHALT | |
Leitartikel |
Gleichgültig, ob Sie das Jahr 2000 als das letzte des Zweiten Jahrtausends
oder als das erste des Dritten Millenniums betrachten: Die Schweizer Bischöfe
entbieten Ihnen zum Jahreswechsel herzliche Segenswünsche. 2000 ist
ein «Heiliges Jahr». Ausgezeichnet wurden mehrere Jahre des
ausgehenden Jahrhunderts. Die Ältesten unter Ihnen erinnern sich vielleicht
an das Heilige Jahr 1925, an das 1900-Jubiläum der Erlösung 1933.
Dann kam das Heilige Jahr 1950, das Marianische Jahr 1954, das Jahr der
Versöhnung 1975; 1983 erinnerte nach 1950 Jahren an die Erlösertat
Jesu; 1987/88 war wiederum ein Marianisches Jahr. Aber keines dieser Ereignisse
war mit dem allgemeinen Interesse auch der Nichtkatholiken so eng verbunden.
Dem grossen Jubiläum des Jahres 2000 möchte Papst Johannes Paul
II. eine Weite geben, die nicht üblich ist. Es geht ihm zuerst darum,
das konventionell festgelegte zweite Jahrtausend seit der Menschwerdung
Jesu ökumenisch zu feiern. Erfreulicherweise wird auch bei uns trotz
der neu aufgekommenen Auseinandersetzungen über den Ablass vieles ökumenisch
geplant und sicher durchgeführt werden. Es wird beginnen in der Silvesternacht,
wenn an vielen Orten Kirchen offen bleiben, in denen ökumenische Gottesdienste
stattfinden. Mit Jesus Christus, unserem gemeinsamen Erlöser, als durch
die Taufe mit ihm Neugeborene, wollen wir gemeinsam zu ihm aufschauen, mit
ihm ins Jahr 2000 eingehen.
«Christus gestern, heute und immer», dieses von der Osternachtfeier
her vielen bekannte Motto aus dem Hebräerbrief (13,8) gehört zum
Logo des Heiligen Jahres. Möge im Jahr 2000 alles, was in unseren Gemeinden
ökumenisch geschehen kann, auch gemeinsam gestaltet werden. Wir Bischöfe
sind allen dankbar, die diese Sorge um die Einheit im Gebet dem einen Herrn
der Kirche anvertrauen.
Zum ökumenischen Akzent kommt im Apostolischen Schreiben «Tertio
Millennio Adveniente» der interreligiöse hinzu. Ob Johannes Paul
II. auf der Pilgerschaft an allen Orten stillhalten und beten kann, die
für die Heilsgeschichte so wichtig sind (Ur in Chaldäa, das heutige
Tal al Mugayyar im südlichen Irak; der Berg Horeb, den die Bibel sonst
auch Sinai nennt; der Berg Nebo, von dem aus Mose auf das verheissene Land
schauen durfte alle aufgezählt im Brief von Papst Johannes Paul
II. über die Pilgerschaft zu den Stätten, die mit der Heilsgeschichte
verbunden sind, 29. Juni 1999) wissen wir nicht. Wir wünschen ihm,
dass er im Heiligen Land und anlässlich anderer Reisen mit Vertretern
der grossen Religionen den Kontakt weiter pflegen kann, der seit der grossen
Interreligiösen Begegnung im Oktober 1986 in Assisi immer tiefer geworden
ist.
Als am Ende der Sondersitzung für Europa der Bischofssynode am vergangenen
23. Oktober die Bischöfe Rom verliessen, wurde auf dem Petersplatz
alles für eine grosse Begegnung mit den Vertretern der Weltreligionen
vorbereitet. Auch wer den christlichen Glauben nicht teilt, sollte mit uns
überlegen können, wie ein für uns bedeutendes Gedenkjahr
den gemeinsamen Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit, für eine
menschenwürdige, weltweite wirtschaftliche Ordnung, im Miteinander-
und Füreinander-Sein unterstützen kann. Auch bei uns versteht
man immer mehr unter Ökumene all die Beziehungen zu den Vertretern
und Vertreterinnen aller Weltreligionen. Fast überall besuchen moslemische
Kinder die Schulen, in denen wir unterrichten, moslemische Kosovo-Albaner
und orthodoxe Serben wohnen auch in unseren Dörfern. Gerade im verflossenen
Jahr sind wir auf sie aufmerksam geworden, da die Kriegswirren im ehemaligen
Jugoslawien für sie auch in der Schweiz zur Belastung wurden.
Das Heilige Jahr ist ein Jahr der Versöhnung. Möge es auch innerhalb
der katholischen Kirche als solches erlebt werden. Die Bischöfe danken
all jenen, die sich dafür einsetzen, dass Spannungen innerhalb unserer
Kirche abgebaut werden. Wir wollen einander die Schuld nachlassen. Der Wunsch
Ihrer Bischöfe ist der: Möge immer mehr zum Ausdruck kommen, dass
wir miteinander um die Gnade eines tieferen Glaubens beten, bei auseinander
gehenden Urteilen über die kirchenpolitische Lage einander Verständnis
entgegenbringen und den Mitchristen nicht verurteilen.
Diese Gesinnung soll aber auch unseren Beitrag zum gesellschaftlichen, sozialen und politischen Leben prägen. Die Schweizergeschichte durchschreitet eine heikle Periode. Unsere Vergangenheit haben wir Schweizerinnen und Schweizer nicht voll aufgearbeitet. Auch sind wir uns gar nicht darüber einig, wie in nächster Zukunft unser Verhältnis zu Europa gestaltet werden soll. Gewichtige Entscheidungen für das Leben unseres Landes haben wir in den letzten Jahren bei den Volksabstimmungen getroffen, zu Themen wie Arbeitsregelung, Asylrecht, Gesundheitswesen, Drogenpolitik usw. Weitere folgenschwere Entscheidungen stehen bevor. Wir sind Ihnen allen dankbar, dass Sie, ohne die Seelsorge zu verpolitisieren, es auch als einen Teil Ihrer Verantwortung betrachten, in Katechese, Erwachsenenbildung, seelsorglichen Gesprächen usw. den jeweiligen Partnern gegenüber und der Zielsetzung entsprechend diese Fragen nicht ausklammern. Vor allem danken wir all jenen, die sich an der Ökumenischen Konsultation über die soziale und wirtschaftliche Zukunft der Schweiz beteiligt haben. Mitte 2000 soll der Auswertungsbericht vorliegen; Mitte 2001, um Pfingsten oder um den Bettag oder je nach der Ausgestaltung des Schlussaktes sowohl an Pfingsten wie um den Bettag, soll das Wort der Kirchen veröffentlicht und verkündet werden; es soll auch die Arbeit weitergeführt werden, die von den Hilfswerken schon in der Konsultationsphase angelegt wurde, damit unsere Kirchen und alle Gemeinden, die sie bilden, ihre Verantwortung freudig und konkret wahrnehmen.
Der Hinweis auf die soziale Dimension der Seelsorge führt zu einem
wesentlichen Akzent des Jubiläums: dem Schuldenerlass: «Das Land
darf nicht endgültig verkauft werden; denn das Land gehört mir
(spricht Gott), und ihr seid nur Fremde und Halbbürger bei mir. Wenn
dein Bruder verarmt und etwas von seinem Grundbesitz verkauft, soll sein
Verwandter als Löser für ihn eintreten und den verkauften Boden
seines Bruders auslösen» (Lev 25, 2325). Es steht nicht
in unserem Vermögen als Seelsorger und Seelsorgerinnen, die Schuld
der ärmsten Länder zu tilgen. Es gehört aber wohl zur allgemeinen
Pflicht der Christen, sich für die Ärmsten einzusetzen und für
eine gerechtere Weltordnung einzutreten. Der Papst tut es immer wieder.
Durch das Fastenopfer, durch Projekte, die unsere Gemeinden unterstützen,
bekommen wir einen immer besseren Kontakt zu Mitmenschen, denen wir materiell
helfen, die uns aber auch religiös, kulturell und menschlich weiterbringen
können. Die Bischöfe danken Ihnen für alles, was Sie auf
diesem Gebiet unermüdlich leisten, und bitten Sie auch, anlässlich
von Pilgerreisen im Heiligen Jahr den Kontakt zur Ortsbevölkerung zu
pflegen; Pilgerschaft als Deutung des Lebensweges und der Suche nach Gott,
als Beschreiten der Spuren Gottes in der Zeit und im Raum, ist viel mehr
als frommer Tourismus. Gerade das Heilige Jahr kann uns durch echtes Wallfahren
erneuern. Wir danken Ihnen, wenn Sie sich besonders jenen widmen, die nicht
auf die Wallfahrt gehen können oder sich nur relativ für religiöse
Veranstaltungen interessieren, oder daran Ärgernis nehmen, dass die
Kirche den Ablass nicht abschafft.
Unsere Räte werfen immer wieder die Fragen nach dem kirchlichen Amt
auf, und diese Fragen sind um so bedrängender, als wir den Priestermangel
immer mehr spüren. Zu unseren Hoffnungen gehört auch, dass unsere
Sorge um den Priesternachwuchs erkannt und ernst genommen wird und dass
auch die nicht geweihten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Seelsorge
sich dafür einsetzen, dass genügend potentielle Kandidaten sich
zur Verfügung stellen und ausbilden lassen. So sind wir auch den Priestern
dankbar, dass sie in vertrauensvoller Weise mit allen Mitarbeitenden in
der Seelsorge die Verantwortungen aufteilen und zur Erfüllung der globalen
Verantwortung durch ihre Teamfähigkeit ihre authentische apostolische
Berufung bekräftigen. Wir danken Ihnen auch für das Verständnis,
das Sie den Bischöfen entgegenbringen; auch wir bedürfen des Vertrauens,
der Ermunterung und so oft loyaler, konstruktiver Kritik. Die heilige Pforte
ist geöffnet. Auch bei uns läuft das Jubeljahr. Dass es für
Sie und die Ihnen Anvertrauten zum Segen wird, das ist unser herzlicher
Wunsch.
Für die Bischöfe der deutschsprachigen Schweiz: