38/2000 | |
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Der Kommentar |
Die neuste Erklärung «Dominus Iesus» der Glaubenskongregation hat nach ihrer Veröffentlichung heftige Reaktionen ausgelöst innerhalb und ausserhalb der römisch-katholischen Kirche. In unseren Breitengraden waren die Reaktionen von Seiten der säkularen Presse sowie nichtkatholischer Kirchen und Theologen vorwiegend negativ. Von einem Rückschritt oder doch einer schweren Belastung in der Ökumene ist die Rede. Der Verfasser des folgenden Beitrags, selber reformierter Theologe und jahrelang in der Ökumene tätig, teilt diese Meinung nicht. Seine Überlegungen sind ein Versuch, die jüngste vatikanische Erklärung sachlich zu würdigen und ein paar Konsequenzen zu benennen, die sich daraus für das ökumenische Gespräch und für die römisch-katholische Kirche selbst ergeben könnten.
Die am 6. August 2000 vom Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre, Kardinal Joseph Ratzinger, unterzeichnete und auf Anordnung von Papst Johannes Paul II. veröffentlichte «Erklärung ÐDominus Iesusð über die Einzigartigkeit und die Heilsuniversalität Jesu Christi und der Kirche» hat weitherum ein negatives Echo ausgelöst zum Teil innerhalb, vor allem aber ausserhalb der römisch-katholischen Kirche. Von vielen Seiten ist derzeit zu hören, diese Erklärung zeige, wie intolerant die römisch-katholische Kirche sei; das römische Schreiben stelle vieles in Frage, was man in den letzten Jahrzehnten in der Ökumene erarbeitet habe und sei als Rückschritt zu werten, der das ökumenische Klima belaste.
Diese negativen Reaktionen sind aus verschiedenen Gründen nicht ganz überraschend.
Alle diese Gründe lassen nachvollziehbar erscheinen, warum die Erklärung «Dominus Iesus» so negative Reaktionen auslöste. Versucht man aber, die Erklärung möglichst sachlich zu würdigen, verdient sie meines Erachtens ein positiveres Echo.
Die Erklärung bringt keine Veränderung der bisher gültigen
Lehrposition der römisch-katholischen Kirche: weder in Bezug auf ihr
ekklesiales Selbstverständnis, noch im Blick auf die sich daraus ergebenden
Konsequenzen hinsichtlich des Verhältnisses zu anderen Parnern im innerchristlich-ökumenischen
oder im interreligiösen Gespräch. Wer sich nur etwas mit den einschlägigen
römisch-katholischen Texten sagen wir einmal aus den letzten
zehn Jahren beschäftigt hat, wird die neuste Erklärung als
eine gerade wegen ihrer Kürze hilfreiche Zusammenfassung dessen ansehen
können, was die römisch-katholische Kirche in verschiedensten
Dokumenten seit Jahren vertritt (vgl. § 3). Insofern ist die Erklärung
«Dominus Iesus» inhaltlich weder ein Rückschritt noch ein
Fortschritt in der Ökumene. Sie stellt nur dar, was seit langem selbstverständliche
Grundlage jeden ökumenischen Gesprächs mit der römisch-katholischen
Kirche auf offiziell-lehramtlicher Ebene ist.
Dass die Erklärung einen solchen Sturm der Entrüstung ausgelöst
hat und viele Kommentatoren so tun, als habe sich mit dieser Erklärung
irgendetwas an der Grundlage oder an der Ausrichtung des römisch-katholischen
Ökumenismus geändert, kann ich nur dahingehend deuten, dass viele
bisher ziemlich blauäugig Ökumene getrieben und die einschlägigen
lehrmässigen Grundlagentexte offenbar entweder nicht zur Kenntnis genommen
oder aber nicht ernst genommen beziehungsweise allzu schnell wieder vergessen
haben. Mir scheint, der Aufschrei der Entrüstung über die vorliegende
Erklärung gebe der Glaubenskongregation in ihrer Einschätzung
der Situation gerade recht: dass es nämlich nötig sei, elementare
lehrmässige Grundlagen in Erinnerung zu rufen, die manche offensichtlich
gerne übersehen!
Sicher bringt die Welle empörter Reaktionen auch zum Ausdruck, dass
sich viele darüber nicht genügend im Klaren sind, dass im Umgang
mit der römisch-katholischen Kirche zwischen drei verschiedenen
untereinander mitunter inkompatiblen! ökumenischen Dialog-Ebenen
differenziert werden muss: der Ökumene der Basis, der Ökumene
der theologischen Forschung und der offiziellen Ökumene auf der Grundlage
dessen, was lehramtlich gilt. Die Erklärung «Dominus Iesus»
ruft in Erinnerung, was auf dieser dritten Ebene die Position der römischen
Weltkirche ist.
Und hier finde ich zum Beispiel durchaus hilfreich, dass dieses Dokument
(meines Erachtens noch klarer als etwa das Ökumene-Direktorium von
1993) deutlich macht, wie die römisch-katholische Kirche von uns protestantischen
Kirchen denkt: wir werden als kirchliche Gemeinschaft, aber eindeutig nicht
als Kirche betrachtet: «Die kirchlichen Gemeinschaften, die den gültigen
Episkopat und die ursprüngliche und vollständige Wirklichkeit
des eucharistischen Mysteriums nicht bewahrt haben, sind nicht Kirchen im
eigentlichen Sinn» (§ 17). Als reformierter Theologe verstehe
ich mich beziehungsweise meine Kirche selbstverständlich ganz anders.
Aber ich finde es trotzdem hilfreich, dass hier mindestens Klartext geredet
wird; dann weiss ich, woran ich als Dialogpartner mit der römisch-katholischen
Kirche bin.
Selbstverständlich ist die in der Erklärung in Erinnerung gerufene
lehramtliche Position heute in massgebenden Punkten kaum mehr an die römisch-katholische
Basis zu vermitteln. Das steile, sich von allen anderen Kirchen so grundsätzlich
abhebende ekklesiale Selbstverständnis, die einzig wahre, die ganze
Fülle der geistlichen Gaben und Vollmachten in sich tragende Kirche
zu sein, wird nach all meinen Erfahrungen von einem grossen Teil der römisch-katholischen
Laien und Geistlichen in der Schweiz nicht mehr geteilt. Theologieprofessoren,
Katecheten/Katechetinnen, Priester und Gemeindeleiter/Gemeindeleiterinnen,
Erwachsenenbildner/Erwachsenenbildnerinnen und katholische Medienverantwortliche
landauf, landab weigern sich heute, so zu glauben.
Das ist ein echtes Problem aber nicht ein ökumenisches, sondern
ein inner-katholisches! Gerade im Bereich der Ekklesiologie hat längst
eine starke Protestantisierung der römisch-katholischen Kirche stattgefunden.
Als Reformierter werde ich das natürlich begrüssen. Aber im ökumenischen
Gespräch wird es für uns Protestanten wichtig sein, unsere römisch-katholischen
Gesprächspartner darauf zu behaften, sich offen und klar zu positionieren,
damit wir wissen, auf was für einem theologischen Terrain wir miteinander
arbeiten wollen. Ich respektiere Katholiken, die eine ihnen vom Lehramt
zu glauben vorgegebene Position ehrlich teilen und vertreten. Ich freue
mich natürlich auch über alle Katholiken, die sich zum Beispiel
offen und klar von der offiziellen Position ihrer Kirche distanzieren und
uns Reformierte als gleichwertige Kirche betrachten. Ich tue mich aber seit
Jahren schwer mit denjenigen katholischen Theologen, die in Kommissionen
entweder über Positionen reden, die sie im tiefsten Herzen selber gar
nicht teilen, oder sich mit irgendwelchen mich akrobatisch anmutenden interpretatorischen
Klimmzügen diplomatisch davor zu schützen versuchen, offen und
klar zu ihrer mit dem Lehramt nicht übereinstimmenden Meinung stehen
zu müssen.
Sollte die jüngste Erklärung innerkatholisch dazu führen,
dass der Mut derjenigen, die zum Beispiel längst ein anderes als das
offizielle Kirchenverständnis haben, wächst, ihre Meinung auch
in kirchlichen Gremien deutlich zu artikulieren, wäre das eine zwar
völlig unbeabsichtigte, aber meines Erachtens hilfreiche Auswirkung
dieses Lehrdokuments.
Gerade angesichts des steilen und exklusiven kirchlichen Selbstverständnisses
der römisch-katholischen Kirche regt sich heftige Kritik: sich so zu
verstehen sei arrogant und intolerant, für eine Kirche in der heutigen
globalisierten, interkulturellen und interreligiösen Lebenswelt völlig
unangebracht. Dieser Vorwurf scheint mir kurzschlüssig und verfehlt.
Dass das römisch-katholische Lehramt meine reformierte Kirche zum Beispiel
als Nichtkirche bezeichnet, finde ich zwar bedauerlich, aber nicht kränkend.
Dass ein Muslim und ein Jude die traditionelle kirchliche Christologie dezidiert
ablehnen und nicht als wahr akzeptieren können, finde ich normal. Dass
ein Buddhist von seinem Standpunkt aus den Wahrheitsgehalt eines christlich-personalen
Gottesverständnisses bestreiten wird, gestehe ich ihm ohne weiteres
zu. Hier prallen immer unterschiedliche Wahrheits- und Wirklichkeitsverständnisse
aufeinander, die einander weitgehend ausschliessen und miteinander konkurrieren.
Wirklich gläubige Menschen (im Unterschied zu bloss religionswissenschaftlich
interessierten, aber religiös unbeteiligten) können gar nicht
anders miteinander reden, als dass sie die für sie zutiefst verpflichtende,
umfassende religiöse Gesamtperspektive ins Gespräch einbringen.
Dazu gehört notwendigerweise, dass sie den «Heilsstand»
des anderskonfessionellen oder andersreligiösen Partners immer nur
im Rahmen des Koordinatensystems ihres eigenen Glaubens beschreiben können.
Der Partner selbst versteht sich selbstverständlich anders, wie ich
mich als Christ theologisch immer anders verstehen muss, als mich ein Muslim
im Rahmen seines Glaubens und seines Heilsverständnisses sieht. Das
alles hat nichts mit Arroganz oder Intoleranz zu tun, sondern mit einer
unausweichlichen Grundbedingung religiösen Erkennens.
Ich halte es darum für unangebracht, der Erklärung «Dominus
Iesus» Intoleranz vorzuwerfen, weil sie behauptet, alle, die nicht
Glied der römisch-katholischen Kirche sind, vor allem die nichtchristlichen
Gläubigen, seien objektiv in einer defizitären Situation gegenüber
den katholischen Gläubigen (§ 14). Ich teile diese Meinung selbstverständlich
nicht, kann sie aber nachvollziehen und bei einem katholischen Gesprächspartner
akzeptieren, ohne deswegen das Gefühl haben zu müssen, er nehme
mich nicht ernst. Das hindert mich auch keineswegs, wahrzunehmen, dass die
neue Erklärung an zahlreichen Stellen positiv über das Wirken
Gottes in Nichtkirchen (wie z.B. meiner reformierten) beziehungsweise in
nichtchristlichen Religionen sprechen kann. Dass das in Aussagen geschieht,
die völlig inadäquat wären, um zu sagen, wie wir Nichtkatholiken
oder wie Nichtchristen sich selber sehen, ist unumgänglich, verstösst
deswegen aber noch lange nicht gegen den Geist der Toleranz! Ich stimme
der Aussage zu: «Die Parität, die Voraussetzung für den
Dialog ist, bezieht sich auf die gleiche personale Würde der Partner,
nicht auf die Lehrinhalte» (§ 22).
Darum scheint mir ein Toleranzverständnis wie das hinter dieser
Erklärung stehende, das an der sachlich unaufgebbaren Zusammengehörigkeit
von eigener Wahrheitsbindung und Offenheit gegenüber anders Glaubenden,
von Evangelisierungsauftrag und respektvollem interreligiösem Dialog
festhält (§ 2), im Ansatz grundsätzlich richtig und einer
Position gar nicht unähnlich, wie sie etwa im Ökumenischen Rat
diskutiert wird.
Gerade in der Frage, was denn eigentlich unter Toleranz zu verstehen sei,
könnte die jüngste Erklärung aus Rom hilfreiche Anstösse
zu einer ökumenischen Besinnung geben. Denn das bei uns meist unreflektiert
für selbstverständlich genommene postmoderne Toleranzverständnis,
das von einer prinzipiellen Infragestellung aller universalen Wahrheitsansprüche
ausgeht, gewinnt immer mehr Raum, dürfte aber mit dem Grundansatz christlicher
Theologie welcher konfessioneller Prägung auch immer schwer vereinbar
sein. Insofern scheint mir das Anliegen der Erklärung, den problematischen
Folgen einer «relativistischen Mentalität, die sich immer mehr
ausbreitet, Abhilfe zu schaffen» (§ 5), theologisch durchaus
legitim und relevant nicht nur im Blick auf die römisch-katholische
Kirche!
Wahrscheinlich ist es ein besonderes Problem westlicher, durch eine Geschichte
der Emanzipation von kirchlichen Machtansprüchen geprägter Kultur
und in ihrem Gefolge christlicher, vor allem protestantischer Theologie,
Toleranz und Dialogbereitschaft nur auf der Basis einer Relativierung von
Wahrheitsansprüchen sich vorstellen zu können. Dem leistet auch
ein diffuses christliches Schuldgefühl im Blick auf die vielen Opfer
kirchlich-theologisch motivierter Intoleranz durch die Jahrhunderte Vorschub.
Andere Religionen und Kulturen haben nach meiner Wahrnehmung weit weniger
das Bedürfnis, ihre Dialogbereitschaft durch Relativierung ihres eigenen
Wahrheitsanspruchs zu dokumentieren! Interreligiöse Verständigung
in einer globalisierten Welt wird meines Erachtens nur auf der Basis eines
Toleranzverständnisses gelingen, das Wahrheitseifer und Gesprächsbereitschaft
miteinander verbindet. Dass die Erklärung «Dominus Iesus»
das tut, wird man ihr nicht absprechen können.
In den ersten drei Kapiteln spricht die Erklärung ausführlich
über die Heilsuniversalität Jesu Christi. Das Anliegen, das hier
mit starkem biblischem Rückbezug zur Sprache kommt, scheint mir grundsätzlich
wichtig. Das kann man meines Erachtens auch dann unterstreichen, wenn man
der in diesen Kapiteln entfalteten Christologie nicht unbedingt in jedem
Detail zustimmen mag. Dass es im Verständnis der universalen Heilsmittlerschaft
Christi um etwas vom Zentralsten des christlichen Glaubens geht, wird man
nicht bestreiten können. Ebenso wenig, dass gerade bei diesem christologischen
und soteriologischen Kernstück christlicher Glaubenslehre heute eine
durch verschiedene (berechtigte!) Anfragen entstandene, zum Teil massive
Verunsicherung besteht. Dies dürfte für protestantische Kirchen
eher noch mehr zutreffen als für die römisch-katholische.
Wie weit die traditionellen Antworten, die das Schreiben der Glaubenskongregation
in Erinnerung ruft, wirklich hilfreich sind, die Klärung vorantreiben
zu helfen, die heute in diesem Punkt nötig wäre, mag eine offene
Frage bleiben. Aber die Aufforderung, sich in der heutigen Situation keiner
christologischen Schwindsucht hinzugeben, aber ernsthaft über die Bedeutung
nichtchristlicher Erfahrungen und Einsichten im Heilsplan Gottes nachzudenken
beziehungsweise die Beziehung zwischen der universalen Heilsmittlerschaft
Christi und «anderen Mittlertätigkeiten verschiedener Art und
Ordnung» (§ 14) zu untersuchen, scheint mir berechtigt.
Nicht römisch-katholische Christen hätten guten Grund, nicht einfach über eine (mindestens in Hinblick auf den Wortlaut der Erklärung «Dominus Iesus» unbegründete) Belastung des ökumenischen Klimas zu sprechen, sondern die Impulse der Erklärung mindestens in dreifacher Hinsicht positiv aufzunehmen:
Dr. theol. Heinz Rüegger ist Theologischer Leiter der Stiftung Diakoniewerk Neumünster Schweizerische Pflegerinnenschule und Mitglied des Zentralausschusses, also des Leitungsgremiums, des Ökumenischen Rates der Kirchen.
Die Zweite Europäische Ökumenische Versammlung in Graz (1997) verabschiedete unter anderem die Empfehlung, «ein gemeinsames Dokument zu erarbeiten, das grundlegende ökumenische Pflichten und Rechte enthält und daraus eine Reihe von ökumenischen Richtlinien, Regeln und Kriterien ableitet, die den Kirchen, ihren Verantwortlichen und allen Gliedern helfen, zwischen Proselytismus und christlichem Zeugnis sowie zwischen Fundamentalismus und echter Treue zum Glauben zu unterscheiden und schliesslich die Beziehungen zwischen Mehrheits- und Minderheitskirchen in ökumenischem Geist zu gestalten». Ein Entwurf dieses Dokumentes wurde den Kirchen zur Stellungnahme unterbreitet. Auch die Schweizer Bischofskonferenz hat dazu Stellung genommen (www.kath.ch/sbk).