31-32/2000

INHALT

Der Kommentar

"Ein Zerrbild von Heiligkeit

von Adrian Meile

 

Am 3. September 2000 sollen dem Vernehmen nach gleich zwei Päpste selig gesprochen werden: Pius IX. (Giovanni Maria Mastai Ferretti), dessen Pontifikat 32 Jahre umfasste (1846­1878), und Johannes XXIII. (Angelo Roncalli), eine Persönlichkeit der neuesten Geschichte, Papst während nur 5 Jahren (1958­1963).
Das Vorhaben des Heiligen Stuhles ist brisant. Während die beabsichtigte Seligsprechung von «Papa Giovanni» weltweit sehr zustimmend, ja wohlwollend aufgenommen wird, stösst jene Pius' IX. in weiten Kreisen auf Kopfschütteln und Ablehnung. Hart betroffen von der geplanten Seligsprechung des Mastai-Papstes ist zunächst der innerkirchliche Raum, zumal in den Ländern deutscher Zunge, in Italien und in den Ländern der unierten Orientalen. Schmerzliche Betroffenheit wird ebenfalls in ökumenischer Hinsicht festgestellt, vorab bei den orthodoxen, den altkatholischen, aber auch den aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen. Weltweit ist das Judentum vor den Kopf gestossen.
In wissenschaftlicher Hinsicht hat sich soeben gegen die Seligsprechung Pius' IX. die Arbeitsgemeinschaft katholischer Kirchenhistoriker im deutschen Sprachraum eingeschaltet. In Innsbruck hat sie am 13. Juni 2000 einstimmig eine Stellungnahme verabschiedet, auf die ich mich im Folgenden weitgehend berufe.1 Die erheblichen grundsätzlichen Bedenken der Wissenschaftler stützen sich auf die neuesten kirchenhistorischen Forschungen zum langen Pontifikat Pius' IX., vor allem auf das monumentale dreibändige Werk von Giacomo Martina SJ «Pio IX» (Università Gregoriana, Roma, 1974 ­ 1986 ­ 1990). Die Kirchenhistoriker sind der Meinung, dass die bedeutenden Forschungsergebnisse Martinas beim vorausgegangenen römischen Seligsprechungsverfahren kurzerhand ignoriert worden sind.

Warum Selig- und Heiligsprechung?

Was ist das Ziel einer Seligsprechung, die bekanntlich die kirchenrechtliche Vorstufe zur Heiligsprechung einer verstorbenen Person darstellt? Doch wohl das Bemühen der katholischen Kirche, den Gläubigen von heute gegenüber ein Zeichen zu setzen; ein Signal zu senden; uns zu zeigen, wie sich in einem vorbildlichen Menschenleben echte Christusnachfolge unter dem Wehen des Heiligen Geistes verwirklichen lässt; Glaube, Hoffnung und Liebe in uns zu vertiefen. An Beispielen fehlt es nicht. Theresia von Lisieux ist uns Vorbild und Ansporn, den «kleinen Weg» zu gehen. Johannes XXIII. hinwiederum ist uns weg- und richtungsweisend in seiner religiösen Schlichtheit, in seinem kindlichen Vertrauen in Gottes täglichen Beistand: ausgerechnet er, der durchaus konservative, traditionsgebundene Christ, öffnete der Kirche durch die Einberufung eines Konzils völlig neue Wege! Walbert Bühlmann OFMCap hat uns in einem 1996 erschienenen Taschenbuch ein köstlich-erfrischendes Bild von Johannes XXIII. gezeichnet. Angelo Roncalli verstand es, ebenso für seine Gaben zu danken wie seine Grenzen lächelnd zu ertragen.

Schwere, kirchenhistorisch abgestützte Bedenken gegen eine Seligsprechung Pius' IX.

Welche Zeichen, welche Signale würden nun im Falle der Seligsprechung Pius' IX. gesandt? Die Historiker sehen keine positiven Zeichen, es sei denn die auch von Martina eingeräumte persönliche Frömmigkeit und Lauterkeit des Papstes, seine persönliche Liebenswürdigkeit. Aber ein Vorbild kann Mastai im übrigen nicht genannt werden, weder auf der innerkirchlichen noch auf der ökumenischen Ebene. Auch in politischer Hinsicht weckt Pius IX. keine guten Erinnerungen.
Vom menschlich-geistlichen Standpunkt aus gibt es zunächst beim Papst «emotionale Ausbrüche und Entgleisungen», die jedoch laut den Historikern nur sekundär ins Gewicht fallen. Eine Seligsprechung ist jedoch deshalb unvertretbar, weil Mastai, «insbesondere nach der Revolution von 1848 und dem Scheitern des liberalen Experimentes im Kirchenstaat», auf eine nüchterne Zeitanalyse und geduldige Differenzierung völlig verzichtete und sich, so die Erklärung, einer «oft groben Schwarz-Weiss-Malerei» hingab. Überall sah er nur Gott oder den Teufel, Christus oder Belial am Werke. Oft hat man dies mit der damaligen Verteidigungssituation der Kirche zu entschuldigen versucht. Aber eine ganze Reihe von Kardinälen und Bischöfen hatten zu jener Zeit einen weiteren Blick. Die Historiker sehen im Papst einen Mangel an Klugheit, der nach ihrer Ansicht «für das Papstamt so gravierend ist, dass er einer Seligsprechung im Wege steht und ein Zerrbild von Heiligkeit fördert, das menschlich unglaubwürdig ist».
Ganz allgemein sieht die Erklärung der Historiker in der nahenden Seligsprechung Pius' IX. eine Desavouierung all der Erklärungen und Bekenntnisse, die das Zweite Vatikanische Konzil und Papst Johannes Paul II. zu den Menschenrechten, insbesondere zur Gewissens- und Religionsfreiheit, zur Ökumene und zum Verhältnis Kirche­Juden gegeben haben.
Schwer ins Gewicht fällt sodann der berüchtigte «Syllabus» von 1864. Darin bekämpft Pius IX., so die Erklärung, nicht etwa nur den kirchenfeindlichen Liberalismus. Die Forschungen Martinas belegen vielmehr, dass Mastai vor allem den «katholischen Liberalismus» treffen wollte. Diese Bewegung redete bekanntlich nicht einer bequemen Anpassung der Kirche an den Zeitgeist das Wort. Nein, es ging den Vertretern des katholischen Liberalismus darum, die Kirche glaubwürdig zu machen in einer Welt, die intensiv um den Wert der Freiheit kreiste. Sie konnten es nicht verstehen, dass zum Beispiel der französische Laie Montalembert in der Enzyklika «Quanta cura» deshalb verurteilt wurde, weil er sich zur Religionsfreiheit bekannt hatte. So wirkt die Seligsprechung Pius' IX. nach den Historikern als eine nachträgliche Bestätigung des Syllabus und entkräftet das Bekenntnis der Kirche zu Werten wie Gewissens- und Religionsfreiheit.
Bedenklich stimmt sodann die Tatsache, dass Pius IX. eine abrupte Kehrtwendung ­ buchstäblich um 180 Grad ­ in seiner Einstellung zum Risorgimento, zur nationalen Einigung Italiens vollzog. Die Seligsprechung könnte laut der Erklärung wieder Wunden in der italienischen Gesellschaft aufreissen, die nach den Lateranverträgen von 1929 geheilt schienen.
Es gibt leider untrügliche Zeichen einer antijüdischen Haltung Mastais. Erinnert sei nur an die Wiedererrichtung des römischen Ghettos (1850) und an den peinlichen Fall Mortara: 1858 wurde im Kirchenstaat ein jüdisches Kind, das sich in Todesgefahr befand, ohne Wissen seiner Eltern getauft und den Eltern sogar weggenommen. Das Zweite Vatikanum und Papst Johannes Paul II. haben in der jüdischen Frage bekanntlich eine ganz andere, eine sehr positive Haltung eingenommen. Die zustande gekommene Versöhnung mit den Juden ist durch die geplante Seligsprechung Pius' IX. in Frage gestellt.

Gleichzeitige Seligsprechung der beiden Konzilspäpste Pius IX. und Johannes XXIII.

Die geplante gleichzeitige Seligsprechung Pius' IX. und Johannes' XXIII. soll wohl in der Meinung des Heiligen Stuhles ein Bekenntnis zur theologischen Zusammengehörigkeit der beiden Konzilien sein. Gewiss besteht eine Beziehung zwischen ihnen: dem Ersten Vatikanum auf der einen Seite, dieser in mancher Hinsicht missglückten «Incompiuta», die wegen der sich überstürzenden politischen und militärischen Ereignisse des Risorgimento nie zu Ende geführt werden konnte, und dem Zweiten Vatikanum auf der anderen Seite, das vor erst 35 Jahren (1965) seine weit geöffneten Portale geschlossen hat. Sie gehören schon deshalb zusammen, weil das Zweite Konzil das Erste mit der Definierung der bischöflichen Kollegialität theologisch und pastoral ergänzt und zugleich dem damaligen extrem hierarchisch-pyramidalen Kirchenbild jenes der «communio» zwischen den endlich aufgewerteten Ortskirchen sowie jenes des pilgernden Gottesvolkes gegenüber gestellt hat.
Aber passen auch die beiden Päpste zusammen, welche das eine und das andere Konzil einberufen hatten? Sind einerseits Pius IX. und anderseits Johannes XXIII. überhaupt unter einen Hut zu bringen? Die Erklärung der Kirchenhistoriker verneint dies. Denn während Papa Giovanni ­ übrigens wie sein unmittelbarer Nachfolger, der wahrheitssuchende Montini-Papst Paul VI. ­ ein ausserordentlich feines Gespür für die Seelenverfassung und die Argumentation auch der konservativen Konzilsminderheit besass, trifft dies leider auf Pius IX. nicht zu. Das Statement der Historiker stellt dazu fest: «...Pius IX. liess in seinem rigiden Einsatz für die Unfehlbarkeitsdefinition jedes Verständnis für die Minorität vermissen. Hinter den durchaus gewichtigen theologischen und pastoralen Bedenken der Minoritätsbischöfe und nicht zuletzt der Orientalen sah er nur schwächliche Rücksicht auf Zeitgeist, öffentliche Meinung und Fürstengunst. Dies und sein ­ jetzt erwiesener ­ Ausspruch ÐLa tradizione sono ioð gehören zu den beschämendsten Seiten seines Pontifikates. Zweifellos wird seine Seligsprechung deshalb, nicht zuletzt in der Ostkirche und selbst bei den Unierten, als anti-ökumenisches Zeichen wirken.»
Die Erklärung der Wissenschaftler vertritt ebenso die Ansicht, dass die Seligsprechung Mastais die Gegner des Zweiten Vatikanums, die sich dann mit gewissem Recht als legitime Erben Pius' IX. ansehen können, ermutigen wird.
Meine penible Schlussfolgerung: die im Zuge der Feier um Johannes XXIII. gleichzeitig vorgesehene Ehrung des unbeliebten Pius IX. ist nicht nur ein Spielchen, das des Heiligen Stuhles unwürdig ist, sondern schadet auch dem anerkennenswerten Wirken unseres amtierenden Papstes Johannes Paul II. Die Seligsprechung Pius' IX. ist zudem eine schwere, unnötige Provokation des Judentums.

Pius IX. und die Uniaten

Darf ich zum Schluss auf ein Thema zurückkommen, das die Historiker der gebotenen Kürze halber nur andeuten konnten: die Beziehung Mastais zu den mit Rom unierten Ostkirchen. Erschütternde Details finden wir im dritten Band Martinas (S. 53­110).
Es geht um die unierten Kirchen der Armenier, der Chaldäer, der Melkiten, der Maroniten und andere mehr. Martina befasst sich jedoch zur Hauptsache mit den Armeniern und den Chaldäern, die besonders unter Pius IX. zu leiden hatten. Von seiner einseitigen Ekklesiologie völlig beherrscht, latinisierte der Papst die beiden wirtschaftlich schwachen unierten Kirchen mit Gewalt und brach mit der tausendjährigen Tradition ihrer autonomen Patriarchate und ihrer Kirchendisziplin, die eine gewisse Mitverantwortung der Laien vorgesehen hatte. Eine Begrenzung der patriarchalen Autonomie, eine Reduktion in der Mitverantwortung der Laien und eine grössere Abhängigkeit von der römischen Kurie wurde den gedemütigten Orientalen aufgezwungen. Die Folge dieser Massnahmen war nicht etwa eine Stärkung, wie sie sich der Papst erhofft hatte, sondern eine Schwächung der unierten Armenier und Chaldäer. Gerne hätte Mastai seine Kirchentheologie auch den anderen Uniaten auferlegt; es sollte ihm Gottlob nicht gelingen. In den verschiedenen Auseinandersetzungen mit den obgenannten Kirchen jedoch gebrauchten Pius IX. und seine Kurie bisweilen einen abstossenden, taktlosen Ton, mit häufigen Exkommunikationsdrohungen, wie sie der Papst auch gegenüber Italien praktizierte. Übrigens hätten sich seine latinisierenden Tendenzen, nach Ansicht Martinas, auch im Konzil selbst ausgewirkt, wäre es dort nicht aus den bekannten Gründen zu einem jähen Abbruch gekommen. Von einem Respekt alter lokaler Traditionen ist jedenfalls bei Pius IX. keine Spur zu sehen. Der Autor schliesst sein Kapitel über die Beziehungen des Papstes zu den unierten Orientalen mit den Worten ab: «Die Bilanz ist komplex, ... sie ist in ihrer Gesamtheit mit negativen Aspekten schwer beladen.» Daher wird die Seligsprechung Mastais gerade die Uniaten in eine noch peinlichere Lage gegenüber ihren orthodoxen Schwesterkirchen bringen. Was werden zum Beispiel die unierten Armenier, die ich seinerzeit in meiner Tätigkeit im Iran näher kennen lernte (es handelt sich um ein winziges Häuflein, das jedoch einen eigenen Bischof hat), was wird also dieses Häuflein seinen viel zahlreicheren Stammesgenossen der von Rom getrennten Apostolischen Armenischen Kirche nach der Seligsprechung Pius' IX. zu sagen haben?
Die am 3. September geplante ausserordentliche Ehrung des Mastai-Papstes wird also, wie die Historiker abschliessend festhalten, nicht Ausgleich und Integration erreichen, sondern «die Spaltung innerkirchlich wie ökumenisch verfestigen». Wird nicht, füge ich bei, die eine oder andere «Delle Cinque Piaghe della Santa Chiesa» (der fünf Wunden der Heiligen Kirche), wie sie der grosse Zeitgenosse von Pius IX., der Philosoph Antonio Rosmini beschworen hatte, erneut zu bluten beginnen? Innerlich verzagen wollen wir deshalb nicht, sondern gerade in diesen schwierigen Zeiten inständig um die Kraft und den Beistand des Heiligen Geistes bitten, besonders in diesem Jahr 2000.

 

Adrian Meile, Dr. iur. et iur. can., Priester des Bistums Basel, war während Jahrzehnten im Innen- und Aussendienst des Päpstlichen Staatssekretariates tätig.


Anmerkung

1 Kathpress, Wien, und Kipa, Freiburg/Schweiz, 20. 6. 2000.


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