51-52/2000

INHALT

Die Glosse

Kyrie oder Kirie?

von Hanspeter Betschart

 

Die altgriechischen Buchstaben bzw. Buchstabenkombinationen ei [ei], h [æ], hi und h [æ], i [i], oi [oi], u [y] werden gegen Ende des zehnten Jahrhunderts alle als i [i] ausgesprochen. Nach der Aussprache des Buchstabens '´hta [æta] nennt man dieses Phänomen Itazismus und versteht darunter auch die gesamte byzantinisch-neugriechische Aussprache des Attischen.
Byzantinische Gelehrte brachten die itazistische Aussprache im 15. Jahrhundert nach Westeuropa. Sie wurde von den meisten Humanisten, so Johannes Reuchlin und Philipp Melanchthon, gefördert und in katholischen wie in reformierten Kreisen verwendet.
Schon Ende des 15. Jahrhunderts traten ihr aber Aldus Manutius d.Ä. und vor allem Erasmus von Rotterdam entgegen. Dieser verwendete die etazistische Aussprache. Die «erasmianische» Aussprache wurde im Calvinismus verbreitet und setzte sich seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts auch im Unterricht des deutschsprachigen Raumes sowie in der internationalen Gelehrtenwelt weitgehend durch.1
Die Aussprache von ku´rie (Herr!) lautet demnach klassisch und gelehrt [Kyrie!]. Der nachfolgende Bittruf der 2. Person Singular, Imperativ, Aorist, Aktiv 'el´ehson [eléæson!] (erbarme dich!) wird in der ost- wie in der westkirchlichen Liturgie itazistisch [eléison!] ausgesprochen. Konsequenterweise müsste somit auch für die Anrede die byzantinisch-neugriechische Aussprache [Kirie!] verwendet werden.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000