47/2000

INHALT

Das Interview

Die Universität Freiburg braucht beste Qualität

Claude Ducarroz sprach mit Bischof Jean-Louis Bruguès

 

Jean-Louis Bruguès war Professor für Moraltheologie an der Universität Freiburg, als ihn der Papst im vergangenen Frühjahr zum Bischof von Angers ernannte. Das Interview mit ihm ist die Begegnung mit einem Dominikaner, der über seine drei an den Ufern der Saane verbrachten Jahre glücklich ist. Msgr. Bruguès, wie er jetzt heisst, empfängt Claude Ducarroz in seinem Büro an der Universität, wo er soeben seine letzten Studenten geprüft hat. Man sieht ihm an, dass er gerne wieder seinen weissen Dominikanerhabit trägt, doch hat er seinen bischöflichen Ring und sein Brustkreuz nicht vergessen.

 

Herr Bischof, Sie haben die Universität Freiburg gerühmt, bevor Sie nach Angers gingen. Weshalb?

Weil sie unzweifelhaft zu den grossen Zentren des europäischen Humanismus gehört. Ich habe hier viele angetroffen, denen es ein Anliegen ist, den Menschen zu verstehen und zu seiner Entfaltung beizutragen. In Freiburg zu unterrichten war für mich ein Vergnügen und meinen Studenten zu begegnen ein Fest. Übrigens sind viele von ihnen zu Freunden geworden, denn wir waren ja da, um einander gegenseitig zu bereichern. Ausserdem sind hier die materiellen Bedingungen für Unterricht und Forschung im Vergleich mit andern Universitäten, zum Beispiel in Frankreich, ausgezeichnet.

Es gibt auch in Angers eine katholische Universität.

Ja, es ist die katholische Universität des Westens, die genau vor 125 Jahren gegründet worden ist. Sie zählt über 10000 Studierende. Ausser der Theologischen Fakultät besteht sie namentlich aus 12 hoch spezialisierten Instituten. Die Lehre ist von hohem Niveau, die Studierenden werden individuell begleitet, und wir bemühen uns, ihnen am Ende ihrer Studien den Weg ins Berufsleben zu bahnen. Das ist ein Plus. Übrigens schreiben sich viele ausländische Studenten für Theologie und für höhere Studien in französischer Sprache ein.

Und Ihr Bistum?

Das Bistum, das mir anvertraut ist, zählt 738000 Bewohner. Wir haben 460 Priester, wovon 260 noch im Dienst stehen, aber von diesen wurden nur 25 vor weniger als 10 Jahren geweiht. Nach der Neustrukturierung, die mein Vorgänger durchführte, bleiben im Bistum noch 85 Pfarreien, und auch da haben wir schon Mühe, einen Pfarrer für jede Pfarrei zu finden. Als ich ankam, sagte ich, ohne Priester könne die Kirche nicht leben. Deshalb muss das Bistum alles tun, um Berufe zu wecken. Priester und Laien müssen sich dafür einsetzen. Wir können zu hoffen beginnen. Wir haben gegenwärtig 11 Priesteramtskandidaten und haben ein besonderes Jahr für die Kandidaten zur Priesterweihe eingeführt, das vor dem Studium kommt und das seine Früchte trägt. Ausserdem gibt es in meinem Bistum 12 Mutterhäuser von Ordensgemeinschaften. Wenn auch die Ordensberufungen bei uns versiegen, so blühen sie in den Ländern der Dritten Welt auf.

Wie wurden Sie in Angers empfangen?

Es war bestimmt nicht einfach, einen Ordensmann und Dominikaner als Bischof anzunehmen, der Professor war und in der Schweiz wohnte. Ich muss überzeugen, indem ich mich bekannt mache. So habe ich sofort die Priorität dem systematischen Besuch des Bistums gegeben. Ich entdecke das vielfältige kirchliche Leben, grosszügige Christen und Erfahrungen voller evangelischer Vitalität. Es gibt viel Hoffnung, auch wenn die Säkularisierung hier wie anderswo voll im Gange ist, in einer Gegend, die lange Zeit ein christliches Milieu war. Trotzdem wurde ich nicht nur mit der grossen Freundlichkeit empfangen, die für das Temperament der Bewohner des Anjou charakteristisch ist, sondern sogar mit Begeisterung.

Sie waren Mitglied des «Comité consultatif national d'éthique» (CCNE), das in Frankreich für alle Fragen wie Bioethik, Euthanasie usw. konsultiert wird. Ist das nicht eine heikle Aufgabe in unseren Zeiten?

Ich habe ein Jahr lang diesem Gremium angehört. Ich muss sagen, ich war glücklich über dieses Mandat. Es herrschte ein Klima der Freiheit, und man hörte die verschiedenen Meinungen mit grossem gegenseitigem Respekt an. Ich habe aus dem Austausch viel gelernt. Die Gutachten dieses Gremiums bewegen sich im Bereich einer Konsensethik. Sie suchen nicht das ethisch Gute und Böse an und für sich festzustellen, sondern das, was für die Gesellschaft als annehmbar beurteilt wird. Sie haben somit etwas Relatives und Provisorisches. Sie sind dazu da, die Öffentlichkeit und die staatlichen Instanzen zu orientieren. Sie liefern Stoff für weitere Debatten; man hat dies bei der kürzlichen Stellungnahme betreffend «die Ausnahme für Euthanasie» gesehen. Msgr. Billé, Präsident der französischen Bischofskonferenz, hat daran erinnert, dass Euthanasie nicht nur der christlichen Moral widerspricht, sondern dass eine solche Ausnahme eine für die Gesamtgesellschaft unheilvolle Bresche öffnen könnte, «ein unmöglicher Kompromiss», sagte er.

Welches ist in der Bioethik die Frage, die Ihnen heute entscheidend scheint?

Gestern waren es die Befruchtungen «in vitro», heute sind es die Klonierung oder die Embryo-Stammzellkulturen, die zeigen, dass die zentrale Frage diejenige des Statuts des menschlichen Embryos bleibt. Ich habe mich vor allem dafür interessiert, als ich im CCNE war. Von seinem allerersten Anfang bis zu seinem letzten Atemzug hat das menschliche Wesen seine ganze Würde. Diese Würde braucht von der Gesellschaft weder anerkannt noch erklärt zu werden. Sie ist ursprünglich, sie hat ihre für alle sichtbare Evidenz. Die Gefahr, dass die Gesellschaft sich anmasst, das menschliche Wesen in seiner Verletzlichkeit der ersten Tage für ihre eigenen Bedürfnisse zu gebrauchen, ist enorm. Wenn ich meinen Auftrag definieren müsste, so würde ich sagen: ich will der Anwalt der Transzendenz, der Anwalt der Menschenwürde, der Anwalt des Lebens sein.


Verwendung der Kollekte 1999

Total: 678 400.­


Die Kollekte 2000

Sie unterstützt unter anderem die Fortführung der interdisziplinären Zentren


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