13/2000 | |
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Im Gespräch |
Nicht nur der «subjektive» Beitrag eines schwulen Seelsorgers, sondern bereits der «objektive» Beitrag über männliche Homosexualität hat zu widersprüchlichen Reaktionen geführt. Um das Gespräch sachlich weiterzuführen, veröffentlichen wir nachstehend einen Einspruch gegen den Beitrag von Markus Thürig (44/1999) sowie seine Antwort.
Ganz im Gegensatz zu Chr. M. R. (Wortmeldung in SKZ 48/1999) halte ich
den Artikel von Dr. Markus Thürig für wenig differenziert. Es
gelingt dem Autor nämlich nicht, Homosexualität zu entpathologisieren.
Selbst dem von ihm beschriebenen «Kernhomosexuellen» wird eine
narzisstische Problematik attestiert (heisst es doch: man finde bei ihm
ein ausgeprägt ich-bezogenes Verhalten, weil dieser im Partner sich
selber suche). Damit stellt sich der Autor in die lange Tradition der Narzissmustheorien
zur Entstehung von Homosexualität, die bis auf den heutigen Tag nicht
einmal von den Autoren selbst verifiziert werden konnten. Narzissmus ist
ja primär kein krankhaftes Phänomen, sondern eine jedem gesunden
Individuum zugehörige Liebe zu sich selbst. Homosexualität wird
in diesen Theorien aber in Beziehung gesetzt zu einem krankhaften Narzissmus,
das heisst einem übermässigen Ausgerichtetsein auf das Selbst.
Neuere Studien wie die von J. Dzuka et al.<1>
kommen zu dem Ergebnis, dass es keinen Unterschied im Selbstwertgefühl
zwischen homosexuell und heterosexuell empfindenden Männern gibt.
Völlig unverständlich ist mir, wie Markus Thürig eine mögliche
Verbindung zwischen Homosexualität und Persönlichkeitsstörungen
(wie Dissozialität) konstruiert. Solchen schweren psychischen Erkrankungen
liegt eine äusserst komplexe Entstehungsgeschichte zu Grunde. Ein linearer
Zusammenhang zwischen Homosexualität und Persönlichkeitsstörungen
ist schon allein dadurch auszuschliessen.
Zwar weisen neueste Studien, wie die von R. Herrell et al. und D. Fergusson
et al.<2> bei homosexuell empfindenden
Menschen auf ein erhöhtes Risiko für emotionale Probleme (einschliesslich
Suizidalität, Major Depression und Angststörungen) hin, doch schliessen
die Autoren einen direkten Bezug zur Homosexualität aus. Vielmehr ist
ein Zusammenhang mit vermehrten Diskriminierungserfahrungen oder einem grundsätzlich
höheren Risiko für kritische Lebensereignisse (vor allem auch
im Hinblick auf den schwierigen Prozess der Identitätsfindung in einer
weitaus heterosexuell geprägten Umwelt und die AIDS-Problematik) zu
vermuten. Eine Studie von D. Carlat et al.<3>
konnte zeigen, dass unter Männern mit Essstörungen homosexuell
empfindende Männer überrepräsentiert sind. Aber auch hier
wäre es verfehlt, einen direkten Bezug herzustellen. Vielmehr liegt
die Vermutung nahe, dass (ähnlich dem Schlankheitsideal als einer Ursache
für Essstörungen bei Frauen) auch unter vielen homosexuell empfindenden
Männern Schlanksein und körperliche Attraktivität einen (allzu)
hohen Stellenwert einnehmen.
Ein weiteres immer wieder kontrovers diskutiertes Thema ist die Erziehung
von Kindern durch homosexuell empfindende Erzieher oder Eltern. In einer
Metaanalyse (ein Vergleich aller bisher erschienenen Studien zu diesem Thema)
kommen M. Allen et al.<4> zu dem Ergebnis,
dass sich homosexuell empfindende Eltern hinsichtlich des Erziehungsstils
und der emotionalen Einstellung nicht von heterosexuell empfindenden Eltern
unterscheiden. Auch unterscheiden sich deren Kinder nicht voneinander, was
ihre sexuelle Orientierung und ihre emotionale Zufriedenheit angeht.
Diese Beispiele zeigen, dass es nicht gerechtfertigt ist, Homosexualität
an sich als Störung oder Symptom einer Störung anzusehen. Eine
derartige Simplifizierung wird der Komplexität psychischen Erlebens
nicht gerecht. Auch sollte man einseitige Begriffe wie «Entwicklungs-/Pseudohomosexualität»
nicht mehr verwenden, die ja eher diskriminierend als aufhellend sind und
auch keine klinische Relevanz haben. Heute spricht man diesbezüglich
neutral von sexueller Reifungskrise (ICD-10 F 66.0) oder ichdystoner Sexualorientierung
(F 66.1), was natürlich auch die Möglichkeit einer gar nicht so
seltenen «Pseudoheterosexualität» mit einschliesst.
Das ICD-10 Kapitel V (F) der WHO (der weltweit am häufigsten verwendete
Diagnoseschlüssel) weist ausdrücklich daraufhin, dass «die
sexuelle Orientierung an sich (in ihren Variationen: Hetero-, Homo- und
Bisexualität) nicht als Störung angesehen wird». Es hat
damit psychiatrischerseits ähnlich wie das DSM-IV (der zweitwichtigste
Diagnoseschlüssel) die Grundlage geschaffen für eine vorbehaltlose
Akzeptanz homosexuell empfindender Menschen. Bleibt abzuwarten, wie lange
es dauert, bis sich diese Erkenntnis in weiten Bereichen der Gesellschaft
wie auch in der Kirche durchsetzt.
Solange Menschen psychiatrische Hilfe in Anspruch nehmen, weil sie befürchten
(müssen), homosexuell zu sein, und solange Menschen ihre Meinung zu
diesem Thema aus berechtigter Angst vor Repressalien nur anonym mitteilen
können, ist dieses Ziel noch nicht erreicht.
Volker Exner ist Diplomtheologe und Klinischer Psychologe (lic. phil.).
Auf Wunsch der Redaktion füge ich zur Kritik Volker Exners einige Überlegungen meinerseits an:
1 Ceska Slov Psychiatr/Vol 92, May 1996.
2 Beide erschienen in: Arch Gen Psychiatry/Vol 56, Oct 1999.
3 Am J Psychiatry/Vol 148, Jul 1991.
4 J Homosex/Vol 32, 1996.