 |
18/2000
|
|
|
Veränderungen ermöglichen statt Diskussionen blockieren
Am 12. Januar 2000 wurde eine «Erklärung der Schweizer Bischofskonferenz
zu den Thesen von Prof. Herbert Haag» abgegeben (abgedruckt in SKZ
3/2000). Als Theologen/Theologinnen, Seelsorger/Seelsorgerinnen und kirchliche
Mitarbeiter/Mitarbeiterinnen nehmen wir zu diesem Vorgang Stellung.
- Herbert Haags Äusserungen werden äusserst negativ qualifiziert.
Er habe Vertrauen «leichtfertig verspielt», er «desinformiert»
und «indoktriniert» das Volk Gottes und schlägt «verhängnisvolle
Irrwege» vor. Solche Vorwürfe wiegen schwer, zumal sie sich
gegen einen Theologen richten, der ganz im Geist des von den Bischöfen
für ihre Positionen in Anspruch genommenen Konzils viel für
die theologische und insbesondere biblische Bildungsarbeit getan hat. Wir
können uns des Eindrucks nicht erwehren, dass hier eine Person verurteilt
wird, ohne dass ihre Verdienste und die tiefe Besorgnis, die hinter ihren
Stellungnahmen steht, gewürdigt und ernst genommen würden.
- Herbert Haag hat sein Thesen in einem Buch sowie in mehreren Artikeln
usw. vorgestellt und begründet. Theologen/Theologinnen, die wie er
der Meinung sind, in der «Ämterfrage» bestehe innerhalb
der katholischen Kirche nach wie vor Diskussions- und vor allem Handlungsbedarf,
beurteilen seine Auffassungen differenziert. Und das «Volk Gottes»
bzw. viele mündige Christinnen und Christen sind durchaus in der Lage,
sich selbst eine Meinung zu bilden. Statt die Diskussion mit einer lehramtlichen
Stellungnahme zu blockieren, hätten die Bischöfe besser daran
getan, diese zu ermöglichen und zu beleben. Theologische und pastorale
Wahrheiten werden im Dialog und auch im streitbaren Austausch von Argumenten
gewonnen und können gerade in der komplexen Thematik von Amt
und Gemeindeleitung nicht einseitig dekretiert werden.
- Die «tiefe Betroffenheit» vom «grossen Priestermangel»
und die Aussage, «wir Bischöfe ... nehmen unsere Verantwortung
wahr, Auswege aus dieser pastoralen Notsituation zu finden», muss
dringend zu zukunftsweisenden Veränderungen führen, um glaubwürdig
zu sein. Auch im «Konsens mit der Universalkirche», der sich
nicht auf den Konsens mit vatikanischen Verlautbarungen reduzieren lässt,
und erst recht, wenn im Geist des Konzils die «Treue zum Evangelium»
mit der Achtsamkeit für die «Zeichen der Zeit» verknüpft
wird (GS 4), ist viel mehr möglich, als die Schweizer Bischofskonferenz
zulässt. Der Reformstau im Bereich der Ämter- und Leitungsfragen
darf nicht länger «betroffen» hingenommen werden!
- In unserer Arbeit begegnen wir vielen Menschen, die von einer grossen,
wenn auch oft enttäuschten und verletzten Liebe zur Kirche beseelt
sind. Sie kommt zum Ausdruck
- in den Anliegen und Nöten der Gemeinden und ihrem Hunger nach
dem «Brot des Lebens»,
- im Engagement von Frauen und Männern, die sich zum Dienst an den
Tischen des Wortes und des Brotes zur Verfügung stellen,
- in der Bereitschaft von Theologen/Theologinnen und Seelsorgern/Seelsorgerinnen,
zukunftsweisende Lösungen für die «pastorale Notsituation»
zu entwickeln.
Wir ermutigen die Bischöfe, von Verurteilungen wie jener von Herbert
Haag abzusehen und stattdessen kraft ihres Amtes dazu beizutragen, dass
diese Liebe und Treue nicht «leichtfertig verspielt» werden.<1>
Anmerkung
1 Diese Erklärung zu Handen der Schweizerischen Bischofskonferenz
wurde von über 90 Personen aus verschiedenen kirchlichen Arbeitsfeldern,
besonders aus den Bereichen Bibelwissenschaft und Pastoral, unterzeichnet.
© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000