12/2000 | |
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Am 1. Fastensonntag hat Papst Johannes Paul II. im Rahmen einer besonderen Liturgie schuldhaftes Verhalten von Christen und Kirche im Laufe der Kirchengeschichte öffentlich bekannt und die im Folgenden dokumentierte Vergebungsbitte gesprochen. Die Internationale Theologische Kommission hat diesen Akt der Vergebungsbitte mit einer Studie vorbereitet und in seinem tieferen Sinn erläutert. Erschienen ist diese Studie herausgegeben, übertragen und eingeleitet von Gerhard Ludwig Müller im Johannes Verlag Einsiedeln unter dem Titel «Erinnern und Versöhnen. Die Kirche und die Verfehlungen in ihrer Geschichte».
Der Heilige Vater:
Liebe Brüder und Schwestern, lasst uns vertrauensvoll zu Gott unserem
Vater rufen, der barmherzig und langmütig ist, reich an Erbarmen, Liebe
und Treue. Er möge die Reue seines Volkes annehmen, das in Demut seine
Schuld bekennt, und ihm seine Barmherzigkeit schenken.
Ein Vertreter der Römischen Kurie (Kardinal-Dekan Bernardin Gantin):
Lass unser Bekenntnis und unsere Reue vom Heiligen Geist beseelt sein. Unser
Schmerz sei ehrlich und tief. Und wenn wir in Demut die Schuld der Vergangenheit
betrachten und unser Gedächtnis ehrlich reinigen, dann führe uns
auf den Weg echter Umkehr.
Der Heilige Vater:
Herr unser Gott, du heiligst deine Kirche auf ihrem Weg durch die Zeit immerfort
im Blut deines Sohnes. Zu allen Zeiten weisst du in ihrem Schoss um Glieder,
die durch ihre Heiligkeit strahlen, aber auch um andere, die dir ungehorsam
sind und dem Glaubensbekenntnis und dem heiligen Evangelium widersprechen.
Du bleibst treu, auch wenn wir untreu werden. Vergib uns unsere Schuld und
lass uns unter den Menschen wahrhaftige Zeugen für dich sein. Darum
bitten wir durch Christus unseren Herrn.
(Vor dem Kruzifix wird ein Licht entzündet.)
Ein Vertreter der Römischen Kurie (Kardinal Joseph Ratzinger):
Lass jeden von uns zur Einsicht gelangen, dass auch Menschen der Kirche
im Namen des Glaubens und der Moral in ihrem notwendigen Einsatz zum Schutz
der Wahrheit mitunter auf Methoden zurückgegriffen haben, die dem Evangelium
nicht entsprechen. Hilf uns, Jesus Christus nachzuahmen, der mild ist und
von Herzen demütig.
Der Heilige Vater:
Herr, du bist der Gott aller Menschen. In manchen Zeiten der Geschichte
haben die Christen bisweilen Methoden der Intoleranz zugelassen. Indem sie
dem grossen Gebot der Liebe nicht folgten, haben sie das Antlitz der Kirche,
deiner Braut, entstellt. Erbarme dich deiner sündigen Kinder und nimm
unseren Vorsatz an, der Wahrheit in der Milde der Liebe zu dienen und sich
dabei bewusst zu bleiben, dass sich die Wahrheit nur mit der Kraft der Wahrheit
selbst durchsetzt. Darum bitten wir durch Christus unseren Herrn.
(Vor dem Kruzifix wird ein Licht entzündet.)
Ein Vertreter der Römischen Kurie (Kardinal Roger Etchegaray):
Lass das Eingeständnis der Sünden, die die Einheit des Leibes
Christi verwundet und die geschwisterliche Liebe verletzt haben, den Weg
ebnen für die Versöhnung und die Gemeinschaft aller Christen.
Der Heilige Vater:
Barmherziger Vater, am Abend vor seinem Leiden hat dein Sohn darum gebetet,
dass die Gläubigen in ihm eins seien: Doch sie haben seinem Willen
nicht entsprochen. Gegensätze und Spaltungen haben sie geschaffen.
Sie haben einander verurteilt und bekämpft. Wir rufen inständig
dein Erbarmen an und bitten dich um ein reumütiges Herz, damit alle
Christen sich in dir und untereinander aussöhnen. In einem Leib und
einem Geist vereint, sollen sie die Freude über die volle Gemeinschaft
wieder erleben dürfen. Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
(Vor dem Kruzifix wird ein Licht angezündet.)
Ein Vertreter der Römischen Kurie (Kardinal Edward Cassidy):
Lass die Christen der Leiden gedenken, die dem Volk Israel in der Geschichte
auferlegt wurden. Lass sie ihre Sünden anerkennen, die nicht wenige
von ihnen gegen das Volk des Bundes und der Seligpreisungen begangen haben,
und so ihr Herz reinigen.
Der Heilige Vater:
Gott unserer Väter, du hast Abraham und seine Nachkommen auserwählt,
deinen Namen zu den Völkern zu tragen. Wir sind zutiefst betrübt
über das Verhalten aller, die im Laufe der Geschichte deine Söhne
und Töchter leiden liessen. Wir bitten um Verzeihung und wollen uns
dafür einsetzen, dass echte Brüderlichkeit herrsche mit dem Volk
des Bundes. Darum bitten wir durch Christus unseren Herrn.
(Vor dem Kruzifix wird ein Licht entzündet.)
Ein Vertreter der Römischen Kurie (Erzbischof Stephen Fumio Hamao):
Lass die Christen auf Jesus blicken, der unser Herr ist und unser Friede.
Gib, dass sie bereuen können, was sie in Worten und Taten gefehlt haben.
Manchmal haben sie sich leiten lassen von Stolz und Hass, vom Willen, andere
zu beherrschen, von der Feindschaft gegenüber den Anhängern anderer
Religionen und den gesellschaftlichen Gruppen, die schwächer waren
als sie, wie etwa den Einwanderern und Zigeunern.
Der Heilige Vater:
Herr der Welt, Vater aller Menschen, durch deinen Sohn hast du uns geboten,
auch den Feind zu lieben, denen Gutes zu tun, die uns hassen, und für
die zu beten, die uns verfolgen. Doch oft haben die Christen das Evangelium
verleugnet und der Logik der Gewalt nachgegeben. Die Rechte von Stämmen
und Völkern haben sie verletzt, deren Kulturen und religiösen
Traditionen verachtet: Erweise uns deine Geduld und dein Erbarmen! Vergib
uns! Darum bitten wir durch Christus unseren Herrn.
(Vor dem Kruzifix wird ein Licht entzündet.)
Ein Vertreter der Römischen Kurie (Kardinal Francis Arinze):
Lasst uns für alle beten, die in ihrer menschlichen Würde verletzt
und deren Rechte unterdrückt wurden. Lasst uns beten für die Frauen,
die allzu oft erniedrigt und ausgegrenzt werden. Wir gestehen ein, dass
auch Christen in mancher Art Schuld auf sich geladen haben, um sich Menschen
gefügig zu machen.
Der Heilige Vater:
Herr, unser Gott, du bist unser Vater. Du hast den Menschen als Mann und
Frau erschaffen, nach deinem Bild und Gleichnis. Die Verschiedenheit der
Völker in der Einheit der Menschheitsfamilie hast du gewollt. Doch
mitunter wurde die gleiche Würde deiner Kinder nicht anerkannt. Auch
die Christen haben sich schuldig gemacht, indem sie Menschen ausgrenzten
und ihnen Zugänge verwehrten. Sie haben Diskriminierungen zugelassen
auf Grund von unterschiedlicher Rasse und Hautfarbe. Verzeih uns und gewähre
uns die Gnade, die Wunden zu heilen, die deiner Gemeinschaft auf Grund der
Sünde noch immer innewohnen, damit wir uns alle als deine Söhne
und Töchter fühlen können. Darum bitten wir durch Christus,
unseren Herrn.
(Vor dem Kruzifix wird ein Licht entzündet.)
Ein Vertreter der Römischen Kurie (Erzbischof François
Xavier Nguyen Van Thuan):
Lasst uns beten für alle Menschen auf der Erde, besonders für
die Minderjährigen, die missbraucht wurden, für die Armen, Ausgegrenzten
und Letzten. Lasst uns für diejenigen beten, die am wenigsten Schutz
geniessen, für die ungeborenen Kinder, die man im Mutterleib tötet,
oder jene, die gar zu Forschungszwecken von denen benützt werden, die
Missbrauch getrieben haben mit den von der Biotechnologie gebotenen Möglichkeiten.
So haben sie die Ziele der Wissenschaft entstellt.
Der Heilige Vater:
Gott unser Vater, du hörst stets auf den Schrei der Armen. Wie oft
haben dich auch die Christen nicht wiedererkannt in den Hungernden, Dürstenden
und Nackten, in den Verfolgten und Gefangenen, in den gerade am Anfang ihrer
Existenz schutzlos Ausgelieferten. Für all jene, die Unrecht getan
haben, indem sie auf Reichtum und Macht setzten und mit Verachtung die «Kleinen»
straften, die dir so am Herzen liegen, bitten wir um Vergebung. Erbarme
dich unser und nimm unsere Reue an. Darum bitten wir durch Christus unseren
Herrn.
(Vor dem Kruzifix wird ein Licht entzündet.)
Der Heilige Vater:
Barmherziger Vater, dein Sohn Jesus Christus, der Richter über Lebende
und Tote, hat in der Niedrigkeit seines ersten Kommens die Menschheit aus
der Sünde befreit. Wenn er wiederkommt in Herrlichkeit, wird er für
alle Schuld Rechenschaft fordern von unseren Vätern, von unseren Brüdern
und Schwestern und von uns, deinen Dienern. Vom Heiligen Geist bewegt, kehren
wir mit reumütigem Herzen zu dir zurück. Schenke uns dein Erbarmen
und die Vergebung der Sünden. Darum bitten wir durch Christus, unseren
Herrn.
R. Amen