47/2000 | |
INHALT | |
Neue Bücher |
Jesus von Nazareth war, ist und bleibt die wohl am meisten verehrte und
zugleich am meisten umstrittene Gestalt der Geschichte. Wir könnten
auf die Frage Jesu, für wen «die Leute» den Menschensohn
halten, sehr viele Antworten geben. Aber nicht was «die Leute»
von Jesus sagen, steht hier zur Frage, sondern was wir, die wir uns zu den
Jüngern und Jüngerinnen Jesu zählen, von ihm halten. Die
Frage der pluralistischen Religionstheologie, die von Asien her auf uns
zukommt, aber auch im Westen vertreten ist (z.B. die Bücher von John
Hick, Paul Knitter) mit der Meinung, Jesus sei ein Heilbringer neben Buddha,
Krishna, Zoroaster usw., wird hier ausgeklammert. Wir bleiben innerhalb
der christlichen Religion und sondieren, was wir als heutige Gläubige
und Theologen noch redlich von Jesus sagen können.
Zwei neue und umfangreiche Bücher machen uns die Antwort nicht leicht.<1> Beide Bücher wirken hoch wissenschaftlich
und erwecken den Anschein, gegenüber den Kirchen und Theologen, die
stets um den heissen Brei herumreden, endlich unverblümt die Wahrheit
zu sagen, dass nämlich das historisch gesicherte Wissen über Jesus
wesentlich schmäler sei als oft behauptet wurde, dass die Kirchen Jesus
missbraucht, aus ihm etwas gemacht hätten, was er nie war und nie sein
wollte, dass letztlich alles bisher Gelehrte ein «grosser Betrug»
war (G. Lüdemann)<2>. Wir möchten
uns hier einem andern Autor anvertrauen, dass er uns helfe, die Antwort
auf die Frage Jesu zu geben nicht wie Petrus mit einer Kurzformel,
sondern mit einem gewichtigen und wichtigen Buch.<3>
Karl Jaros<4>, seit 1977 am Institut
für Orientalistik der Universität Wien, kann sich bereits mit
18 fachwissenschaftlichen Publikationen ausweisen und hat mehrere davon,
auch dieses vorliegende Werk, bei Philipp von Zabern, einem der wichtigsten
Verlage für Altertumswissenschaft und Archäologie im deutschen
Sprachraum, herausgeben können.
Jaros hat sich die Aufgabe nicht leicht gemacht. Er verfügt über
ein immenses Wissen bezüglich der Biblischen Bücher, der Qumranschriften,
der zwischentestamentlichen (apokryphen) Bücher, der rabbinischen Literatur,
der arabischen Literatur, der ägyptischen Mythologie und natürlich
der entsprechenden Sekundärliteratur. Obwohl er streng wissenschaftlich
vorgeht, ist sein Buch leicht lesbar. Durch seine ständigen Hinweise
auf die zeitgenössische Literatur werden viele biblische Aussagen in
ihrer vermeintlichen Absolutheit und Einmaligkeit relativiert, ohne dass
dadurch grundsätzlich christliche Positionen ohne weiteres geopfert
würden.
Eine grundlegende Aussage ist die These (aufgrund der Neudatierung verschiedener
Papyri: die Fachleute werden sich damit auseinander zu setzen haben!), dass
die Abfassung der Evangelien dem historischen Geschehen bedeutend näher
steht als die meisten Forscher der letzten Jahrzehnte angenommen haben,
dass also Markus nur wenige Jahre nach dem Tod Jesu geschrieben und folglich
seine Angaben weitgehend von Augen- und Ohrenzeugen bezogen hätte und
nicht in erster Linie von der späteren Tradition mit der reich entfalteten
«haggada» mit Legenden, Ausweitungen, Anekdoten (IX, 133, 355).
Natürlich kann man keine schlüssigen Katechismus-Antworten erwarten.
Vieles bleibt in der Schwebe. Jaros wägt die verschiedenen Meinungen
ab und sagt dann öfters: «Wahrscheinlich ist es nahe liegender...
Die heutige Forschung nimmt eher an... Man muss davon ausgehen...»
Wenn schon bei den «exakten Wissenschaften» die Formulierung
üblich geworden ist: «Die vorläufig beste Erklärung
ist...», muss auch bei der Bibelwissenschaft eine solche Bescheidenheit
nicht erstaunen.
Das Buch folgt nicht dem zeitlich-geografischen Aufbau der Evangelien, sondern
zieht eine thematische Behandlung in sieben Hauptstücken vor.
I: Auf 132 Seiten wird das Milieu geschildert, in dem sich das Leben Jesu
abwickelte. II: Da wird zunächst herausgearbeitet, was wir historisch
über Geburt, Kindheit und Berufung Jesu wissen können, und hernach
Glaube und Deutung der Urgemeinde. III: Jesus als der prophetische Lehrer,
der in Gleichnissen und Wundern die Basileia verkündet und vorgelebt
und das Grundgesetz dieser Königsherrschaft Gottes bewusst gemacht
hat. IV: Jesu Selbst- und Gottesverständnis. V: Jesu letzte Tage. VI:
Die Kunde von Jesu Auferstehung und der Glaube an den Auferstandenen. VII:
Die Zusammenfassung der historischen Fakten des Lebens Jesu. Für den
praktischen Gebrauch würde man gerne am Schluss ein Sachverzeichnis
haben, um anzugeben, auf welchen Seiten (oft an verschiedenen Stellen) die
Ereignisse und Stichworte der Evangelien behandelt werden. Vielleicht kann
das in einer zweiten Auflage nachgeholt werden.
Wir können hier nur Einzelheiten herausgreifen. Über die Jugendgeschichte
wird auf interessante Fragen, vorzüglich mit Hilfe der zeitgenössischen
Literatur, sehr nuanciert geantwortet: Ob Jesus verheiratet war da
ein Vater in der Regel den Sohn mit 18 Jahren verheiraten «musste»;
ober er Brüder und Schwestern hatte; in welchem Sinn Maria «Jungfrau»
war... Die Zeugung Jesu durch den Heiligen Geist wird bestätigt. Dann:
Kommt das Böse vom Menschen, von Gott, von Satan? Über Dämonenaustreibung
wird lange geredet (177179, 200f., 206f.). Ebenso über die Wunderheilungen,
Totenerweckungen, die in der Mehrzahl als historisch anzusehen sind (222,
236). Zum Wort Jesu «Nehmt, dies ist mein Leib», sagt Jaros:
«Das Wort wird nicht erklärt, muss daher verstanden worden sein.
Vom semitischen Denken her kann es aber nicht als eine Primitividentifikation
verstanden worden sein, sondern: Das ungesäuerte, geteilte Brot ist
Realsymbol Jesu, seine als heilsgeschichtliches Mysterion (Sakrament) repräsentierte
Wirklichkeit» (313f.). «Die jesuanische Verkündigung der
Königsherrschaft Gottes enthält kaum apokalyptische Elemente.
Die Basileia ist in Jesu Person präsent, sie entfaltet sich und durchdringt
diese Welt und ist dennoch eine zukünftige Grösse...» (271).
Über das Grundgesetz dieser Basileia wird ausführlich gehandelt:
Es besteht in einer «Umwertung der herkömmlichen menschlichen
Werte» (240). Nicht ein Zorngericht wird angekündigt, sondern
die Nähe zu den Sündern gesucht; Gottes Erbarmen offenbart sich
nicht verurteilend, sondern verstehend, heilend, verzeihend; freilich wird
dann auch die innere Umkehr der Beschenkten gefordert (240242). Die
Zuwendung Gottes zu den Armen, den Ausgestossenen, den Parias der damaligen
Gesellschaft wird betont (247). In Jesu Lehre wird klar, «dass Gott
der Andere ist, der nicht nach menschlichen Massstäben gemessen werden
kann, der kein Mensch ist und daher auch nicht so reagiert wie ein Mensch,
dessen überströmende Liebe die neue menschliche Existenz schafft...
Jesu Taktik war nicht die Drohung, sondern das Vertrauen auf den Sieg der
göttlichen Barmherzigkeit» (248f.). Eine solche Haltung lässt
jede Sozialreform und Revolution überflüssig werden, da die Änderung
der Gesinnung, nicht der Strukturen das Entscheidende ist (254). «Jesu
Ethik ist nicht von dieser Welt, aber für eine Welt, in der sich die
Dynamis göttlicher Herrschaft entfaltet.»
Noch etwas zur entscheidenen Frage, was von den Erscheinungen des Auferstandenen
zu halten ist: «Aufgrund der Quellen ist eindeutig auszuscheiden,
dass es sich bei den Erscheinungen um ein Gespenst oder einen wiederbelebten
Körper handelt, sondern um die Totalität einer andern, transzendenten
Sehweise, die mit menschlicher Begrifflichkeit nicht mehr beschrieben und
definiert werden kann... Seine Jüngerinnen und Jünger, die von
diesem Zeitpunkt an ihr Leben damit verbracht haben, seine Auferstehung
der Welt zu verkündigen und die für diesen Glauben, wenn es sein
musste, bis in unser Jahrhundert in den Tod gegangen sind, waren keine Betrüger
und Hysteriker!» (345f.). Und schliesslich: «Nur für den
an Jesus als den Christus, den Messias, den göttlichen Sohn Gottes
Glaubende, ist das Mysterium von Anfang an gelüftet, bleibt aber vorerst
dennoch in seinem Herzen bewahrt, weil er sich zusammen mit dem Evangelisten
auf den Weg der Nachfolge machen muss» (172). Bei dem Glauben der
Jünger gab es zwischen vor und nach Ostern eine Diskontinuität:
Den Anstoss dazu haben «sie durch den Auferstandenen selber empfangen»
(352).
Das Buch von K. Jaros kann uns in vielem verunsichern, nicht zuletzt durch
den ständigen Hinweis auf ähnliche Aussagen in der zeitgenössischen
Literatur. Aber das kann man nicht mehr einfach ignorieren. Vor fast 100
Jahren gab Hilarin Felder das damals klassische Werk heraus: «Jesus
Christus. Apologie seiner Messianität und Gottheit gegenüber der
neuesten ungläubigen Jesus-Forschung»<5>.
Vom Bollwerk der sicheren Sätze in den Evangelien aus hat er alle Behauptungen
der Kritiker zurückgeschlagen und als Resultat formuliert: «Bankerott
der ungläubigen und Triumph der gläubigen Christusforschung»
(II, 552566). Bei Jaros geschieht nicht eine Konfrontation, sondern
eine Annäherung, eine Versöhnung der jüdischen und christlichen
Forscher.
Jaros ist nicht Apologet im üblen Sinn. Er bleibt voll und ganz Wissenschaftler,
und zwar Exeget, nicht Dogmatiker. Innerhalb der biblischen Zeit lässt
er in grossem Ausmass das Prinzip der Evolution, der allmählichen Entfaltung
der Wahrheiten, zu. Was dann in den späteren Zeiten der christologischen
Konzilien geschah, fällt in einen andern Wissenschaftsbereich. Jaros
liefert also keine dogmatischen Thesen, aber deutet da und dort sachte an,
dass der Glaubende nun seine Antwort mit guten Gründen vertreten und
auch bekennen kann, für wen er Jesus hält.
1 R. Augstein, Jesus Menschensohn, Hamburg 1999, 570 Seiten; G. Lüdemann, Jesus nach 2000 Jahren. Was er wirklich sagte und tat, Lüneburg 1999, 890 Seiten.
2 Vgl. die Vorstellung dieser zwei Bücher durch Daniel Kosch, in: Pfarrblatt für die römisch-katholischen Pfarreien der Region Olten/Basel 3/2000.
3 K. Jaros, Jesus von Nazareth. Geschichte und Methode, Verlag Philipp von Zabbern, Mainz 2000, 381 Seiten, 82 Schwarzweissabbildungen und 18 Farbtafeln.
4 Geboren 1944, studierte Philosophie, Theologie, Alttestamentliche Bibelwissenschaft und Arabische Religionsgeschichte. 1973 Dr. theol. Universität Freiburg; 1976 Habilitation für Alttestamentliche Bibelwissenschaft (Universität Graz); 1982 Habilitation für Althebräische Literatur und Altertumswissenschaft Palästinas (Universität Wien).
5 2 Bände, Paderborn 1911/14.
Im Herzen der Städte. Lebensbuch der monastischen Gemeinschaften von Jerusalem (Veilleurs sur la Ville Jérusalem Livre de Vie), Verlag Herder, Freiburg i.Br. 2000, 192 Seiten.
Wer am späten Nachmittag in Paris, im IV. Arrondissement, in die
Kirche St-Gervais kommt, erlebt ein ungewohntes und erhebendes Schauspiel.
Brüder und Schwestern in weissen Gewändern feiern eine zeitlich
ausgedehnte, meditativ geprägte Liturgie mit Psalmen und Lobgesängen.
Höhepunkt ist immer die Feier der Eucharistie. Diese Mönche und
Nonnen nennen sich Schwestern und Brüder von Jerusalem; denn ihr Wirkungsort
ist die Stadt, und Jerusalem ist die Mutter der Städte. Die verschiedenen
kleinen Frauen- und Männergemeinschaften leisten berufliche Halbtagsarbeit
als Lohnempfänger. Der halbierte Lohn dient einem schlichten Lebensunterhalt.
Sie leben in kleinen Kommunitäten in Mietswohnungen solidarisch
mit den vielen Menschen der Stadt.
Diese Gemeinschaften wurden 1975 vom Priester Pierre-Marie Delfieux gegründet
und von den Kardinälen François Marty und Jean-Marie Lustiger
gefördert. Gemeinschaften von Jerusalem gibt es schon in einigen Städten
Frankreichs. Ihre Spiritualität steht der des Charles de Foucauld nahe.
Die Wüste der Gemeinschaft ist die Stadt. Die Lebensregel der Brüder
und Schwestern von Jerusalem ist ein spirituelles Buch, entschieden in der
Konsequenz der Christusnachfolge.
Paul Jakobi, Damit unser Glaube wachsen kann. Die Evangelien der Sonntage und Hochfeste durch Erzählungen, Gedichte und aktuelle Beispiele erschlossen, Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz 1999, 285 Seiten.
Paul Jakobi, der Propst am Dom zu Minden, bietet in diesem Band kurze Einführungen zu den Evangelien der Sonntage und Hochfeste der drei liturgischen Lesejahre A, B, C. Die Texte wecken Aufmerksamkeit und geben dem Prediger Impulse. Es sind Arbeitsmaterialien, hinter denen viel pastorale Erfahrung steht und das Gespür, wo den Menschen der Schuh drückt. Propst Paul Jakobi ist ein belesener Mann, der aus der Literatur viele passende Anregungen beisteuern kann. Das Buch ist eine Fundgrube für alle, die im Dienst der Verkündigung stehen. Es kann aber auch allen empfohlen werden, die sich intensiver mit den Sonntagsevangelien beschäftigen möchten. Paul Jakobi hat schon 1995 einen auf ähnlichen Grundlagen gebauten Band herausgegeben.
Pierre Stutz, Heilende Momente. Gebärden, Rituale, Gebete, Kösel-Verlag, München 2000, 158 Seiten.
Heilung lässt sich in der Medizin, der Psychologie oder bei den
verschiedensten professionellen Heilern oder Heilerinnen suchen. Pierre
Stutz lädt ein, die Kraft des Heilens zu erfahren «in vielen
unscheinbaren alltäglichen Begebenheiten, im Mut, mehr aus der Mitte,
aus Gott heraus das Leben zu gestalten» (7). Alltagsrituale und eine
Vielzahl an Gebeten verbindet der Autor mit kurzen Gedanken zu zwölf
zentralen Motiven des Markusevangeliums. Darin eröffnen sich ganz konkrete
Perspektiven auf bekannte Heilungs- und Wundergeschichten wie etwa die Auferweckung
der Tochter des Jairus: Der Text lädt nicht nur ein, aus der Hoffnung
auf die eigene Auferstehung und Vollendung des Lebens bei Gott zu vertrauen,
sondern Jesu Wort «Talita kum! Ich sage dir, steh auf!» will
zum alltäglichen «Zu-mir-Stehen, Aufstehen, Einstehen für
das Leben» (64) als heilende Vorgänge ermutigen. Unter den Ritualen
finden sich neue Anleitungen für den persönlichen oder gemeinschaftlichen
spirituellen Weg. Dass dieser Weg nicht bei Meditation und Gebet aufhört,
zeigen die vielen Hinweise auf die politische und soziale wie ökologische
Verantwortung, die aus einem vertieften inneren Weg erwächst.
Als zentraler Begriff begegnet immer wieder die Widersprüchlichkeit,
die sich in den eigenen Erfahrungen, der eigenen Person, mit all den Möglichkeiten
und Grenzen, Leben und Tod sowie Glauben und Unglauben zeigt. Angesichts
dieser Erfahrung heisst innere Heilung, «wenn ich all-täglich
versuche, mich von der Idealvorstellung zu verabschieden, eines Tages diese
Widersprüchlichkeit nicht mehr zu erfahren. Solange ich auf dieser
Erde lebe, werde ich beides spüren» (122).
Walter Kaeslin, Kaplan Hüsler. Ein Mann mit Visionen und Tatkraft macht in der Zeit der Industrialisierung Geschichte in Hochdorf, Comenius, Hitzkirch 1998, 95 S.
Kaplan Johannes Hüsler (18621938) wirkte von 1894 bis 1938 in Hochdorf und erwarb sich für die Seetaler Metropole als lokaler Sozialpionier grosser Verdienste. Der Hochdorfer Zahnarzt im Ruhestand, Walter Kaeslin, hat in fleissiger Archivarbeit alles, was über den Kaplan aufgezeichnet wurde, zusammengetragen. Zu den schriftlichen Quellen legte er auch ein reiches Bildmaterial. Verdienstvoll ist auch, gut dokumentiert, die lokale Wirtschaftsgeschichte von Hochdorf. Das ist eine dramatische Angelegenheit mit Firmengründungen in den «goldenen» Zwanzigerjahren und Firmenpleiten im Jahrzehnt vor dem Zweiten Weltkrieg. Der Kaplan hat in diesen Jahren Arbeitsvereine gegründet und verschiedene Sozialwerke geschaffen. Der fleissige Autor ist für seine Recherchierarbeit uneingeschränkt zu loben. Er hätte aber gut daran getan, das Gesammelte auch episch zu bearbeiten. Sicher bietet sein Buch mehr als nur Lokalgeschichte. Es ist als Dokumentation über den Verbandskatholizismus und die katholische Sozialfürsorge auf dem Dorfe exemplarisch.