37/2000 | |
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Mit dem Doppelband IV/5 beginnt Helvetia Sacra (HS) eine der letzten
grossen Lücken zu füllen, die unter den erfassten religiösen
Gemeinschaften noch klafft.<1>
Dominikanische Kultur in der Geschichte der Schweiz? Vier Stichworte werden
historisch Interessierten spontan in den Sinn kommen: grosse gotische Predigerkirchen
in bedeutenden Städten, Frauenmystik zur Zeit Meister Eckharts und
Heinrich Seuses, aufgeschlossene Schwesterngemeinschaften heute (mit TV-Präsenz)
und das Engagement des Ordens an der Universität Freiburg. Tatsächlich
haben insgesamt 29 verschiedene Klöster seit 1230 reiche Spuren in
der Kultur und im kirchlichem Leben des Landes hinterlassen.
Den Predigerbrüdern waren dazu nur drei vitale Jahrhunderte vergönnt.
Ihre acht grossen Konvente in Basel, Bern, Chur, Coppet, Genève,
Lausanne, Zofingen und Zürich gingen alle in der Reformation unter.
Kurze Fachartikel führen durch die Geschichte dieser Konvente. Ihre
Reihe ergänzt ein Blick an den Bodensee (Konstanz, 1220 bis 1807) und
über die Alpen (Ascona, 1510 bis 1584). Zwei Aspekte finden besondere
Aufmerksamkeit in der Präsentation der einzelnen Predigerklöster:
Ihr seelsorgerliches Wirken wird speziell auf die Beziehung zu den Pfarreien
und zu den Schwestern hin befragt, und im Anschluss an die Viten der Prioren
findet sich auch die Liste der Lektoren jedes Konventes. Historikerinnen
werden kurze biographische und wertvolle bibliographische Angaben zu manchem
Gelehrten, Lesemeister, Prediger und Inquisitor zu schätzen wissen.
Fast ebenso viele Schwesternklöster wie Brüderkonvente fielen
der Reformation zum Opfer: in Aarau, Basel (2) und Zürich (2), Bern,
Töss und Winterthur. Mit Katharinental überlebte ein bekanntes
Zentrum spätmittelalterlicher Mystik bis zum Kulturkampf. Mit Estavayer,
Schwyz, Weesen und durch Fusion auch Wil schauen heute gleich vier Schwesternklöster
auf eine reiche Geschichte zurück, die tief im 13. Jahrhundert begann.
Den prägnanten historischen Skizzen zu insgesamt 29 Gemeinschaften
ist eine dreiteilige Einleitung vorangestellt [2595]. Sie geht zunächst
«einige Fragestellungen der mittelalterlichen Geschichte der Klöster»
[6] an: Je ein einführendes Kapitel zeigt die rechtlichen Grundlagen
der Fratres und der Moniales auf: Regel, Konstitutionen, Statuten, Verständnis
der Armut und Verhältnis zur Ortskirche. Der Teil über die Predigerbrüder
widmet sich spezifischen Fragen der «cura animarum» und der
«cura monialium»: zwei Felder, die im Mittelalter manche Spannungen
und Auseinandersetzungen gesehen haben. Der Teil über die Dominikanerinnen
unterscheidet zwischen Klöstern unter brüderlicher (elf) und solcher
unter bischöflicher Jurisdiktion (acht). Ein Verzeichnis aller mittelalterlicher
Klöster der Nationes Alsatia und Suevia zeigt die rechtliche und praktische
Vernetzung der Schwestern- und Brüderklöster im süddeutsch-schweizerischen
Raum auf. Eine ausführliche Bibliographie rundet diesen Abschnitt ab.
Ein zweiter Einleitungsteil [96142] widmet sich der Verfassung des
Ordens, vom Konvent über Provinzleitung und Reformkongregationen bis
zum Generalkapitel und Generalmagister. Dann werden die Provinzen und die
Reformkongregation Hollandia kurz vorgestellt, in denen die Schweizer Konvente
im Lauf der Jahrhunderte integriert waren. In einem dritten Einleitungsteil
zeichnen drei prominente Dominikaner die Entwicklung ihrer neuen Präsenz
in der Schweiz seit 1870 und die junge Geschichte der Schweizer Provinz
seit 1953 nach.
Ein detailliertes Orts- und Personenregister [10691158] erleichtert
die schnelle Konsultation des über tausendseitigen Werkes. Enttäuscht
wird dabei nur, wer von «Helvetia Sacra» erwartet, was sie weder
geben will noch bieten kann: pastorale und spirituelle Exkurse. Von ihrer
Aufgabe her der «institutionellen Geschichte» verpflichtet [7],
müssen die vierzehn Mitarbeiterinnen und fünfzehn Mitarbeiter
interessante Aspekte dominikanischer Kultur anderen Gefässen überlassen:
Bettelordenspredigt, Schwesternbücher und Frauenmystik. Einzelne Abschnitte
über die Bibliothek von Konventen und ein längerer über die
«Literaturproduktion» im Zürcher Schwesternkloster Oetenbach
lassen allerdings erahnen, welch ein Reichtum kulturell und mystisch da
zu entdecken wäre. Der ausgezeichnete Doppelband stellt zugleich das
Erstlingswerk einer neuen Redaktorin und des Schwabe-Verlages dar. Beide
haben damit ihre erstes HS-Werk von Anfang an verantwortet.
1 HS IV/5: Die Dominikaner und Dominikanerinnen in der Schweiz,
redigiert von Petra Zimmer unter Mitarbeit von Brigitte Degler-Spengler,
Schwabe Verlag, Basel 1999.
Nach den weltlichen Kollegiatsstiften [HS II], dem benediktinischen Mönchtum
[HS III], den regulierten Augustiner Chorherren [HS IV/1], den Bänden
über die franziskanische Klosterwelt [HS V], die Karmeliten [HS VI],
die neuzeitlichen Kongregationen [HS VIII] und die Beginen/Begarden [HS
IX] eröffnet das Werk über die Dominikanerinnen und Dominikaner
die Reihe der «Orden mit Augustinerregel».
Ronald Roggen, «Restauration» Kampfruf und Schimpfwort. Eine Kommunikationsanalyse zum Hauptwerk des Staatstheoretikers Karl Ludwig von Haller (17681854), (Reihe Religion Politik Gesellschaft in der Schweiz, hrsg. von Urs Altermatt und Francis Python, Bd. 24), Universitätsverlag, Freiburg Schweiz 1999, 507 Seiten.
Zwei Schweizer haben entscheidend auf die staatsrechtlich-politische
Diskussion ihrer Zeit eingewirkt: im 18. Jahrhundert der Genfer Jean-Jacques
Rousseau (17121778) mit seinem «Contrat social» als grosser
Wegbereiter der Französischen Revolution, der seinen Platz in der Geistesgeschichte
gefunden hat, und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Berner
Karl Ludwig von Haller, der sich in Opposition zur Aufklärung setzte
und mit seinem Werk «Restauration der Staatswissenschaft» versuchte,
das Rad der historischen Entwicklung zurückzudrehen. Sein Hauptwerk
hat dem Zeitabschnitt von 1814/15 bis 1830 den Namen Restauration verliehen.
Haller sah sich schon früh in eine Abwehrhaltung gegenüber den
Auswirkungen der Französischen Revolution gedrängt und stellte
sich konsequenterweise ins konservativ-restaurative Lager. Diese Haltung
führte ihn 1820 zum Übertritt in die katholische Kirche, was einen
weiteren Verbleib im damaligen Bern verunmöglichte. Er fand als politischer
Publizist in der Folge eine Anstellung im französischen Aussenministerium
in Paris. Ende der zwanziger Jahre übersiedelte Haller nach Solothurn,
wo er das Bürgerrecht und eine ansehnliche Liegenschaft erwarb.
Sein Hauptwerk beeinflusste weite Kreise in Europa und galt als massgebendes
Werk der nachnapoleonischen Ära. Seine Leser fanden sich vorwiegend
in Adelskreisen, die für die Vorrechte des Adels und gegen den Konstitutionalismus
kämpften und sich vom «Evangelium des Konservativismus»
beeinflussen liessen. Weit verbreitet war Hallers Werk in Preussen bis in
höchste Kreise und ebenfalls im Metternichschen Wien. Zu den Schweizer
Brieffreunden zählten Friedrich von Hurter in Schaffhausen und das
«theologische Dreigestirn» Luzerns, Josef Widmer, Alois Gügler
und Franz Geiger. Ein scharfer Gegner Hallers war der Philosoph Ignaz Paul
Vital Troxler aus Beromünster. Fortschrittliche Zeitgenossen brachten
für Hallers Vorstellung von einer Machtordnung von oben nach unten
kaum Verständnis auf. Die wachsenden Kräfte des Bürgertums
forderten eine aktive Mitgestaltung und Transparenz in den öffentlichen
Angelegenheiten. Haller geriet in eine wachsende Isolation zum herrschenden
Zeitgeist.
Hallers Nachleben reicht bis in die Gegenwart hinein. Gonzague de Reynold
hielt ihn für den grössten katholischen Schriftsteller der Schweiz
und Karl Wick betrachtete ihn als den «geistigen Herrscher der Restaurationsjahre».
In einem Exkurs versucht der Verfasser, den modernen Gebrauch des Begriffs
«Restauration» in verschiedenen Publikationen der Gegenwart
aufzuzeigen.
Dem Rezensenten fällt auf, dass der Einfluss Hallers auf den Solothurner
Theodor Scherer-Boccard nicht stärker herausgearbeitet wurde. Scherer
verkehrte häufig mit Haller und liess sich von ihm stark beeinflussen.
Mit dessen grossem konservativen Freundeskreis des In- und Auslandes fühlte
er sich eng verbunden, was nicht zuletzt in der Schweizerischen Kirchenzeitung
seinen Ausdruck fand, deren Redaktion er von 18551883 besorgte. Der
umfangreichen und äusserst reichhaltigen Arbeit fehlt leider ein griffiges
Personenregister, das den raschen Zugriff auf den grossen Bekanntenkreis
Hallers erleichtern würde.
Klaus Schäfer, Jerusalem. Unterwegs in der heiligen Stadt der Juden, Christen und Muslime, Josef Knecht Verlag, Frankfurt am Main 1999, 286 Seiten.
Der Autor ist evangelischer Theologe mit Zusatzstudien der katholischen Theologie. Er hat vor der Redaktion seines Jerusalembuches längere Zeit in der heiligen Stadt gelebt und sich einfach den Eindrücken dieser für die Juden, Muslime und Christen verehrungswürdigen Stadt ausgesetzt. Klaus Schäfer ist nicht der Perfektionist, der Sehenswürdigkeiten aufzählt, besorgt um Vollständigkeit und sachgerechte Zuordnung. Der Autor erzählt sein persönliches Jerusalemerlebnis, das ihm in aufmerksamer Beobachtung zuteil wurde. Für ihn sind die Menschen, die heute in dieser geschichtsschweren Stadt miteinander leben, ebenso wichtig wie Denkmäler und umstrittene Kultstätten. Mit diesen Voraussetzungen stellt Klaus Schäfer immer neue Fragen an die Geschichte und an die Politiker, die heute dort Geschichte machen.
Willi Hoffsümmer (Hrsg.), Kurzgeschichten 6. 155 Kurzgeschichten für Gottesdienst, Schule und Gruppe, Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz 2000, 170 Seiten.
Gerne legt man seiner Aussage das Mäntelchen der Anschaulichkeit
um. Da ist eine Geschichte sehr gefragt. Nicht immer steht Selbsterlebtes
zur Verfügung. So ist man dankbar, Möglichkeiten für das
rasche Suchen von guten Geschichten zu haben. Ein bewährter Anbieter
in diesem Bereich ist der deutsche Pfarrer Willi Hoffsümmer. Seinen
fünf Bänden mit Kurzgeschichten fügt er nun einen sechsten
hinzu. Aufnahmekriterien für Geschichten und ihre Darbietung im Buch
bleiben gleich.
Wenn man unter Zeitdruck steht, kann man sicher sein, bei Willi Hoffsümmer
fündig zu werden. Da wird die heutige Lebenssituation klar beschrieben.
Da wird aber auch die Kraft des Glaubens aufgezeigt, die das Blatt wenden
kann.
Die Geschichten umfassen im Maximum zwei Seiten. Dargeboten werden sie einerseits
nach den Zeiten des Kirchenjahres, andererseits nach diesen Stichworten
«Gott/Beten», «Liebe/Nächstenliebe», «Krieg/Frieden»,
«Sinn des Lebens», «Gemeinschaft», «Lebensweisheiten»,
«Umwelt/Schöpfung/Ferien», «Erntedank/ÐDritte
Weltð», «Engel/Heilige» und «Tod/Gericht/Himmel/Hölle».
Durch ein Stichwortverzeichnis werden dieser Band und die vorausgehenden
Bände erschlossen. Das Quellenverzeichnis hilft, die Geschichten von
ihrem Ursprung her zu verstehen und zu werten.