37/2000

INHALT

Neue Bücher

Familia Dominicana

von Niklaus Kuster

 

Mit dem Doppelband IV/5 beginnt Helvetia Sacra (HS) eine der letzten grossen Lücken zu füllen, die unter den erfassten religiösen Gemeinschaften noch klafft.<1>
Dominikanische Kultur in der Geschichte der Schweiz? Vier Stichworte werden historisch Interessierten spontan in den Sinn kommen: grosse gotische Predigerkirchen in bedeutenden Städten, Frauenmystik zur Zeit Meister Eckharts und Heinrich Seuses, aufgeschlossene Schwesterngemeinschaften heute (mit TV-Präsenz) und das Engagement des Ordens an der Universität Freiburg. Tatsächlich haben insgesamt 29 verschiedene Klöster seit 1230 reiche Spuren in der Kultur und im kirchlichem Leben des Landes hinterlassen.
Den Predigerbrüdern waren dazu nur drei vitale Jahrhunderte vergönnt. Ihre acht grossen Konvente in Basel, Bern, Chur, Coppet, Genève, Lausanne, Zofingen und Zürich gingen alle in der Reformation unter. Kurze Fachartikel führen durch die Geschichte dieser Konvente. Ihre Reihe ergänzt ein Blick an den Bodensee (Konstanz, 1220 bis 1807) und über die Alpen (Ascona, 1510 bis 1584). Zwei Aspekte finden besondere Aufmerksamkeit in der Präsentation der einzelnen Predigerklöster: Ihr seelsorgerliches Wirken wird speziell auf die Beziehung zu den Pfarreien und zu den Schwestern hin befragt, und im Anschluss an die Viten der Prioren findet sich auch die Liste der Lektoren jedes Konventes. Historikerinnen werden kurze biographische und wertvolle bibliographische Angaben zu manchem Gelehrten, Lesemeister, Prediger und Inquisitor zu schätzen wissen. Fast ebenso viele Schwesternklöster wie Brüderkonvente fielen der Reformation zum Opfer: in Aarau, Basel (2) und Zürich (2), Bern, Töss und Winterthur. Mit Katharinental überlebte ein bekanntes Zentrum spätmittelalterlicher Mystik bis zum Kulturkampf. Mit Estavayer, Schwyz, Weesen und durch Fusion auch Wil schauen heute gleich vier Schwesternklöster auf eine reiche Geschichte zurück, die tief im 13. Jahrhundert begann.
Den prägnanten historischen Skizzen zu insgesamt 29 Gemeinschaften ist eine dreiteilige Einleitung vorangestellt [25­95]. Sie geht zunächst «einige Fragestellungen der mittelalterlichen Geschichte der Klöster» [6] an: Je ein einführendes Kapitel zeigt die rechtlichen Grundlagen der Fratres und der Moniales auf: Regel, Konstitutionen, Statuten, Verständnis der Armut und Verhältnis zur Ortskirche. Der Teil über die Predigerbrüder widmet sich spezifischen Fragen der «cura animarum» und der «cura monialium»: zwei Felder, die im Mittelalter manche Spannungen und Auseinandersetzungen gesehen haben. Der Teil über die Dominikanerinnen unterscheidet zwischen Klöstern unter brüderlicher (elf) und solcher unter bischöflicher Jurisdiktion (acht). Ein Verzeichnis aller mittelalterlicher Klöster der Nationes Alsatia und Suevia zeigt die rechtliche und praktische Vernetzung der Schwestern- und Brüderklöster im süddeutsch-schweizerischen Raum auf. Eine ausführliche Bibliographie rundet diesen Abschnitt ab. Ein zweiter Einleitungsteil [96­142] widmet sich der Verfassung des Ordens, vom Konvent über Provinzleitung und Reformkongregationen bis zum Generalkapitel und Generalmagister. Dann werden die Provinzen und die Reformkongregation Hollandia kurz vorgestellt, in denen die Schweizer Konvente im Lauf der Jahrhunderte integriert waren. In einem dritten Einleitungsteil zeichnen drei prominente Dominikaner die Entwicklung ihrer neuen Präsenz in der Schweiz seit 1870 und die junge Geschichte der Schweizer Provinz seit 1953 nach.
Ein detailliertes Orts- und Personenregister [1069­1158] erleichtert die schnelle Konsultation des über tausendseitigen Werkes. Enttäuscht wird dabei nur, wer von «Helvetia Sacra» erwartet, was sie weder geben will noch bieten kann: pastorale und spirituelle Exkurse. Von ihrer Aufgabe her der «institutionellen Geschichte» verpflichtet [7], müssen die vierzehn Mitarbeiterinnen und fünfzehn Mitarbeiter interessante Aspekte dominikanischer Kultur anderen Gefässen überlassen: Bettelordenspredigt, Schwesternbücher und Frauenmystik. Einzelne Abschnitte über die Bibliothek von Konventen und ein längerer über die «Literaturproduktion» im Zürcher Schwesternkloster Oetenbach lassen allerdings erahnen, welch ein Reichtum kulturell und mystisch da zu entdecken wäre. Der ausgezeichnete Doppelband stellt zugleich das Erstlingswerk einer neuen Redaktorin und des Schwabe-Verlages dar. Beide haben damit ihre erstes HS-Werk von Anfang an verantwortet.


Anmerkung

1 HS IV/5: Die Dominikaner und Dominikanerinnen in der Schweiz, redigiert von Petra Zimmer unter Mitarbeit von Brigitte Degler-Spengler, Schwabe Verlag, Basel 1999.
Nach den weltlichen Kollegiatsstiften [HS II], dem benediktinischen Mönchtum [HS III], den regulierten Augustiner Chorherren [HS IV/1], den Bänden über die franziskanische Klosterwelt [HS V], die Karmeliten [HS VI], die neuzeitlichen Kongregationen [HS VIII] und die Beginen/Begarden [HS IX] eröffnet das Werk über die Dominikanerinnen und Dominikaner die Reihe der «Orden mit Augustinerregel».


«Restauration»

Ronald Roggen, «Restauration» ­ Kampfruf und Schimpfwort. Eine Kommunikationsanalyse zum Hauptwerk des Staatstheoretikers Karl Ludwig von Haller (1768­1854), (Reihe Religion ­ Politik ­ Gesellschaft in der Schweiz, hrsg. von Urs Altermatt und Francis Python, Bd. 24), Universitätsverlag, Freiburg Schweiz 1999, 507 Seiten.

Zwei Schweizer haben entscheidend auf die staatsrechtlich-politische Diskussion ihrer Zeit eingewirkt: im 18. Jahrhundert der Genfer Jean-Jacques Rousseau (1712­1778) mit seinem «Contrat social» als grosser Wegbereiter der Französischen Revolution, der seinen Platz in der Geistesgeschichte gefunden hat, und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Berner Karl Ludwig von Haller, der sich in Opposition zur Aufklärung setzte und mit seinem Werk «Restauration der Staatswissenschaft» versuchte, das Rad der historischen Entwicklung zurückzudrehen. Sein Hauptwerk hat dem Zeitabschnitt von 1814/15 bis 1830 den Namen Restauration verliehen.
Haller sah sich schon früh in eine Abwehrhaltung gegenüber den Auswirkungen der Französischen Revolution gedrängt und stellte sich konsequenterweise ins konservativ-restaurative Lager. Diese Haltung führte ihn 1820 zum Übertritt in die katholische Kirche, was einen weiteren Verbleib im damaligen Bern verunmöglichte. Er fand als politischer Publizist in der Folge eine Anstellung im französischen Aussenministerium in Paris. Ende der zwanziger Jahre übersiedelte Haller nach Solothurn, wo er das Bürgerrecht und eine ansehnliche Liegenschaft erwarb.
Sein Hauptwerk beeinflusste weite Kreise in Europa und galt als massgebendes Werk der nachnapoleonischen Ära. Seine Leser fanden sich vorwiegend in Adelskreisen, die für die Vorrechte des Adels und gegen den Konstitutionalismus kämpften und sich vom «Evangelium des Konservativismus» beeinflussen liessen. Weit verbreitet war Hallers Werk in Preussen bis in höchste Kreise und ebenfalls im Metternichschen Wien. Zu den Schweizer Brieffreunden zählten Friedrich von Hurter in Schaffhausen und das «theologische Dreigestirn» Luzerns, Josef Widmer, Alois Gügler und Franz Geiger. Ein scharfer Gegner Hallers war der Philosoph Ignaz Paul Vital Troxler aus Beromünster. Fortschrittliche Zeitgenossen brachten für Hallers Vorstellung von einer Machtordnung von oben nach unten kaum Verständnis auf. Die wachsenden Kräfte des Bürgertums forderten eine aktive Mitgestaltung und Transparenz in den öffentlichen Angelegenheiten. Haller geriet in eine wachsende Isolation zum herrschenden Zeitgeist.
Hallers Nachleben reicht bis in die Gegenwart hinein. Gonzague de Reynold hielt ihn für den grössten katholischen Schriftsteller der Schweiz und Karl Wick betrachtete ihn als den «geistigen Herrscher der Restaurationsjahre». In einem Exkurs versucht der Verfasser, den modernen Gebrauch des Begriffs «Restauration» in verschiedenen Publikationen der Gegenwart aufzuzeigen.
Dem Rezensenten fällt auf, dass der Einfluss Hallers auf den Solothurner Theodor Scherer-Boccard nicht stärker herausgearbeitet wurde. Scherer verkehrte häufig mit Haller und liess sich von ihm stark beeinflussen. Mit dessen grossem konservativen Freundeskreis des In- und Auslandes fühlte er sich eng verbunden, was nicht zuletzt in der Schweizerischen Kirchenzeitung seinen Ausdruck fand, deren Redaktion er von 1855­1883 besorgte. Der umfangreichen und äusserst reichhaltigen Arbeit fehlt leider ein griffiges Personenregister, das den raschen Zugriff auf den grossen Bekanntenkreis Hallers erleichtern würde.

Alois Steiner


Jerusalem

Klaus Schäfer, Jerusalem. Unterwegs in der heiligen Stadt der Juden, Christen und Muslime, Josef Knecht Verlag, Frankfurt am Main 1999, 286 Seiten.

Der Autor ist evangelischer Theologe mit Zusatzstudien der katholischen Theologie. Er hat vor der Redaktion seines Jerusalembuches längere Zeit in der heiligen Stadt gelebt und sich einfach den Eindrücken dieser für die Juden, Muslime und Christen verehrungswürdigen Stadt ausgesetzt. Klaus Schäfer ist nicht der Perfektionist, der Sehenswürdigkeiten aufzählt, besorgt um Vollständigkeit und sachgerechte Zuordnung. Der Autor erzählt sein persönliches Jerusalemerlebnis, das ihm in aufmerksamer Beobachtung zuteil wurde. Für ihn sind die Menschen, die heute in dieser geschichtsschweren Stadt miteinander leben, ebenso wichtig wie Denkmäler und umstrittene Kultstätten. Mit diesen Voraussetzungen stellt Klaus Schäfer immer neue Fragen an die Geschichte und an die Politiker, die heute dort Geschichte machen.

Leo Ettlin


Neue Kurzgeschichten

Willi Hoffsümmer (Hrsg.), Kurzgeschichten 6. 155 Kurzgeschichten für Gottesdienst, Schule und Gruppe, Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz 2000, 170 Seiten.

Gerne legt man seiner Aussage das Mäntelchen der Anschaulichkeit um. Da ist eine Geschichte sehr gefragt. Nicht immer steht Selbsterlebtes zur Verfügung. So ist man dankbar, Möglichkeiten für das rasche Suchen von guten Geschichten zu haben. Ein bewährter Anbieter in diesem Bereich ist der deutsche Pfarrer Willi Hoffsümmer. Seinen fünf Bänden mit Kurzgeschichten fügt er nun einen sechsten hinzu. Aufnahmekriterien für Geschichten und ihre Darbietung im Buch bleiben gleich.
Wenn man unter Zeitdruck steht, kann man sicher sein, bei Willi Hoffsümmer fündig zu werden. Da wird die heutige Lebenssituation klar beschrieben. Da wird aber auch die Kraft des Glaubens aufgezeigt, die das Blatt wenden kann.
Die Geschichten umfassen im Maximum zwei Seiten. Dargeboten werden sie einerseits nach den Zeiten des Kirchenjahres, andererseits nach diesen Stichworten «Gott/Beten», «Liebe/Nächstenliebe», «Krieg/Frieden», «Sinn des Lebens», «Gemeinschaft», «Lebensweisheiten», «Umwelt/Schöpfung/Ferien», «Erntedank/ÐDritte Weltð», «Engel/Heilige» und «Tod/Gericht/Himmel/Hölle».
Durch ein Stichwortverzeichnis werden dieser Band und die vorausgehenden Bände erschlossen. Das Quellenverzeichnis hilft, die Geschichten von ihrem Ursprung her zu verstehen und zu werten.

Jakob Bernet


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000