27-28/2000 | |
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Lexika und Wörterbücher möchten das Wissen über ein
Fach kurz und konzis zusammenfassen. Man hat den Eindruck, dass die theologischen
Lexika diese Aufgabe besonders jetzt am Übergang zum nächsten
Jahrtausend wahrnehmen möchten, gleichsam als Rückblick auf ein
Jahrhundert theologischer Forschung und als Ausblick auf anstehende Probleme
für das nächste Jahrhundert. Das «Lexikon für Theologie
und Kirche» (LThK) ist im Moment der Abfassung dieses Beitrages beim
Band 8 (Pearson-Samuel) angelangt; von der «Theologischen Realenzyklopädie»
(TRE) sind bisher 30 Bände erschienen (Band 30: Samuel-Seele) und das
«Evangelische Kirchenlexikon» (EKL) wurde 1997 mit dem fünften
Band abgeschlossen. Etwas anders ausgerichtet sind die grossen französischen
theologischen «Dictionnaires», die teilweise seit Beginn dieses
Jahrhunderts am Erscheinen sind; so etwa der «Dictionnaire d'histoire
et de géographie ecclésiastique», der 1912 begonnen
wurde und jetzt erst beim Band 27 (Faszikel 160: Jêrome) angekommen
ist also, wenn der Rhythmus des Erscheinens so weitergeht, erst Ende
des nächsten Jahrhunderts beendet sein wird.
Vor kurzem ist der erste Band (er umfasst die Buchstaben A und B) der «vierten
völlig neu bearbeiteten» Auflage eines anderen berühmten
theologischen Lexikons, der «Religion in Geschichte und Gegenwart»
(RGG), erschienen. Das Vorwort dieser Auflage, verfasst von den Herausgebern
Hans Dieter Betz, Don Browning, Bernd Janowski, Ekkehard Jüngel, gibt
eine Übersicht über die Geschichte dieses «Handwörterbuches
für Theologie und Religionswissenschaft», wie es sich im Untertitel
nennt, und orientiert über die Kriterien dieser «völlig
neu bearbeiteten» Auflage.<1>
Scheinbar nebensächlich, doch nicht ohne Bedeutung, ist der neue Titel:
hiess das Lexikon bisher «Die Religion in Geschichte und Gegenwart»,
so wurde der «missverständliche» so die Herausgeber
Artikel weggelassen; es heisst jetzt «Religion in Geschichte
und Gegenwart». Ich interpretiere diese Änderung so, dass zwar
weiterhin «die» christliche Religion im Vordergrund der Darlegungen
steht, dass aber eine «Entdeckungsreise in wenig bekannte Gebiete»
der «Religionen» unternommen werden soll, das heisst, dass die
Religionen der Welt ausführlicher dargestellt werden als zum Beispiel
im LThK. Acht Fachberater für Religionsgeschichte und -wissenschaft
darunter der Zürcher Professor Fritz Stolz beweisen, dass
die Herausgeber den Religionen der Welt ihr besonderes Augenmerk schenken
wollen.
Diese Besprechung kann nur punktuell einige Stichworte herausgreifen
und an ihnen Eigenarten der neuen RGG aufzeigen. Es fällt auf, dass
die Beiträge über die Religionen ausführlicher sind als im
LThK. So gibt es in diesem ersten Band ausführliche Darstellungen der
«afroamerikanischen» und der «afrobrasilianischen Religionen»
oder «Kulte»; weiter gibt es eigene Stichworte über «aztekische
Religion», «baltische Religion» und sehr ausführlich
über den «Buddhismus» (Spalte 18261851). Überrascht
mag man sein, wenn plötzlich Darlegungen über «Ackerbau/Viehhaltung»
oder «Bäume/Pflanzen» auftauchen. Aber zum Beispiel beim
ersten Beitrag sind die religionsgeschichtlichen Darlegungen von Fritz Stolz
(Zürich) sehr aufschlussreich.
Unter den geschichtlichen Artikeln sind mir etwa aufgefallen die Beiträge
über die «Alte Kirche» (Christoph Markschies), über
«Arius/Arianismus» (Hanns Christof Brennecke der Vorname
wird im Mitarbeiter-Verzeichnis und im Artikel je verschieden geschrieben)
und über «Barock» («unstrittig in der deutschsprachigen
Kunst- und Literaturgeschichte, wird der Begriff in der übrigen Geschichtsschreibung
seltener oder fast gar nicht benutzt. Hier wird die früher ansetzende
Epochenbezeichnung ÐFrühe Neuzeitð [Early Modern Times] bevorzugt»).
Während Ulrich Köpf die Biografie von Bernhard von Clairvaux und
Bonaventura eingehend darlegt und auch auf ihre geschichtliche Bedeutung
eingeht, scheint mir der Beitrag über Benedikt von Nursia und die Benediktiner
(beide von P. Ferdinand Gahbauer OSB) etwas kurz geraten; über die
«Benediktsregel» hat die Zisterzienserin Michaela Pfeifer einen
eigenen Beitrag geschrieben. Verglichen mit seiner theologischen und kirchenpolitischen
Bedeutung kommt Basilius von Caesarea schlecht weg, auch wenn man bezüglich
seiner Bedeutung für das Ordenswesen auf den Beitrag über das
Mönchtum vertröstet wird. Als Katholik konstatiert man mit Genugtuung,
dass auch Katholiken der Neuzeit Aufnahme gefunden haben, etwa Hans Urs
von Balthasar (von Stephan Grätzel) oder Kardinal Augustin Bea (von
Aloys Klein), um nur zwei Beispiele zu nennen. Der Beitrag über «Bosnien/Herzegowina»
(von Hans-Dieter Döpmann) beweist, dass Lexikon-Artikel auch aktuell
sein können.
Ein «Handwörterbuch», wie sich die RGG selber bezeichnet,
sollte auch Beiträge aus der Gegenwart aufnehmen. In diesem Punkt scheint
mir die RGG gegenüber dem LThK im Vorteil zu sein. Beiträge über
«Biokulturwissenschaft», «Blues und Religion», «Bodenreform»,
die im katholischen Lexikon nicht vorhanden sind, sind Beweis für diese
Meinung. Zur «Apartheid» hat der südafrikanische Theologe
Dirk Smith von der «University of the Western Cape» die Darlegungen
geschrieben. Er beendet seinen Beitrag mit der Bemerkung: «Die Vollversammlung
der ÐDutch Reformed Churchð (DRC) verabschiedete (1990) eine Deklaration,
in der die Unterstützung der Apartheid als Schuld bekannt, deren theologische
Legitimation als Häresie und Sünde verworfen und konkrete Formen
der Wiedergutmachung gefordert wurden.» Andere Themen, die ausführliche
Beachtung finden, sind etwa Aids, Andere/Andersheit, Arbeit, Bekenntnis
und Bibel (mehr als 100 Spalten).
Fassen wir zusammen: positiv finde ich die angenehme Sprache; die Artikel
lesen sich leicht, hie und da sogar spannend und was besonders auffällt
es gibt nicht so viele Abkürzungen wie im LThK, wo einzelne Artikel
fast nur aus abgekürzten Worten bestehen. Die Mitarbeiter sind internationaler
als im LThK, was freilich auch die Herausgabe erschwerte. Die Herausgeber
betonen ausdrücklich: «Die RGG ist keiner bestimmten theologischen
Tendenz oder Schule verpflichtet.» In diesem Zusammenhang fällt
die grosse Zahl katholischer Mitarbeiter auf. So wurde der US-Amerikaner
John P. Meier (University of Notre Dame) mit der Abfassung des Beitrages
«Brüder/Schwestern Jesu» beauftragt, der seine Darlegungen
so beendet: «Die Lösung, die Helvidius vertrat und deutlich von
Tertullian im 3. Jahrhundert bevorzugt wurde, behauptet, dasss die Brüder
leibliche Geschwister Jesu seien, und (sie) passt am besten zum neutestamentlichen
Text». Hingegen glaubt er, dass die von Hieronymus im 4. Jahrhundert
vertretene Lösung, dass es sich um Vettern Jesu gehandelt habe, «die
am wenigsten wahrscheinliche These» sei. Verschlüsselt kommt
übrigens auch Lorenz Oberlinner im LThK zu dieser Meinung.
Negativ muss man den kleinen Schriftsatz beurteilen, der nicht besonders
leserfreundlich ist; noch ein Grad kleiner und man müsste die Lupe
zu Hilfe nehmen. Wenn die Herausgeber zu Beginn ohne falsche Scham erklären,
dass die bisherigen Auflagen der RGG «wie kaum ein anderes Dokument
die religionswissenschaftliche und theologische Wissenschaftsgeschichte
spiegelt», so kann man der «vierten, völlig neu bearbeiteten
Auflage» dieses Lob ohne Zögern ebenfalls zubilligen.
Inzwischen ist der zweite Band von RGG erschienen.<2>
1 Religion in Geschichte und Gegenwart (RGG). Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft. Vierte, völlig neu bearbeitete Auflage. Herausgegeben von Hans Dieter Betz, Don S. Browning, Bernd Janowski, Eberhard Jüngel. Band 1: AB, J.C.B. Mohr (Paul Siebeck), Tübingen 1998.
2 Religion in Geschichte und Gegenwart. Handwörterbuch für
Theologie und Religionswissenschaft. Vierte, völlig neu bearbeitete
Auflage. Herausgegeben von Hans Dieter Betz, Don S. Browning, Bernd Janowski,
Eberhard Jüngel. Band 22:
C-E, J.V.B. Mohr (Paul Siebeck), Tübingen 1999.
Dieser Band ist besonders geprägt durch ausführliche, Monographien
gleichenden Artikel zum Beispiel über «Christentum» (183246),
«Christologie (273343), «Deutschland» (716772)
oder eine ganze Reihe von Beiträgen zum Schlagwort «Evangelium»
(16891746). Wie aktuell ein Lexikon sein kann, sei etwa am Artikel
«Europa» (16611676) illustriert, der mit Darlegungen
zum «Europarecht» endet, verfasst von Professor Stotz vom Gerichtshof
der EU in Luxemburg.
Anselm Spring, Farben des Lebens. 85 Seiten Farbfotos, Verlag Herder, Freiburg i.Br. 1999; Christian Heeb, Soweit der Himmel reicht. Sehnsucht nach fernen Horizonten. 77 Seiten Farbfotos, Verlag Herder, Freiburg i.Br. 1999.
Beide Bildbände sind Meisterwerke berühmter Fotografen aus Nordamerika. Sie eignen sich mit den massvoll eingestreuten Texten und dem handlichen Format gut als Geschenk für Menschen im Spital, denen das Lesen Mühe macht. Bei diesen Bildern kann man verweilen, und sie entfalten sich als eine Quelle der Freude.