22/2000

INHALT

Neue Bücher

Zur Führung in der Kirche

von Pius Bischofberger

 

In neuester Zeit mehren sich Veröffentlichungen und Veranstaltungen über ausgewählte Fragen zum kirchlichen Management. Dabei sind es nicht zuletzt Persönlichkeiten aus dem kirchlichen Dienst, welche ihre kritische Stimme zu aktuellen Führungsproblemen erheben.<1> Zu dieser Thematik nun drei Neuerscheinungen, die hier besprochen werden.

New Church Management

Kirche und Management schliessen sich noch oft wie Feuer und Wasser gegenseitig aus. Gleichzeitig steht fest, dass Kirchen ­ nicht weniger als private Unternehmen ­ auf Personal, Finanzen, Immobilien und eine Führung angewiesen sind. Mit der Feststellung, auch die katholische Kirche sei «ein wirtschaftliches Unternehmen», beginnt diese Studie.<2> Der Titel weckt allzu hohe Erwartungen; die Schrift beschränkt sich auf die Stichworte des Untertitels.
Mit Bezug auf das Finanzmanagement ist dabei von der Tatsache auszugehen, dass die katholische Kirche in der Schweiz auf lokaler Ebene als Pfarrei und Kirchgemeinde wahrgenommen wird. Dies bedeutet, dass neben dem kirchenrechtlichen (Pfarrei) ein staatskirchenrechtlicher (Kirchgemeinde) Pfeiler existiert. Das entscheidende Merkmal dieser dualen Grundstruktur besteht darin, dass die Finanzhoheit bei den Kirchgemeinden liegt. Diese Körperschaften ziehen in den meisten Kantonen die Kirchensteuern ein und finanzieren damit die für die Pfarreien notwendige Infrastruktur. Darüber hinaus entrichten sie Abgaben an die im Allgemeinen öffentlich-rechtlich anerkannten Kantonal- bzw. Landeskirchen. Erst durch diesen Finanzausgleich werden diözesane Dienstleistungen ermöglicht. Auf diese Weise wachsen die Kirchgemeinden zugleich in die pastorale Mitverantwortung hinein.
Die Landeskirchen wiederum sind auf gesamtschweizerischer Ebene ­ vereinsrechtlich ­ in der 1971 gegründeten Römisch-katholischen Zentralkonferenz zusammengefasst, die aus Mitgliederbeiträgen der Landeskirchen unterstützt wird. Das zweite Standbein für die Finanzierung gesamtschweizerischer und sprachregionaler Aufgaben bildet das 1962 gegründete Schweizerische Fastenopfer. Neben der Förderung der Ortskirche in der Dritten Welt wird mit dem sogenannten Inlandteil die nachkonziliäre pastorale Entwicklung unterstützt. 1970 wurde dieser Anteil von der Hälfte auf einen Drittel reduziert. «Die sehr komplexe, in Worten kaum fassbare Situation der kirchlichen Finanzierung» (S.15) ist in einer Abbildung anschaulich dargestellt.
Zur Überwindung der unübersichtlichen und komplizierten Entscheidungsabläufe schlagen die Autoren ein Grundkonzept für eine Neuordnung vor. Abhilfe ist ihrer Ansicht nach einzig dadurch möglich, «dass in klarer Unterscheidung von strategischer und operativer Ebene die Wege der Beratung und Entscheidungsfindung klar festgelegt und bei Bedarf vereinfacht werden» (S. 40). Nach diesem Vorschlag fallen strategische Entscheide eindeutig in die Kompetenz der Bischöfe bzw. der Schweizerischen Bischofskonferenz. Solange allerdings die Kirchenleitung nicht über die Finanzhoheit verfügt, ist die vorgeschlagene Systemänderung hypothetisch. Angesichts der skizzierten dualen Struktur fällt es der Schweizerischen Kirche schwer, «diözesane Notwendigkeiten und nationale Projekte überhaupt in Angriff zu nehmen», wie Bischof Kurt Koch in der SKZ 17/1999 vom 29. April darlegt.
Aus betriebswirtschaftlicher Sicht wäre zwar eine bessere Trennung zwischen der strategischen und operativen Ebene erwünscht, um die überlangen Entscheidungsprozesse zu beschleunigen. Diesem Postulat steht aber die typisch helvetische Struktur von innerkirchlichem Bereich und staatskirchenrechtlichen Institutionen entgegen. «Die Organisation der Seelsorge muss sich an den jetzt gegebenen und in der nächsten Zukunft zu erwartenden Situation ausrichten» (Pastoraler Orientierungsrahmen Luzern, S. 35). Das Anliegen der Autoren aber ist berechtigt. Strategische Entscheide sind Aufgabe der Kirchenleitung.
Zum zweiten Stichwort des Untertitels ­ Kundenmarketing ­ kann aus Platzgründen nicht näher eingegangen werden. Die Leser/Leserinnen werden auf die in der Auswahlbibliographie erwähnte, von S. W. Hillebrecht herausgegebene Publikation über Kirchliches Marketing sowie auf die anschliessend angezeigte Arbeit von Werner Ebling verwiesen.<3>

Seelsorge und Marketing

Werner Ebling ist seit 1982 Pfarrer am Universitätsspital Zürich (USZ). Vom Kirchenrat wurde er mit der Überprüfung der inhaltlichen und strukturellen Bedingungen der Spitalseelsorge im Kanton Zürich beauftragt. Das Thema dieser Arbeit wählte er für seine Diplomarbeit im Rahmen der Management Weiterbildung an der Universität Zürich.
Die Motivation Eblings, sich mit Managementfragen zu befassen, komme nicht zuletzt aus der Theologie selbst. Für ihn sind Begriffe wie Rentabilität, Leistung, Qualität usw. keine Tabus, weil die Theologie die Auseinandersetzung mit der «Welt» braucht oder in der Formulierung des Pastoralen Orientierungsrahmens Luzern: «Das Geschick der Kirche lässt sich vom Geschick der Welt nicht trennen» (S. 10). Nonprofit-Organisationen (NPO) müssen sich ebenso wie die Privatwirtschaft der Zukunft stellen, wollen sie überleben. Der Autor sieht in einem Marketingkonzept die Antwort auf diese Herausforderung.
Zunächst zeichnet Ebling die Entwicklungslinien der Spitalseelsorge sowie deren Organisation nach. In der anschliessenden Analyse nehmen unter den Stakeholdern der Spitalseelsorge (das sind Interessen- bzw. Anspruchsgruppen wie etwa Klienten, Mitarbeiter/Mitarbeiterinnen, Geldgeber, Konkurrenz) die «Kunden» eine zentrale Stellung ein, da die Dienstleistung primär ihnen gilt. Dabei wird aus marketingstrategischer Sicht unterschieden zwischen dem produkt- und dem kundenorientierten Ansatz. Im ersten Fall muss der Kunde vom Produkt überzeugt werden, im andern Fall wird der Markt daraufhin untersucht, ob das Angebot dem Bedürfnis des Kunden entspricht. Der Autor vermutet, dass die zweite Variante für NPO eher atypisch ist. Sie würde nämlich voraussetzen, dass die Menschen mit ihren Bedürfnissen ernst genommen werden, was für die Seelsorge keineswegs selbstverständlich ist und die Anpassung einer ganzen Organisation zur Folge hätte.
Eine schriftliche Umfrage, ergänzt durch Interviews, hat nun allerdings ergeben, dass die Kundenorientierung im USZ bei weitem überwiegt. «Bibellesung, Gebet und Glaubensfragen» weisen rund 10 Punkte auf, gegenüber rund 160 Punkten «Zeit haben und offen sein für die Situation» (Abb. 6). Aus dem Umfrageergebnis leitet der Autor einen weiteren bedeutsamen Befund ab: Je komprimierter Medizin und Pflege werden, desto stärker wird das Bedürfnis nach zweckfreier Begegnung als Mensch (nicht bloss als Patient).
Das Ergebnis der Stakeholder-Analyse wird anschliessend in einem Chancen-Risikodiagramm und einem Stärken-Schwächendiagramm dargestellt und daraus ein Situationsprofil der Spitalseelsorge abgeleitet. Ihre Stärke liegt in einer hohen Kundenzufriedenheit aufgrund einer offenen und situativen Annäherung an den individuellen Menschen. Damit lässt sich die Spitalseelsorge richtig positionieren, was ­ wie der Autor mit Recht betont ­ von erstrangiger Bedeutung ist. Dabei geht es darum, die Kernkompetenzen zu bestimmen und die vorhandenen Ressourcen darauf zu konzentrieren. Heilung lässt sich nicht auf hoch entwickelte Technologien und Therapien reduzieren, sondern ist auch mit der «Aufmerksamkeit für das Bedürfnis eines Menschen in seiner individuellen und unverwechselbaren Lebenssituation» zu verbinden (S. 35).
Mit dieser Fallstudie gelingt es Werner Ebling, Verständnis zu wecken für eine marketingmässige Ausrichtung der Seelsorge im Sinne der Kundenorientierung. Wenn Marketing eine neue Denkhaltung in die Seelsorgepraxis bringen soll, dann dürfte die mit dieser Arbeit gelegte Saat nicht ohne Frucht bleiben.

Führungspraxis

Die Managementdiskussion innerhalb der Kirche Deutschlands findet ihren Niederschlag bereits in zahlreichen Publikationen. Die Stärke der hier vorgestellten Schrift beruht auf ihrem Praxisbezug.<4> F. und P. Höher sind Diplompädagogen und als Managementtrainer tätig.
Im einleitenden Kapitel werden neue Herausforderungen an die Führung in der Kirche erörtert: das Rollenverständnis kirchlicher Führungskräfte, Frau und Führung, Anforderungen an die Führung ehrenamtlicher Mitarbeiter/Mitarbeiterinnen. Nicht leicht nachzuvollziehen ist die Kontroverse um die Begriffe Management ­ Leadership ­ Führung ­ Leitung, zumal die Autorin und der Autor anerkennen, «wie unscharf die begriffliche Unterscheidung ist». Auf Seite 19 werden «Führung (leadership) und Management gleichwertig nebeneinander» gestellt, und auf der folgenden Seite wird «die Differenz zwischen Führung und Management» auf eine bestimmte Formel gebracht.
Die anschliessenden Kapitel enthalten konkrete Hinweise und technische Anregungen, wie Führung umzusetzen sei. Thematisiert werden unter anderem die Personalführung, wobei das Mitarbeitergespräch zu Recht einen breiten Raum einnimmt, sowie Fragen rund um Gremien und Sitzungen.
Konfliktanalyse und Konfliktbewältigung beinhalten Probleme, zu deren Lösung F. und P. Höher von ihrer Ausbildung und ihrem beruflichen Engagement her in besonderer Weise befähigt sind. Die Gründe für die Konflikte im kirchlichen Kontext sind vielfältig und bedürfen einer genauen Analyse, um daraus ein wirksames Konfliktmanagement ableiten zu können.
Das Schlusskapitel ist dem Thema Leitbild gewidmet. Der Akzent liegt auf der Methode der Leitbildentwicklung als Element der Organisationsentwicklung.
Was in der Einleitung als Ziel dieses Buches formuliert wird, nämlich die in einem raschen Wandel begriffene Kirche zu einer lernenden Organisation zu unterstützen, wird weitgehend erreicht und dürfte sich für leitende Mitarbeiter/Mitarbeiterinnen im kirchlichen Dienst als wertvolle Handreichung erweisen.


Anmerkungen

1 Vgl. dazu in dieser Ausgabe den Frontbeitrag.

2 Bruno Dähler/Urban Fink, New Church Management Finanzmanagement und Kundenmarketing in der katholischen Kirche in der Schweiz, Verlag Paul Haupt, Bern 1999, 60 Seiten.

3 Werner Ebling, Seelsorge und Marketing am Beispiel der Reformierten Seelsorge im Universitätsspital Zürich, Verlag Paul Haupt, Bern 1998, 46 Seiten.

4 Friederike und Peter Höher, Handbuch Führungspraxis Kirche. Entwickeln, Führen, Moderieren in zukunftsorientierten Gemeinden, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1999, 206 Seiten.


Unbekannte Kirchen- und Frauengeschichte

von Sr. Zoe Maria Isenring

 

Bis vor kurzem sind Frauen in der Kirchengeschichte mehrheitlich unsichtbar geblieben. In den letzten Jahrzehnten wird vermehrt versucht, weibliche Lebenswelten und Beiträge zur Geschichte sichtbar zu machen. Die Geschichte des weiblichen Ordenslebens hat in der Geschichtsschreibung etwas mehr Beachtung gefunden. Dennoch ist im Verhältnis zum männlichen Ordensleben über diese Frauen wenig geschrieben worden, obwohl die Zahl der religiösen Frauen von Anfang des Ordenslebens an immer grösser war als die der Männer. Im alten Standardwerk von Max Heimbucher erscheinen die Frauengemeinschaften immer als Anhängsel der «Mannsklöster» ­ wie sich Heimbucher ausdrückt.<1>
Seit ein paar Jahren ist ein neues Interesse an der Erforschung von weiblichen religiösen Lebensformen erwacht. Besondere Aufmerksamkeit finden in der Geschichtsschreibung die Anfänge des weiblichen Ordenslebens.<2> Für die «Frauenfrage» und das weibliche Ordensleben in der katholischen Reformbewegung des 16./17. Jahrhunderts liegt heute eine umfassende Studie von Anne Conrad vor.<3> Diese behandelt die Entstehung zahlreicher Gemeinschaften von Frauen, die sich als Pendant zu den neuen männlichen Orden, allen voran den Jesuiten, verstanden. Anne Conrad geht der Motivation der Frauen nach, ihrem geistlichen Selbstverständnis und ihrem Engagement als Lehrerinnen und Seelsorgerinnen, aber auch ihrer Konfrontation mit vielfältiger Kritik und der Spannung zwischen emanzipatorischem Anspruch einerseits und dem in Kirche und Gesellschaft vorherrschenden Frauenbild andererseits. Sie macht deutlich, wieweit in der katholischen Kirche verwurzelte Frauen sich Freiräume schaffen und für ihre Ziele leben konnten.
Was diese Frauen der frühen Neuzeit unter grossen Anstrengungen anstrebten, wurde Frauen im 19. Jahrhundert zum grossen Teil möglich. Angegriffen durch Aufklärung, Französische Revolution und Liberalismus, sicherte sich das Ordensleben das Überleben durch eine starke Funktionalisierung. Es fand zu einer neuen, nie dagewesenen Blüte. Eine verwirrende Vielfalt von zahllosen Kongregationen, Priestergemeinschaften, Schwesterngemeinschaften entstand.<4> Die katholische Geschichtsschreibung thematisiert diese Entwicklung unter dem Schlagwort «Ordensfrühling». Bei genauerer Betrachtung lässt sich feststellen, dass es sich hierbei nicht um eine geschlechterunspezifische Entwicklung handelt, sondern um die Entstehung und rasche Ausbreitung neuer Frauenkongregationen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. Relinde Meiwes fasst das Typische dieser Gestalt von weiblichem Ordensleben mit den Worten zusammen: «Diese Form des religiösen Zusammenlebens erlaubte den Frauen, frei von den strengen klösterlichen Klausur- und Gelübdevorschriften eine Verbindung von religiöser Hinwendung und beruflichem Engagement im sozialen und erzieherischen Bereich zu finden.»<5>
Heute ist in vielen Ländern das Interesse am erstaunlichen Phänomen der Ausbreitung und des Wachstums der weiblichen Kongregationen gewachsen.<6> Im deutschen Sprachraum fehlen bis heute Studien, die ein grösseres Gebiet gesamthaft untersuchen. Darstellungen über einzelne Gemeinschaften bleiben notgedrungen auf sich selbst beschränkt und lassen wenig spüren von der grossen Kongregationenbewegung, an der einzelne Gemeinschaften teilhatten und von der her sie ihre übergeordnete Bedeutung für Kirche und Gesellschaft gewannen.<7> Es ist zu erhoffen, dass in der Schweiz die beiden Kongregationen-Bände der Helvetia Sacra das Interesse an der Erforschung dieser Gemeinschaften wecken wird.<8>

Diakonissen und Ordensschwestern

Einen kleinen Beitrag zur Aufarbeitung dieser Geschichte leistet ein engagiertes Buch, das der ehemalige Chefarzt am Kreuzspital Chur, Urs F.A. Heim, 1998 veröffentlicht hat unter dem Titel «Leben für andere. Die Krankenpflege der Diakonissen und Ordensschwestern in der Schweiz»<9>. Bereits der Titel zeigt, dass die ökumenische Perspektive dem Autor wichtig ist. Aus vielen Stellen des Buches geht hervor, dass in der Geschichte der Caritas die Unterschiede der Konfessionen eher nebensächlich sind, obwohl die Gründungen der Zeit entsprechend ein starkes konfessionelles Gepräge tragen.
Im ersten Kapitel entwirft der Autor einen Überblick über die Geschichte der Caritas. Dabei wird deutlich, dass die Sorge für die Kranken sehr bald mit dem Ordensleben verbunden wurde. Das Armutsgelübde hatte früh eine soziale Komponente und führte männliche und weibliche Gemeinschaften an die Seite der Armen und Kranken. Noch bevor es weibliche Gemeinschaften gab, deren Hauptziel es war, sich der Armen und Kranken anzunehmen, existierten männliche Pflegeorden: die Johanniter, Antoniter, Lazariter usw. (S. 24f.). Eigentliche Pflegeorden konnte es auf Frauenseite im Mittelalter und in der frühen Neuzeit nicht geben, da die kirchenrechtlichen Bestimmungen Chorgebet und strenge Klausur als Bedingungen für authentisches weibliches Ordensleben festlegten. Jedoch das Leben und die nach Behebung rufende Not waren stärker als rechtliche Bestimmungen. Frauen suchten nach flexibleren Formen religiösen Lebens, wie das in der Lebensform der Beginen (25ff.) und der Spitalschwestern von Beaune (29ff.) zum Ausdruck kommt. Eine intensive karitative Tätigkeit entwickelte der Dritte Orden des heiligen Franziskus. Dabei schlossen sich bereits im Spätmittelalter Frauen und Männer zu Gemeinschaften zusammen, aus denen der regulierte Dritte Orden entstand (27ff.). Auf das franziskanische Ideal berufen sich viele Gemeinschaften, die im 19. Jahrhundert entstanden.
Im zweiten Kapitel stellt Heim bekanntere und weniger bekannte Vorläufer- und Gründerpersönlichkeiten vor, deren Leben und Schaffen die christliche Krankenpflege in der Schweiz geprägt haben. Hier werden vor allem auch die Stifter und Gründergestalten grosser Institutionen und Gemeinschaften vorgestellt, die sich der Krankenpflege widmeten: zum Beispiel Anna Seiler, die Stifterin und Organisatorin eines Spitals in Bern im 14. Jahrhundert, Vinzenz von Paul, der Gründer der Vinzentinerinnen (Warum der für das Kongregationenmodell auf Seiten der Caritas bedeutenden Mitbegründerin Louise de Marillac keine eigene Darstellung gewidmet wird, erstaunt, während andere Gestalten vorgestellt werden, die in der Geschichte der Caritas keine grosse Rolle spielten: Klara von Assisi, Angela von Merici, Maria Ward), Louis Germond, der Gründer des ersten Diakonissenhauses in der Schweiz (Echallens-Saint-Loup), Theodosius Florentini, Gründer der Kongregationen von Menzingen und Ingenbohl, Sophie Wurstemberger, die Gründerin des Diakonissenhauses in Bern, Florence Nightingale, Gründerin der ersten Krankenpflegeschule in England, und andere mehr.
Das dritte Kapitel stellt dann Institutionen in der Schweiz vor, die im 19. und 20. Jahrhundert entstanden sind. Es handelt sich um eine Folge kurzer Chroniken, die den Ursprüngen, den wichtigsten Ereignissen und Werken und dem Spezifischen jeder Gründung nachgehen. Dabei wird zwischen religiösen Instituten mit überregionaler Ausbreitung (die grossen Institute Baldegg, Menzingen und Ingenbohl, die Diakonissenhäuser von Bern und Riehen) und solchen mit regionaler Ausbreitung (z.B. die Spitalschwesterngemeinschaften an verschiedenen Orten, Heiligkreuz Cham, St. Joseph Ilanz) unterschieden.

Lebensform und Arbeit

Das vierte Kapitel ist verschiedenen Elementen der Lebensform der Diakonissen und Kongregationsschwestern gewidmet. Alle Gründungen stehen im Dienst der Verkündigung des Evangeliums durch die Caritas. Sie sind zentral organisiert. Die Mitte macht das Mutterhaus aus, das geistliches und organisatorisches Zentrum ist. Soziologisch betrachtet haben alle Gemeinschaften ­ mit Ausnahme der ortsgebundenen Gemeinschaften der Spitalschwestern ­ das Dienst-Modell der Jesuiten (communitas in dispersione) als Grundprinzip, das heisst es handelt sich um «Gemeinschaften für die Sendung», wobei von den einzelnen Schwestern eine grosse Verfügbarkeit gefordert ist (203f.). Der Autor greift auch die Frage der Beziehungen zu den freien Schwestern auf. Ihre Zusammenarbeit entstand spät und war nicht überall problemlos. Leitende Stellungen bekamen die freien Schwestern zum Beispiel erst, als die Ordensgemeinschaften diese Posten nicht mehr mit eigenen Kräften besetzen konnten. «In den Diakonissenhäusern wurde eine positive Beziehung zu den freien Schwestern früher gefunden», stellt Heim fest (212).
Eine geordnete Krankenpflege benötigt neben empirischer Praxis und Erfahrung auch theoretische Schriften für die Ausbildung. Der Frage der Lehrmittel für die Krankenpflege geht das fünfte Kapitel des Buches nach. Die Lehrmittel stammten zunächst von erfahrenen Ärzten, dann von Spiritualen der Gemeinschaften unter Mitarbeit von Ärzten und Pflegerinnen. Im Archiv des Instituts Ingenbohl findet sich ein Exemplar eines Büchleins, das mehrere Generationen Barmherzige Schwestern als Lehrmittel und Repetitorium verwendeten. Ein Autor ist nicht angegeben. Es muss vor 1858 im Kreuzspital in Chur (die Gründung des Kreuzspitals fand 1850 statt) entstanden sein (241). Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang Florence Nightingale, die als erste Frau allein Schriften zur Krankenpflege verfasst hat. Ihre wohl bekanntesten sind die «Notes on Nursing» von 1859 (247). Obwohl nicht als Lehrmittel gemeint, vermitteln diese Notes so viele praktische und detaillierte Beobachtungen und Ratschläge, welche weit über den Inhalt früherer Schriften hinausgehen. Im Unterschied zu den eine Generation früher entstandenen ärztlichen Schriften fällt auf, dass die Pflege nun an die Frau übergegangen ist.
Dass Krankenpflege nun Sache der Frau wurde, ist auch daran ersichtlich, dass es in der Schweiz nur eine einzige Kranke pflegende Brüdergemeinschaft gibt, nämlich die Barmherzigen Brüder von Maria-Hilf in Oberwil, Luzern und St. Gallen (272f.). Bereits P. Theodosius Florentini versuchte die Gründung einer Bruderschaft im Domleschg, jedoch ohne Erfolg (212).
Das sechste Kapitel geht den Gründungen des 20. Jahrhunderts und der Entwicklung der Krankenpflege und Medizin nach 1900 nach. In diese Zeit fällt etwa die Gründung der St. Anna Schwestern Luzern (1909) und der Liebfrauenschwestern Zug (1926). Das letzte Kapitel greift die konfessionelle Krankenpflege nach 1945 auf, die tiefgreifenden Wandlungen in diesen Gemeinschaften und die Suche nach neuen Alternativen. Der Rückzug aus vielen Bereichen und die Ablösung durch freies Personal wird als schmerzlich, aber als «Zeichen der Zeit» empfunden. Überall ist man sich einig, «dass neue karitative Unternehmungen den sozialen Notlagen unserer Gegenwart zu gelten haben und dass man unbedenklich die alten Pfade verlassen darf» (289).
Das Buch ist von Hochschätzung gegenüber einer Gruppe von Menschen, vor allem Frauen, getragen, deren stilles, meist pionierhaftes Wirken es verdient, öffentlich gemacht zu werden.

 

Sr. Zoe Maria Isenring ist Lehrbeauftragte für Kirchengeschichte am Seminar des Dritten Bildungsweges an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern.


Anmerkungen

1 Max Heimbucher, Die Orden und Kongregationen der katholischen Kirche, 2 Bde., Paderborn 41980.

2 Vgl. Ruth Albrecht, Das Leben der heiligen Makrina auf dem Hintergrund der Thekla-Traditionen. Studien zu den Ursprüngen des weiblichen Mönchtums im 4. Jahrhundert in Kleinasien, Göttingen 1986. Christa Krumeich, Hieronymus und die christlichen feminae clarissimae, Bonn 1993.

3 Zwischen Kloster und Welt. Ursulinen und Jesuitinnen in der katholischen Reformbewegung des 16./17. Jahrhunderts, Mainz 1991.

4 Vgl. Klaus Schatz, Geschichte des Ordenslebens. Vorlesung von WS 93/94, 202.

5 Relinde Meiwes, Religiosität und Arbeit als Lebensform für katholische Frauen. Kongregationen im 19. Jahrhundert, in: Irmtraud Götz Olenhusen u.a., Frauen unter dem Patriarchat der Kirchen. Katholikinnen und Protestantinnen im 19. und 20. Jahrhundert, Stuttgart, Berlin, Köln 1995, 69.

6 Vgl. Patrick Braun, Die religiösen Kongregationen im 19. und 20. Jahrhundert, in: Helvetia Sacra VIII, 2, Basel 1998, 22ff.

7 Vgl. Barbara Degler-Spengler, «Katholizismus auf weiblich», in: Rottenburger Jahrbuch der Kirchengeschichte 6 (1987) 239.

8 1994 erschien als Abteilung VIII der erste Band über die Kongregationen in der Schweiz im 16.­18. Jahrhundert. Der zweite Band skizziert das Erscheinungsbild und die Bedeutung der Kongregationen im 19. und 20. Jahrhundert und ist 1998 erschienen.

9 Urs F. A. Heim, Leben für andere. Die Krankenpflege der Diakonissen und Ordensschwestern in der Schweiz, Schwabe Verlag, Basel 1998.


Ein neues «Neues Testament»?

Klaus Berger, Christiane Nord, Das Neue Testament und frühchristliche Schriften, Insel Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig 1999, 1373 Seiten.

Unter dem Titel «Das Neue Testament und frühchristliche Schriften» haben der Neutestamentler Klaus Berger und die Übersetzungswissenschaftlerin Christiane Nord 1999 ein Buch veröffentlicht, das trotz seiner diskreten Aufmachung erheblichen Zündstoff enthält. Entsprechend rasch war die erste Auflage vergriffen. Vergleicht man das Buch mit üblichen Ausgaben des Neuen Testaments, fällt sofort auf, dass sich die beiden Herausgeber mehrere ehrgeizige Ziele gesetzt haben.

1. Statt die üblichen 27 neutestamentlichen Schriften herauszugeben, publizieren sie sämtliche frühchristlichen Schriften, die nach ihrer Auffassung vor dem Jahr 200 entstanden sind und «die ­ wenn es die Kirche seinerzeit gewollt hätte ­ ebenfalls in den Kanon hätten aufgenommen werden können» (11). Insgesamt enthält das Buch 84 Evangelien, Briefe, Fragmente, Offenbarungen usw. Es geht ihnen darum, Einblick zu geben in die urchristliche Theologiegeschichte, die als eine Art «Explosionsgeschehen» (15) bezeichnet wird.

2. Statt die übliche Reihenfolge der Schriften beizubehalten, werden sie in der Abfolge abgedruckt, in der sie nach dem Urteil von Klaus Berger entstanden sind. Alle «kanonischen Schriften» werden dabei in die Zeit zwischen 50 und 80 datiert. Und ebenfalls dieser Zeit werden etliche Texte zugeordnet, die normalerweise als «nachneutestamentlich» gelten.

3. Alle Texte sind mit einer Einleitung versehen und werden in einer profilierten Neu-Übersetzung vorgestellt. Dabei wird ein «Männer wie Frauen berücksichtigender Sprachgebrauch» (31) ebenso angestrebt wie eine Sprache, die modernen Menschen verständlich ist und zugleich die Fremdheit der Bibel respektiert. So heisst es einerseits «Vorausgesetzt ist dabei, dass die Bibel etwas Fremdes ist und dass sie uns gerade deshalb etwas zu sagen hat» (24). Und anderseits: «Wer neu übersetzt, kann die Menschen dazu bringen, neu zuzuhören und nachzudenken» (32).

Kritische Beurteilung

Die Sprengung der Grenzen des Kanons aus historischen Gründen ist berechtigt. Die moderne Bibelwissenschaft ist sich (fast) einig, dass es christliche Schriften gibt, die nicht im Neuen Testament stehen und zugleich älter sind als solche, die darin aufgenommen wurden. Zudem macht die Sammlung deutlich: Die Gemeinden oder kirchlichen Autoritäten, die bestimmte Schriften «kanonisierten», das heisst als «verbindlich» bezeichneten, haben eine Auswahl getroffen. Diese Auswahl war nicht «neutral», sondern mit bestimmten Anliegen verbunden. So vermuten feministische Forscherinnen, dass manche frauenfreundliche Schrift unterdrückt wurde, weil sie den Interessen einer männerzentrierten Kirche zuwiderlief. Den Reichtum des verfügbaren Materials und damit zugleich den Auswahl-Charakter des Kanons sichtbar zu machen, ist eine Stärke des Buches.
Was die Datierung der Texte betrifft, so weicht die Anordnung der neutestamentlichen Schriften in etlichen Punkten von der Mehrheitsmeinung der Forschung ab. Gelten das Johannesevangelium und die -briefe meist als späte Schriften, werden sie hier sehr früh datiert. Und während meist davon ausgegangen wird, dass die jüngsten Schriften (1/2 Tim, Tit, 2 Petr) zwischen 100 und 120 verfasst wurden, ordnet K. Berger sie viel früher ein. Diese Entscheidungen sind eigenwillig. Die ebenfalls frühe Datierung mancher nicht in das NT aufgenommener Evangelien entspricht einem Trend, der zum Beispiel auch in der amerikanischen Jesusforschung zu beobachten ist. Meines Erachtens spricht nach wie vor viel für die herkömmlichen, späteren Datierungen ­ aber die Diskussion muss neu aufgerollt werden.
Die Neu-Übersetzung des umfangreichen Textmaterials verdient Respekt, ebenso der Mut, die Frische und die Originalität, mit der ans Werk gegangen wird. Leseproben geben den Eindruck eines griffigen, im guten Sinn «anstössi-gen» und gut lesbaren Textes. Erfreulich ist, dass die Einleitung festhält, dass es keine «neutrale» Übersetzung gibt. Und das Postulat einer frauengerechten Sprache wird mindestens insofern einge-löst, als in den Briefen «Brüder und Schwestern» angesprochen und in den Evangelien an etlichen Stellen von «Jüngern und Jüngerinnen» die Rede ist.
Als einzige Ausgabe des Neuen Testaments (und erst recht der Bibel!) ist das Buch von Klaus Berger und Christiane Nord weder gedacht noch geeignet. Wer aber neue Einblicke gewinnen möchte in die Welt frühchristlicher Schriften und Anstösse sucht, traditionelle Vorstellungen vom Text und Sinn des Neuen Testaments und von der Geschichte des Urchristentums zu überprüfen, wird das Buch mit Gewinn zur Hand nehmen.

Daniel Kosch


Religion und Religionsersatz

Hermann Kochanek, Ich habe meine eigene Religion. Sinnsuche jenseits der Kirchen. Mit Beiträgen von Justinus Maria Calleen, Michael N. Ebertz, Dieter Funke, Hermann Kochanek, Diethmar Mieth, Thomas Ruster, Arno Schilson, Meinrad Walter, Benziger Verlag, Zürich und Düsseldorf 1999, 253 Seiten.

Das Phänomen der Kirchenaustritte ist sattsam bekannt und bleibt bestehen, wenn auch die Zahl der Kirchenemigranten rückläufig erscheint ­ die Entschlosseneren haben den Schritt schon früher vollzogen. Dabei kann man aber feststellen, dass am Rande der offiziellen Konfessionen sich neuartige Religionen entwickeln und üppig expandieren. «Viele schustern sich ihr Bild von Gott selbst zusammen, ohne Papst und ohne Pastor... hier findet weniger eine Entfernung vom Glauben als von den Kirchen statt, in denen viel Entfremdung erfahren wird.» Der prophezeite Untergang der Religion ist nicht erfolgt. Vielmehr liegen im Satz: «Der Mensch ist unheilbar religiös» einige Körnchen Wahrheit.
Wir haben gegenwärtig in unserer Gesellschaft eine Fülle von Ersatzreligionen. In diesem Band geht es um eine vorurteilslose Begegnung mit alternativen Religionen und Religionssurrogaten der modernen Erlebnisgesellschaft.
Die Beiträge dieses Sammelbandes stammen zum grössten Teil aus einem Symposion, das die Steyler Missionare von St. Augustin in Bonn in ihrem Arnold-Janssen-Bildungshaus veranstaltet haben. Die Fülle heutiger religiöser Neugruppierungen ist unübersehbar gross. Einer speziellen Behandlung in dieser Veranstaltung wurden die «Religionen» gewürdigt, die gesellschaftlich stärker hervortreten und deren Erscheinungsbild von einiger Bedeutung sind. Zu erwähnen sind besonders der Beitrag des Bonner Pastoraltheologen Dieter Funke. Er setzt sich mit Psychoanlayse und Psychotherapie als Alternativreligion auseinander. Hermann Kochanek, Pastoralprofessor an der Hochschule von St. Augustin, sieht im Phänomen der Randreligiosität ein Phänomen der modernen Erlebnisgesellschaft. Andere Problemstellungen sind: Sport als Religion? Kunst als Religion? Musik als Religion? Geld als Religion? usw. Das Buch kann besorgten und mit diesen Fragen überforderten Seelsorgern viele Einsichten bieten.

Leo Ettlin


Eucharistieverehrung

Werner Gross (Hrsg.), Wir beten an. Fronleichnam ­ Verehrung der Eucharistie, Schwabenverlag, Ostfildern 2000, 246 Seiten.

Der vorliegende Band will zur Vertiefung einer zeitgemässen Eucharistiefrömmigkeit etwas beitragen. Er lenkt zuerst den Blick auf den eucharistischen Höhepunkt des Kirchenjahres, auf Fronleichnam. Der Herausgeber Werner Gross, Domkapitular für Liturgie, Kirchenmusik, kirchliches Bauwesen und Kunstfragen der Diözese Rottenburg-Stuttgart, hat auch den Tag der Ewigen Anbetung in den Pfarreien und in den Ordensgemeinschaften im Blickfeld. Der Band gibt auch Anregungen für Gebetsgruppen und gibt ihren Gebetszeiten Richtung und Vertiefung. Der Band enthält Beiträge von etwa 20 Autoren und Autorinnen.

Leo Ettlin


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2000