20/2000 | |
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Weithin gelten Festschriften als das überflüssigste Genre des Buchmarktes. Ausser dem Gefeierten würden sie niemandem einen Nutzen bringen. Dieses harte Urteil trifft auf die Festschrift für Bischof Kurt Koch<1> nicht zu, so dass ich in meiner Rezension für die Pfarrblätter guten Gewissens schreiben konnte: «Durch die reiche Vielfalt der Themen und Autoren/Autorinnen wird das Buch zu einer aufschlussreichen Zeitansage, indem es Stimmungen und Denkweisen, die in Kirche und Gesellschaft vorhanden sind, dokumentiert.»
Im Folgenden möchte ich diese Behauptung ganz kurz durch einige
Beispiele illustrieren.<2> Als Erstes
zeigen einige Beiträge, wie sehr wir in einer Zeit des Übergangs
leben. Ganz unterschiedliche sich bestenfalls, aber längst nicht
immer ergänzende Ansichten stehen nebeneinander. Der eine Leser
wird die eine These, eine zweite Leserin die andere nur schwer nachvollziehen
können. So wird eine Leserin wohl kaum in Begeisterungsstürme
ausbrechen, wenn aufgrund der patristischen Tradition «der väterliche
Charakter des bischöflichen Dienstes» beschrieben wird. Umgekehrt
erscheint es andern allzu profan, wenn im Zuge des «New Church Managements»
der Bischof als «oberster Manager des Bistums» erscheint.
Ein anderes Beispiel: Der Offizial des Bistums Basel zitiert im Zusammenhang
mit dem Priestermangel die Auffassung, die Option für den (Pflicht-)Zölibat
sei eine «Magna Charta für den Weg der Kirche» in die Zukunft.
Welten stehen zwischen seinem Beitrag mit unzähligen CIC-Zitaten und
der lebensnahen Erzählung einer Gemeindeleiterin, die es nach dem Kirchenrecht
in zweifacher Weise (Laie! Frau!) nicht geben dürfte.
Eine zweite Zeitansage: Die Kirche profitiert davon, wenn sie ihren Blick
über die Landesgrenzen hinaus lenkt. Etwas vom Anregendsten im ganzen
Buch ist der Beitrag eines Bischofs aus der ehemaligen DDR, der eine Situation
der Säkularisierung beschreibt, wie sie bei uns anfanghaft besteht
und wohl von den meisten Kirchenleuten zu wenig bewusst wahrgenommen wird.
Anregend auch ein afrikanischer Theologe, der dafür plädiert,
dem Gemeinschaftskonzept stärker Rechnung zu tragen. In diesem Zusammenhang
muss ein bedauernswertes Defizit der Festschrift erwähnt werden. Der
genannte Beitrag ist praktisch der einzige in seiner Art. So fehlt vor allem
auch ein Blick nach Lateinamerika, wo bekanntlich etwa die Hälfte der
katholischen Gläubigen leben.
Ein Drittes: In einer Zeit der schnellen Etikettierungen ist es heilsam
überraschend, wenn Autoren Dinge schreiben, die man von ihnen nicht
erwartet hätte. So plädiert der Direktor des Bundesamtes für
Flüchtlinge keineswegs dafür, dass die Kirche sich bitte schön
stille verhält gegenüber den weithin von Staatsräson diktierten
Asyl-Entscheiden der Behörden. Man lese und staune: «Bekanntlich
schöpft der Rechtsstaat aus Kritik und Widerstand Kraft zur Erneuerung
und Reflexion. Um ein staatliches Handeln, das ethischen Grundsätzen
verpflichtet ist, zu gewährleisten, ist er zwingend auf die Unterstützung
jener, die Kritik äussern oder Widerstand leisten, angewiesen...»
Wohl ins gleiche Kapitel der Etikettierungen gehört der folgende Befund:
Ein hoher Vertreter der Hierarchie (Erzbischof/Päpstlicher Nuntius)
singt das Hohe Lied einer synodal verfassten Kirche. Auf der andern Seite
schlägt einer der jüngsten Autoren, ein Laie, fast inquisitorische
Töne an, indem er schreibt: «Wenn Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen
nicht mit dem grundsätzlichen theologischen Kurs des Bischofs einverstanden
sind, ist die Einheit der Diözese gefährdet. Diese Menschen müssen
sich kritisch hinterfragen lassen und sie sollten gegebenenfalls die Konsequenzen
für sich ziehen.»
Noch viele andere Zeitgeist-Hinweise anzubringen, ist für mich verlockend,
würde aber die Leserinnen und Leser bald langweilen. Im Übrigen
hat der Redaktor der Schweizerischen Kirchenzeitung in seinem Nachwort zur
Festschrift (S. 643651) vieles festgehalten, was in meine vorliegende
Fragestellung geht ohne damit zu langweilen!<3>
1 Roger Liggenstorfer, Brigitte Muth-Oelscher (Hrsg.), (K)Ein Koch-Buch. Anweisungen und Rezepte für eine Kirche der Zukunft. Festschrift zum 50. Geburtstag von Bischof Dr. Kurt Koch, Kanisius Verlag, Freiburg Schweiz 2000, 656 Seiten.
2 Nachdem mein Freund und journalistisches Vorbild Ludwig Kaufmann SJ mich gelehrt hat, dass Artikel mit vielen Namen mühsam zu lesen sind, verzichte ich zugunsten einer besseren Lesbarkeit darauf, die Namen von Autoren/Autorinnen zu nennen.
3 Rolf Weibel: Ein roter Faden als Synthese.
Eduard Gerber, Sekten, Kirchen und die Bibel im neuen Jahrtausend, Licorne-Verlag, Murten 1999, 248 Seiten.
Eduard Gerber, ein Mennonit (Alttäufer) aus dem Emmental, studierte
evangelisch-reformierte Theologie, trat in den Bernischen Kirchendienst
ein, war sein Leben lang Pfarrer und einer der ersten Theologen in der Schweiz,
der sich umfassend über religiöse Minderheiten orientierte und
darüber öffentlich informierte. 1974 erschien sein Buch «Sekten
und Kirchen im Urteil der Bibel»; dieses Buch erschien letztes Jahr
in einer überarbeiteten und erheblich erweiterten zweiten Auflage unter
einem neuen Titel.
Auch in dieser Neuauflage ist es nicht ein Lehrbuch der Konfessions- und
Sektenkunde, sondern ein spannendes Buch zur Sekten-, Konfessions-, Kirchen-
und Religionskunde. Eduard Gerber versteht es wie selten ein Theologe, zu
erzählen, und so erzählt er auch aus einem grossen Wissen heraus
die religiöse Landschaft der Schweiz. Zum einen Themen (Beispiele «christlicher»
Weltuntergangs-Hysterie, esoterischer Höllenfahrten, christlich-«sektiererischer»
Endzeiterwartungen), zum andern Glaubensgemeinschaften (näherhin vier
typische Sondergruppen [«Sekten»], drei besondere [umstrittene]
Gemeinschaften, siebzehn Freikirchen und sechs Landeskirchen samt
einem aufmerksamen Blick auf die jüdische Gemeinschaft).
Pfarrer Eduard Gerber versteht aber auch zu predigen und theologisch zu
urteilen; Massstab zur Beurteilung von Kirche und Sekte ist für ihn
«das Gesamtzeugnis der hebräischen wie der griechischen Bibel
und nicht einzelne Bibelstellen» (11). Diese theologische Kritik
und Selbstkritik will Pfarrer Eduard Gerber als «ein Dienst der Liebe
an allen Mühseligen und Beladenen» (241) geleistet wissen, aber
auch als ein Beitrag zu Verständigung und Frieden.
Auf diese thematische Breite des Buches weisen Schlagzeilen auf der Vorderseite
des Einbandes hin: «Kriminalberichte aus Christentum und Esoterik.
Evangelikale und Charismatiker. Absage an die Sektenjägerei. Jüdische
Gemeinden. Ökumene.» Solche Schlagzeilen wären nicht nötig
gewesen. Nötig gewesen wäre indes ein etwas sorgfältigeres
Lektorat. Einem guten Erzähler können nämlich Ungenauigkeiten
unterlaufen; in einem Buch sollten sie dann aber nicht stehen bleiben (so
heisst der «Verband evangelischer Freikirchen und Gemeinschaften»
schon seit längerem «Verband evangelischer Freikirchen und Gemeinden
in der Schweiz» [163]; so gehört zu den bedeutenden Bischofssitzen
des ersten Jahrtausends im Sinne der Pentarchie auch Alexandrien [223] usw.).
Thomas Köhler, Das christliche Rom. Ein Führer zu Kirchen und Katakomben der Ewigen Stadt, Verlag Herder, Freiburg i.Br. 1999, 150 Seiten; Peter Fobes, Rom und Assisi. Unterwegs in zwei Welten, Verlag Josef Knecht, Frankfurt am Main 2000, 240 Seiten.
Zwei handliche Publikationen stellen sich im Heiligen Jahr 2000 in den
Dienst aufmerksamer Rompilger, die das christliche Rom erleben möchten,
aber keine Kunstgelehrte und auch nicht spezialisierte Kirchenhistoriker
sind. Die Autoren kennen Rom aus Erfahrung und wissen um die Erwartungshaltung
von Pilgern, die Rom in wenigen Tagen «bewältigen» möchten.
Thomas Köhler ist Privatdozent für Psychologie und zugleich ein
passionierter Romkenner mit didaktischem Geschick. Dieser Cicerone kann
Wesentliches und Unwesentliches scheiden. Köhler bietet für seine
Romführung 14 Exkursionen an; man könnte sie auch Fixpunkte nennen,
von denen aus man wichtige Objekte erreichen kann. Aber es geht da nicht
um Perfektionismus. Auf jedem Rundgang, den er empfiehlt, gäbe es noch
andere Sehenswürdigkeiten. Thomas Köhler lässt sie, die physischen
Kräfte von Pilgern abwägend, grosszügig abseits und unerwähnt.
Der Autor setzt also bewusst Akzente. Bei speziellen Objekten lässt
er aber auch die Kirchengeschichte sprechen. Geschichte an Ort und Stelle
erwähnen und erleben lassen, scheint ihm wichtig.
Der Franziskaner Peter Fobes kombiniert in seinem Buch Rom mit Assisi. Das
ist auch ein beliebtes Arrangement für Pilger aus dem Norden. Nach
ermüdenden Romtagen ist der Abstecher nach Assisi eine Erholung. Und
so kommt das franziskanische Lob dem Pilgererlebnis entgegen. Peter Fobes
ist Gymnasiallehrer in Remagen (Kunstgeschichte und Mathematik). Für
Rom und Assisi ist er erfahrener Kenner, der diese Pilgerwege und Sehenswürdigkeiten
schon öfters vorgestellt hat. Er schreibt seinen gediegenen Führer
für Leute, die Rom und Assisi als Pilger aufsuchen. Für sie bietet
er Verstehenshilfen und Impulse und vor ihnen fühlt er sich als Dozent
für lernwillige Schüler, die ihre Reise wohl mit Begeisterung,
aber ohne Spezialkenntnisse angetreten haben.
Paul M. Zulehner, Hansjörg Aufdermauer, Josef Weismayer (Hrsg.), Zeichen des Lebens. Sakramente im Leben der Menschen, Schwabenverlag, Ostfildern 2000, 292 S.
Anlass dieses Sammelbandes ist eine Ringvorlesung im Sommersemester 1999
an der Katholisch-theologischen Fakultät der Universität Wien
unter dem Arbeitstitel «Die Sakramente der Kirche Rituale im
Leben der Menschen». Es geht um die Spannung zwischen Ritual und Sakrament.
Auf der einen Seite gibt es hohe Ähnlichkeiten: Sakramente sind rituelle
Handlungen, aber nicht jedes Ritual ist ein Sakrament. Personen, die im
Namen der Kirche für die Feier von Sakramenten verantwortlich sind,
müssen sich mit dieser Spannung auseinander setzen. Es ist ihre Aufgabe,
dafür zu sorgen, dass Sakramente als Sakramente des christlichen Glaubens
vollzogen werden. Immer mehr Leute suchen aber heute den Segen eines Rituals
und nicht mehr das christliche Sakrament: Hochzeit als gesellschaftliches
Ereignis; Firmung bloss mehr als Anlass für Geschenke!
Bemerkenswert für diese Ringvorlesung ist eine offene Thematik, die
auch andere theologische Sparten einbezieht: Bibelwissenschaften, Patrologie,
Dogmatik, spirituelle Theologie, Pastoraltheologie und Liturgiewissenschaft.
Lutherische Theologie-Professoren bereichern die Thematik, die auch interkonfessionelle
Fragen tangiert. Auch Judaistik und Völkerkunde sind berücksichtigt.
Als Gastreferent leistet der Basler Bischof Kurt Koch einen grundlegenden
und engagierten Beitrag zur Thematik «Amtszuständigkeit für
Sakramente und Pastoralassistenten/-assistentinnen». Es geht
um die grundlegende Frage: Gibt es eine sakramentale Vorsteherschaft ohne
sakramentale Ordination? Mit dieser Problematik ist Bischof Koch wie wohl
kein anderer konfrontiert. In diesem Aufsatz hat er die Problematik gründlich
und offen untersucht. Er konnte seine Thesen in Wien in einer entschärften
Situation vortragen. Seine Thesen sind aber auch für seine Diözese
grundlegend.
Das Buch ist aber posthum einem anderen Schweizer gewidmet: Professor Hansjörg
Aufdermauer. Der Pater der Missionsgesellschaft Bethlehem (Immensee) war
am Ende seiner akademischen Laufbahn (19851999) Professor für
Liturgiewissenschaft und Sakramententheologie in Wien. Zusammen mit seinen
Kollegen, dem Pastoraltheologen Paul M. Zulehner und dem Dogmatiker Josef
Weismayer, hatte er dieses Symposion konzipiert und noch an der Herausgabe
dieses Bandes gearbeitet. So steht am Beginn dieses Bandes der Text der
Homilie, die Professor Pater Georg Braulik vom Schottenstift in Wien am
2. August 1999 vor der Überführung des Heimgegangenen in die Schweiz
gehalten hat.
Jakob Torsy (Ý), Der grosse Namenstagskalender. 3720 Namen und 1596 Lebensbeschreibungen der Heiligen und Namenspatrone. Hrsg. von Hans-Joachim Kracht, Neuausgabe, Verlag Herder, Freiburg i.Br. 1997, 400 Seiten.
Das Buch erscheint in 14. Auflage. Das ist für einen Zeitraum von 20 Jahren (Erstausgabe 1976) ein beinahe sensationeller Erfolg. Für eine Pfarrbibliothek dürfte dieses Nachschlagewerk unentbehrlich sein, und der Seelsorger kann anhand dieses Kalendariums die Eltern bei der Namenswahl ihres Kindes beraten, sofern moderne Eltern sich noch beraten lassen. Der neue Band ist völlig revidiert. Die Scharen der neuen Seligen sind nachgetragen und registriert. Das sorgfältig erstellte alphabetische Namensregister enthält auch viele aus Heiligennamen abgeleitete Rufformen, die heute gebräuchlich sind und denen man die ursprüngliche Herkunft kaum mehr ansieht.